Kortison und Stillen: Eine umfassende Betrachtung

Einführung in Kortison und seine Anwendung

Kortison, auch bekannt als Glukokortikosteroide (kurz: Glucocorticoide), ist eine Gruppe von Wirkstoffen, die entzündungshemmend, antiallergisch wirken und das körpereigene Immunsystem hemmen. Sie ähneln in ihrer Wirkung dem körpereigenen Stresshormon Cortisol, das in den Nebennieren gebildet wird. Es ist wichtig zu verstehen, dass Kortison eine Erkrankung nicht heilt, sondern lediglich die Symptome lindert. Aus diesem Grund wird es in der Regel nur vorübergehend eingesetzt, bis die akuten Symptome abklingen oder als Notfallmedikament.

Zu den am häufigsten verwendeten Glucocorticoiden zählen Prednison, Prednisolon und Methylprednisolon. Prednison ist ein nicht-fluoriertes Glucocorticoid, das in der Leber in seine biologisch aktive Form, Prednisolon, umgewandelt wird. Prednisolon beeinflusst dosisabhängig den Stoffwechsel fast aller Gewebe und besitzt nur eine geringe mineralocorticoide Wirkung. Es wird in der Plazenta durch das Enzym 11β-Hydroxysteroid-Dehydrogenase enzymatisch inaktiviert, sodass vergleichsweise wenig Wirksubstanz den Fetus erreicht (etwa 10-13%). Prednison ist in oralen und rektalen Zubereitungen erhältlich.

Glucocorticoide werden zur Behandlung einer breiten Palette von Indikationen eingesetzt, darunter:

  • Allergische und entzündliche Erkrankungen
  • Proliferative Erkrankungen
  • Autoimmunerkrankungen, insbesondere in Phasen gesteigerter Krankheitsaktivität
  • Zur Vermeidung von Transplantatabstoßungen (in Kombination mit anderen Immunsuppressiva)
  • Bei multipler Sklerose und Neurodermitis
Schema der Wirkungsweise von Glucocorticoiden im Körper

Anwendung von Kortison während der Schwangerschaft

Die Anwendung systemischer Glucocorticoide, insbesondere von Prednison und Prednisolon, während der Schwangerschaft ist seit langem etabliert. Trotz umfangreicher Studienlage ist eine abschließende Beurteilung des Risikos für Lippen-Kiefer-Gaumenspalten (LKG) nach Therapie im ersten Trimenon nach wie vor schwierig. Während einige Studien, darunter prospektive Kohortenstudien mit über 1000 und retrospektive Studien mit über 2500 systemisch exponierten Schwangerschaften, kein erhöhtes Risiko für Fehlbildungen feststellten, deuten ältere Tierversuche und einige Fall-Kontrollstudien beim Menschen sowie eine Metanalyse auf ein erhöhtes Risiko für LKG-Spalten hin.

In Abhängigkeit von Therapiedauer, Dosis und Indikation kann es nach systemischer Anwendung von Prednison zu vermehrter Frühgeburtlichkeit und geringerem Geburtsgewicht kommen. Diese Effekte sind jedoch oft schwierig von den Auswirkungen der zugrundeliegenden mütterlichen Erkrankung abzugrenzen. Studien zeigen, dass bei Rheumapatientinnen nach Langzeittherapie mit 10 mg/Tag Prednisolon-Äquivalentdosis oder mehr das Risiko für Frühgeburten signifikant steigt.

Die Frage, ob eine pränatale Glucocorticoid-Exposition zu vermehrten postnatalen Infektionen führt oder im Gegenteil solche reduziert (wie bei der Lungenreifeinduktion), ist Gegenstand der Diskussion. Bisherige Studien erlauben keine abschließende Beurteilung, inwieweit ein Gestationsdiabetes oder eine Präeklampsie durch eine systemische Glucocorticoid-Therapie in der Schwangerschaft gefördert werden. Neonatale Anpassungsstörungen wie Hypoglykämien oder Elektrolytverschiebungen können nach einer Glucocorticoid-Therapie in der Spätschwangerschaft auftreten.

Eine Behandlung mit Prednison darf nach individueller Risiko-Nutzen-Abwägung in allen Phasen der Schwangerschaft erfolgen. Bei selten erforderlicher hoher Prednison-Therapie über Wochen sollte das fetale Wachstum sonographisch kontrolliert werden.

Kortison und Stillen: Worauf ist zu achten?

Die Einnahme von Medikamenten während der Stillzeit wirft oft Fragen bezüglich der Sicherheit für das gestillte Kind auf. Generell gilt, dass fast jeder Wirkstoff in die Muttermilch übergeht, jedoch in unterschiedlichem Maße. Die Konzentration des Wirkstoffs in der Muttermilch hängt von der Arzneimittelkonzentration im mütterlichen Blut, der Molekülgröße, der Plasmaproteinbindung und der oralen Bioverfügbarkeit ab.

Für den gestillten Säugling ergibt sich selbst durch eine kurzdauernde Hochdosisbehandlung mit Kortison in der Regel kein Risiko. Dies liegt daran, dass über die Muttermilch nur ein Bruchteil einer üblicherweise gut verträglichen therapeutischen Kinderdosis aufgenommen wird. Pharmakokinetische Daten für Prednison zeigen beispielsweise eine Halbwertszeit von etwa 3,5 Stunden und eine Proteinbindung von 75% bis über 90%. Der M/P-Quotient (Milch/Plasma-Quotient) liegt zwischen 0,05 und 0,25.

Prednison, Prednisolon und Methylprednisolon gelten als Glucocorticoide der Wahl für eine systemische Behandlung während der Stillzeit. Auch hohe Dosen bis zu 1 g, die einmalig oder über wenige Tage verabreicht werden (z.B. bei einem Asthmaanfall oder multipler Sklerose), erfordern keine Einschränkung des Stillens. Bei wiederholter Gabe solch hoher Dosen wird jedoch empfohlen, wenn es sich einrichten lässt, etwa drei bis vier Stunden mit dem Stillen zu warten.

Grafik, die den geringen Übergang von Kortison in die Muttermilch bei typischen Dosierungen darstellt

Empfehlenswerte Kortison-Präparate und Anwendungshinweise

Zu den empfohlenen oralen oder parenteralen Kortikosteroiden der Wahl während der Stillzeit gehören Beclometason, Budesonid, Hydrocortison, Methylprednisolon und Prednisolon. Unabhängig davon, ob sie oral oder parenteral verabreicht werden, ist es ratsam, die Exposition von Säuglingen zu minimieren, indem die niedrigste wirksame Dosis für die kürzeste wirksame Dauer verwendet wird.

Glucocorticoide zur äußerlichen Anwendung, wie Salben oder Cremes, sind oft besser geeignet als andere Darreichungsformen (z.B. Tabletten), da sie vorwiegend lokal wirken und kaum ins Blut gelangen. Die Anwendung von Kortison-Creme gilt daher in der Regel als unbedenklich während der Stillzeit, da diese Präparate weniger systemische Nebenwirkungen verursachen.

Praktische Tipps für die Anwendung topischer Kortikoide in der Stillzeit:

  • Vorsichtsmaßnahmen treffen, um direkten Kontakt des Säuglings mit behandelten Bereichen zu vermeiden (z.B. gründliches Händewaschen nach Anwendung).
  • Wenn ein topisches Kortikosteroid auf die Brust selbst aufgetragen werden muss (insbesondere auf Brustwarzen und Warzenhof), ist ein Präparat mit milder oder mittlerer Wirkstärke vorzuziehen.
  • Cremes sind Salben vorzuziehen, da sie leichter zu entfernen sind.

Der beste Zeitpunkt zur Anwendung von Kortison-Präparaten ist direkt nach dem Stillen. Nach der Einnahme von systemischen Kortison-Präparaten sollte man etwa drei bis vier Stunden bis zur nächsten Stillmahlzeit warten.

Wann ist Vorsicht geboten?

Obwohl Kortison in der Stillzeit oft unbedenklich ist, gibt es Situationen, die eine besondere Abwägung erfordern:

  • Längere hochdosierte Therapie: Wenn eine längere hochdosierte Therapie unvermeidlich ist, sollte die Nebennierenfunktion des Säuglings überwacht werden.
  • Früh- oder kranke Säuglinge: Bei Früh- oder Neugeborenen, Frühgeborenen oder kranken Säuglingen ist besondere Vorsicht geboten, da ihr Stoffwechsel noch nicht vollständig entwickelt ist.
  • Mittlere bis hohe Dosen von Depotkortikosteroiden: Diese, die in die Gelenke injiziert werden, haben Berichten zufolge zu einer vorübergehenden Verringerung der Milchbildung geführt.

Bei individuellen Markenempfehlungen von Experten handelt es sich nicht um finanzierte Werbung, sondern ausschließlich um die jeweilige Empfehlung des Experten. Im Zweifel kann und sollte sich die behandelnde Ärztin jederzeit an das Berliner Pharmakovigilanz- und Beratungszentrum für Embryonaltoxikologie ("Embryotox") wenden.

Alternativen und weitere Überlegungen

Bevor Medikamente eingenommen werden, kann versucht werden, Symptome mit Hausmitteln in den Griff zu bekommen. Bei alltäglichen Erkrankungen wie Magen-Darm-Problemen, Erkältungsbeschwerden oder leichten Schmerzen sind Hausmittel oft eine gute Alternative.

Bei pflanzlichen Arzneimitteln sollte ebenfalls professioneller Rat eingeholt werden. Bei topischen oder inhalativen Verabreichungsformen von Kortison, die zu niedrigeren systemischen Konzentrationen führen, gibt es keine veröffentlichten Belege für Probleme während der Stillzeit. Viele dieser Präparate werden seit Jahren in der Stillzeit verwendet, ohne dass über Schwierigkeiten berichtet wurde.

Folgende Präparate bzw. Therapien erfordern jedoch eine Stillpause oder ein vollständiges Abstillen:

  • Zytostatika (bei Krebs oder Autoimmunerkrankungen)
  • Radionuklide
  • Opioide
  • Kombinationstherapien mit mehreren Psychopharmaka oder Antiepileptika
  • Medikamente, die Jod enthalten (z.B. jodhaltige Kontrastmittel, jodhaltige Desinfektionsmittel bei großflächiger Desinfektion)

Wenn Stillen und Medikamenteneinnahme nicht vereinbar sind, kann eine Stillpause eingelegt werden. Dabei ist es wichtig, die Milchproduktion durch regelmäßiges Abpumpen aufrechtzuerhalten. Die medikamentös belastete Milch wird verworfen.

Frauen, die stillen und Medikamente einnehmen, sollten ungewohntes Trinkverhalten, Mattigkeit oder Unruhe ihres Babys ernst nehmen und ärztlich abklären lassen.

Stillen – Vorbereitung & Tipps. Interview mit einer Ärztin & IBCLC Stillberaterin

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