Wenn Babys fremdeln: Ein natürlicher Entwicklungsschritt

Ist Ihr Kind in letzter Zeit stets mit sonnigem Gemüt unterwegs gewesen und versteckt sich nun sofort hinter Ihren Beinen, sobald sich ein Fremder nähert? Vielleicht liegt es nur an der Tagesform oder das Kind ist übermüdet. Es könnte allerdings auch der Beginn einer Fremdelphase sein. Ähnlich wie die Trotzphase ist auch das Fremdeln völlig natürlich und wichtig für die kindliche Entwicklung. Das Kind realisiert: „Hoppla, diese Person kann ich nicht einordnen. Das macht mir Angst. Ich suche Schutz bei meinen Eltern.“

Natürlich ist es schön, wenn unser Baby für gute Laune sorgt und jeden anstrahlt, dem es begegnet. Anstrengend ist es, wenn beim Fremdeln sofort Skepsis und Ängste beim Kind entstehen, sobald ein Fremder auftaucht und Tränchen fließen. Beim Fremdeln ist es nicht möglich, dass weniger bekannte Leute Ihr Kind auf den Arm nehmen.

Infografik mit den typischen Phasen und Merkmalen des Fremdelns bei Babys und Kleinkindern

Nicht jedem blind vertrauen - ein wichtiger Schutzmechanismus

Doch überlegen Sie mal, möchten Sie auf Dauer, dass Ihr Kind jedem blind vertraut? Ist diese Skepsis nicht auch unbewusster Selbstschutz? Bedenken Sie, es wird in Zukunft Zeiten geben, in denen Ihr Kind nicht mit Ihnen zusammen ist. Zum Beispiel beim Spielen draußen mit Freunden. Das ist manchmal schwierig für Eltern: Einerseits möchte man seinem Kind ein positives, offenes Urvertrauen mit auf den Weg geben, andererseits soll es sich auch nicht von jedem ansprechen lassen, geschweige denn mit einer unbekannten Person mitgehen.

Das Fremdeln beginnt typischerweise zwischen dem 6. und 8. Lebensmonat und erreicht oft um den 8. Monat herum einen Höhepunkt, weshalb es auch als „Acht-Monats-Angst“ bezeichnet wird. In dieser Phase beginnt das Baby, zwischen vertrauten und fremden Gesichtern zu unterscheiden. Es hat gelernt, die Gesichter seiner engsten Bezugspersonen klar zu erkennen und sie von weniger vertrauten Personen zu unterscheiden. Das Fremdeln ist somit eine natürliche und gesunde Distanz gegenüber Unbekannten. Aus evolutionsbiologischer Sicht ist Fremdeln ein wichtiger Schutzmechanismus für das Überleben.

Oft setzt das Fremdeln ein, wenn sich der Radius des Babys durch Robben und Krabbeln erweitert. Die so gewonnene Freiheit macht gleichzeitig auch ein wenig Angst. Im Alter von zwei bis drei Jahren klingt das Fremdeln dann immer mehr ab.

Was tun, wenn mein Kind fremdelt?

Unterstützen Sie Ihr Kind beim Fremdeln. Nein, Sie sollen nicht gemeinsam davonlaufen, aber wenn Ihr Kind Ihnen klar signalisiert, dass es zum Beispiel jetzt nicht auf den Arm der Nachbarin möchte, muss das völlig in Ordnung sein. Ihr Kind gibt beim Fremdeln klar und deutlich zu verstehen, dass es sich sehr unwohl fühlt und Angst hat. Zudem lernt Ihr Kind, dass es nicht jede Annäherung von anderen akzeptieren muss und sein „Nein“ gilt (sehr wichtig!). Gleichwohl zeigen Sie Ihrem Schatz, dass Sie seine Bedürfnisse erkennen, es ernst nehmen und ihm Schutz bieten.

Die natürliche Distanz

Keiner von uns würde auch nur auf die Idee kommen, ganz dicht an einen fremden Erwachsenen heranzutreten und diesem über den Kopf oder sogar im Gesicht zu streicheln. Bei Babys und Kindern sieht das ganz anders aus. Manchmal stört es einen als Elternteil nicht - die Situation ist so nett und die Person so freundlich, sodass ein Streicheln am Arm des Kindes natürlich wirkt. Doch es geht auch anders, geradezu übergriffig. Wie soll man sich als Eltern da verhalten?

Schwierig. Man muss ja nicht die ganz große verbale Keule hervorholen, sondern kann freundlich, aber bestimmt darauf hinweisen, dass man es ganz und gar nicht wünscht, dass das Kind angefasst wird. Meistens genügt dies schon. Die Gefühle des Kindes sollen respektiert werden, ansonsten gewinnt das Kind schnell ein Gefühl der Ohnmacht und des Ausgeliefertseins.

Illustration eines Kindes, das sich hinter den Beinen der Mutter versteckt, während eine freundliche Person in sicherem Abstand wartet.

Tipps im Umgang mit dem Fremdeln im Alltag

Diese Phase kann verunsichern, doch Ihre Reaktion macht den Unterschied. Anstatt das Fremdeln als Problem zu sehen, können Sie es als Chance nutzen, Ihrem Kind mit Geduld und Nähe zu zeigen, dass es sich immer auf Sie verlassen kann.

  • Sie sind der sichere Hafen: Ihre wichtigste Aufgabe ist es, die Gefühle Ihres Kindes zu validieren. Zeigen Sie ihm, dass seine Angst okay ist und dass Sie da sind, um es zu beschützen.
  • Vorbereitung von Besuch: Informieren Sie Ihren Besuch vorab. Ein einfaches „Nur damit ihr euch nicht wundert, wir sind gerade mitten in der Fremdelphase“ nimmt Druck von allen Seiten.
  • Ankunft des Besuchs: Bitten Sie den Besuch, Ihr Baby bei der Ankunft zunächst zu ignorieren. Kein direkter Blickkontakt, kein sofortiges Ansprechen. Der Besuch sollte sich erst einmal mit Ihnen unterhalten. So kann Ihr Kind aus sicherer Entfernung beobachten und feststellen: „Mama mag diese Person, also ist sie wohl in Ordnung.“
  • Langsame Annäherung: Die Initiative muss vom Kind ausgehen. Wenn Ihr Baby bei Oma fremdelt, erklären Sie ihr, dass es nichts Persönliches ist. Es liegt oft daran, dass die Hauptbezugsperson (meist die Mutter) in dieser Phase einfach unersetzlich ist.
  • Geduld und Akzeptanz von Oma, Papa & Co.: Erzwingen Sie nichts. Ein „Nein“ des Babys ist ein „Nein“.
  • Gemeinsame Rituale: Regelmäßige, ruhige Aktivitäten wie gemeinsames Bücheranschauen oder ein Lied singen (während Mama dabei ist) stärken die Bindung.
  • Exklusive Zeit: Wenn das Baby es zulässt, können kurze, spielerische Momente ohne die Hauptbezugsperson helfen, eine eigene, vertrauensvolle Beziehung aufzubauen.
  • Kita-Eingewöhnung: Eine Eingewöhnung während der Fremdelphase erfordert besonders viel Feingefühl. Planen Sie ausreichend Zeit ein und kommunizieren Sie offen mit den Erzieher:innen.

Wenn Ihr Baby fremdelt, zwingen Sie es nicht in die Arme von Angehörigen, wenn es das partout nicht möchte. Sie sollten ein fremdelndes Kind aber auch nicht überbehüten. Soziale Fähigkeiten, die für sein ganzes weiteres Leben wichtig sind, lassen sich nur im Kontakt mit anderen Menschen ausbauen.

Fremdeln: Das kannst du machen, wenn dein Baby fremdelt | Alltag mit Baby

Alles geht vorüber - auch das Fremdeln

Wie wahr. Im Falle des Fremdelns (ebenso bei der Trotzphase) ist dies keine platte Floskel. Mit ca. 2 Jahren sollte Ihr Nachwuchs mit dem Fremdeln durch sein. Um es ihm in der Zwischenzeit ein wenig leichter zu machen, können Sie ihm vorleben, dass Sie offen und freundlich auf andere zugehen.

Das Fremdeln ist ein normaler Entwicklungsschritt, bei dem das Kind lernt, Bekanntes von Unbekanntem zu unterscheiden. Es ist ein Zeichen dafür, dass Ihr Kind beginnt, bekannte von unbekannten Gesichtern zu unterscheiden, Gesichtszüge wiederzuerkennen und mit Vater oder Mutter zu verbinden. Auf Unbekanntes wird mit Ablehnung reagiert.

Die Intensität und auch die Dauer des Fremdelns können von Kind zu Kind sehr unterschiedlich sein. Oft wirkt sich auch die Gemütslage des Kindes auf die Empfindlichkeit aus. War beispielsweise die Nacht nicht erholsam, weil es Fieber hatte, kann es am nächsten Tag stärkere Anzeichen aufzeigen.

Trennungsangst und Fremdeln

Von Trennungsangst spricht man, wenn das Kind unruhig wird und zu schreien anfängt, sobald ein Elternteil den Raum verlässt. Einige Kinder schreien und haben Wutanfälle, weigern sich aus der Nähe ihrer Eltern zu gehen und/oder haben nächtliches Erwachen. Trennungsangst ist ein normaler Entwicklungsschritt und beginnt typischerweise im Alter von etwa 8 Monaten, hat ihren Höhepunkt zwischen 10-18 Monaten und verschwindet wieder mit 24 Monaten. Sie muss von Trennungsangst unterschieden werden, die in einem späteren Alter auftritt, und zwar zu einem Zeitpunkt, wenn dieses Verhalten nicht mehr altersentsprechend ist; die Weigerung, zur Schule oder zur Vorschule zu gehen ist eine häufige Manifestation der Trennungsangststörung.

Trennungsangst tritt auf, wenn Kinder zu verstehen beginnen, dass sie eine von ihrer primären Bezugsperson separate Person sind, jedoch noch nicht das Konzept der Objektpermanenz erworben haben (das Wissen, dass etwas immer noch existiert, wenn es nicht gesehen oder gehört werden kann). Wenn Kinder von ihrer primären Bezugsperson getrennt werden, verstehen sie deswegen nicht, dass die Bezugsperson zurückkehren wird. Weil Kinder kein Zeitkonzept haben, fürchten sie, dass der Abschied von ihren Eltern für immer ist. Die Trennungsangst verschwindet, wenn das Kind Erinnerung entwickelt. Es kann ein inneres Bild der Eltern vor Augen halten, sobald diese weg sind, und sich daran erinnern, dass sie in der Vergangenheit auch wieder zurückgekommen sind.

Wenn die Eltern kurzzeitig in einen anderen Raum gehen müssen, können sie dem Kind zurufen, während sie in dem anderen Raum sind, um es zu beruhigen. Diese Strategie lässt die Kinder erfahren, dass die Eltern noch da sind, obwohl das Kind sie nicht sehen kann. Trennungsangst verursacht keine langfristigen Schäden bei Kindern, wenn sie im Alter von 2 Jahren verschwindet. Wenn sie über das 2. Lebensjahr hinausgeht, kann sie unter Umständen zu Problemen führen, je nachdem, wie sehr sie die normale Entwicklung des Kindes beeinträchtigt.

Es ist normal, wenn Kinder etwas Angst haben, wenn sie zum ersten Mal in die Kindertagesstätte oder den Kindergarten gehen. Diese Angst sollte jedoch nach einer Weile abnehmen. Nur selten hält ausgeprägte Angst ein Kind davon ab, zu einer Tagesmutter oder in den Kindergarten zu gehen und mit Gleichaltrigen zu spielen. Bei dieser Angst handelt es sich wahrscheinlich um pathologische (Trennungsangst).

Was, wenn mein Baby gar nicht fremdelt?

Sie machen sich Sorgen, weil Ihr Baby nicht fremdelt und jeden anstrahlt? Auch das ist in den meisten Fällen völlig normal! Manche Kinder sind vom Temperament her sehr offen und kontaktfreudig. Oder sie sind es durch eine große Familie oder viele soziale Kontakte gewohnt, ständig neue Gesichter zu sehen. Ein fehlendes Fremdeln ist also meist kein Grund zur Sorge, sondern möglicherweise ein Zeichen für einen extrovertierten Charakter.

In Fachkreisen gilt das Fremdeln als wichtiger Entwicklungsschritt, der nur bei einer gestörten sozial-emotionalen Entwicklung oder Bindung zwischen Eltern und Kind komplett ausfällt. Das heißt allerdings nicht, dass Sie sich Sorgen machen müssen, wenn Ihr Kind weiterhin die Großeltern anstrahlt. Im Fremdelverhalten gibt es, wie bereits erwähnt, ein breites Spektrum: So fremdeln beispielsweise Kinder in Großfamilien, die jeden Tag viele bekannte Gesichter sehen und Stimmen hören, tendenziell weniger. Bei einigen setzt dieser Schritt auch etwas später ein und sie fremdeln erst mit einem Jahr.

Dazu kommt: Auch Babys haben unterschiedliche Persönlichkeiten. Bereits bei den Jüngsten gibt es sehr neugierige und extrovertierte, aber auch zurückhaltende und skeptische Charaktere. Zudem bringen einige Babys unangenehme Gefühle rasch mit lautem Schreien zum Ausdruck, während andere zunächst mit dezenten Gesten kommunizieren. Dadurch fällt das Fremdeln bei manch einem Kind weniger auf.

Wann ist professioneller Rat sinnvoll?

In den allermeisten Fällen ist das Fremdeln eine harmlose und wichtige Phase. Sie sollten jedoch Ihre Hebamme oder Ihren Kinderarzt ansprechen, wenn:

  • Die Ängste Ihres Kindes extrem stark sind und es sich durch nichts beruhigen lässt.
  • Die Phase auch weit nach dem dritten Geburtstag nicht abklingt oder sich sogar verstärkt.
  • Sie sich generell große Sorgen um die Entwicklung oder das Bindungsverhalten Ihres Kindes machen.

Ihr Bauchgefühl als Elternteil ist ein guter Ratgeber. Zögern Sie nie, sich Unterstützung zu holen, wenn Sie verunsichert sind.

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