Das Elektrokardiogramm (EKG), auch bekannt als Elektrokardiografie, ist eine essenzielle medizinische Untersuchungsmethode, die zur Messung der elektrischen Aktivität des Herzens eingesetzt wird. Diese elektrische Aktivität, auch als Herzaktion bezeichnet, wird über an der Körperoberfläche angebrachte Elektroden abgeleitet und in Form von charakteristischen Kurven aufgezeichnet. Die Analyse dieser Kurven ermöglicht es Ärzten, die korrekte Funktion des Herzens zu beurteilen und potenzielle Störungen zu identifizieren.
Das EKG liefert wertvolle Informationen über den Herzrhythmus, die Herzfrequenz, die Bildung und Ausbreitung elektrischer Erregungen sowie deren Rückbildung im Herzmuskel. Es ist ein unverzichtbares diagnostisches Werkzeug, das sowohl in der Notfallmedizin als auch zur Abklärung verschiedenster kardialer Erkrankungen eingesetzt wird.
Grundlagen der Herzaktion: Erregungsbildung und -leitung
Das regelmäßige Schlagen des Herzens wird durch ein komplexes spezialisiertes Reizentstehungs- und Reizleitungssystem ermöglicht. Dieses System sorgt für die koordinierte Erregung und Kontraktion der Herzmuskulatur, um eine effiziente Blutversorgung des Körpers zu gewährleisten.
Der Sinusknoten: Der natürliche Herzschrittmacher
Der Herzschlag beginnt mit einem elektrischen Impuls, der im Sinusknoten entsteht. Dieser befindet sich im rechten Vorhof des Herzens und fungiert als natürlicher Schrittmacher des Herzens, indem er den Takt vorgibt. Der Sinusknoten besitzt die Fähigkeit zur spontanen Depolarisation, d.h. zur Erzeugung elektrischer Impulse ohne äußere Stimulation. Die intrinsische Frequenz dieser Depolarisation liegt bei etwa 70 Impulsen pro Minute.
Ausbreitung der Erregung im Herzen
Vom Sinusknoten breitet sich der elektrische Impuls über die Muskulatur der beiden Vorhöfe (atriale Erregungsausbreitung) aus, was zu deren Zusammenziehen und dem Pumpen von Blut in die Herzkammern führt. Anschließend erreicht der Impuls den Atrioventrikularknoten (AV-Knoten), der am Boden der Vorhöfe lokalisiert ist. Der AV-Knoten leitet den elektrischen Reiz von den Vorhöfen auf die Herzkammern weiter. Diese kontrahieren sich daraufhin und befördern das Blut in die großen Körpergefäße.
Während sich der Reiz in den Herzkammern ausbreitet, bildet sich die Erregung in den Vorhöfen bereits zurück, und ihre Muskulatur erschlafft, um sich erneut mit Blut zu füllen. Nach vollständiger Erregung der Herzkammern bildet sich auch hier der Reiz zurück, und der Herzzyklus beginnt von vorn.
Das Reizleitungssystem
Das Reizleitungssystem des Herzens besteht aus spezialisierten Herzmuskelzellen, die elektrische Impulse schnell und koordiniert weiterleiten. Dazu gehören:
- Internodalbündel: Drei Faserbündel, die die Erregung im Vorhof weiterleiten, darunter das Bachmann-Bündel, das die Erregung vom rechten zum linken Vorhof überträgt.
- Atrioventrikularknoten (AV-Knoten): Dient als "Brücke" zwischen Vorhöfen und Kammern und verlangsamt die Erregungsleitung kurzzeitig.
- His-Bündel: Setzt sich nach dem AV-Knoten fort und teilt sich in den linken und rechten Tawara-Schenkel.
- Tawara-Schenkel und Purkinje-Fasern: Bilden ein feines Netzwerk, das die Erregung schnell und synchron auf die gesamte Kammerwand verteilt.
Die elektrische Aktivität des Herzens erzeugt elektrische Ströme, die bis zur Hautoberfläche reichen und dort mit Elektroden abgeleitet werden können. Das EKG zeichnet diese Potentialunterschiede auf und stellt sie als charakteristische Kurven dar.

Das Elektrokardiogramm (EKG): Durchführung und Ableitungen
Das EKG ist eine nicht-invasive und schmerzfreie Untersuchung. Beim klassischen Ruhe-EKG liegt der Patient entspannt auf einer Liege. Nach der Reinigung der Haut und dem Auftragen eines leitenden Gels werden Elektroden an definierten Stellen am Körper angebracht.
EKG-Ableitungen: Verschiedene Blickwinkel auf das Herz
Um ein umfassendes Bild der elektrischen Aktivität des Herzens zu erhalten, werden verschiedene EKG-Ableitungen verwendet. Diese erfassen die Herzaktivität aus unterschiedlichen Blickwinkeln und Ebenen.
Extremitäten-Ableitungen
Bei den Extremitäten-Ableitungen werden Elektroden an den Armen und Beinen angebracht. Man unterscheidet hierbei:
- Bipolare Ableitungen nach Einthoven (I, II, III): Messen die Potentialdifferenz zwischen zwei Extremitäten.
- Unipolare Ableitungen nach Goldberger (aVR, aVL, aVF): Messen die Potentialdifferenz zwischen einer Extremität und einem zentralen Referenzpunkt.
Diese Ableitungen erfassen die elektrische Aktivität in der Frontalebene des Körpers.
Brustwand-Ableitungen
Die Brustwand-Ableitungen (V1-V6 nach Wilson) werden mit sechs Elektroden direkt auf der Brustwand platziert. Sie ermöglichen die Erfassung der elektrischen Aktivität in der Horizontalebene und liefern detaillierte Informationen über spezifische Bereiche der Herzkammern.
Das 12-Kanal-EKG: Der Standard
Das Standard-EKG, auch als 12-Kanal-EKG bezeichnet, kombiniert die Extremitäten- und Brustwand-Ableitungen. Dabei werden insgesamt 10 Elektroden verwendet (9 Messelektroden plus eine Erdungselektrode), um aus zwölf verschiedenen Blickwinkeln die elektrische Herzaktivität zu erfassen. Dies ermöglicht eine umfassende Beurteilung des Herzens.

Sonderformen des EKGs
Neben dem Ruhe-EKG gibt es weitere wichtige Formen:
- Belastungs-EKG: Die EKG-Ableitung erfolgt während körperlicher Anstrengung (z.B. auf einem Laufband oder Fahrradergometer), um herzbedingte Probleme aufzudecken, die nur unter Belastung auftreten.
- Langzeit-EKG (LZ-EKG): Die elektrische Herzaktivität wird über einen längeren Zeitraum, typischerweise 24 Stunden, kontinuierlich aufgezeichnet. Dies ist besonders nützlich zur Erfassung von intermittierenden Herzrhythmusstörungen.
Auswertung des EKGs: Was die Kurven verraten
Die EKG-Kurve ist ein komplexes Diagramm, das aus verschiedenen Zacken und Wellen besteht, die spezifischen Phasen des Herzzyklus zugeordnet werden können:
- P-Welle: Repräsentiert die Erregungsausbreitung in den Vorhöfen (atriale Depolarisation).
- PQ-Intervall (oder PR-Intervall): Die Zeit von Beginn der Vorhoferregung bis zum Beginn der Kammererregung, die die Überleitung über den AV-Knoten widerspiegelt.
- QRS-Komplex: Zeigt die schnelle Erregungsausbreitung in den Herzkammern (ventrikuläre Depolarisation).
- ST-Strecke: Repräsentiert die Phase, in der die Kammern vollständig erregt sind.
- T-Welle: Entspricht der Erregungsrückbildung in den Kammern (ventrikuläre Repolarisation).
- U-Welle: Eine kleine Welle, die manchmal nach der T-Welle auftritt und deren genaue Bedeutung noch diskutiert wird.

Die Analyse dieser Komponenten ermöglicht die Beurteilung folgender Parameter:
- Herzrhythmus: Regelmäßigkeit der Herzschläge.
- Herzfrequenz: Anzahl der Herzschläge pro Minute.
- Lagetyp: Die räumliche Orientierung des Herzens im Brustkorb.
- Morphologie: Die Form und Beschaffenheit der EKG-Ausschläge, die Hinweise auf strukturelle Veränderungen des Herzens geben kann.
- Zeiten: Dauer der einzelnen Phasen des Herzzyklus, die Aufschluss über Überleitungsstörungen geben.
Wann wird ein EKG durchgeführt?
Ein EKG wird bei einer Vielzahl von Symptomen und Fragestellungen eingesetzt:
- Verdacht auf Herzinfarkt oder Erkrankungen der Herzkranzgefäße (Koronararterien).
- Diagnose und Überwachung von Herzrhythmusstörungen wie Vorhofflimmern, Vorhofflattern oder Kammerflimmern.
- Abklärung von Entzündungen des Herzmuskels (Myokarditis) oder des Herzbeutels (Perikarditis).
- Überwachung bei Medikamenten-Überdosierung oder Vergiftungen.
- Feststellung von Mineralstoffungleichgewichten (z.B. Kaliummangel oder -überschuss).
- Erkennung von Verdickungen der Herzwand (Hypertrophie).
Aufgrund seiner Bedeutung ist ein mobiles EKG in jedem Rettungswagen vorhanden, um lebensrettende Diagnosen bei Notfällen zu ermöglichen. Oftmals wird ein EKG auch als Teil der Standarduntersuchung durchgeführt, um einen allgemeinen Eindruck von der Herzgesundheit zu gewinnen.
Risiken und Besonderheiten des EKGs
Das Ruhe-EKG und das Langzeit-EKG sind ungefährliche und nicht-invasive Verfahren. Es wird kein Strom durch den Körper geleitet; das EKG fungiert lediglich als "Beobachter" der körpereigenen elektrischen Aktivität.
Beim Belastungs-EKG können bei vorbestehenden Herzerkrankungen durch die körperliche Anstrengung vorübergehend Symptome wie Atemnot, Blässe, Schwindel, Blutdruckänderungen, Brustschmerzen oder sogar Rhythmusstörungen wie Kammerflimmern auftreten. Da die Untersuchung unter ständiger medizinischer Überwachung stattfindet, können solche Reaktionen sofort erkannt und die Untersuchung gegebenenfalls abgebrochen werden.
Nach dem EKG werden die Elektroden entfernt, und das Kontaktgel lässt sich leicht abwischen. Es sind keine besonderen Verhaltensregeln zu beachten; Patienten können ihren normalen Aktivitäten nachgehen.
Abnormales EKG: Was bedeutet das?
Veränderungen im EKG können vielfältige Ursachen haben. Manchmal handelt es sich um normale Variationen, die keine gesundheitliche Beeinträchtigung darstellen, wie sie beispielsweise durch Alter, Gewicht oder körperliche Aktivität beeinflusst werden können.
In anderen Fällen kann ein abnormales EKG jedoch auf einen medizinischen Notfall hinweisen. Zu den Erkrankungen, die sich im EKG manifestieren können, zählen neben den bereits genannten auch:
- Herzbeutelentzündung (Perikarditis)
- Herzmuskelentzündung (Myokarditis)
- Lungenembolie
- Störungen der Herzklappen
- Schilddrüsenfunktionsstörungen
- Bluthochdruck (arterielle Hypertonie)
- Kardiomyopathien (Herzmuskelerkrankungen)
- Psychogene Ursachen
Die genaue Interpretation eines EKG-Befundes erfordert Fachwissen und sollte stets durch einen Arzt erfolgen.
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