Im Landkreis Cloppenburg und angrenzenden Regionen hat die Schließung von Geburtsstationen in den letzten Jahren zu erheblichen Diskussionen über die Zukunft der Geburtshilfe geführt. Diese Entwicklung betrifft nicht nur werdende Eltern, sondern wirft auch Fragen nach der Finanzierung und Organisation des Gesundheitswesens auf.
Schließungswelle im Landkreis Cloppenburg
Im Juli und August des vergangenen Jahres schloss die letzte verbliebene Geburtenstation des Landkreises Cloppenburg, die des St.-Josefs-Hospitals, an den Wochenenden ihre Türen. Diese Maßnahme, die für zwei Monate galt, löste eine lebhafte Debatte über die Zukunft der Geburtshilfe in der Region aus, eine Diskussion, die bis heute anhält.
Bereits im Oktober 2021 hatte das Krankenhaus in Friesoythe seine Geburtenstation aufgegeben. Dies führte dazu, dass schwangere Frauen in einem der geburtenstärksten Kreise Deutschlands fortan samstags und sonntags vor verschlossenen Türen standen und auf andere Kreißsäle, beispielsweise in Oldenburg oder Vechta, ausweichen mussten.

Gründe für die Teilschließung
Der Geschäftsführer des St.-Josefs-Hospitals, Andreas Krone, begründete die temporäre Schließung an den Wochenenden primär mit einem akuten Mangel an Hebammen. Er betonte, dass die verbleibenden Hebammen enormen Belastungen ausgesetzt seien und die Schließung dazu diene, diese zu entlasten. Zusätzlich wies er auf die unzureichende finanzielle Finanzierung der Leistungen in der Geburtshilfe hin.
Kritik an Arbeitsbedingungen und Bezahlung
Nach Bekanntwerden der Schließung geriet das St.-Josefs-Hospital in die Kritik. Politiker forderten bessere Arbeitsbedingungen für das medizinische Personal. Die Bundestagsabgeordnete Silvia Breher (CDU) hob hervor, dass unter anderem ein externer Putzdienst fehle und die Hebammen neben ihren eigentlichen Aufgaben auch Reinigungsarbeiten übernehmen müssten. Ratsherr und damaliger Landtagskandidat Jan Oskar Höffmann (SPD) bemängelte die unzureichende Bezahlung der Hebammen sowie eine mangelhafte Ausstattung der Klinik. Diese Kritik wurde auch bei einer Demonstration in der Innenstadt von Hebammen laut, die auf die schlechten Arbeitsbedingungen und die zu geringe Entlohnung aufmerksam machten.

Politische Debatte und Forderungen
Im Kreistag entwickelte sich eine intensive Debatte über die Ursachen und Folgen der Teilschließung. Im Fokus der Diskussion stand auch Landrat Johan Wimberg (CDU), der nach eigenen Angaben erst aus der Presse von der Schließung der Friesoyther Geburtenstation erfahren hatte. Die SPD kritisierte, dass Wimberg aus den Vorkommnissen in Friesoythe nicht die richtigen Schlüsse gezogen habe. Die Sozialdemokraten forderten vom Landkreis, mehr Mitspracherecht bei den Krankenhäusern einzufordern, insbesondere da der Kreis jährlich Millionenbeträge in diese investiere. Um die Geburtenstation dauerhaft zu erhalten, wurde die Teilkommunalisierung vorgeschlagen. Die FDP wiederum forderte, dass sowohl der Kreis als auch die Stadt Cloppenburg jeweils einen Sitz im Stiftungsrat des Trägers erhalten sollten.
Verantwortung des Trägers und Verunsicherung der Schwangeren
Landrat Wimberg sah die Schwester-Euthymia-Stiftung (SES), den Träger des St.-Josefs-Hospitals, in der Verantwortung und bezeichnete die Teilschließung als nicht akzeptabel. Er forderte, zukünftig früher über solche Entscheidungen informiert zu werden. Wimberg wies zudem darauf hin, dass im benachbarten Landkreis Vechta Geburtshilfestationen auch in deutlich kleineren Häusern der SES aufrechterhalten werden könnten, während es in Cloppenburg zu Problemen komme.
Regina Peters-Trippner, die Cloppenburger Kreisvorsitzende der Hebammen, bezeichnete die Teilschließung als ein „Desaster“. Sie betonte, dass schwangere Frauen stark verunsichert seien, wenn sie keinen planbaren und bekannten Geburtsort hätten. Peters-Trippner forderte unter anderem eine 1:1-Betreuung durch Hebammen für Frauen mit regelmäßigen Geburtswehen. Auch sie hob die mangelhafte Finanzierung hervor und erklärte, dass Geburtshilfe aufgrund ihres sozialen Charakters nicht wirtschaftlich arbeiten könne. Die Politik müsse demnach die Voraussetzungen schaffen, damit die Kliniken die Vorhaltekosten für das Personal im Kreißsaal refinanziert bekommen.
Ausblick und weitere Schließungen
Die Teil-Schließung im St.-Josefs-Hospital Cloppenburg gab Anlass zur Sorge, ob dies ein Vorbote für eine vollständige Schließung der Geburtenstation sein könnte. Die Bundestagsabgeordnete Breher äußerte sich besorgt und betonte die Notwendigkeit des Krankenhauses und ein klares Bekenntnis zur Geburtenhilfe. Der Vorstand der SES, Ulrich Pelster, gab jedoch Anfang Juli das Bekenntnis ab: „Wir wollen und werden die Geburtshilfe in Cloppenburg erhalten.“
Im September wurde der Normalbetrieb im St.-Josefs-Hospital wieder aufgenommen. Laut Geschäftsführer Krone konnten vier neue Hebammen eingestellt werden, wodurch die Situation der Geburtenhilfe stabilisiert wurde. Die Diskussion über die Zukunft der Geburtshilfe hält jedoch an.
Schließung der Geburtsstation in Sögel
Nach Friesoythe verliert nun auch Sögel seine Geburtsstation. Dies bedeutet, dass für werdende Eltern aus dem Kreis Cloppenburg die Auswahl an Geburtskrankenhäusern immer enger wird. Nachdem bereits 2021 der Kreißsaal in Friesoythe geschlossen wurde, ist nun auch in Sögel Schluss.
Im gesamten Landkreis Cloppenburg gibt es somit nur noch eine Geburtsstation - die im St.-Josefs-Hospital in Cloppenburg. Nach der Schließung des Kreißsaals im Friesoyther St.-Marien-Hospital im Jahr 2021 müssen werdende Eltern aus der Region nun auf die Kreisstadt ausweichen. Aufgrund der großen Nord-Süd-Ausdehnung des Landkreises suchen Familien aus dem Nordkreis und den Randgebieten verstärkt nach Kliniken in den Nachbarkreisen.
Ein beliebtes Ziel war lange Zeit das Hümmling-Hospital in Sögel. Die Klinik teilte mit, dass sie einen Antrag auf Ausweitung der Geriatrie und der Unfallchirurgie/Endoprothetik gestellt hat und dafür die Abteilung für Geburtshilfe und Gynäkologie zum 31. März 2026 schließen wird. Der niedersächsische Gesundheitsminister Dr. Andreas Philippi hält diesen Schritt laut Mitteilung für richtig, bedauert jedoch die Schließung der Geburtshilfe. Er begründete dies mit den niedrigen Geburtenzahlen, dem Fehlen einer Kinderklinik in Sögel und den steigenden Strukturanforderungen aus der Krankenhausreform, die eine Schließung ohnehin unausweichlich machten.
Geburtshilfe: AfD unterstützt, was die Situation der Hebammen verbessert. Stephan Bothe (AfD)
Die verbliebenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Abteilung Gynäkologie und Geburtshilfe in Sögel erhalten Weiterbeschäftigungsangebote im Hümmling Hospital oder in anderen Kliniken des Verbundes der St. Bonifatius Hospitalgesellschaft. Ansgar Veer, Hauptgeschäftsführer der St. Bonifatius Hospitalgesellschaft, zu der auch das Hümmling-Hospital gehört, erklärte, dass nach einem langen und intensiven Abstimmungsprozess mit verschiedenen Akteuren eine Lösung gefunden wurde, die zur Sicherung des Standortes Sögel beiträgt. Dennoch sei es bedauerlich, die Geburtshilfe nach langem Kampf aufgeben zu müssen.
Auswirkungen auf werdende Eltern und die Bedeutung kleiner Kliniken
Von Friesoythe aus müssen werdende Eltern nun einen Weg von mindestens 24 Kilometern zur nächsten Geburtsklinik zurücklegen. Roswitha Funke, eine Hebamme, die zuletzt im Krankenhaus in Sögel tätig war und zuvor bereits die Schließung des Kreißsaals in Friesoythe erlebte, beschreibt die Situation: „Viele Paare haben die kleine und familiäre Atmosphäre in Sögel geschätzt.“ Sie betont, dass gerade diese kleineren Einrichtungen oft durch ihre Ruhe von vielen werdenden Eltern bevorzugt werden.
Funke berichtet weiter, dass zuletzt viele Paare aus dem gesamten Nordkreis Cloppenburg, insbesondere aus Friesoythe und dem Saterland, sowie aus dem Raum Löningen, das Sögeler Hospital aufsuchten. „Nach der Schließung der Geburtstation in Friesoythe war Sögel für viele Eltern die erste Wahl, gerade weil es keine große Klinik ist“, so Funke. Auch Eltern, die ihre Geburt bereits in Sögel geplant hatten, müssen nun umdisponieren.
Die Emsländische Frauenarztpraxis am Krankenhaus Sögel ist von der Schließung der Geburtshilfeabteilung nicht betroffen.
Hintergründe und Herausforderungen der Geburtshilfe
Der Hebammenmangel, der oft als primärer Grund für Schließungen genannt wird, ist laut dem Hebammenverband Niedersachsen nur ein Teil des Problems. Die Geburtshilfe stellt für viele Kliniken ein Verlustgeschäft dar, was Schließungen begünstigt. Die Kurzfristigkeit der Schließungen erschwert es umliegenden Kliniken, ihr Personal anzupassen und sich auf die Folgen einzustellen.
Die finanzielle Situation der Geburtshilfe ist angespannt. Die Leistungen sind nicht ausreichend finanziert, und die Kliniken kämpfen damit, die Vorhaltekosten für das Personal zu decken. Die Politik ist gefordert, Rahmenbedingungen zu schaffen, die eine nachhaltige Sicherung der Geburtshilfe gewährleisten.
Die Schließungswelle im Landkreis Cloppenburg und darüber hinaus verdeutlicht die strukturellen Probleme im deutschen Gesundheitswesen, insbesondere im Bereich der Geburtshilfe. Die zunehmende Konzentration von Geburtsstationen in größeren Kliniken führt zu längeren Anfahrtswegen für werdende Eltern und zum Verlust kleinerer, familiärer Angebote, die von vielen geschätzt werden.
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