Kaiserschnitt und das Mikrobiom: Auswirkungen und neue Ansätze

Die bewusste Auseinandersetzung werdender Eltern mit der Geburt und möglichen Alternativen wie einem Kaiserschnitt nimmt erfreulicherweise zu. Zwar gibt es medizinisch notwendige Indikationen für diese Art der Entbindung, doch der Trend, Kinder rein aus Bequemlichkeit per Kaiserschnitt zur Welt zu bringen, ist glücklicherweise rückläufig. Ein wesentlicher Grund dafür ist die Erkenntnis, dass Kaiserschnittkinder ein nachweislich höheres Risiko für verschiedene Krankheiten wie entzündliche Darmerkrankungen, rheumatoide Arthritis und Zöliakie aufweisen. Als Ursache hierfür gilt ein weniger optimal entwickeltes Darm-Mikrobiom.

Eine Studie, vorgestellt im Journal „Cell“ im Oktober 2020, stützt sich auf die Annahme, dass während einer natürlichen Geburt Neugeborene geringe Mengen mütterlichen Kots verschlucken, was zur Besiedlung ihres Darmes beiträgt. Eine bisher bekannte Methode, um den fehlenden mikrobiellen Einfluss bei Kaiserschnittkindern auszugleichen, war der sogenannte Vaginal-Abstrich (Vaginal Seeding).

Schema zur Übertragung von Mikroben von der Mutter auf das Neugeborene während und nach der Geburt.

Neue Ansätze zur Besiedlung des kindlichen Mikrobioms

Ein Forscherteam der Universität Helsinki untersuchte die Möglichkeit, das Mikrobiom von Kaiserschnittkindern durch eine aufbereitete Stuhlprobe der Mutter zu beeinflussen. Hierfür wurden 17 Schwangere untersucht, wobei Stuhlproben auf Pathogene wie Viren (HIV, Norovirus, Hepatitis) und Bakterien (Clostridium difficile, Helicobacter pylori, B-Streptokokken, resistente Keime) geprüft wurden. Sieben Frauen wurden als geeignet befunden, deren Stuhl frei von diesen Pathogenen war. Die aufbereitete Stuhlprobe wurde den Neugeborenen mit der ersten Milchmahlzeit verabreicht. Keines der Kinder zeigte Beschwerden, und die Vorsorgeuntersuchungen verliefen unauffällig. Vergleichende Stuhlproben von 29 vaginal entbundenen und 18 Kaiserschnitt-Kindern ohne diese Behandlung zeigten, dass sich das Mikrobiom der behandelten Kaiserschnitt-Kinder bereits nach einer Woche dem von natürlich geborenen Kindern annäherte.

Kaiserschnittgeburten gelten als einschneidende Momente, die die Grundlage für die Gesundheit des Menschen über das gesamte Leben hinweg beeinflussen können. Da viele Kaiserschnittgeburten medizinisch nicht zwingend notwendig sind, ist eine Aufklärung der Eltern von großer Bedeutung. Gleichzeitig steigt bei Eltern mit vorliegenden Indikationen für einen Kaiserschnitt die Unsicherheit, was zu einer Abwägung zwischen den Risiken von Geburtskomplikationen und Kaiserschnittgeburten führt.

Die beschriebene Behandlungsmethode darf aktuell noch nicht routinemäßig praktiziert werden, da weitere Forschung zur Bestätigung der Annahmen und zum Ausschluss langfristiger gesundheitlicher Beeinträchtigungen erforderlich ist. Wissenschaftler raten dringend von Selbstversuchen mit Fäkaltransplantationen ab, um Vergiftungen bei Neugeborenen zu vermeiden.

Klebsiellen: Eine Herausforderung in Krankenhäusern

Der Text thematisiert auch das Problem von Infektionen mit Klebsiellen, insbesondere antibiotikaresistenten ESBL-Klebsiellen, die zu Todesfällen bei Frühchen führten. Klebsiellen sind Bakterien, die natürlicherweise im Darm vorkommen können. Wenn sie Resistenzen gegen Antibiotika entwickeln, spricht man von ESBL-tragenden Klebsiellen. Ein Anstieg multiresistenter Erreger in der Bevölkerung wird beobachtet, möglicherweise bedingt durch den Einsatz von Antibiotika in der Tiermast. Für gesunde Menschen sind Klebsiellen meist harmlos, können aber zu Lungenentzündungen oder Krankenhausinfektionen führen.

Ein gesunder, per Kaiserschnitt entbundener Säugling ist zunächst keimfrei und muss langsam mit Bakterien besiedelt werden, oft durch den Kontakt mit den Eltern. Bei Frühchen mit schwachem Immunsystem können jedoch auch normale Bakterien wie Klebsiellen zu Infektionen führen. Die Übertragung von Keimen kann durch Personal, Eltern oder kontaminierte medizinische Produkte erfolgen. Die Sicherstellung einer guten Krankenhaushygiene und die Schulung von Personal und Eltern sind entscheidend, um Infektionsrisiken zu minimieren. Die genaue Ursache für Ausbrüche von ESBL-Keimen in Krankenhäusern zu ermitteln, erfordert eine sorgfältige Analyse durch Krankenhaus-Hygieniker.

Antibiotika-Resistenzen - Bakterien / Genetik einfach erklärt - Ursachen, Entstehung & Schutz

Harnwegsinfektionen und deren mögliche Folgen

Ein persönlicher Erfahrungsbericht schildert eine späte Fehl- oder Frühgeburt nach einer langwierigen Blasenentzündung während der Schwangerschaft. Trotz prophylaktischer und therapeutischer Antibiose konnte der Infektionsherd nicht vollständig beseitigt werden. Die Entdeckung von Klebsiella pneumoniae im Urin, einem Bakterium mit bekannten Resistenzen, führte zu Unsicherheit bezüglich der Wahl des richtigen Antibiotikums. Es wird betont, dass Harnwegsinfektionen während der Schwangerschaft prinzipiell in die Gebärmutter aufsteigen und zu vorzeitigen Wehen oder einem Blasensprung führen können. Eine Infektion mit Klebsiella kann demnach ursächlich für eine Fehlgeburt sein.

Die Unsicherheit bezüglich der korrekten Behandlung eines spezifischen Bakteriums wird thematisiert. Grundsätzlich sollte eine Harnwegsinfektion gemäß Antibiogramm resistenzgerecht behandelt werden. Die Symptomatik einer „leichten“ Blasenentzündung, die sich über Monate hinzog, unterstreicht die Bedeutung einer gründlichen Diagnostik, auch wenn die Symptome nicht eindeutig sind.

Studien zu Darm-Mikrobiom und Kaiserschnitt

Mehrere Studien beleuchten die Unterschiede im Darm-Mikrobiom von Kindern, die vaginal oder per Kaiserschnitt geboren wurden.

Die „Cell“-Studie (2020)

  • Untersuchte das Darm-Mikrobiom von 596 Neugeborenen (314 vaginal, 282 Kaiserschnitt) bis ins Kleinkindalter.
  • Bei Kaiserschnittkindern dominierten anfangs opportunistische Krankheitserreger wie Enterococcus, Klebsiella und Enterobacter.
  • Die Mutter-Kind-Übertragung von Bakterien, insbesondere Bacteroides-Spezies, war bei Kaiserschnittkindern verringert.
  • Es wurden keine bekannten, mit Ausbrüchen assoziierten Stämme nachgewiesen.
  • Die klinische Bedeutung der kurz nach der Geburt festgestellten Unterschiede ist noch unklar.

„Vaginal Seeding“ - Eine Methode zur Besiedlung des Mikrobioms

Das Konzept des Vaginal Seedings zielt darauf ab, den fehlenden Kontakt mit dem mütterlichen Vaginalmikrobiom bei Kaiserschnittkindern nachzuholen. Dabei wird Vaginalsekret der Mutter auf das Neugeborene übertragen. Studien deuten darauf hin, dass diese Methode das Mikrobiom von Kaiserschnittkindern dem von vaginal geborenen Kindern annähern kann, insbesondere durch die frühe Anreicherung mit Laktobazillen und die schnellere Ansiedlung von Bacteroides-Bakterien.

Das vaginale Mikrobiom bei Frauen im gebärfähigen Alter wird hauptsächlich von Laktobazillen dominiert, die ein saures Milieu schaffen und das Wachstum schädlicher Erreger verhindern. Während der Schwangerschaft verstärkt sich diese Dominanz, was Mutter und Kind schützt. Nach der Geburt kommen Kinder durch vaginale Entbindung mit dem Vaginal- und Perianalmikrobiom in Kontakt. Kaiserschnittkinder hingegen nehmen Mikroben primär durch die Muttermilch auf.

Mikroorganismen Eubiose (gesundes Milieu) Dysbiose (gestörtes Milieu)
Lactobacillus acidophilus ++++ +/+++
Bifidobakterien ++ o/+
Streptokokken, Enterokokken ++++ +/++++
Hefen (Candida ssp.) +++ +/++++
Andere (anaerobe) Mikroorganismen ++ /+++

Die Zusammensetzung des vaginalen Mikrobioms wird durch verschiedene Faktoren beeinflusst, darunter der Menstruationszyklus, Antibiotikaeinnahme, Stress und Intimhygiene. Während der Schwangerschaft wird es von Laktobazillen dominiert, was zu einer Ansäuerung des Milieus führt und das Kind schützt.

Einflussfaktoren auf das kindliche Mikrobiom

  • Prä- und Probiotika: Die Einnahme von Probiotika durch die Mutter während der Schwangerschaft und im Wochenbett kann die Anzahl der Bifidobakterien im Darm des Neugeborenen erhöhen und das Risiko für Allergien im frühen Kindesalter reduzieren.
  • Ernährung: Eine ballaststoffreiche Ernährung der Mutter kann positive Auswirkungen auf die mikrobielle Gemeinschaft und die Immunentwicklung der Nachkommen haben. Auch Kohlenhydrate, Eiweiße und Lebensmittelzusatzstoffe beeinflussen das Darm-Mikrobiom.
  • Stillen: Gestillte Neugeborene haben eine höhere Anzahl an Bifidobakterien und einen niedrigeren Darm-pH-Wert, was die Vermehrung schädlicher Bakterien unterbindet. Auch Laktobazillen und Bifidobakterien werden über die Muttermilch übertragen. Bei Kaiserschnitt-Kindern kann Stillen das Darm-Mikrobiom ebenfalls gut aufbauen, was die Notwendigkeit des Vaginal Seedings potenziell reduziert.

Studien zeigen, dass unabhängig von der Entbindungsmethode ein Großteil der Mikroben bei Säuglingen von der Mutter stammt. Kaiserschnittkinder nehmen Mikroben vermehrt durch die Muttermilch auf, während vaginal geborene Säuglinge sie bereits während der Geburt aus dem Vaginal- und Darmsekret erhalten.

Risiken und Ausblick

Obwohl Vaginal Seeding potenzielle Vorteile bietet, wie eine Annäherung an das Mikrobiom von vaginal geborenen Kindern und eine frühe Ansiedlung nützlicher Bakterien, gibt es auch Kritik. Insbesondere das Risiko von Neugeboreneninfektionen durch pathogene Keime wie HIV, Herpes simplex, Chlamydien oder Streptokokken der Gruppe B wird diskutiert. Ob das Kontaminationsrisiko beim Vaginal Seeding höher ist als bei einer spontanen Vaginalgeburt, ist fraglich.

Aktuell laufen weitere Studien, die die langfristigen Auswirkungen von Vaginal Seeding auf Fettleibigkeit und immunvermittelte Krankheiten untersuchen. Die Ergebnisse werden in den kommenden Jahren erwartet.

Langzeitauswirkungen und Adipositasrisiko

Die ersten Lebensjahre sind eine kritische Phase für die Reifung des Immunsystems, in der eine gesunde Darmflora von besonderer Bedeutung ist. Studien deuten darauf hin, dass der Geburtsmodus einen Einfluss auf das Mikrobiom und damit auf das Immunsystem der Babys hat.

Die Studienlage zum Adipositasrisiko nach Kaiserschnitt ist widersprüchlich. Einige Berichte stützen die These, dass Kaiserschnittkinder eher zu Übergewicht neigen, während andere keinen Zusammenhang finden. Möglicherweise spielen physiologische Bakterien, mit denen das Kind bei natürlicher Geburt in Kontakt kommt, eine Rolle bei der Entwicklung des Gewichts. Es gibt Hinweise darauf, dass sich die Darmflora von übergewichtigen und normalgewichtigen Menschen unterscheidet. Bei Übergewicht scheinen Bakterien, die als „gute Futterverwerter“ gelten, zu überwiegen. Studien zeigen, dass die Besiedelung mit nützlichen Darmflora-Vertretern wie Bacteroides-Stämmen bei Kaiserschnittkindern verzögert sein kann und sie über einen längeren Zeitraum hinweg einen höheren Prozentsatz an opportunistischen Erregern aufweisen.

Infografik, die die Unterschiede im Darm-Mikrobiom zwischen vaginal geborenen und per Kaiserschnitt geborenen Kindern darstellt.

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