Gestillte Säuglinge entwickeln sich weltweit sehr ähnlich, wenn die Bedingungen für ein optimales Wachstum erfüllt sind. Entscheidend dafür sind gute Aufklärung und Begleitung der Familien, damit sich ein optimales Stillmanagement etablieren kann.
Die Neugeborenen-Phase: Stillbeginn und frühe Entwicklung
Ein gesundes, reifes Neugeborenes wird sich normalerweise von selbst etwa 8 bis 12 Mal oder mehr in 24 Stunden zum Stillen melden. Wenn das Baby in den ersten Tagen und Wochen korrekt angelegt wird und uneingeschränkt lange stillen kann, wird dadurch eine ausreichende Stimulation gewährleistet. In der Neugeborenen-Phase wird das Stillen initiiert und etabliert. Die großen Veränderungen während der ersten sensiblen Tage erfordern eine differenzierte Beurteilung des Verlaufs.
Mutter und Kind bleiben unmittelbar nach der Geburt im direkten Haut-zu-Haut-Kontakt. Das erste Stillen findet idealerweise noch im Kreißsaal statt. Im Idealfall hat das Baby von selbst zur Brust gefunden oder hat mit Unterstützung gut an der Brust gesaugt. Das Neugeborene wird bei Stillzeichen frühzeitig und ohne Verzögerung angelegt. Stillzeichen sind beispielsweise Unruhe, Saugverhaltensweisen oder Schmatzen.
Mutter und Kind haben eine bequeme Stillposition eingenommen. In den meisten Fällen wird dies das intuitive Stillen sein, im Bedarfsfall ergänzt durch andere Stillpositionen. Das Baby erhält in dieser ersten sensiblen Phase keine anderen Sauger oder Schnuller. Nicht immer gelingt der Stillbeginn reibungslos. Besonderes Augenmerk benötigt die Gruppe der sogenannten "Late preterm"-Babys.
Wenn das Kind über 7% an Gewicht verliert, ist eine Überprüfung des Stillmanagements notwendig und es sollten Maßnahmen zur Sicherung des Milchtransfers ergriffen werden (z.B. Brustkompression beim Stillen, Handgewinnung von Kolostrum ergänzend zum Anlegen). Bei einem Gewichtsverlust von mehr als 10% ist in den meisten Fällen die medizinische Indikation zur Zufütterung gegeben. Vorsicht: Bei einigen Kindern kann das Geburtsgewicht durch hohe peripartale mütterliche intravenöse Flüssigkeitsgaben verfälscht sein.

Grundlagen des Stillmanagements nach den ersten Tagen
Nach den allerersten Tagen, in denen das Stillen an der noch weichen Brust geübt und das wertvolle Kolostrum für das Kind zur Verfügung gestellt wird, setzt etwa am Tag 3-5 postpartal die initiale Brustdrüsenschwellung (IBDS) ein. Das Baby wird weiterhin etwa 8-12 Mal oder mehr in 24 Stunden gestillt, sobald es frühe Stillzeichen zeigt. Die einzelnen Stillmahlzeiten dauern unterschiedlich lange.
Das Baby zeigt ein aktives Trink- und Saugverhalten: Phasen des nutritiven Saugens (regelmäßiges, ausdauerndes Schlucken) wechseln sich mit Phasen des non-nutritiven Saugens ("nuckeln"/ kleine Pausen an der Brust) ab. In den ersten Wochen kommt es häufig zu sogenannten Clusterfeeding-Phasen, in denen das Baby in kurzen Abständen kleine Portionen trinkt, sich ausruht und dann wieder weiterstillen möchte. Mit etwa 3 Monaten haben sich Mutter und Kind meist gut eingespielt, die Clusterfeeding-Phasen haben sich abgeschwächt und die meisten Babys stillen nun deutlich effizienter und kürzer als in den ersten Wochen.
Ausscheidungen bei gestillten Säuglingen
In den ersten 4-6 Wochen sind täglich etwa 2-5 Stuhlentleerungen zu erwarten. Die Anzahl und Konsistenz des Stuhls kann variieren, ist aber ein wichtiger Indikator für eine ausreichende Milchaufnahme.
Wachstumskurven und Perzentilen: Eine Orientierungshilfe
Ein gut gestilltes Kind wird auf seiner individuellen Perzentile parallel entlang der WHO-Wachstumsstandards zunehmen. Die WHO-Wachstumsstandards sind das Ergebnis mehrerer großer Längsschnittstudien, die in verschiedenen Ländern mit unterschiedlichen sozio-ökonomischen Bedingungen durchgeführt und von der WHO 2006 veröffentlicht wurden.
Für die Praxis der Stillberatung hat Márta Guóth-Gumberger, IBCLC, ein sehr empfehlenswertes Buch für Fachkräfte geschrieben: "Gewichtsverlauf und Stillen - Dokumentieren, Beurteilen, Begleiten", erschienen im Mabuse-Verlag. In diesem findet sich auch das von ihr entwickelte Programm STILLDOK, welches sich gut zur individuellen Beurteilung des Gewichtsverlaufs eignet (auch als Premium-Version erhältlich). Außerdem stellt sie auf ihrer Webseite hilfreiche Informationen und Materialien zur Verfügung.
Wenn Ausscheidungen oder Gewichtsverlauf nicht mit den zu erwartenden Anforderungen für die jeweilige Altersgruppe übereinstimmen, ist dies eine sehr komplexe und herausfordernde Situation für Familien und begleitende Fachkräfte. Zunächst wird das Stillmanagement genau überprüft und optimiert.

Was bedeuten Perzentilen?
Perzentilenkurven stellen das Wachstum von Kindern im Vergleich zu Gleichaltrigen dar. Sie zeigen an, wie viel Prozent der Kinder desselben Geschlechts leichter oder schwerer bzw. kleiner oder größer sind. Die mittlere Kurve (50. Perzentile) repräsentiert den Durchschnittswert, d.h. etwa gleich viele Kinder sind schwerer und leichter als das Kind auf dieser Linie.
- 3. bis 97. Perzentile: Normalbereich
- Unter 3. Perzentile: Mögliches Wachstumsproblem, erfordert genauere Beobachtung
- Über 97. Perzentile: Kind ist im Vergleich zu Gleichaltrigen groß/kräftig, erfordert ebenfalls Beobachtung
Ein einzelner Punkt auf einer Wachstumstabelle ist immer nur eine Momentaufnahme. Interessant wird es, wenn man den Verlauf über die Zeit betrachtet. Wächst das Baby stetig weiter und folgt seiner persönlichen Wachstumskurve, ist dies ein gutes Zeichen. Ein kleiner Knick in der Kurve kann vorkommen, aber ein starker Abfall erfordert eine genauere Abklärung.
Wichtig: Perzentilen sind nur Prozentangaben, keine Idealverläufe. Sie ersetzen keine ärztliche Beurteilung.
Besonderheiten bei gestillten Säuglingen
Gestillte Babys dürfen in den ersten Tagen bis zu 7% ihres Geburtsgewichts verlieren, müssen aber spätestens nach 3 Wochen ihr Geburtsgewicht wieder erreicht haben. Bei einem Baby mit 3.500g Geburtsgewicht wären das maximal 245g Gewichtsverlust. Am 10.-14. Lebenstag sollte das Baby sein Geburtsgewicht wieder erreicht haben.
Der wichtige Unterschied: Gestillte vs. Formulanahrung-Babys
In den allerersten Tagen können gestillte Neugeborene etwas Gewicht abnehmen. Für Kaiserschnitt-Mamas wichtig zu wissen: Durch die Infusionen während der Geburt (z.B. Ringer-Laktat-Lösung) können kurzfristig Wassereinlagerungen beim Neugeborenen auftreten, die nach der Geburt rasch wieder abgebaut werden. Dies kann zu einer Gewichtsabnahme von mehr als 7% oder sogar 10% führen, ohne dass ein Stillproblem vorliegt. Einige Kliniken erheben bei Kindern der entsprechenden Risikogruppe nach 12 oder 24 Stunden postpartal ein „korrigiertes Geburtsgewicht“, von dem aus die 7%- und 10%-Marken ermittelt werden.
Eine größere Gewichtsabnahme ist ein Warnsignal für eine mögliche Störung des Stillens. Oft handelt es sich dabei jedoch um Wassereinlagerungen durch Infusionen - nicht um ein Stillproblem.
Gewichtszunahme gestillter Säuglinge im ersten Lebensjahr
Die Gewichtszunahme gestillter Säuglinge variiert. Als Richtwerte gelten:
- Erste 2 Monate: ca. 170-330g pro Woche
- 3.-4. Monat: ca. 110-330g pro Woche
- 5.-6. Monat: ca. 70-140g pro Woche
- 7.-12. Monat: ca. 40-110g pro Woche
Liegt die Gewichtszunahme Deines Kindes unter diesen Werten, solltest Du eine Stillberaterin IBCLC für eine individuelle Beratung aufsuchen.
Tipp: Verlass Dich nicht nur auf die Waage! Ein gesundes Baby ist aktiv, hat täglich mehrere nasse Windeln und regelmäßigen Stuhlgang.

Wann ist eine ärztliche Abklärung notwendig?
Wenn die Werte deines Kindes auffällig sind, ist das nicht immer ein Grund zur Sorge. Eine einmalige Messung ist wenig aussagekräftig. Wachstum verläuft nicht linear, sondern in Wellen. Der Verlauf im Zeitverlauf ist viel wichtiger als ein einzelner Wert.
Bei einem auffälligen Testergebnis oder wenn Sie sich Sorgen um die Entwicklung Ihres Kindes machen, sollten Sie auf jeden Fall mit dem Kinderarzt sprechen. Insbesondere wenn die Gewichtsentwicklung oder Körpergröße konstant unterhalb der 3. Perzentile liegt oder stark abfällt, ist eine ärztliche Untersuchung ratsam.
Hinweis: Die WHO hat 2006 neue Referenzkurven erstellt, die nur auf Daten von sechs Monate ausschließlich gestillten Babys basieren.
Individuelle Wachstumsmuster und familiäre Veranlagung
Das Gewicht und die Größe von Kindern sind von vielen Faktoren abhängig, wie der Größe der Eltern, der Herkunft etc. Diese Faktoren müssen bei der Interpretation der Wachstumswerte berücksichtigt werden. Die Abstammung ist wichtig, weil z.B. Kinder italienischer Abstammung durchschnittlich kleiner sind als z.B. Kinder schwedischer Abstammung. Es ist möglich, dass es Wachstumskurven gibt, die spezifisch für bestimmte Regionen oder ethnische Gruppen erstellt wurden, jedoch sind die WHO-Standards die am weitesten verbreiteten.
Oft pendelt sich das Gewicht auf einer Perzentilenkurve ein und das Kind entwickelt sich mehr oder weniger entlang dieser Kurve weiter. Solange sich Kinder kontinuierlich weiter auf ihrer individuellen Kurve entwickeln und dabei fröhlich, gesund und aktiv sind, besteht erfahrungsgemäß kein Grund zur Sorge.
Ein glückliches Stillkind auf "Diät" zu setzen, ist daher nicht nötig und auch nicht empfehlenswert. Manche Stillkinder nehmen in den ersten Monaten sehr rasant und viel zu. Das lässt aber mit der Zeit nach und führt nicht zu späterem Übergewicht. Manchmal ist der Grund für die starke Gewichtszunahme jedoch auch eine große Milchmenge und ein starker Milchspendereflex.
Wichtig für die Beurteilung ist immer auch der Verlauf von Größe und Gewicht, nicht nur Einzelmesspunkte.
Stillen: Richtig anlegen
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