Die Nabelschnur als lebenswichtige Verbindung
Die Nabelschnur stellt während der Schwangerschaft die entscheidende Verbindung zwischen Mutter und Kind dar. Sie fungiert als eine Art "Telefonleitung", über die das Baby im Mutterleib mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt wird. Diese Versorgung erfolgt über die Plazenta, die im Inneren der Gebärmutterwand haftet.
Nach der Geburt beginnt für das Neugeborene eine neue Lebensphase. Der Übergang von der Sauerstoffversorgung über die Nabelschnur zur eigenständigen Atmung mithilfe der Lungen ist ein komplexer Prozess, der über Jahrtausende perfektioniert wurde. Alle Säugetiere sind dazu in der Lage, sich an diese veränderten Bedingungen anzupassen.
Es ist ein sanfter und fließender Übergang, der vom Zustand des Babys gesteuert wird. Bei manchen Babys verläuft dieser Prozess sehr schnell, bei anderen dauert er mehrere Minuten. Der Wechsel von der Versorgung über die Plazenta zur Versorgung über die Lunge wird durch die ersten Atemzüge des Babys, die Bewegungen seiner Beine und den verbleibenden Blutfluss über die Nabelschnur eingeleitet. Diese Signale lösen Kontraktionen der Gebärmutter aus, die der Plazenta signalisieren, dass ihre Aufgabe erfüllt ist. Daraufhin hört die Nabelschnur auf zu pulsieren, die Plazenta löst sich und das Baby atmet selbstständig.

Die Durchtrennung der Nabelschnur: Ein traditioneller Ritus
Das Durchschneiden der Nabelschnur ist ein bedeutender Ritus bei der Geburt und wird oft vom Vater des Babys oder einer anderen begleiteten Person übernommen. Diese Handlung symbolisiert die physische Trennung von Mutter und Kind und den Beginn der eigenständigen Existenz des Neugeborenen.
Die Nabelschnur ist etwa 50 bis 60 Zentimeter lang und besteht aus drei Schläuchen, die in einer festen Geleemasse eingebettet sind: eine Vene und zwei Arterien. Die Vene transportiert frisches Blut mit Sauerstoff und Nährstoffen von der Plazenta zum Baby, während die beiden Arterien verbrauchtes Blut zurück zur Mutter leiten. Die äußere Hülle der Nabelschnur ist fast durchsichtig und sehr dünn.
Der Bauchnabel des Menschen erinnert ein Leben lang an diese ursprüngliche Verbindung zur Mutter.
Der Zeitpunkt der Nabelschnurdurchtrennung: Frühes vs. spätes Abklemmen
In der modernen Medizin wird die Nabelschnur oft sehr schnell nach der Geburt durchtrennt, manchmal schon nach 30 bis 120 Sekunden. Dieses frühe Abklemmen birgt jedoch potenzielle Nachteile für das Baby.
Ein frühes Abklemmen entzieht dem Baby nicht nur die Sauerstoffzufuhr, sondern auch bis zu der Hälfte seiner normalen Blutmenge. Dies kann das Risiko für Anämie, Hypothermie und andere gesundheitliche Probleme erhöhen. Es wird vermutet, dass die Eile beim Abklemmen mit dem Wunsch zusammenhängt, die Übertragung von Medikamenten aus dem mütterlichen in das kindliche System zu minimieren, oder einfach auf Gewohnheit und unterschiedlichen Zuständigkeiten von Mutter- und Kindteams in Krankenhäusern beruht.
Einige Experten und Hebammen plädieren für ein verspätetes Abklemmen, bei dem die Nabelschnur erst dann durchtrennt wird, wenn sie vollständig aufgehört hat zu pulsieren. Dies stellt sicher, dass alle wichtigen Nährstoffe und Blutbestandteile vom Baby aufgenommen werden können. Studien deuten darauf hin, dass ein verspätetes Abklemmen (nach mindestens 180 Sekunden) die Eisenversorgung des Kindes im vierten Lebensmonat verbessern und die Prävalenz von Anämie reduzieren kann.
Eine umsichtige Hebamme brachte es treffend auf den Punkt: "Wir trennen die Nabelschnur durch, weil wir das Baby reanimieren müssen, und wir müssen das Baby reanimieren, weil wir seine Nabelschnur durchtrennt haben."

Lotus Birth: Eine alternative Methode
Eine weiterführende Methode ist der sogenannte Lotus Birth. Bei dieser Praxis wird die Nabelschnur nicht von der Plazenta getrennt. Stattdessen wird abgewartet, manchmal tagelang, bis die Nabelschnur von selbst abfällt. Diese Methode erfordert eine gute Vorbereitung und birgt symbolische Bedeutungen, wobei potenzielle Risiken minimiert werden müssen.
Besonderheiten und Komplikationen der Nabelschnur
Die Länge und der spiralförmige Aufbau der Nabelschnur ermöglichen dem ungeborenen Kind viel Bewegungsfreiheit in der Gebärmutter. Es ist sogar genügend Spielraum für Purzelbäume vorhanden.
Nabelschnurumschlingung
In etwa 20 bis 30 Prozent aller Geburten ist die Nabelschnur um den Hals des Kindes geschlungen. Dies wird als Nabelschnurumschlingung bezeichnet. In den meisten Fällen stellt dies kein Problem dar, da die normale Blutversorgung erhalten bleibt. Nur wenn die Durchblutung beeinträchtigt ist, kann es notwendig werden, die Nabelschnur früher durchtrennen oder die Geburt beschleunigen.
Nabelschnurknoten
Man unterscheidet zwischen echten und falschen Nabelschnurknoten. Ein echter Nabelschnurknoten entsteht, wenn sich das Baby bei einer Drehbewegung durch eine Schlinge in der Nabelschnur bewegt. Normalerweise zieht sich der Knoten nicht zu und beeinträchtigt die Blutversorgung nicht. Nur in seltenen Fällen (etwa 1 Prozent der Schwangerschaften) kann dies zu einer Unterversorgung führen, was eine engmaschige Überwachung erfordert.
Ein unechter Nabelschnurknoten ist lediglich ein Gefäßknäuel, das wie ein Knoten aussieht, aber keine klinische Bedeutung hat.
Nabelschnurvorfall
Der Nabelschnurvorfall tritt auf, wenn die Nabelschnur nach einem vorzeitigen Blasensprung vor dem vorangehenden Teil des Kindes im Geburtskanal liegt. Dies geschieht in 0,3 bis 0,5 Prozent aller Geburten und ist häufiger bei Mehrlingsschwangerschaften oder ungünstiger Kindslage. Wenn die Nabelschnur eingeklemmt wird, kann dies zu Sauerstoffmangel beim Kind führen, was einen sofortigen Notkaiserschnitt erforderlich macht. Bei einem Blasensprung ist es daher wichtig, umgehend ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen und sich liegend ins Krankenhaus transportieren zu lassen.

Schmerzempfindung bei der Nabelschnurdurchtrennung
Entgegen mancher Befürchtungen tut das Durchtrennen der Nabelschnur weder dem Baby noch der Mutter weh. Dies liegt daran, dass die Nabelschnur keine Schmerzempfänger enthält. Experten vergleichen dies mit dem Schneiden von Haaren - es ist ein schmerzfreier Vorgang.
Stammzellgewinnung aus Nabelschnurblut
In einigen Fällen wird nach dem Durchtrennen der Nabelschnur Stammzellen aus dem Nabelschnurblut gewonnen. Diese Stammzellen können später für medizinische Behandlungen eingesetzt werden.
Was sind Stammzellen? Wozu eine Stammzelleneinlagerung?
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