Induzierte Laktation und Stillen bei trans Frauen: Einblicke in eine wachsende Praxis

Die Möglichkeit, dass auch trans Mütter Milch bilden und ihre Babys stillen können, rückt zunehmend in den Fokus. Mithilfe von Hormontherapien können trans Frauen eine Schwangerschaft simulieren und so die Milchproduktion anregen. Dieser Prozess, bekannt als induzierte Laktation, ermöglicht es ihnen, eine tiefe Verbindung zu ihrem Kind aufzubauen und es auf eine Weise zu ernähren, die traditionell als weiblich gilt.

Infografik, die den Prozess der induzierten Laktation und die beteiligten Hormone schematisch darstellt.

Der Weg zur Milchbildung: Induzierte Laktation

Induzierte Laktation bezeichnet die gezielte Stimulation der Milchbildung ohne vorherige Schwangerschaft. Dies kann durch eine Kombination aus Hormontherapie und regelmäßiger Stimulation der Brustwarzen erreicht werden. Die Hormontherapie imitiert die hormonellen Veränderungen während einer Schwangerschaft, indem sie den Körper mit Östrogen und Progesteron versorgt. Diese Hormone bereiten die Brüste auf die Milchproduktion vor. Zusätzlich kann ein Medikament wie Domperidon eingesetzt werden, um die Milchbildung weiter anzuregen.

Dr. Jojanneke van Amesfoort, eine Pionierin in der Erforschung der induzierten Laktation bei trans Müttern, erklärt: „Jeder menschliche Körper hat theoretisch die Fähigkeit, Milch zu produzieren.“ Sie forschte am Amsterdamer Kompetenzzentrum für Geschlechtsdysphorie, nachdem sich 2020 eine trans Frau an die Einrichtung wandte, die ihr Baby mit eigener Milch stillen wollte. Zu dieser Zeit gab es nur wenige Erfahrungen und Fallstudien zu diesem Thema.

Der Prozess der induzierten Laktation erfordert Engagement und Ausdauer. Typischerweise beginnt die Hormonbehandlung einige Monate vor der Geburt des Kindes. Die Milchproduktion beginnt oft erst in den letzten Wochen der Schwangerschaft oder kurz nach der Geburt. Die Stimulation der Brustwarzen durch regelmäßiges Abpumpen oder Saugen ist entscheidend, um die Milchmenge zu erhöhen.

Schemazeichnung, die den Einsatz eines Brusternährungssets beim Stillen zeigt.

Erfahrungen und Herausforderungen

Maya, eine Software-Ingenieurin und trans Mutter, teilte ihre Erfahrungen: „Mit ihrer engen Freundin Nette hatte Maya 2016 entschieden, gemeinsam ein Kind zu bekommen. Auch Ina, Mayas damalige Partnerin, wollte sich an der Elternschaft zu beteiligen.“ Maya stellte sich zunächst darauf ein, ihr Kind Leo nur per Flasche ernähren zu können, da ihre Transition gerade erst begonnen hatte, als Leo zur Welt kam.

Die Beschaffung von Medikamenten wie Domperidon kann eine Herausforderung darstellen. Van Amesfoort empfiehlt eine ärztliche Begleitung bei der Einnahme milchstimulierender Medikamente. Liesel Burisch, eine Doula, die Regenbogenfamilien begleitet, berichtet, dass der Zugang zu notwendigen Ressourcen für die induzierte Laktation inzwischen einfacher geworden sei. Die Pandemie habe auch hier zum Positiven beigetragen, indem sie Online-Beratungen und Verschreibungen über Bundesländergrenzen hinweg ermöglicht habe.

Die induzierte Laktation ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Burisch betont: „Stillen ist für Induzierende und Gebärende extrem viel Arbeit.“ Gründe für vorzeitige Abbrüche können Einsamkeit, Überforderung und Stress nach der Geburt sein. Sie hebt hervor, dass in queeren Familien oft eine gleichmäßigere Verteilung der Sorgearbeit stattfindet, da das Stillen häufiger für mehrere Partner infrage kommt.

Maya und ihre Partnerinnen entschieden bewusst, die Sorgearbeit gleichmäßig zu verteilen. Nette pumpte Milch ab, sodass Leo auch bei Maya und Ina gestillt werden konnte. Sie nutzten ein Brusternährungsset, um das Stillen zu ermöglichen, da Maya noch am Anfang ihrer Transition stand und keine ausgeprägten Brüste hatte. Dieses Set, bestehend aus einem Beutel mit Milch und einem dünnen Schlauch zur Brustwarze, ermöglichte dem Baby, sich zu beruhigen und körperliche Nähe zu spüren, ähnlich wie beim direkten Stillen.

Induzierte Laktation: Ein universelles Potenzial

Das Prinzip der induzierten Laktation ist grundsätzlich dasselbe für cis und trans Frauen. Die Fähigkeit zur Milchproduktion ist theoretisch in jedem menschlichen Körper vorhanden.

Die wissenschaftliche Forschung zu induzierter Laktation bei trans Frauen ist noch relativ jung, aber die vorhandenen Studien belegen die grundsätzliche Möglichkeit. Umfangreicher ist das Erfahrungswissen aus queeren Communities. Ein wichtiger Erfahrungsbericht, der unter stillenden trans Frauen zirkuliert, wurde von der Mutter Lenore Goldfarb und dem Kinderarzt Jack Newman erarbeitet.

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Historische und kulturelle Perspektiven auf das Stillen

Die Praxis des Stillens, auch über die Mutter-Kind-Beziehung hinaus, hat eine lange Geschichte und vielfältige kulturelle Ausprägungen.

Erotische Laktation und Erwachsenen-Stillbeziehungen

Erotische Laktation bezeichnet das Stillen eines erwachsenen Partners, primär aus erotischen Gründen. Dies kann Teil einer Adult Nursing Relationship (ANR) sein, einer „Erwachsenen-Stillbeziehung“, die auf starker Intimität und Zärtlichkeit basiert und die Partner als gleichberechtigt betrachtet. Solche Beziehungen erfordern oft eine stabile Langzeitpartnerschaft, um den Milchfluss aufrechtzuerhalten, und können eine stark bindende Wirkung auf die Partnerschaft haben.

Studien deuten darauf hin, dass ein signifikanter Anteil von Männern die Milch ihrer Frauen probiert hat oder gerne trinken würde, oft aus einem emotionalen Bedürfnis heraus. Einige Frauen berichten, dass das Stillen sie weiblicher fühlen lässt und sinnliche Gefühle hervorruft. Auch das sogenannte „Melken“ der Frau durch den dominanten Partner kann Teil von BDSM-Praktiken sein.

Religiöse und mythologische Kontexte

Im Mittelalter tauchten Berichte von Visionen auf, in denen die Jungfrau Maria Heiligen die Brust zum Trinken reichte, bekannt als die Lactatio. Diese Darstellungen, wie die des Heiligen Bernhard von Clairvaux, sind in vielen Kunstwerken des Mittelalters und der Renaissance zu finden. Auch Legenden von Frauen, die in religiösem Kontext Milch gaben, existieren.

Im chinesischen Daoismus wurden Praktiken gelehrt, bei denen Männer Yin-Essenzen aus den Brüsten der Frau tranken, um ihre eigene Energie zu stärken und Langlebigkeit zu erlangen. Diese Praktiken waren oft Teil von Geheimlehren.

Gesellschaftliche und rechtliche Aspekte

In einigen westafrikanischen Ländern gab es Berichte, dass Ehemänner ihren Kindern die Brustmilch wegtrinken würden, was zu politischen Diskussionen führte. Im islamischen Rechtsverständnis kann Stillen ein Verwandtschaftsverhältnis begründen, was unter bestimmten Bedingungen auch für Erwachsene gelten kann.

Die Diskussion um genderneutrale Sprache hat auch Auswirkungen auf die Terminologie des Stillens. In Australien wird beispielsweise die Umbenennung von „Muttermilch“ in „Elternmilch“ oder „Menschliche Milch“ und von „breastfeeding“ in „chestfeeding“ diskutiert, um sprachliche Benachteiligungen für LSBTIQ+-Personen zu beseitigen.

Ein Buch von Carl Buttenstedt aus dem frühen 20. Jahrhundert, „Die Glücksehe“, beschrieb eine Verhütungsmethode, bei der der Mann täglich die Milch seiner Frau trinken sollte. Diese Idee fand Anklang bei Lesern, die mehr an Verhütung und am Stillgenuss interessiert waren.

Collage aus historischen Abbildungen von Still-Szenen, von religiösen Darstellungen bis zu mittelalterlichen Miniaturen.

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