Die akute myeloische Leukämie (AML) ist eine bösartige Erkrankung des blutbildenden Systems. Sie stellt nach der akuten lymphoblastischen Leukämie (ALL) die zweithäufigste Leukämieform bei Kindern und Jugendlichen dar und macht etwa 4 % aller bösartigen Erkrankungen in dieser Altersgruppe aus. Die AML entsteht durch die unkontrollierte Vermehrung von unreifen myeloischen Zellen, welche die Bildung gesunder Blutzellen verdrängen. Dies kann zu Blutarmut (Anämie), Infektionen und erhöhter Blutungsneigung führen. Die Erkrankung verläuft rasch.
Die AML kann in jedem Alter auftreten, ist jedoch im Kindes- und Jugendalter am häufigsten bei Säuglingen und Kleinkindern in den ersten beiden Lebensjahren zu finden. Das durchschnittliche Erkrankungsalter liegt bei etwa 7 Jahren. Die AML entsteht durch die bösartige Veränderung unreifer Vorläuferzellen, meist der weißen Blutzellen (Myeloblasten), aber prinzipiell auch anderer myeloischer Zellen.

Ursachen und Risikofaktoren
Die genauen Ursachen der akuten myeloischen Leukämie sind weitgehend unbekannt. Es ist bekannt, dass die Krankheit durch genetische Veränderungen in einer unreifen myeloischen Zelle entsteht. Warum diese genetischen Veränderungen auftreten und warum sie bei manchen Kindern zur Erkrankung führen, bleibt oft unklar.
Bestimmte Faktoren können das Risiko einer AML-Erkrankung erhöhen:
- Erbliche oder erworbene Immundefekte
- Bestimmte Chromosomenveränderungen
- Erbliche Vorerkrankungen wie das Down-Syndrom, die Fanconi-Anämie, das Bloom-Syndrom, die Neurofibromatose und die familiäre Monosomie 7
- Exposition gegenüber radioaktiver oder Röntgenstrahlung
- Kontakt mit bestimmten chemischen Substanzen und Medikamenten
- Rauchen oder Alkoholkonsum der Eltern
- Mögliche Rolle von Viren
Symptome der AML
Die Symptome einer akuten myeloischen Leukämie entwickeln sich meist innerhalb weniger Wochen und sind auf die Ausbreitung der bösartigen Zellen im Knochenmark und anderen Körperorganen zurückzuführen. Kinder und Jugendliche mit AML fallen oft durch allgemeine Krankheitszeichen wie Mattigkeit, Spielunlust und Blässe (Anämie) auf. Diese sind bedingt durch den Mangel an roten Blutkörperchen, die für den Sauerstofftransport zuständig sind.
Der Mangel an funktionstüchtigen weißen Blutkörperchen kann dazu führen, dass Krankheitserreger nicht mehr ausreichend bekämpft werden können, was sich in Infektionen und Fieber äußert.
Weitere mögliche Symptome sind:
- Knochenschmerzen: Durch das Wachstum der Leukämiezellen im Knochenmark, insbesondere in Armen und Beinen, was dazu führen kann, dass Kinder nicht mehr laufen möchten.
- Organvergrößerung: Die bösartigen Zellen können sich in Leber, Milz und Lymphknoten festsetzen, was zu Schwellungen und Beschwerden wie Bauchschmerzen führt.
- Befall des Zentralnervensystems (ZNS): Kopfschmerzen, Gesichtslähmungen, Sehstörungen und Erbrechen können Anzeichen eines ZNS-Befalls sein.
Es ist wichtig zu wissen, dass die Symptome individuell sehr unterschiedlich stark ausgeprägt sein können und dass das Auftreten einzelner Symptome nicht zwangsläufig auf eine Leukämie hindeutet. Bei anhaltenden Beschwerden sollte jedoch stets ein Arzt konsultiert werden.

Diagnose der AML
Bei Verdacht auf eine akute Leukämie führt der Arzt zunächst eine Anamnese und eine körperliche Untersuchung durch. Eine umfassende Blutuntersuchung ist der nächste Schritt. Bei Verdacht auf Leukämie wird eine Knochenmarkpunktion zur Sicherung der Diagnose notwendig.
Die Untersuchungen von Blut und Knochenmark umfassen:
- Zytomorphologie: Mikroskopische Untersuchung der Zellen.
- Immunologie: Immunphänotypisierung zur Bestimmung des Entwicklungsstadiums der Leukämiezellen, z.B. mittels Durchflusszytometrie (FACS).
- Genetik: Chromosomenanalyse (z.B. G-Banding, FISH) und molekulargenetische Untersuchungen zur Identifizierung von Veränderungen im Erbgut der Zellen.
Diese Untersuchungen ermöglichen nicht nur die Abgrenzung von anderen Leukämiearten, sondern auch die Unterscheidung verschiedener AML-Unterformen, was für die Therapieplanung entscheidend ist.
Um festzustellen, ob auch außerhalb des Knochenmarks weitere Organe befallen sind, werden bildgebende Verfahren wie Ultraschall, Röntgenuntersuchung, Magnetresonanztomographie (MRT) und Computertomographie (CT) eingesetzt.
Zusätzlich werden zur Vorbereitung der Behandlung die Herz- und Gehirnfunktion überprüft (EKG, Echokardiographie, EEG) und umfangreiche Laboruntersuchungen durchgeführt, um den Allgemeinzustand sowie mögliche Beeinträchtigungen einzelner Organfunktionen oder Stoffwechselstörungen zu beurteilen.

Behandlung der AML
Die Behandlung der akuten myeloischen Leukämie muss schnellstmöglich in einer kinderonkologischen Behandlungseinrichtung erfolgen. Das hochqualifizierte Fachpersonal ist auf die Behandlung krebskranker Kinder spezialisiert und vertraut mit den modernsten Therapieverfahren.
Therapieplanung und Risikogruppen
Wichtige Prognosefaktoren für die Therapieplanung sind der Subtyp der AML, die Krankheitsausbreitung im Körper und das Ansprechen auf die Chemotherapie. Alle Risikofaktoren fließen in die Behandlungsplanung ein, um das bestmögliche Behandlungsergebnis für jeden Patienten zu erzielen. Die Patienten werden in der Regel drei Risikogruppen zugeordnet: Standardrisiko, intermediäres Risiko und Hochrisiko.
Chemotherapie
Das Zentrum der Behandlung ist die intensive Chemotherapie mit zellwachstumshemmenden Medikamenten (Zytostatika). Da ein einzelnes Medikament oft nicht ausreicht, werden Kombinationen verschiedenartig wirkender Zytostatika eingesetzt (Polychemotherapie).
Sonderformen der AML:
- Bei Patienten mit Down-Syndrom ist eine weniger intensive Chemotherapie erforderlich.
- Bei der akuten Promyelozytenleukämie (APL), einer Sonderform der AML, kann fast vollständig auf die Chemotherapie verzichtet werden.
In einigen Fällen kann die Chemotherapie durch eine Bestrahlung des Zentralnervensystems ergänzt werden, insbesondere wenn Leukämiezellen im ZNS nachgewiesen wurden.
Therapiephasen
Die Behandlung besteht, abgesehen von den oben genannten Ausnahmen, aus verschiedenen Phasen:
- Induktionstherapie: Eine intensive Chemotherapie zur schnellen Vernichtung der Mehrzahl der Leukämiezellen und Herbeiführung einer Remission.
- Konsolidierungs- und Intensivierungstherapie: Ein bis drei Blöcke einer intensiven Chemotherapie zur Vernichtung verbliebener Leukämiezellen und Minimierung des Rückfallrisikos.
- ZNS-Therapie: Vorbeugende oder therapeutische Behandlung des Zentralnervensystems durch intrathekale Chemotherapie (Medikamentengabe in den Nervenwasserkanal).
- Erhaltungs- oder Dauertherapie: Eine mildere, meist ambulante Chemotherapie über etwa ein Jahr zur Vernichtung überlebender Leukämiezellen.
Bei manchen Patienten mit sehr hoher Leukämiezellzahl im Blut oder starkem Organbefall kann eine zytoreduktive Vorphase vor der eigentlichen Therapie notwendig sein.
Die Gesamtdauer der intensiven Behandlung beträgt ohne Erhaltungs- oder Dauertherapie etwa ein halbes Jahr, sofern keine Stammzelltransplantation erforderlich ist und kein Rückfall auftritt.

Stammzelltransplantation
In bestimmten Fällen, insbesondere bei Hochrisiko-AML oder im Rückfall, kann eine allogene Stammzelltransplantation notwendig sein. Dabei werden gesunde Blutstammzellen eines passenden Spenders übertragen, nachdem der Patient eine intensive Chemotherapie und gegebenenfalls eine Strahlentherapie erhalten hat.
Supportivtherapie
Unterstützende Behandlungsmaßnahmen sind essenziell, um Komplikationen zu vermeiden. Dazu gehören:
- Transfusionen von roten Blutkörperchen bei Blutarmut.
- Transfusionen von Blutplättchen bei Blutungsneigung.
- Gabe von Antibiotika bei Infektionen.
- Gabe von Schmerzmitteln.
Therapieoptimierungsstudien und Register
Fast alle Kinder und Jugendlichen mit AML werden in Deutschland im Rahmen von Therapieoptimierungsstudien behandelt. Diese kontrollierten klinischen Studien zielen darauf ab, die Behandlung nach dem aktuellsten Wissensstand durchzuführen und gleichzeitig die Behandlungsmöglichkeiten weiter zu verbessern.
Für Patienten, die nicht an einer Studie teilnehmen können, gibt es Register, wie das Register AML-BFM 2017, in denen alle AML-Patienten unter 18 Jahren erfasst werden können. Auch Patienten mit akuter Promyelozytenleukämie (APL), Down-Syndrom und transient-myeloproliferativem Syndrom (TMD) werden hier dokumentiert.
Pflege in der Pädiatrie: Palliative Care in der Kinderonkologie
Psychosoziale Unterstützung
Die Krebserkrankung eines Kindes ist für die gesamte Familie eine enorme Belastung. Das Psychosoziale Team der Klinik oder Nachsorgeeinrichtung bietet Patienten und ihren Angehörigen von der Diagnose bis zum Abschluss der Behandlung und während der Nachsorge beratende und unterstützende Hilfe. Dieses Angebot ist ein fester Bestandteil des Behandlungskonzepts aller kinderonkologischen Zentren im deutschsprachigen Raum.
Es gibt auch Elternvereine, die eng mit den Kliniken zusammenarbeiten und Elternhäuser einrichten, um Familien zu unterstützen. Zudem werden für die erkrankten Kinder und deren Geschwister schulische Angebote während des Krankenhausaufenthalts und Nachsorgeuntersuchungen über einen Zeitraum von etwa zehn Jahren angeboten, um ein Wiederauftreten der Krankheit frühzeitig zu erkennen.
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