Der Nil, mit einer Gesamtlänge von 6671 km der längste Strom der Welt, entspringt in den Bergen von Ruanda und Burundi und durchfließt Tansania, Uganda, den Südsudan und den Sudan, bevor er in Ägypten in das Mittelmeer mündet. Sein Einzugsgebiet erstreckt sich über 2,87 Millionen km² und umfasst elf Länder. Die besonderen Eigenheiten dieses Flusses ließen an seinen Ufern eine der frühesten Hochkulturen entstehen: das altägyptische Pharaonenreich.

Die Quellflüsse: Weißer und Blauer Nil
Der Nil wird hauptsächlich von zwei großen Quellflüssen gespeist: dem Weißen Nil und dem Blauen Nil. Der Weiße Nil, der linke Quellfluss, hat seinen Ursprung in Burundi, an den Hängen des rund 2.700 Meter hohen Berges Luvironza. Nach diesem Berg wird er in Burundi benannt. Als Luvironza verbindet er sich mit Zuflüssen aus Ruanda und durchfließt den Victoriasee. Der Blaue Nil, der rechte Quellfluss, entspringt im äthiopischen Hochland und speist den Tanasee. Er führt das Monsunregenwasser, das im Sommer in Äthiopien niedergeht.

Der Blaue Nil: Wasserkraft und Sedimentreichtum
Der Blaue Nil ist zwar kürzer, aber mit durchschnittlich 51,5 km³ pro Jahr der wasserreichere der beiden Quellflüsse. Er führt einen hohen Gehalt an dunklem Schlamm mit sich, der früher für die Fruchtbarkeit des Niltals entscheidend war. Im äthiopischen Hochland bildet er die 50 Meter hohen Wasserfälle Tisissat, die zweithöchsten Wasserfälle Afrikas. Mit einer Breite von über 400 Metern während der Regenzeit ist er der zweitgrößte Wasserfall Afrikas. Bedingt durch internationale Restriktionen konnte der Blaue Nil in Äthiopien lange Zeit nur geringfügig genutzt werden. Inzwischen ist die Grand Ethiopian Renaissance-Talsperre fertiggestellt worden, die zumindest die Wasserführung des Blauen Nils beeinflussen kann.
Der Weiße Nil: Ein Weg durch die Sumpfgebiete
Der Weiße Nil wird oft als eigentlicher Nil angesehen, obwohl er im Unterlauf weniger Wasser führt als der Blaue Nil. Sein Oberlauf ist geprägt von tektonisch unruhigem Gebiet mit zahlreichen Wasserfällen und Stromschnellen. Ab dem Albertsee fließt er als Albert-Nil bis zur Grenze zum Südsudan. Dort tritt er in das riesige Sumpfgebiet des Sudd ein, das sich über fast 400 Kilometer nach Norden erstreckt. Zur Regenzeit ist der Sudd größer als Bayern, Baden-Württemberg und Hessen zusammen und gilt als die fruchtbarste Zone des Landes, reich an Papyrus, Schilfgräsern und anderen Sumpfpflanzen. In diesem Gebiet verdunsten 51 Prozent des Nilwassers. Durch dieses Meer aus Wasserpflanzen gab es jahrhundertelang kein Durchkommen, was dazu beitrug, dass die Nilquellen so lange ein Geheimnis blieben.
Der Nil als Lebensader Ägyptens
Die alten Ägypter glaubten, dass das Reich der Pharaonen nur durch den Nil entstehen konnte. Der fruchtbare Schlamm, den der Nil jedes Jahr nach seinen Überschwemmungen hinterließ, schuf den Reichtum der Pharaonen. Die Ägypter wussten nicht, wo die Quelle des Flusses lag, da sie so versteckt war, dass sie erst zwei Jahrtausende nach dem Untergang des Pharaonenreiches gefunden wurde. Das Niltal war damals deutlich schmaler als heute und wurde immer wieder von reißenden Fluten überschwemmt. Gleichzeitig wechselte der Nil immer wieder unberechenbar seinen Lauf.

Die Bedeutung der jährlichen Überschwemmungen
Bis vor etwa 4.500 Jahren war der Nil ein schnell fließender Strom, der sich tief in sein Bett eingrub. Das Klima in der Sahara und seinen Quellgebieten wurde trockener, wodurch sich das transportierte Wasservolumen verringerte. Der Fluss strömte dadurch sanfter und besaß nicht mehr die Kraft, sein Bett ständig zu verändern. Parallel dazu enthielt das Nilwasser mehr Sand und Schwebeteilchen, die sich an seinen Ufern ablagerten. Dieser Wandel fand etwa zur Zeit der Blüte des Alten Reiches statt. Die Veränderungen erweiterten nicht nur die Fläche des nutzbaren Landes im Niltal, sondern schufen auch fruchtbare Böden durch die Ablagerung großer Mengen nährstoffreichen Sediments. Diese Zunahme an fruchtbarem Land begünstigte die Landwirtschaft und damit den Wohlstand in Oberägypten, was die Basis für die nachfolgende Blütezeit der ägyptischen Kultur bildete.
Der Nil als Transportweg und Kulturgut
Die alten Ägypter bauten ihre Städte oft an den fruchtbaren Ebenen des heiligen Flusses. Der Nil diente auch als wichtiger Transportweg für Güter, wie beispielsweise die Steine für Tempel und Pyramiden. Die Schifffahrt auf dem Nil gibt es seit der Antike. Zahlreiche Sehenswürdigkeiten, wie der Luxor-Tempel, die Karnaktempel, das Tal der Könige und die Pyramiden von Gizeh, zeugen von der kulturellen Bedeutung des Nils. Der Nil war in früheren Zeiten auch Lebensraum für eine vielfältige Tier- und Pflanzenwelt, darunter Krokodile, Nilpferde, diverse Fischarten und eine reiche Vogelwelt. Die alten Ägypter verehrten den Krokodilgott Sobek als Gott des Wassers.
Moderne Eingriffe und die Folgen für den fruchtbaren Schlamm
Vor etwa 200 Jahren begann man, den natürlichen Verlauf des Nils zu verändern. An drei Katarakten wurden Staudämme errichtet, der größte davon bei Assuan. Hier bildete sich der Nassersee, der nach dem früheren ägyptischen Präsidenten Gamal Abdel Nasser benannt ist. Nach dem Bau des Assuan-Staudamms wurde der Nil zu einem riesigen Bewässerungskanal gestaltet, der mehrere Ernten pro Jahr ermöglicht. Allerdings finden die jährlichen Überschwemmungen nicht mehr statt, und der fruchtbare Schlamm, der einst ein Segen für die ägyptischen Bauern war, bleibt aus. Dies führt zu einer zunehmenden Versalzung des Bodens.

Internationale Konflikte um die Wassernutzung
Der Nil hat zehn Anrainerstaaten, und die Verteilung seines Wassers ist seit langem ein Thema internationaler Spannungen. Ein Abkommen aus dem Jahr 1929, das Ägypten und dem Sudan das gesamte Nilwasser zur landwirtschaftlichen Nutzung zusprach, wurde später durch ein Nachfolgeabkommen im Jahr 1959 zementiert. Äthiopien, das 86 Prozent des gesamten Nilwassers liefert, konnte dieses Wasser lange Zeit nicht für die eigene Landwirtschaft nutzen. In den letzten Jahren hat Äthiopien jedoch mit dem Bau mehrerer Dämme zur Stromerzeugung begonnen, was zu Konflikten mit Ägypten führte. Ägypten betrachtet die Nutzung des Nilwassers als sein Recht und drohte mit Konfrontation, während Äthiopien auf seine Notwendigkeit und sein Recht auf Nutzung pocht.
Ägypten - Das Land am Nil einfach erklärt I Landwirtschaft im Alten Ägypten
Die Zukunft des Nils: Herausforderungen und Kooperation
Die Bedeutung des Nils spiegelt sich in den Aussagen der Staatschefs wider. Während Ägypten seine Wasseransprüche notfalls mit Gewalt durchsetzen will, argumentiert Äthiopien, dass es sein Land besetzen müsste, um es von der Nutzung des Nilwassers abzuhalten. Die Weltbank hat Äthiopien einen Kredit für Bewässerungsprojekte gewährt, was zu weiteren Spannungen führt. Experten bezweifeln jedoch, dass es zu einem Krieg kommen wird, da ein Angriff auf Äthiopien für Ägypten ein diplomatisches Desaster wäre. Es wird betont, dass eine effizientere Wassernutzung auf allen Seiten notwendig ist, um zukünftige Konflikte zu vermeiden. Die unterzeichneten Abkommen zwischen Äthiopien und anderen Anrainerstaaten deuten auf eine mögliche Neuregelung der Wasserverteilung hin, die Ägypten nicht mehr ignorieren kann.