Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch (1906-1975) war ein herausragender russischer Komponist, Pianist und Pädagoge der Sowjetzeit. Er zählt neben Igor Strawinski, Sergei Prokofjew, Sergei Rachmaninow und Alexander Skrjabin zu den bedeutendsten russischen Komponisten des 20. Jahrhunderts. Sein Schaffen war geprägt von einer bemerkenswerten Produktivität und Vielseitigkeit. Schostakowitsch komponierte Hymnen für das Regime von Josef Stalin, hielt aber gleichzeitig eine kritische Distanz zum stalinistischen System, das ihn drangsalierte und in ständiger Todesfurcht leben ließ. Die Wochenzeitung Moskowskije Nowosti schrieb treffend: „Um die Geschichte unseres Landes zwischen 1930 und 1970 nachzuleben, reicht es aus, die Sinfonien von Schostakowitsch zu hören.“

Frühe Jahre und musikalische Entwicklung
Die Vorfahren Schostakowitschs stammten aus Sibirien. Sein Großvater väterlicherseits, ursprünglich Szostakowicz, war polnischer Herkunft und entstammte einer römisch-katholischen Familie. Als polnischer Revolutionär, der am Januaraufstand von 1863/64 beteiligt war, wurde er 1866 nach Narym in Sibirien verbannt. Nach Ablauf seiner Verbannung ließ er sich dort nieder und wurde ein erfolgreicher Bankier. Sein Sohn, Dmitri Boleslawowitsch Schostakowitsch, der Vater des Komponisten, wurde 1875 in Narym geboren und studierte später Physik und Mathematik an der Universität in Sankt Petersburg, wo er als Ingenieur tätig war. Im Jahr 1903 heiratete er die russische Pianistin Sofia Kokulina. Dmitri war das zweite von drei Kindern des Paares.
Das musikalische Talent des jungen Dmitri zeigte sich früh im Klavierunterricht, und er begann bald, erste kompositorische Versuche zu unternehmen. 1917 wurde der elfjährige Schostakowitsch Zeuge, wie bei einer Demonstration ein Arbeiter von Polizisten erschossen wurde. Da sein Klavierlehrer ihm nicht mehr weiterhelfen konnte, begann Schostakowitsch 1919 am Konservatorium in Petrograd (dem damaligen Namen Sankt Petersburgs) ein Studium in Klavier bei Leonid Nikolajew und Komposition bei Maximilian Steinberg. Der Konservatoriumsdirektor Alexander Glasunow beobachtete die Entwicklung des Jungen mit dem absoluten Gehör aufmerksam, wenn auch mit einer gewissen Skepsis, und unterstützte ihn gelegentlich finanziell.

Erste Erfolge und künstlerische Auseinandersetzungen
Anfang 1923 war die Familie Schostakowitsch aufgrund der wirtschaftlichen und politischen Unsicherheit der Nachrevolutionszeit fast ruiniert. Zudem wurde bei Dmitri, der schon immer eine schwache Gesundheit hatte, eine Lungen- und Lymphdrüsentuberkulose diagnostiziert. Der sensationelle Erfolg seiner 1. Sinfonie in f-Moll im Jahr 1925 verschaffte Schostakowitsch im Alter von nur neunzehn Jahren den Abschluss am Konservatorium und weltweite Anerkennung. Die Uraufführung der Sinfonie fand am 12. Mai 1926 durch die Leningrader Philharmoniker unter der Leitung von Nikolai Malko statt. Der zweite Satz wurde nach überwältigendem Applaus als Zugabe wiederholt.
Ein Jahr später dirigierte Bruno Walter die Sinfonie in Berlin, gefolgt von Aufführungen in Amerika unter Leopold Stokowski und Arturo Toscanini. In der folgenden Zeit setzte sich Dmitri Schostakowitsch mit verschiedenen zeitgenössischen Musikrichtungen wie dem Futurismus, der Atonalität und dem Symbolismus auseinander, wobei er stets einen eigenständigen Weg verfolgte. Seine Musik war eine Mischung aus Konvention und Revolution, basierend auf fundiertem kompositorischem Handwerk, fantasievoller Instrumentierung sowie moderner Melodik und Harmonik.
Die Zweite Sinfonie und die Hinwendung zum Propagandakomponisten
Im März 1927 erhielt Schostakowitsch den Auftrag, für die Feierlichkeiten zum 10. Jahrestag der Oktoberrevolution eine Art Hymne zu komponieren. Im Sommer desselben Jahres entstand daraufhin seine 2. Sinfonie „An den Oktober“ in H-Dur, eine seiner avantgardistischsten Kompositionen jener Zeit. Mit dieser Sinfonie schlug Schostakowitsch einen Weg ein, der von westlichen Musikkritikern lange Zeit missverstanden wurde: den eines propagandistischen Auftragskomponisten für die sowjetische Regierung.
Während der Erholung von der Komposition seiner 2. Sinfonie lernte Schostakowitsch 1927 die Geschwister Warsar kennen. Er fühlte sich zu Nina Warsar hingezogen, was ihrer Familie, die ihre Tochter noch ihr Mathematik- und Physikstudium abschließen sah, nicht gefiel. Das Paar setzte sich jedoch durch und heiratete am 13. Mai 1927.

Der Skandal um "Lady Macbeth von Mzensk" und die Verfolgung
Die Uraufführung der Oper "Lady Macbeth von Mzensk" am 22. Januar 1934 in Leningrad war ein gewaltiger Erfolg und wurde zwei Tage später in Moskau wiederholt. Zwei Jahre lang feierte das Werk mit fast 200 Aufführungen in Moskau und Leningrad einen Erfolg nach dem anderen. Am 16. Januar 1936 besuchte Josef Stalin mit führenden Parteigrößen die Aufführung der Oper im Bolschoi-Theater. Stalin, der hinter einem Vorhang verborgen in der Regierungsloge saß, verließ die Vorstellung angeblich wortlos und ohne Schostakowitsch zu empfangen. Diese Reaktion wurde im damaligen Klima der Angst fast als Todesurteil empfunden.
Am 28. Januar veröffentlichte die sowjetische Propaganda-Zeitung Prawda einen Artikel mit dem Titel „Chaos statt Musik“, der das Werk als Ausdruck „linksradikaler Zügellosigkeit“ und „kleinbürgerlichen Neuerertums“ geißelte und mit dem Vorwurf des „Formalismus“ verurteilte. Dies hatte katastrophale Folgen: Alle Aufführungen wurden eingestellt. Schostakowitsch erfuhr davon auf einer Konzertreise im Norden. Kritiker ruderte zurück, und Schostakowitsch lebte in ständiger Angst, nachts von der Geheimpolizei abgeholt zu werden. Er litt unter Depressionen und Suizidgedanken und wurde mehrfach in die Zentrale des Geheimdienstes Lubjanka vorgeladen, wo er eingeschüchtert wurde.
1937 drohte ein NKWD-Offizier Schostakowitsch mit Verhaftung, falls er angeblichen Mitverschwörern bei einer Attentatsplanung nicht denunziere. Erst in der Zeit des Tauwetters unter Nikita Chruschtschow überarbeitete Schostakowitsch "Lady Macbeth von Mzensk" zu einer neuen Fassung.
Die Fünfte und Siebte Sinfonie: Strategie und Widerstand
Nachdem er seine 4. Sinfonie aufgrund des kritischen Prawda-Artikels zurückgezogen hatte, begann Schostakowitsch am 18. April 1937 unter der Parole der „praktischen Antwort eines Sowjetkünstlers auf gerechte Kritik“ mit der Arbeit an seiner gemäßigten 5. Sinfonie. Nach ihrer Uraufführung wurde die 5. Sinfonie offiziell als Rückkehr des verlorenen Sohnes in die linientreue Kulturpolitik dargestellt und feierte große internationale Erfolge. Das Marschfinale wurde lange Zeit als Verherrlichung des Regimes interpretiert. Schostakowitsch selbst äußerte jedoch: „Was in der Fünften vorgeht, sollte meiner Meinung nach jedem klar sein. Der Jubel ist unter Drohungen erzwungen. […] So als schlage man uns mit einem Knüppel und verlange dazu: Jubeln sollt ihr! Jubeln sollt ihr! Und der geschlagene Mensch erhebt sich, kann sich kaum auf den Beinen halten. Geht, marschiert, murmelt vor sich hin: Jubeln sollen wir, jubeln sollen wir.“
Die 7. Sinfonie in C-Dur, die als Schostakowitschs bekanntestes Werk gilt, ging in dieser Doktrin noch weiter. Sie entstand 1941 zur Zeit der Belagerung Leningrads durch Hitlers Truppen. Schostakowitsch, der der Feuerwehr zugeteilt war, arbeitete unter Granatenbeschuss an seinem Werk. Ein Pekinger Neurologe berichtete, dass Schostakowitsch von einem deutschen Schrapnell getroffen worden sei und später ein Metallsplitter in seinem Gehirn gefunden wurde.

Im Oktober 1941 wurde Schostakowitsch mit seiner Familie aus Leningrad evakuiert und konnte die Sinfonie in Kuibyschew (Samara) fertigstellen. Die Uraufführung fand am 5. März 1942 durch das dort ansässige Orchester des Bolschoi-Theaters unter Leitung von Samuil Samossud statt. Die Moskauer Erstaufführung am 27. März fand ebenfalls unter lebensgefährlichen Umständen statt, und selbst ein Luftalarm konnte die Zuhörer nicht zum Verlassen des Saals bewegen. Stalin war daran interessiert, die Sinfonie international als Symbol des heldenhaften Widerstands gegen den Faschismus zu etablieren. Sir Henry Wood dirigierte sie am 22. Juni in London, und Arturo Toscanini leitete die erste Aufführung in den Vereinigten Staaten am 19. Juli 1942 in New York, was Schostakowitsch auf die Titelseite des Time Magazine brachte.
Ein Sonderflugzeug durchbrach die Luftblockade, um die Partitur nach Leningrad zu fliegen. Das Konzert vom 9. August, dirigiert von Karl Eliasberg, wurde von allen sowjetischen Rundfunksendern übertragen. Schostakowitsch erhielt den Stalinpreis für sein Werk, das als Hommage an den Widerstandswillen der hungernden Bevölkerung aufgefasst wurde. Die Interpretation der Sinfonie bleibt jedoch umstritten. Im ersten Satz findet sich ein Motiv, das entweder als „Hitler-“ oder als „Stalin-Motiv“ gedeutet wird und eine Variation auf das Gewaltthema aus der Oper "Lady Macbeth von Mzensk" darstellt, das für staatliche Gewalt und als Bedingung für Mord verwendet wird.
Die Achte und Neunte Sinfonie: Nachdenklichkeit und Kritik
Die epische 8. Sinfonie in c-Moll, 1943 in Moskau unter Jewgeni Mrawinski uraufgeführt und oft als „Stalingrader Sinfonie“ bezeichnet, entstand unter dem Eindruck der Kriegsgeschehnisse. Im Gegensatz zu den Erwartungen einer triumphalen Hymne auf den Sieg über die deutschen Truppen in Stalingrad ist die 8. Sinfonie überwiegend nachdenklich und melancholisch. Sie drückt kein triumphales Gefühl aus, sondern thematisiert individuelles Leid und die Trauer über die unglaublichen Verluste an Menschenleben. Die Sinfonie vermeidet in ihrem humanistischen Engagement große heroische Gesten. Während der erste Satz (Adagio) und die beiden folgenden Sätze von apokalyptischer Steigerung und aggressiven Tempi geprägt sind, erklingen in den letzten Sätzen grüblerische, leise Töne, bevor der letzte Satz still und offen verklingt.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erwartete die Musikwelt eine Triumphsinfonie im Stil von Beethovens Neunter. Die 9. Sinfonie Schostakowitschs, uraufgeführt am 3. November 1945, erfüllte diese Erwartung nicht. Stattdessen zitierte Schostakowitsch im Werk versteckt das Lied „Lob des hohen Verstandes“ aus Gustav Mahlers Des Knaben Wunderhorn, in welchem ein Esel entscheidet, dass der Kuckuck schöner singe als die Nachtigall. Dies wird als subtile Kritik an der Vergöttlichung Stalins als „Weisester der Weisen“ nach dem Krieg interpretiert.

Repressionen nach 1948 und die späten Werke
Nachdem Schostakowitsch bereits vor dem Krieg im Zentrum der Kritik gestanden hatte, entzündete sich nach Debatten über zeitgenössische sowjetische Dichter und Literaten erneut eine Diskussion über moderne sowjetische Musik. Schostakowitsch und viele andere namhafte Komponisten der Sowjetunion, wie Prokofjew und Chatschaturjan, wurden 1948 vom sowjetischen Komponistenverband und dessen Präsidenten Tichon Chrennikow, unter ideologischer Führung von Andrej Schdanow, erneut des „Formalismus“ und der „Volksfremdheit“ beschuldigt. Schostakowitsch komponierte weiterhin, ohne auf die Vorwürfe einzugehen. Praktisch alle bedeutenden Werke dieser Zeit waren für die Schublade bestimmt und wurden erst während der Tauwetter-Periode oder nach dem Zerfall des Ostblocks uraufgeführt.
Seine persönliche Lage ähnelte der Situation nach 1936: Über sein Schicksal bestimmte einzig Stalin. Im Kampf gegen den „Formalismus“ wurde Schostakowitsch, obwohl mehrfach mit Stalin-Preisen ausgezeichnet, vor allem nach 1948 heftig attackiert. Er profilierte sich mit Werken, die scheinbar dem sozialistischen Realismus unterzuordnen waren, und hielt problematischere Werke zurück.
Alemdar Karamanow: Ein Komponist im Exil auf der Krim
Alemdar Sabitowytsch Karamanow (geboren 1934) ist ein Komponist, der sich nach anfänglichen Erfolgen in der sowjetischen Musikszene 1964 auf die Krim zurückzog. Seine Verwendung westlich-avantgardistischer Techniken entsprach nicht den Vorstellungen der sowjetischen Kulturpolitik. Hinzu kam, dass er ab 1965 explizit christliche Themen in sein Werk aufnahm. Nach jahrzehntelanger Isolation wurde er erst ab 1990 stärker wahrgenommen.
Karamanow, der sich selbst als krimisch-ukrainisch-russischen Komponisten sah, war in erster Linie Sinfoniker. Bereits während seiner Studienzeit entstanden 10 Sinfonien, denen später noch 15 weitere folgten. Die Sinfonien 11 bis 14 bilden einen Zyklus mit dem Haupttitel „Es ist vollbracht“. Ein weiterer Zyklus sind die zwischen 1976 und 1980 komponierten Sinfonien 18 bis 23 auf Themen der Apokalypse mit dem Haupttitel „Lass es sein“.

Karamanow schuf daneben weitere Orchesterwerke, darunter drei Klavierkonzerte (das dritte, 1968 entstanden und 1996 revidiert, trägt den Titel „Ave Maria“), Ballette, Chorwerke, Kammer- und Klaviermusik, Lieder sowie Filmmusik. Seine Werke erklangen ab 1995 auch in Berlin und London.
Werke von Alemdar Karamanow (Auswahl)
- 1965-1966: Sinfonien-Zyklus Es ist vollbracht (Sinfonie Nr. 11 bis Nr. 14)
- 1976-1980: Sinfonien-Zyklus Lass es sein (Sinfonie Nr. 18 bis Nr. 23)
- 1968, rev. 1996: Klavierkonzert Nr. 3 Ave Maria
- 1964: Violinkonzert Nr. 2
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