Binge-Eating-Störung: Ursachen, Symptome und Behandlung

Die Binge-Eating-Störung (BES), abgeleitet vom englischen Begriff "binge eating" für exzessives, übermäßiges Essen, ist eine ernstzunehmende psychische Erkrankung, die unbedingt behandelt werden muss. Sie gehört zu den Essstörungen und ist gekennzeichnet durch wiederkehrende Essanfälle, bei denen Betroffene große Mengen an Nahrung zu sich nehmen und dabei das Gefühl haben, die Kontrolle über ihr Essverhalten verloren zu haben.

Anders als bei der Bulimie werden nach einem Essanfall keine kompensatorischen Maßnahmen wie Erbrechen, die Einnahme von Abführmitteln oder exzessiver Sport zur Gewichtsreduktion eingesetzt. Eine häufige Folge der Binge-Eating-Störung ist daher Übergewicht oder Adipositas.

Schema, das die typischen Merkmale der Binge-Eating-Störung gegenüberstellt mit Bulimie und Magersucht

Merkmale und Symptome der Binge-Eating-Störung

Menschen mit einer Binge-Eating-Störung erleben regelmäßig Essattacken, die bis zu zwei Stunden oder länger dauern können. Während dieser Anfälle werden große Mengen an Speisen oft schnell hinuntergeschlungen. Typischerweise haben die Betroffenen während des Anfalls das Gefühl, die Kontrolle über das Essen verloren zu haben. Häufig essen sie, ohne ein Hungergefühl verspürt zu haben. Der Kontrollverlust kann auch damit beginnen, dass kurz vor dem Anfall impulsiv große Mengen an Lebensmitteln eingekauft werden. Aus Scham essen sie dann oft heimlich statt in Gesellschaft anderer.

Nach einem Essanfall fühlen sich Betroffene meist niedergeschlagen, empfinden Ekel und Schuldgefühle. Zwischen den Anfällen sind zwar unangenehme Gefühle wie Gewissensbisse oder Unzufriedenheit mit der Figur möglich, die Betroffenen essen in diesen Phasen jedoch weitgehend normal.

Folgende Kriterien sind nach dem aktuellen Diagnostischen und Statistischen Manual Psychischer Störungen (DSM-V) für die Diagnose der Binge-Eating-Störung entscheidend:

  • Wiederholte Episoden von Essanfällen, die gemeinsam mit mindestens drei der folgenden Symptome auftreten:
    • Wesentlich schneller essen als normal
    • Essen bis zu einem unangenehmen Völlegefühl
    • Essen großer Nahrungsmengen, wenn man sich körperlich nicht hungrig fühlt
    • Alleine essen aus Verlegenheit über die Menge, die man verzehrt
    • Ekelgefühle gegenüber sich selbst, Deprimiertheit oder große Schuldgefühle nach dem übermäßigen Essen
  • Es besteht ein deutlicher Leidensdruck aufgrund der Essanfälle.
  • Die Essanfälle treten im Durchschnitt an mindestens einem Tag pro Woche über drei Monate auf.
  • Die Essanfälle gehen nicht mit dem regelmäßigen Einsatz von unangemessenen kompensatorischen Verhaltensweisen einher (z. B. absichtliches Erbrechen, Fasten oder exzessive körperliche Betätigung) und sie treten nicht ausschließlich im Rahmen einer Magersucht oder Bulimie auf.

Ein Essanfall ist charakterisiert durch die Aufnahme einer Nahrungsmenge in einem abgrenzbaren Zeitraum (z. B. zwei Stunden), die erheblich größer ist, als die meisten Menschen in einem ähnlichen Zeitraum unter ähnlichen Umständen essen würden, und ein Gefühl des Kontrollverlustes über das verzehrte Essen während der Episode.

Infografik, die die Häufigkeit von Essstörungen in Deutschland darstellt, mit Fokus auf Binge-Eating als häufigste Form

Ursachen und Risikofaktoren der Binge-Eating-Störung

Die Entstehung einer Binge-Eating-Störung ist komplex und resultiert aus einem Zusammenspiel verschiedener Faktoren, die sich gegenseitig beeinflussen können. Dazu zählen biologische, psychologische und soziale Aspekte.

Biologische und körperliche Einflüsse:

  • Häufiges Diäthalten
  • Erhöhter Body-Mass-Index (BMI)
  • Genetische Veranlagung (Zwillingsstudien deuten darauf hin)
  • Komplikationen in der Schwangerschaft und bei der Geburt, gesundheitliche Probleme in der Kindheit

Psychologische Faktoren:

  • Geringes Selbstwertgefühl und Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper bis hin zu Selbsthass
  • Schwierigkeiten im Umgang mit negativen Emotionen, Sorgen und Konflikten
  • Impulsivität
  • Negative Lebenserfahrungen wie Schulstress, Trennung der Eltern oder Gewalt
  • Frühe Diätgeschichte
  • Emotionale Probleme wie Einsamkeit, zwischenmenschliche Konflikte oder belastende Ereignisse können als Auslöser wirken.
  • Dysregulationen in den Bereichen Emotionsregulation, Belohnungsverarbeitung und Impulskontrolle

Soziale und familiäre Einflüsse:

  • Das in westlichen Industrienationen vorherrschende Schönheitsideal eines schlanken Körpers kann das Erkrankungsrisiko erhöhen.
  • Familiäre Einflüsse, wie Vorbilder für riskantes Essverhalten oder eine gering ausgeprägte Unterstützung durch andere Menschen.
  • Strenge elterliche Ernährungspraktiken, bei denen die Nahrungsmenge nicht nach den Bedürfnissen des Kindes, sondern von den Eltern bestimmt wird, können dazu führen, dass das Kind nicht lernt, wann es satt ist und wie es Hungergefühle regulieren kann.

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Folgen und Risiken der Binge-Eating-Störung

Die Binge-Eating-Störung kann sowohl körperliche als auch psychische und soziale Folgen haben.

Körperliche Folgen:

Da bei der Binge-Eating-Störung in der Regel keine kompensatorischen Maßnahmen erfolgen, führt die übermäßige Nahrungsaufnahme häufig zu Übergewicht oder Adipositas (BMI über 30). Dies erhöht das Risiko für eine Reihe von körperlichen Erkrankungen:

  • Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Bluthochdruck, erhöhte Blutfettwerte, Arteriosklerose (Arterienverkalkung), Herzinfarkt und Schlaganfall
  • Herzschwäche (Herzinsuffizienz)
  • Diabetes mellitus Typ 2
  • Gelenk- und Wirbelsäulenprobleme (insbesondere Knie- und Hüftgelenke, Bandscheiben)
  • Atem- und Schlafstörungen
  • Erhöhtes Risiko für bestimmte Krebsarten (z. B. Speiseröhren-, Dick- und Enddarm-, Nieren-, Brustkrebs)

Die Essstörung kann durch diese Folgeerkrankungen die Lebenserwartung senken.

Psychische und soziale Folgen:

  • Starkes Schamgefühl und Ekel vor sich selbst
  • Depressionen und Angststörungen (häufig als komorbide Erkrankungen)
  • Sozialer Rückzug und Vernachlässigung sozialer Kontakte und Interessen
  • Finanzielle Schwierigkeiten durch den regelmäßigen Kauf großer Nahrungsmengen
  • Geringes Selbstwertgefühl und negatives Körperbild
  • Erhöhtes Suizidrisiko, insbesondere wenn weitere psychische Erkrankungen vorliegen
  • Belastung von Partnerschaften und familiären Beziehungen
Grafik, die die häufigsten körperlichen Folgeerkrankungen der Adipositas im Zusammenhang mit Binge-Eating darstellt

Diagnose der Binge-Eating-Störung

Die Diagnose einer Binge-Eating-Störung erfolgt in der Regel durch eine Kombination aus ausführlichen Gesprächen und psychologischen Untersuchungen. Ein erster Ansprechpartner kann die Hausarztpraxis sein.

Im Rahmen eines ausführlichen Gesprächs (Anamnese) erfragen Ärzte und Psychotherapeuten detailliert die Essanfälle, deren Häufigkeit, die damit verbundenen Gefühle und das Essverhalten zwischen den Anfällen. Es wird auch geprüft, ob andere Essstörungen wie Bulimie vorliegen.

Eine körperliche Untersuchung dient dazu, körperliche Ursachen für Essstörungen auszuschließen und mögliche Folgeschäden zu erkennen. Dazu gehören die Berechnung des BMI, Blutuntersuchungen (Blutzucker, Blutfettwerte, Harnsäure) und gegebenenfalls eine Untersuchung des Herz-Kreislauf-Systems.

Eine psychologische Untersuchung durch einen Facharzt oder Psychologen kann mittels eines strukturierten klinischen Interviews eine genaue Diagnose stellen und das Vorliegen weiterer psychischer Störungen feststellen. Ein häufig verwendetes Diagnoseinstrument ist der „Eating Disorder Examination“-Test (EDE).

Therapie der Binge-Eating-Störung

Die Behandlung der Binge-Eating-Störung zielt darauf ab, die Essanfälle dauerhaft zu verhindern, Schamgefühle und Ängste abzubauen, weitere psychische Beschwerden zu lindern und ein gesundes Essverhalten zu etablieren.

Psychotherapie:

Die Psychotherapie ist die primäre Behandlungsmethode. Am wirksamsten hat sich die kognitive Verhaltenstherapie (KVT) erwiesen. Sie setzt an drei Kernbereichen an:

  • Normalisierung des Essverhaltens: Erlernen eines regelmäßigen, gesunden Essverhaltens, das Essanfällen vorbeugt. Bei Übergewicht kann auch die Gewichtsreduktion Teil der Therapie sein, wobei Bewegung eine wichtige unterstützende Rolle spielt.
  • Stärkung der Körper- und Selbstakzeptanz: Aufbau eines positiven Körperbildes und Reduzierung der Abhängigkeit vom Gewicht, um sich unabhängig vom Körpergewicht wohler zu fühlen.
  • Erkennen und Vermeiden von Auslösern: Erlernen des Umgangs mit negativen Gefühlen, Konfliktlösung und das Äußern eigener Bedürfnisse.

Eine weitere wirksame Methode ist die interpersonelle Psychotherapie (IPT), die sich auf die Verbesserung interpersoneller Beziehungen und die Reduzierung zwischenmenschlichen Stresses konzentriert.

Medikamentöse Behandlung:

Medikamente spielen bei der Binge-Eating-Störung eher eine untergeordnete Rolle. Sie können jedoch in Betracht gezogen werden, wenn eine Psychotherapie allein nicht ausreichend wirkt. Mögliche Medikamente umfassen ADHS-Medikamente (z. B. Lisdexamfetamin), bestimmte Antidepressiva und Epilepsie-Mittel, die helfen können, die Häufigkeit von Essanfällen zu reduzieren. Mögliche Nebenwirkungen sind Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit und Unruhe.

Selbsthilfe und digitale Angebote:

Erwachsene Betroffene können auf strukturierte Selbsthilfe zurückgreifen, die Informationsmaterialien und Übungen basierend auf der kognitiven Verhaltenstherapie bereitstellt. Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) bieten ebenfalls Hintergrundinformationen, Übungen und interaktive Elemente wie ein Esstagebuch.

Ernährungsberatung und Sport:

Für viele Betroffene, insbesondere bei Übergewicht, sind Ernährungsberatung und Sport zusätzliche Bestandteile der Therapie. Wichtig ist dabei, gleichzeitig einen weniger kritischen Umgang mit der eigenen Figur und möglichem Übergewicht zu erlernen.

Die Behandlung erfolgt in der Regel ambulant, kann aber in schweren Fällen oder bei komorbiden Erkrankungen auch stationär in einer Klinik sinnvoll sein. Nach Abschluss der Therapie ist eine Aufmerksamkeit und Nachsorge wichtig, um Rückfälle zu vermeiden und alte Denk- und Verhaltensmuster zu erkennen.

Symbolbild für Therapie und Selbsthilfe bei Essstörungen (z.B. Hände, die sich halten, oder eine Person, die mit einem Therapeuten spricht)

Heilungschancen und Prognose

Die Heilungschancen bei der Binge-Eating-Störung sind generell gut. Ungefähr 50 Prozent der Patienten sind nach einer erfolgreichen Psychotherapie symptomfrei. Bei den restlichen 50 Prozent verbessern sich die Symptome deutlich. Rückfälle treten bei durchschnittlich unter zehn Prozent auf. Viele Patienten lernen, ihr Essverhalten langfristig stabil zu regulieren.

Die Erfolgsaussichten sind stark von der Schwere und Dauer der Essstörung abhängig. Je früher die Behandlung beginnt, desto besser sind die Heilungschancen. Eine Binge-Eating-Störung kann sich im Vergleich zu anderen Essstörungen wie Magersucht, die eine höhere Mortalitätsrate aufweist, günstiger entwickeln.

Nach erfolgreicher Behandlung der Essanfälle kann auch eine Gewichtsreduktionsbehandlung umso erfolgreicher durchgeführt werden.

Wo Betroffene Hilfe finden

Betroffene und Angehörige können sich an verschiedene Stellen wenden:

  • Hausarztpraxis
  • Psychotherapeuten und Psychiater
  • Beratungsstellen für Essstörungen
  • Beratungsangebote von Gesundheitsämtern
  • Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (früher Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, BZgA)
  • Selbsthilfegruppen
  • Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA)

Es ist wichtig, sich professionelle Hilfe zu suchen, da die Binge-Eating-Störung eine ernsthafte Erkrankung ist, die das Wohlbefinden und die Gesundheit erheblich beeinträchtigen kann.

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