Die Karriere von Marilyn Monroe begann bescheiden. Nur wenige Wochen nachdem Norma Jeane Baker eine Karteikarte bei der Blue Book Modelling Agentur hinterlassen hatte, stand sie bereits vor dem Objektiv des Profi-Fotografen André de Dienes. Mit gerade einmal 19 Jahren war sie bereit für ihre ersten professionellen Aufnahmen, obwohl sie vom Agenturpersonal als Debütantin und sehr ehrgeizig angekündigt wurde. De Dienes erkannte sofort ihr Potenzial und beschrieb sie als „nicht ohne Charme“, aber auch als „einfach zu naiv, zu unbedarft“ für seine anspruchsvollen Zwecke, insbesondere für Nacktaufnahmen. Dennoch spürte er, „was aus dieser noch unausgegorenen Schönheit herauszuholen war“. Da Norma Jeane ihm mitteilte, dass sie sich in Scheidung befinde, engagierte er sie für eine wöchentliche Gage von 100 Dollar. Es folgte eine ausgedehnte Fototour durch Kalifornien, Arizona, Nevada und Oregon, bei der Norma Jeane in verschiedensten Rollen abgelichtet wurde: im Badeanzug, in Jeans, mit Lämmchen und Kürbissen, als Heidi und als Lolita.

Die Fotografien zeigen eine junge Frau, die sich der Kamera vollkommen hingibt - strahlend, gelöst und kokett. Feministinnen mögen hier die Frau als Objekt des männlichen Blicks kritisieren, doch übersehen sie dabei Norma Jeans souveräne Beherrschung der Aufnahmen. Sie fühlte sich in ihrem Körper wohl, wollte ihn zur Schau stellen und machte sich selbst zum Objekt des Begehrens, wodurch sie zum Subjekt jeder einzelnen Fotografie wurde.
Der Aufstieg in Hollywood
Norma Jeanes Modellkarriere florierte, und ihre Agentur ebnete ihr den Weg nach Hollywood. Die Sitten in den damaligen Hollywood-Studios, oft gegründet von ehemaligen Pelzhändlern und Schrottverwertern, waren nichts für zartbesaitete Gemüter. Junge Frauen mit mehr Selbstachtung als Ehrgeiz konnten eine Schauspielkarriere in der Regel vergessen. Wer Erfolg haben wollte, musste Zähne zusammenbeißen und lächeln, und akzeptieren, dass Hollywood die Wahrheit nicht immer berücksichtigte. Das klassische Hollywood-System der dreißiger und vierziger Jahre war ein gewaltiger „Menschenverwurstungsapparat“. Die Publicity-Abteilungen der Studios entwickelten systematisch für jedes neue Starlet und jeden jugendlichen Liebhaber ein Image, das Erfolg versprach. Für diese Vertragsdarsteller wurde oft ein Künstlername erfunden, wie im Fall von John Wayne (geboren als Marion Michael Morrison). Ein Lebenslauf wurde zusammengestellt, das Aussehen, Make-up und Frisur optimiert, Interviews geprobt und das Privatleben arrangiert - notfalls durch eine inszenierte Ehe. Geheime Gerüchte wurden an einflussreiche Reporter gestreut, und Studiofotografen verewigten die neu geschaffene Kreatur in Posen. Selbst die glamourösesten Porträts wurden nachbearbeitet, um Makel zu beseitigen und einen überirdischen Glanz zu erzielen.
In 90 Prozent der Fälle führten diese Bemühungen zu nichts, und gescheiterte Hollywood-Anwärter mussten die Heimreise antreten. War die Behandlung jedoch erfolgreich und der Nobody zum Star geworden, sorgten langjährige Knebelverträge dafür, dass selbst die größten Hollywood-Götter für vergleichsweise geringe Gagen hart arbeiteten und taten, was ihre Arbeitgeber ihnen vorschrieben. Stars hatten kaum Einfluss auf ihre Rollenwahl und wurden bei keiner Entscheidung um Rat gefragt. Clark Gable sagte: „Ich werde bezahlt, um nicht zu denken.“ Bette Davis beklagte, dass eine suspendierte Schauspielerin nicht einmal als Ramschverkäuferin einen Job finden konnte und viele sich schließlich den Forderungen der Studios beugten.
Wenn eine Karriere sich dem Ende zuneigte, wurden Stars gnadenlos aussortiert. Darryl Zanuck, Produktionschef bei Fox, erklärte die 36-jährige Betty Grable öffentlich für „verbraucht“. Dieses unrühmliche Ende sollte auch Norma Jeane noch miterleben, da sie später mit Grable einen Film drehte.

Von Norma Jeane zu Marilyn Monroe
Das Fotomodell Norma Jeane Dougherty erhielt im August 1946 ihren ersten Einjahresvertrag bei Twentieth Century Fox. Zunächst musste ihr Name ihrem Image weichen. Der Fox-Manager, der sie entdeckte, hielt ihren ehelichen Namen für ungeeignet. Nach der Erwägung von „Carole Lind“ und „Marilyn Miller“ einigte er sich mit ihr auf „Marilyn Monroe“ - ein Stabreim, dessen Aussprache die Lippen zu zwei zarten Küssen formte. Das „Monroe“ stammte vom Mädchennamen ihrer Mutter. Das Studio ließ ihre Zähne richten, ihren Kiefer neu formen und ihre Nase verfeinern. Dennoch wurde ihr Vertrag nicht verlängert, da Fox-Chef Darryl Zanuck sie nicht hübsch genug fand.
Ihre einzige Chance, ein Star zu werden oder einen neuen Vertrag zu bekommen, sah sie in der damals für Hollywood typischen „Party-Prostitution“. Marilyn besuchte Feste und Cocktail-Empfänge in Los Angeles, wo Produzenten, Studiobosse und Regisseure ihren Nachwuchs rekrutierten. Auf diese Weise erregte sie die Aufmerksamkeit von Fox-Manager Joe Schenck. „Onkel Joe“, wie er genannt wurde, ließ sie in seinem Gästehaus wohnen, um sie jederzeit verfügbar zu haben.
Erste Erfolge und der Beginn des Ruhms
Der Künstler-Agent Johnny Hyde war einer der Ersten, der Marilyns Qualitäten außerhalb der „Besetzungscouch“ zu schätzen wusste. Er lernte sie 1948 auf einer Silvesterparty des Produzenten Sam Spiegel kennen. Spiegels Feiern waren berühmt für ihre Exklusivität. Hyde verliebte sich in Marilyn und verstand das Geschäft. Er erkannte, dass sie nicht durch irgendeine Rolle berühmt werden würde, sondern etwas Besonderes benötigte. Mit Spiegels Hilfe verschaffte Hyde ihr eine Rolle in John Hustons Film „The Asphalt Jungle“. Es folgte „All About Eve“, bei dem Darryl Zanuck sie plötzlich für hübsch und talentiert hielt und ihr 1950 einen Sieben-Jahres-Vertrag über 750 Dollar pro Woche gab. Ihre Zeit war gekommen.
Anfang der fünfziger Jahre entbrannte in der amerikanischen Gesellschaft ein heftiger Streit über Sexualität, wobei alle Parteien von der zentralen Bedeutung des Sex überzeugt waren. Populäre Vorstellungen von der Macht der Triebe galten als letzte Wahrheiten. Marilyn Monroe verkörperte mit ihrer einzigartigen physischen Ausstrahlung diese gesellschaftliche Besessenheit. Ihr Image - die weichen, runden Formen, der „horizontale“ Gang mit starkem Hüftschwung, das herausgestreckte Gesäß und das überquellende Dekolleté, der leicht geöffnete Mund und die atemlose Stimme, das platinblonde Haar wie ein Heiligenschein - suggerierte einen weiblichen Sex-Appeal, der sinnlich und gleichzeitig dem männlichen Betrachter zum Genuss angeboten wurde. Nur mit platinblondem Haar wurde sie zur „weißen Göttin der Sinnlichkeit“. 1953, nachdem sie ihre Haare zunehmend heller getönt hatte, verwandelte sie sich endgültig in die bekannte Lichtgestalt. Ihre Filme „Niagara“, „Blondinen bevorzugt“ und „Wie angelt man sich einen Millionär?“ machten sie zum größten weiblichen Kassenstar des Jahres.
Marilyn Monroe: Die ikonische Blondine | Vollständige Biografie (Manche mögen's heiß)
Im selben Jahr wurde die Kinsey-Studie zur weiblichen Sexualität veröffentlicht und die erste Ausgabe des „Playboy“ erschien mit einem Marilyn-Porträt auf dem Titel und einem Akt als Centerfold. Die Aktaufnahme, die 1949 für einen Kalender entstanden war, sorgte 1952 für Aufsehen. Damals drohte der Skandal ihre Karriere zu ruinieren, doch Marilyn trat die Flucht nach vorn an, erklärte, das Geld für die Aufnahme (50 Dollar) sei zum Überleben benötigt worden, und sie schäme sich nicht dafür. Diese Strategie, Sex als natürlich und unschuldig darzustellen, entsprach einer Haltung, die sich gegen prüde amerikanische Normen durchsetzte und vom „Playboy“ propagiert wurde: eine positive, großzügige Sicht auf Sex, die ihn mit Glück, Schönheit und Erfüllung verknüpfte. Marilyn war der Inbegriff dieser neuen Sex-Ideologie. Sie kannte keine Scham und wirkte nie schamlos, dank ihrer Mischung aus Kindlichkeit, Verletzlichkeit und Unschuld. Sie war immer willig und begehrenswert, aber nie fordernd.
Ein besonders eindrucksvoller Moment ihres Sex-Appeals ist die Szene aus „Das verflixte siebente Jahr“, in der ihr weißes Kleid sich über einem New Yorker U-Bahn-Luftschacht bauscht. Regisseur Billy Wilder erkannte später, dass ihre Wirkung nicht von ihren Beinen ausging, sondern von der ganzen Frau. Wäre sie nur die Eiscreme-Verkäuferin gewesen, die den sexuellen Hunger ihrer Zeitgenossen stillte, wäre Marilyn wohl mit den fünfziger Jahren untergegangen, wie andere Kurvenstars ihrer Zeit.
Komplexität und Widersprüche
Marilyns Image wurde mit den Jahren immer komplexer. Ihr Tod sollte die Widersprüche ihres Lebens noch deutlicher hervortreten lassen. Der deutsche Filmwissenschaftler Enno Patalas erkannte bereits Mitte der sechziger Jahre, dass Marilyn Monroes Filme ihren verzweifelten Kampf um die Behauptung ihrer Identität bezeugten. Stars sind jedoch keine Individuen mehr, sondern Zeichensysteme, die sich aus allen Veröffentlichungen über sie zusammensetzen. Ein Star wird nur, wer nationale oder globale Verbreitung findet.
Der Netflix-Film „Blond“, basierend auf dem Roman von Joyce Carol Oates, beleuchtet die Licht- und Schattenseiten von Marilyn Monroes Leben. Der Film, der als erster Netflix-Film eine Altersfreigabe ab 18 Jahren erhielt, wurde kontrovers diskutiert und von vielen als „abscheulichster Film aller Zeiten“ bezeichnet. Er zeigt ihre Kindheit als ungeliebte Tochter einer psychisch kranken Mutter und die Verwandlung von Norma Jeane Mortenson in die Kunstfigur Marilyn Monroe. Wenn die Lichter ausgehen, verwandelt sie sich jedoch zurück in eine zutiefst unsichere Frau, die von einer toxischen Beziehung in die nächste stolpert und immer wieder von ihren Traumata eingeholt wird.

Der Film wird kritisiert, weil er die Schattenseiten ihres Lebens übermäßig betont und wichtige Aspekte wie ihr Engagement gegen Atomwaffen, ihre Gründung einer eigenen Produktionsfirma mit 28 Jahren oder ihre Rolle als Aktivistin für die Bürgerrechte nicht erwähnt. Stattdessen wird sie als passives Opfer dargestellt, das von Männern wie ein Stück Fleisch behandelt wird.
Kontroverse um die Darstellung von Abtreibungen
Besonders problematisch ist die Darstellung von Abtreibungen im Film „Blond“. Obwohl das Wort „Abtreibung“ nicht fällt, zieht sich das Thema durch den gesamten Film. Eine Szene zeigt, wie die ungewollt schwangere Marilyn in einem leichenwagenähnlichen Auto zu einer Abtreibung gefahren wird, während sie fleht, umzukehren. Sie träumt davon, ihr Baby zu retten, und sagt später zu sich selbst: „Und dafür hast du dein Kind umgebracht.“ Der Film suggeriert, dass Marilyn ihre Abtreibung bereute und dadurch nachhaltig traumatisiert wurde. Dies steht im Widerspruch zu Studien, die zeigen, dass die überwiegende Mehrheit der Frauen eine Abtreibung nicht bereut.
Zusätzlich treten in „Blond“ mehrfach anatomisch fast vollständig entwickelte Cartoon-Föten auf, die mit Marilyn sprechen und ihr die Abtreibung vorwerfen. Diese Darstellung, die einen Zellklumpen als vollentwickelten Menschen zeigt, wird als Taktik von Abtreibungsgegnern kritisiert, um Frauen nach einer Abtreibung Mord vorwerfen zu können. Die Abtreibungsrechtsorganisation „Planned Parenthood“ und Kritiker werfen dem Film vor, Anti-Choice-Propaganda zu sein und die Gesundheitsentscheidungen von Frauen zu stigmatisieren.
Fakten und Fiktion in „Blonde“
„Blond“ ist keine Dokumentation, sondern basiert auf einem Roman von Joyce Carol Oates. Viele Szenen beruhen auf Gerüchten oder sind frei erfunden. So wird etwa die Frage aufgeworfen, ob Clark Gable Marilyns Vater gewesen sein könnte, oder ob sie Beziehungen zu Charles Chaplin Jr. und Edward G. Robinson Jr. hatte. Im realen Leben gibt es keinen Hinweis darauf, dass Marilyn Monroe 1953 schwanger war oder eine Abtreibung hatte. Die angebliche Affäre mit Präsident John F. Kennedy und eine daraus resultierende Abtreibung sind ebenfalls Spekulation.
Der Film stellt Marilyn als psychisch krankes und hypersexualisiertes Opfer dar, das sich selbstzerstörerisch verhält und kaum glücklich ist. Kritiker bemängeln, dass die vielschichtige Persönlichkeit der Monroe, ihre Intelligenz, ihr Humor, ihre Warmherzigkeit und ihr unternehmerisches Geschick, wie auch ihr Engagement für Ella Fitzgerald oder ihre erfolgreiche Tätigkeit als Filmproduzentin, ausgeblendet werden.
Dennoch wird die schauspielerische Leistung von Ana de Armas in der Rolle der Marilyn Monroe gelobt. Sie wechselt souverän zwischen der schutzbedürftigen Kindfrau und dem strahlenden Vamp. Kritiker bedauern jedoch, dass ihr Talent für ein vielschichtigeres Biopic genutzt wurde, das der echten Marilyn Monroe, die alles andere als ein dummes Blondchen war, näherkäme.
Das Leben von Marilyn Monroe war geprägt von Höhen und Tiefen, von glanzvollen Momenten des Ruhms und tiefen Tälern der persönlichen Tragödie. Ihre Beziehung zur Kamera war eine der leidenschaftlichsten Liebesgeschichten im Showbusiness. Ihr Aufstieg vom Pin-up-Modell zum Megastar in nur 17 Jahren ist faszinierend, doch die Darstellung ihrer Person bleibt bis heute Gegenstand von Debatten und Interpretationen.
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