Adele Zay: Eine Pionierin der Fröbelpädagogik und Frauenrechtsaktivistin

Frühes Leben und Bildung

Adele Zay, eine herausragende Persönlichkeit im Bereich der Pädagogik und Frauenbewegung, wurde als vierte und jüngste Tochter des k.k. Oberlandesgerichtsrats Daniel Adolf Zay und seiner Frau Rosa, geb. Graef, geboren. Trotz bescheidener finanzieller Verhältnisse, die der Witwengeld ihrer Mutter nach dem frühen Tod des Vaters mit sich brachte, entwickelte Adele ein starkes Bildungsstreben. Dieses Streben spiegelte sich in den akademischen Erfolgen ihrer Geschwister wider, wie dem Jurastudium ihres jüngsten Bruders Gustav Adolf.

Adele Zay entschied sich für den Beruf der Lehrerin. Sie bildete sich autodidaktisch in Naturwissenschaften und Sprachen weiter und gab bereits im Alter von 17 Jahren erfolgreich Unterricht für zwei Verwandte. Mit knapp 20 Jahren begann sie, Französisch und Deutsch an einem höheren privaten Erziehungsinstitut in Hermannstadt zu unterrichten. Nach der Auflösung dieser Institution im Jahr 1873 zog sie nach Cotroceni bei Bukarest.

Um eine reguläre Lehrerinnenausbildung zu erhalten, ging Adele Zay nach Wien. Dort arbeitete sie mit dem Schulreformer Friedrich Dittes zusammen, einem bedeutenden Vertreter der Fröbelpädagogik in der Habsburgermonarchie. Durch Dittes kam sie auch in Kontakt mit August Köhler, dem Direktor des Lehrerinnenseminars in Gotha und einem Anhänger von Fröbels Ideen. Köhler führte sie in privaten Stunden in die Fröbel- und Kindergartenpädagogik ein.

Karriere als Pädagogin und Aufbau von Bildungseinrichtungen

Im Jahr 1875 nahm Adele Zay eine Stelle als Lehrerin für deutsche und englische Sprache, Mathematik und Geografie am Institut von Irma Keméndy in Szegedin an. Diese Institution war eine Lehr- und Erziehungsanstalt für höhere Töchter, die auch eine Lehrerinnenpräparandie umfasste. Hier legte sie 1880 die Prüfung für staatliche deutsche und ungarische Volksschulen ab und erwarb ein Jahr später die Qualifikation als „Bürgerschullehrerin“ für Englisch und Französisch.

Nach neun Jahren Lehrtätigkeit in Szegedin kehrte Adele Zay 1884 nach Siebenbürgen zurück. Sie wurde vom evangelischen Presbyterium Kronstadts gebeten, einen „Fachkurs für Kindergärtnerinnen“ an der dortigen Mädchenschule mit aufzubauen. Dieser Kurs bot eine dreifache Ausbildung: allgemein wissenschaftliche, pädagogisch-fachwissenschaftliche und praktische Komponenten. Adele Zay unterrichtete Fächer wie Deutsch, Ungarisch, Geografie und Geschichte und war für die praktische Ausbildung der Schülerinnen im „Lehrkindergarten“ verantwortlich.

Aus dem anfänglichen Schulprovisorium entwickelte sich eine anerkannte Ausbildungsstätte, die 1892 staatlich anerkannt wurde und einen hervorragenden Ruf genoss. Auf der „Landesausstellung für Kleinkindererziehung“ 1889 in Budapest erhielt der Fachkurs das „Goldene Diplom“ und Adele Zay ein „Belobigungsdiplom für gemeinnütziges Wirken“.

Ab 1891, mit neuen staatlichen Anforderungen durch den ungarischen Staat, wurde der Kurs offiziell zur „ev. Kindergärtnerinnenbildungsanstalt (K. B. A.)“. Adele Zay war die ersten 38 Jahre ihrer Tätigkeit Klassenlehrerin, bis sie 1922, nach der Übernahme der K. B. A. durch die „Evangelische Landeskirche (A.B.)“, offiziell den Direktorenposten erhielt, den sie bis Ende des Schuljahres 1927/28 innehatte.

Porträt von Adele Zay

Engagement für die Fröbelpädagogik und Kinderbewahranstalten

Adele Zay war eine engagierte Verfechterin der Fröbelpädagogik und setzte sich zeitlebens für die Verbreitung von Kindergärten auf dieser Grundlage ein. Sie vermittelte Generationen von Erzieherinnen die Prinzipien einer kreativen und auf christlichem Geist basierenden Erziehung. Ihr wichtigstes Anliegen war die Professionalisierung des Kindergärtnerinnen- und Lehrerinnenberufs.

Ein besonderes Anliegen war ihr die Errichtung von Bewahranstalten (Asylen) in den Dörfern während der Sommermonate, insbesondere während der Erntezeit. Im Jahr 1888 wurden der Ausbildungsstätte für Kindergärtnerinnen Kurse zur „Heranbildung von Leiterinnen für Sommerbewahranstalten (Asyle)“ angeschlossen. Diese Kurse, die anfangs sechs Wochen dauerten und später auf zwei bis drei Monate erweitert wurden, absolvierten durchschnittlich 15 Teilnehmerinnen.

Adele Zay war davon überzeugt, dass eine Einrichtung sich erst dann Kindergarten nennen könne, wenn sie die pädagogischen Grundsätze Friedrich Fröbels verwirklicht, insbesondere seine Spiel- und Beschäftigungsgaben, die eine innere Ordnung und ein zusammenhängendes Ganzes bilden.

In ihrem Lehrbuch „Die Theorie und Praxis der Kleinkinderziehung“ (1896, zweite Auflage 1918) stellte sie das Kind und sein Recht auf eigene Entwicklung und spezifische Betreuung in den Mittelpunkt. Sie betonte, dass der Kindergarten eine die Familie unterstützende und nicht ersetzende Erziehungsanstalt für Vorschulkinder ist. Der Kindergarten fördere das Kind in Gemeinschaft, wecke Wohlwollen und Gemeinsinn und wirke dem Familienegoismus entgegen. Er sei ein Spielgarten und eine Spielschule, die das Kind auf das spätere Schulleben vorbereite und gleichzeitig den familiären Umgangston beibehalte.

Illustrationen von Fröbelspielgaben

Einsatz für Frauenrechte und soziale Belange

Adele Zay war eine führende Vertreterin des „Freien Sächsischen Frauenbundes“/„Deutsch-Sächsischen Frauenbundes“, den sie 1921 gründete. In leitenden Funktionen setzte sie sich für die Zulassung von Frauen zum Lehrberuf (zunächst nur für Mädchenschulen) und für das Wahlrecht der Frauen in Kirche und Staat ein.

Sie engagierte sich auch für eine höhere fachliche Ausbildung von Mädchen aus finanziell schwachen Familien und für die Einführung der Fächer Erziehungskunde und Kleinkinderpflege an höheren Mädchenschulen.

Ihre Reisen nach Deutschland in jungen Jahren führten sie in Kontakt mit wichtigen Vertreterinnen der bürgerlich-liberalen Frauenbewegung. Sie interessierte sich für die entstehenden „Mädchen- und Frauengruppen für soziale Hilfsarbeit“, die von Minna Cauer und Jaenette Schwerin gegründet wurden.

Würdigung und Vermächtnis

Adele Zay starb im Alter von 80 Jahren nach kurzer Krankheit. Ihr Grabstein trägt die Inschrift: „Der Führerin der sächsischen Frauen Adele Zay (1848-1928) zum Gedächtnis.“

In ihrer über vier Jahrzehnte währenden Tätigkeit an der 1884 gegründeten „Evangelischen Kindergärtnerinnen-Bildungsanstalt (A.B.)“ in Kronstadt prägte sie Generationen von Erzieherinnen und trug maßgeblich zur nationalen und internationalen Verbreitung der Kleinkindpädagogik im Sinne Friedrich Fröbels bei.

Ihr Lehrbuch „Die Praxis des Kindergartens“, das auch in Deutschland Verbreitung fand, trug wesentlich zur Anerkennung des Kindergartens als vorschulische Bildungsinstitution bei.

Obwohl in der Fachliteratur oft nur als Fußnote erwähnt, bildete Adele Zay hunderte von jungen Frauen zu Kindergärtnerinnen aus, die in Einrichtungen in Ungarn, Rumänien, Russland, Deutschland und Österreich wirkten.

Heute tragen in Drabenderhöhe der „Hilfsverein der Siebenbürger Sachsen“ sowie ein Kindergarten ihren Namen. Die Historikerin Ingrid Schiel würdigte ihre Arbeit in einer Promotionsarbeit, die den von Adele Zay gegründeten Frauenbund in den Fokus rückte.

Fröbels Kindergarten - Die Ursprünge der frühkindlichen Erziehung

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