RSV-Infektion bei Säuglingen: Bronchiolitis und Sauerstoffsättigung

Das Respiratorische Synzytial-Virus (RSV) ist ein weltweit verbreiteter Erreger, der saisonal zu Atemwegserkrankungen führt. Insbesondere bei Säuglingen und Kleinkindern unter 12 Monaten kann RSV einen viralen Infekt der kleinen Atemwege, die sogenannte Bronchiolitis, verursachen. Diese ist gekennzeichnet durch erhöhte Atemarbeit, diffuse bilaterale Rasselgeräusche (Crackles) und Giemen. Während Infektionen bei Erwachsenen meist mild verlaufen, stellen Säuglinge und Kleinkinder eine Risikogruppe für schwere Verläufe dar.

Grafische Darstellung des Respiratorischen Synzytial-Virus (RSV)

Übertragung und Verbreitung des RS-Virus

Das RS-Virus wird hauptsächlich über Tröpfcheninfektion von einer infizierten Person auf eine Kontaktperson übertragen, beispielsweise beim Niesen oder Husten. Eintrittspforten sind die Schleimhaut der oberen Atemwege und die Konjunktiven. Eine indirekte Übertragung über kontaminierte Hände, Gegenstände oder Oberflächen ist ebenfalls möglich. Das Virus kann auf Oberflächen unterschiedlich lange infektiös bleiben. Jugendliche und Erwachsene spielen oft als asymptomatische oder symptomarme Überträger eine Rolle. RSV-Infektionen treten zyklisch auf, mit einem Höhepunkt in den Monaten November bis April.

Die Pandemie und die damit verbundenen Hygienemaßnahmen gegen das Coronavirus hatten Einfluss auf die Verbreitung von RSV. Da die Hygienemaßnahmen auch vor RSV schützten, konnten sich viele Säuglinge und Kleinkinder, die noch keinen Kontakt mit dem Erreger hatten, nicht immunisieren. Als die Maßnahmen gelockert wurden, kam es zu einer verstärkten Verbreitung des Virus, die vor allem die jüngsten Altersgruppen traf.

Symptomatik und Risikogruppen

Die Symptome einer RSV-Infektion ähneln zunächst einer klassischen Erkältung mit Schnupfen und trockenem Husten. Bei Säuglingen und Kleinkindern kann sich die Infektion jedoch zu einer Bronchiolitis entwickeln. Charakteristische Anzeichen sind:

  • Quälender Husten, der den Schlaf beeinträchtigt.
  • Erschwerte Atmung, die sich durch schnelle Atmung, Einziehungen der Haut im Brustbereich und Nasenflügeln äußert.
  • Atemgeräusche wie Rasselgeräusche (Crackles) und Giemen.
  • Blaufärbung von Haut und Lippen (Zyanose), die auf eine ungenügende Sauerstoffsättigung (SpO2 <90%) hinweist.
  • Appetitlosigkeit und Trinkverweigerung, insbesondere bei Säuglingen.
  • Bei kleinen Säuglingen können auch Apnoen (Atempausen) auftreten.

Zur Risikogruppe für schwere Verläufe gehören insbesondere:

  • Säuglinge unter sechs Monaten.
  • Frühgeborene mit noch nicht ausgereiftem Lungensystem.
  • Kinder mit Vorerkrankungen wie chronischen Lungenerkrankungen (z.B. bronchopulmonale Dysplasie, zystische Lungenfibrose), angeborenen Atemwegsfehlbildungen, Herzerkrankungen (insbesondere angeborene Herzfehler) oder einem schwachen Immunsystem.
  • Auch ältere Kinder mit ähnlichen Vorerkrankungen sowie Erwachsene über 60 Jahre können stärker betroffen sein.
Schema der kindlichen Atemwege mit Hervorhebung der Bronchiolen

Diagnose und Überwachung

Die Diagnose einer Bronchiolitis kann oft bereits durch die klinische Untersuchung gestellt werden, insbesondere durch das Abhören typischer Rasselgeräusche. Zur Sicherung der Diagnose kann ein Rachenabstrich mit anschließender PCR-Untersuchung oder ein Antigenschnelltest erfolgen. Bei Hospitalisierung kann ein Erregernachweis im Nasopharyngealsekret mittels Kombi-PCR durchgeführt werden.

Die Überwachung der Sauerstoffsättigung (SpO2) ist ein wichtiger Bestandteil des Managements. Eine ungenügende Sauerstoffsättigung (SpO2 <90% über mehr als 1 Minute) erfordert besondere Aufmerksamkeit. Es ist jedoch zu beachten, dass eine stundenlange SpO2-Überwachung auf der Notfallstation in vielen Fällen nicht sinnvoll ist. Die Beurteilung des Zeitverlaufs und der klinischen Symptomatik sind entscheidend.

Weitere diagnostische Maßnahmen können umfassen:

  • Blutgasanalyse (BGA) zur Beurteilung der Sauerstoff- und Kohlendioxidwerte im Blut, insbesondere bei schwerem Verlauf.
  • Elektrolytkontrollen.
  • Thorax-Röntgenbild (ap), das unspezifische Befunde wie Überblähung, atelektatische Bezirke und Infiltrate zeigen kann.

Therapeutische Maßnahmen

Die Behandlung der Bronchiolitis ist primär symptomatisch und unterstützend. Es gibt keine ursächliche Therapie gegen das RS-Virus selbst.

Unterstützende Maßnahmen zu Hause:

  • Gute Nasentoilette: Regelmäßiges Spülen der Nase mit Kochsalzlösung, um die Atemwege frei zu halten (Säuglinge sind Nasenatmer). Adstringierende Nasentropfen sollten bei Säuglingen vermieden werden.
  • Flüssigkeitszufuhr: Ausreichendes Trinken ist essenziell, um den Schleim zu lösen und einer Dehydrierung vorzubeugen. Bei ungenügender Trinkmenge oder sehr hoher Atemfrequenz (>60/min) kann die Gabe über eine kleine Magensonde erwogen werden.
  • Fieber- und Schmerzmanagement: Paracetamol oder Ibuprofen (ab 3 Monaten) können bei Fieber und/oder Schmerzen eingesetzt werden.
  • Luftbefeuchter: Feuchte Atemluft kann den Husten lindern.
  • Ruhe: Ausreichend Schlaf und ein ruhiger Tagesablauf fördern die Genesung.
  • Vermeidung von Reizstoffen: Passivrauchen sollte unbedingt vermieden werden.
Kind mit Inhalator

Medikamentöse Therapie (im Einzelfall):

  • Bronchodilatatoren (z.B. Salbutamol): Ein einmaliger Versuch mit Inhalationen von Salbutamol kann bei älteren Kindern mit Mischbild Bronchiolitis/obstruktive Bronchitis erwogen werden. Bei positivem Ansprechen kann die Therapie fortgeführt, ansonsten beendet werden. Bei kleinen Säuglingen haben diese Medikamente in Studien oft keine Wirkung gezeigt und können Nebenwirkungen wie erhöhte Herzfrequenz verursachen.
  • Steroide: Haben keinen nachgewiesenen Effekt in der Behandlung der akuten Bronchiolitis.
  • Antibiotika: Nur in Ausnahmefällen bei Verdacht auf eine bakterielle Superinfektion (sehr selten).
  • Alimemazin: Kann als Alternative bei Lieferengpässen von Paracetamol in Betracht gezogen werden (1mg/kg alle 8 Stunden, max. 3 Dosen/Tag).

Krankenhausbehandlung:

Eine stationäre Behandlung ist notwendig bei deutlichen Zeichen von Atemnot, anhaltender ungenügender Sauerstoffsättigung (SpO2 <90-92%), starker Trinkverweigerung oder Apnoen. Im Krankenhaus können folgende Maßnahmen ergriffen werden:

  • Sauerstoffgabe über eine Nasenbrille zur Aufrechterhaltung einer Zielsättigung von ≥92-94%.
  • Atemunterstützung durch High-Flow-Therapie (angereicherte Luft mit erhöhter Flussstärke) oder CPAP-Maske.
  • Ernährung über Magensonde oder intravenös bei ungenügender Flüssigkeitsaufnahme.
  • Inhalationstherapien mit konzentriertem Kochsalz (3%) oder Adrenalin können in schweren Fällen erwogen werden.

Was ist High-Flow-Therapie?

Prävention

Die beste Prävention gegen RSV-Infektionen sind allgemeine Hygienemaßnahmen wie regelmäßiges und sorgfältiges Händewaschen, Abstand halten und das Tragen einer Maske, insbesondere bei Erkältungssymptomen. Erkrankte Kinder sollten den Kontakt zu Säuglingen und Vorerkrankten meiden.

Für Risikogruppen gibt es spezifische präventive Maßnahmen:

  • Passive Immunisierung: Bei Kindern mit hohem Risiko (z.B. Frühgeborene <35 SSW im ersten Lebensjahr, Kinder mit bronchopulmonaler Dysplasie oder hämodynamisch relevanten Herzfehlern) kann eine passive Immunisierung mit monoklonalen Antikörpern wie Palivizumab (Synagis) oder Nirsevimab (Beyfortus) erfolgen. Nirsevimab bietet durch eine längere Halbwertszeit eine länger anhaltende Wirkung und wird nun als Einmaldosis für alle Neugeborenen und Säuglinge vor oder während ihrer ersten RSV-Saison empfohlen.
  • Aktive Impfung: In der EU sind RSV-Impfstoffe für Erwachsene (ab 18 bzw. 60 Jahren) zugelassen. Ein maternaler Impfstoff (Abrysvo) kann Schwangeren zwischen der 24. und 36. Schwangerschaftswoche verabreicht werden, um den Säugling durch Antikörperübertragung zu schützen. Eine aktive Impfung für Kinder ist derzeit noch nicht verfügbar.

Die RS-Welle hat die Kleinsten im vergangenen Jahr stark getroffen. Obwohl die Zahlen aktuell nicht auf dem Niveau des Vorjahres sind, steigen sie seit Ende November kontinuierlich an. Angesichts der potenziellen Schwere der Erkrankung bei Säuglingen ist eine frühzeitige Erkennung und adäquate Behandlung von großer Bedeutung.

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