Die Kombination aus Stillen und zusätzlichem Abpumpen von Muttermilch ist für viele Mütter eine gängige Praxis, sei es aus persönlichen Gründen oder aufgrund medizinischer Notwendigkeiten. Dieser Leitfaden beleuchtet die verschiedenen Aspekte dieser Methode, von den Gründen für die Kombination bis hin zu praktischen Tipps und möglichen Herausforderungen.

Wann ist die Kombination aus Stillen und Abpumpen sinnvoll?
Es gibt vielfältige Gründe, warum sich Frauen entscheiden, ihr Baby zu stillen und gleichzeitig Muttermilch abzupumpen. Diese lassen sich grob in medizinische und persönliche Kategorien einteilen.
Medizinische Gründe
Manchmal ist die Kombination aus Stillen und Abpumpen medizinisch indiziert. Dies kann der Fall sein, wenn das Baby ein Frühgeborenes oder ein krankes Kind ist, das noch nicht in der Lage ist, ausreichend Milch direkt von der Brust zu trinken. In solchen Situationen ist die zusätzliche Unterstützung durch eine elektrische Milchpumpe essenziell, um die notwendige Nahrungszufuhr sicherzustellen und die Milchproduktion der Mutter aufrechtzuerhalten.
Auch wenn die Mutter vorübergehend Medikamente einnehmen muss, die nicht stillverträglich sind, oder wenn aus medizinischen Gründen eine Trennung von ihrem Baby notwendig wird, ist das Abpumpen eine wichtige Methode, um die Stillbeziehung aufrechtzuerhalten und das Baby weiterhin mit Muttermilch zu versorgen.
Persönliche Gründe
Neben medizinischen Indikationen gibt es auch zahlreiche persönliche Gründe für die Kombination von Stillen und Abpumpen:
- Steigerung der Milchmenge: Wenn die produzierte Milchmenge noch nicht dem Bedarf des Babys entspricht, kann zusätzliches Abpumpen nach dem Stillen die Milchproduktion anregen. Jede zusätzliche Entleerung der Brust signalisiert dem Körper, mehr Milch zu produzieren.
- Kurze Auszeiten und Rückbildungskurse: Wenn eine Mutter für kurze Zeit ohne ihr Baby das Haus verlassen möchte, beispielsweise für einen Rückbildungskurs, ermöglicht das zuvor abgepumpte Muttermilch eine Versorgung des Kindes durch eine andere Bezugsperson.
- Beruflicher Wiedereinstieg: Für Mütter, die nach der Elternzeit wieder arbeiten gehen, ist das Stillen und Abpumpen eine praktikable Lösung, um das Baby auch in Abwesenheit mit Muttermilch zu versorgen, ohne die Stillbeziehung unterbrechen zu müssen.
Praktische Vorgehensweisen beim Stillen und Abpumpen
Die optimale Vorgehensweise hängt stark vom individuellen Grund für das Abpumpen ab.
Um die Milchmenge zu steigern
Wenn eine geringe Gewichtszunahme oder unzureichende Ausscheidungen des Babys auf eine zu geringe Milchmenge hindeuten, ist schnelles Handeln gefragt. Die Mutter sollte ihr Baby weiterhin nach Bedarf stillen und zusätzlich so oft wie möglich abpumpen. Eine elektrische Milchpumpe, die oft auf Rezept in der Apotheke ausgeliehen werden kann, ist hierfür ideal.
Empfohlen wird, 15 Minuten beidseitig gleichzeitig abzupumpen, da dies die Milchmenge nachweislich um bis zu 18 % steigern kann. Eine Stunde nach dem letzten Stillen abzupumpen, gibt dem Körper ausreichend Zeit, Milch für das Abpumpen und die nächste Stillmahlzeit zu bilden. Die abgepumpte Milch kann für etwa 6 Stunden bei Raumtemperatur gelagert und als "Top-Up" direkt nach der nächsten Stillmahlzeit gefüttert werden.
Hebammen-Tipps 🤱🏻 für mehr Muttermilch❗️ (Stillen Baby )
Zum Anlegen eines Milchvorrats
Um einen Vorrat für kurze Abwesenheiten anzulegen, empfiehlt es sich, 1-2 Wochen vor dem geplanten Termin mit dem Sammeln zu beginnen. Hierbei könnte man wie folgt vorgehen:
- Alle drei Tage einmal am Tag, etwa eine Stunde nach dem letzten Stillen, mit niedrigem Vakuum und maximal 10 Minuten einseitig etwas Muttermilch abpumpen.
- Phasen nutzen, in denen das Baby längere Schlafpausen hat.
- Die abgepumpte Milch in Muttermilchbeutel (Portionen von ca. 50 ml haben sich bewährt) füllen, beschriften (Datum und Menge sind wichtig) und sofort einfrieren.
Als grober Richtwert gilt: 100 ml Milch pro 2-3 Stunden Abwesenheit.
Bei Rückkehr an den Arbeitsplatz
Auch bei einem frühen Wiedereinstieg in den Beruf ist das Stillen weiterhin möglich. Hierfür ist es notwendig, zusätzlich zum Stillen abzupumpen und die Milchmengen zu sammeln und einzufrieren. Dies erfordert eine gute Organisation und zeitliche Planung.
In Deutschland haben stillende Mütter gesetzlichen Schutz, der ihnen erlaubt, während der Arbeitszeit zu stillen oder abzupumpen. Der Arbeitgeber ist verpflichtet, einen geeigneten Raum dafür zur Verfügung zu stellen, der weder eine Toilette noch eine Abstellkammer sein darf.
Für das Abpumpen am Arbeitsplatz eignet sich eine kleine, elektrische Doppelmilchpumpe.
Risiken und Herausforderungen
Beim Stillen und zusätzlichen Abpumpen können auch Risiken auftreten:
Hypergalaktie (Überproduktion von Muttermilch)
Eine zu häufige oder zu intensive Stimulation der Brust kann zu einer Überproduktion von Muttermilch führen. Dies kann einen Teufelskreis auslösen, da die überschüssige Milch abgepumpt werden muss, um Milchstau zu vermeiden. Frauen mit ausreichender Milchmenge sollten daher nicht zu früh mit dem Abpumpen beginnen, insbesondere nicht im Wochenbett, es sei denn, es ist unbedingt notwendig.
Empfehlung: Wenn keine medizinische Notwendigkeit besteht, ist es ratsam, mit dem Abpumpen mindestens die ersten 6-8 Wochen zu warten, bis sich das Angebot an Muttermilch der Nachfrage des Babys angepasst hat. Ein zu frühes Abpumpen kann diesen natürlichen Prozess stören.
Saugverwirrung und Fütterungsmethoden
Es ist wichtig, im Voraus zu überlegen, wie das Baby die abgepumpte Milch erhalten soll. Neben herkömmlichen Saugern gibt es spezielle Sauger, die ein Vakuum erfordern, sowie alternative Fütterungsmethoden wie Becherfütterung, Sondenfütterung oder Brusternährungssets.
Besonders Neugeborene, die das korrekte Saugen an der Brust noch lernen müssen, können sensibel auf andere Materialien und Formen im Mund reagieren. Daher ist es ratsam, erst mit dem Abpumpen zu beginnen, wenn sich das Stillen eingespielt hat und das Baby das Saugen an der Brust sicher beherrscht.
Effektivität des beidseitigen Abpumpens
Studien zeigen, dass beidseitiges Abpumpen effektiver ist als einseitiges. Es kann nicht nur Zeit sparen, sondern auch die Milchmenge um durchschnittlich 18% steigern. Dies liegt daran, dass die beidseitige Stimulation größere Mengen des milchspendenden Hormons Oxytocin freisetzt, was zu einem zusätzlichen Milchspendereflex führt.
Die Milch, die beim beidseitigen Abpumpen gewonnen wird, weist oft einen höheren Fettgehalt auf, da die Brüste besser entleert werden. Dies ist besonders vorteilhaft für Frühgeborene, die auf eine höhere Kaloriendichte angewiesen sind.
Eine gut entleerte Brust sendet dem Körper das Signal, mehr Milch zu produzieren. Daher ist eine häufige und effektive Milchentnahme entscheidend für die Aufrechterhaltung der Milchproduktion.

Die richtige Milchpumpe wählen
Die Wahl der richtigen Milchpumpe hängt vom individuellen Bedarf ab:
- Handmilchpumpe: Geeignet für gelegentliches Abpumpen, portabel und kostengünstig.
- Elektrische Milchpumpe: Empfohlen für regelmäßigen oder ausschließlichen Gebrauch. Doppelpumpensets sind besonders effizient. Diese können oft gegen Gebühr in der Apotheke ausgeliehen werden.
- Freihändiges Abpumpen: Spezielle Abpump-BHs ermöglichen es, die Hände während des Abpumpens frei zu haben.
Wichtig ist die Wahl der passenden Brusthaubengröße, um Schmerzen und eine ineffiziente Milchgewinnung zu vermeiden.
Tipps für entspanntes Abpumpen
Um den Milchspendereflex zu fördern und das Abpumpen angenehmer zu gestalten:
- Schaffen Sie eine ruhige und entspannte Atmosphäre.
- Nutzen Sie eine bequeme Sitzposition.
- Hautkontakt mit dem Baby oder das Betrachten von Fotos/Videos kann helfen.
- Ablenkung durch Hörbücher oder Fernsehen kann nützlich sein.
- Warme Kompressen oder Massagen vor dem Abpumpen können den Milchfluss erleichtern.
- Experimentieren Sie mit verschiedenen Pump-Programmen, falls Ihre Pumpe diese Funktion bietet.
Hygiene beim Abpumpen
Besondere Sorgfalt ist bei der Hygiene geboten, um Infektionen zu vermeiden:
- Hände gründlich waschen vor jeder Pumpaktion.
- Milchpumpen-Zubehör täglich sterilisieren, insbesondere wenn das Baby jünger als sechs Monate ist.
Lagerung und Fütterung von abgepumpter Muttermilch
- Auftauen: Schonend im Kühlschrank, unter fließendem Wasser oder bei Raumtemperatur.
- Erwärmen: Im Flaschenwärmer, Wasserbad oder unter fließendem Wasser (maximal 37 Grad). Niemals in der Mikrowelle erwärmen!
- Lagerung: Aufgetaute Milch innerhalb von 1-2 Stunden verfüttern. Einmal erwärmte Milch nicht erneut aufwärmen.
- Fütterung: Mit Löffel, Becher, Spritze, Brusternährungsset oder Flasche.
Eingefrorene Muttermilch kann im hinteren oberen Bereich des Kühlschranks aufbewahrt werden. Beim Einfrieren das Volumen der Muttermilch berücksichtigen, da es sich vergrößert.
Umgang mit einseitiger Milchproduktion oder Brustbevorzugung
Es ist nicht ungewöhnlich, dass Babys eine Brust bevorzugen oder dass die Milchproduktion in den Brüsten unterschiedlich ist. Dies kann verschiedene Ursachen haben:
- Milchfluss: Ein schnellerer oder effizienterer Milchfluss in einer Brust.
- Komfort: Bestimmte Stillpositionen oder körperliche Beschwerden des Babys.
- Negative Erfahrungen: Frühere unangenehme Erlebnisse mit einer Brust.
- Ungleichgewicht der Milchproduktion: Die häufiger genutzte Brust produziert mehr Milch.
- Milchstau: Regelmäßige Entleerung ist wichtig, um Entzündungen zu vermeiden.
- Größenunterschiede: Die häufiger genutzte Brust kann mit der Zeit größer werden.
Tipps bei Brustbevorzugung:
- Bieten Sie die weniger bevorzugte Brust immer dann an, wenn das Baby am hungrigsten ist.
- Wechseln Sie die Stillpositionen.
- Bieten Sie Hautkontakt vor dem Stillen an.
- Beginnen Sie mit dem Stillen auf der bevorzugten Seite und wechseln Sie sanft zur anderen Seite.
- Pumpen Sie regelmäßig Milch aus der weniger genutzten Brust ab, um den Druck zu verringern und die Produktion aufrechtzuerhalten.
Auch wenn nur eine Brust genutzt wird, kann das Baby ausreichend Milch erhalten, vorausgesetzt, es trinkt lange genug, um die Brust vollständig zu entleeren.

Fazit einer Hebamme und Stillberaterin
Wenn medizinische Gründe vorliegen, sollte mit dem Abpumpen zusätzlich zum Stillen so früh wie möglich begonnen werden, um die Milchproduktion anzuregen. Ist die Muttermilchmenge ausreichend, lohnt es sich, mit dem Abpumpen zu warten, bis sich die Milchmenge an die Nachfrage des Babys angepasst hat und eine stabile Stillbeziehung besteht. Die Kombination von Stillen und Abpumpen kann eine sinnvolle Zwischenlösung sein, erfordert aber zusätzlichen Zeitaufwand für Fütterung und Reinigung des Zubehörs. Individuelle Beratung durch eine Hebamme oder Stillberaterin ist in jedem Fall empfehlenswert.