Für viele Paare, die sich ihren Kinderwunsch durch assistierte Reproduktionstechniken (ART) wie In-vitro-Fertilisation (IVF) oder Intrazytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI) erfüllen, stellt sich nach der Geburt des ersten Kindes die Frage nach einem Geschwisterchen. Die Erfahrung, bereits ein Kind durch diese Methoden erhalten zu haben, birgt sowohl Hoffnungen als auch Unsicherheiten bezüglich weiterer Behandlungszyklen.
Erfolgschancen für weitere Behandlungszyklen nach erfolgreicher erster ART
Eine australisch-neuseeländische Studie, die die Daten von 35.290 Patientinnen nach einer erfolgreichen ersten ART-Behandlung analysierte, liefert wertvolle Einblicke in die Faktoren, die eine Wiederaufnahme der Therapie beeinflussen, sowie in die zu erwartenden kumulativen Lebendgeburtenraten (LGR). Innerhalb eines Zeitfensters von 7 Jahren stellten sich 43% (n = 15.325) aller Patientinnen erneut einer ART-Behandlung vor. Ein signifikanter Anteil davon, nämlich 95%, entschied sich für eine Wiederaufnahme der Therapie innerhalb der ersten 3 Jahre nach der Geburt ihres ersten Kindes.

Persönliche Erfahrungen und emotionale Aspekte
In vielen Foren und Gesprächen wird die emotionale Komponente des Kinderwunsches nach der ersten erfolgreichen Behandlung deutlich. Viele Frauen berichten von Glück und Dankbarkeit für ihr erstes Kind, verbunden mit der Hoffnung auf ein zweites. Gleichzeitig äußern sie Bedenken, das Schicksal nicht zu sehr herauszufordern.
Einige Frauen berichten von ihren Erfahrungen:
- "Ich bin letztes Jahr nach 2 ICSIs schwanger geworden und unser Sohn ist jetzt 8 Monate alt. ... Gerne hätten wir ein Geschwisterchen für ihn, aber ich weiß nicht, ob man das Schicksal nicht zu oft herausfordern kann?"
- "Wir haben unsere Tochter nach der 1. ICSI bekommen (6/15). Auf natürlichem Wege ist bei uns ausgeschlossen, da mein Mann an 100% Azoospermie leidet und wir die Proben nur Dank Tese-Op hatten. ... Danach haben wir die Proben ... 'vernichten' lassen, da wir mehr Glück nicht mehr haben können und wir das Schicksal nicht zu oft herausfordern wollten."
- "Ich bin mit Nr. 1 ... schwanger geworden. ... Wir hätten aber sicher mehr als nur 1 TF gemacht. Zwillinge wären sicher schon eine andere Liga gewesen."
Die Frage nach dem altersbedingten Unterschied zwischen den Kindern ist ebenfalls relevant. Einige Paare beginnen frühzeitig mit der Geschwisterplanung, während andere erst nach einiger Zeit darüber nachdenken.
Die Rolle der Kinderwunschklinik und Behandlungsoptionen
Die Entscheidung für ein zweites Kind nach einer Kinderwunschbehandlung führt Paare oft zurück in die Kinderwunschklinik. Die Erfahrungen dabei sind vielfältig:
- Einige Paare benötigen weitere Behandlungszyklen wie ICSI oder IVF.
- Die Nutzung von kryokonservierten Embryonen (Kryo) stellt eine wichtige Option dar, da sie oft höhere Erfolgschancen bietet und kostengünstiger ist.
- Manche Paare berichten von negativen ICSI-Versuchen, ohne dass eine klare Ursache erkennbar ist.
- Es gibt auch Fälle, in denen nach einer Kinderwunschbehandlung eine Schwangerschaft auf natürlichem Wege eintritt, was als besonderes Glück empfunden wird. Eine britische Studie deutet darauf hin, dass dies bei etwa einem Fünftel der Frauen der Fall ist.
Die Wartezeit zwischen den Behandlungen wird unterschiedlich gehandhabt. Einige raten dazu, nicht zu lange zu warten, insbesondere wenn das Alter eine Rolle spielt, während andere eine Erholungsphase für den Körper empfehlen.

Wissenschaftliche Erkenntnisse und Studienergebnisse
Wissenschaftliche Studien beleuchten die Erfolgschancen für ein zweites Kind nach künstlicher Befruchtung. Eine Studie der Newcastle University zeigt, dass ein erheblicher Teil der Frauen, die ihr erstes Kind per künstlicher Befruchtung erhielten, anschließend auf natürlichem Wege schwanger wird. Dies wird auf verschiedene Faktoren zurückgeführt, darunter:
- Veränderungen im weiblichen Körper während und nach der Schwangerschaft.
- Eine andere hormonelle Situation und ein "erlerntes" Schwangersein des Körpers und Immunsystems.
- Mögliche Wiedereröffnung verschlossener Eileiter.
- Verbesserungen bei männlichen Samenbefunden im Laufe der Zeit.
- Die psychische Erleichterung und der Abbau von Stress und Druck nach der Geburt des ersten Kindes.
PD Dr. med. A. Kohl Schwartz kommentiert die Ergebnisse einer Studie und hebt hervor:
- Die Erfolgschancen für ein zweites Kind nach einer ersten künstlichen Befruchtung sind gut, insbesondere bei Verwendung kryokonservierter Embryonen.
- Frauen, die bereits einmal mit IVF schwanger wurden, haben in der Regel gute Prognosefaktoren für eine erneute Schwangerschaft.
- Das fortgeschrittene Alter verringert die Chance auf ein zweites IVF-Kind.
- Die Übertragung von Embryonen aus einem Auftauzyklus mit kryokonservierten Embryonen kann höhere Geburtenraten erzielen als Frischzyklen, da das Endometrium empfänglicher sein kann.
Die Studie betont die Wichtigkeit der Analyse der kumulativen Lebendgeburtenrate, da dies die Information ist, die Kinderwunschpaare am meisten interessiert.
Risiken und Überlegungen bei Mehrlingsschwangerschaften
Bei Fruchtbarkeitsbehandlungen besteht ein erhöhtes Risiko für Mehrlingsschwangerschaften. Während Zwillinge in der Regel gute Aussichten auf eine gesunde Entwicklung haben, sind Drillinge und höhere Mehrlingsschwangerschaften mit einem deutlich höheren Risiko für Frühgeburten und damit verbundenen Beeinträchtigungen verbunden.
Die Belastungen durch Mehrlingsgeburten können sowohl für die Kinder als auch für die Eltern erheblich sein. Frühgeborene Mehrlinge benötigen oft intensive medizinische Betreuung, und der Alltag mit mehreren Kindern kann Eltern physisch und psychisch an ihre Grenzen bringen. Bei Drillingen ist das Risiko für Verhaltens- und Sprachstörungen sowie für Depressionen bei Müttern erhöht, und die Trennungsrate bei Eltern von Drillingen ist höher.
Es wird empfohlen, vor einer Fruchtbarkeitsbehandlung mögliche Belastungen zu bedenken und mit dem Arzt über Strategien zur Risikominimierung zu sprechen, wie z.B. die Übertragung von maximal zwei Embryonen.
Risiken von Fehlbildungen und Schwangerschaftskomplikationen
Nach einer Fruchtbarkeitsbehandlung sind die Raten von kindlichen Fehlbildungen und Chromosomen-Abweichungen leicht erhöht im Vergleich zu natürlich gezeugten Kindern. Insbesondere nach ICSI gibt es Hinweise auf häufigere Chromosomen-Abweichungen. Spastische Bewegungsstörungen, die infolge einer frühkindlichen Hirnschädigung auftreten können, sind ebenfalls häufiger zu beobachten, was vermutlich auf die höhere Rate an Mehrlings- und Frühgeburten zurückzuführen ist.
Schwangerschaften nach künstlicher Befruchtung werden oft engmaschiger überwacht. Das Risiko von Fehlgeburten kann erhöht sein, was teilweise auf das höhere Durchschnittsalter der Frauen zurückgeführt wird, die sich einer Behandlung unterziehen. Auch die Rate an Kaiserschnittgeburten ist etwas höher, was unter anderem auf die höhere Zahl an Mehrlingsschwangerschaften zurückzuführen ist.
In-vitro-Fertilisation (IVF) – Chancen, Risiken, Ablauf
Kostenübernahme und finanzielle Aspekte
Die Kosten für Kinderwunschbehandlungen sind oft eine erhebliche finanzielle Belastung. In Deutschland übernehmen gesetzliche Krankenkassen unter bestimmten Voraussetzungen einen Teil der Kosten für eine Kinderwunschbehandlung, auch wenn bereits zuvor eine solche in Anspruch genommen wurde. Die Altersgrenzen und die Anzahl der erstattungsfähigen Versuche sind dabei zu beachten.
Einige Krankenkassen, wie die Knappschaft, bieten eine 100%ige Kostenübernahme für eine bestimmte Anzahl von ICSI-Versuchen an, was für viele Paare eine große Erleichterung darstellt. Der Wechsel der Krankenkasse kann daher eine Option sein.
Lebensstil und präkonzeptionelle Beratung
Unabhängig davon, ob es sich um den ersten oder zweiten Kinderwunsch handelt, wird eine Anpassung des Lebensstils empfohlen. Dazu gehören:
- Folsäureprophylaxe
- Verzicht auf Nikotin
- Absetzen oder Umstellen von Medikamenten
- Erreichen eines normalen Körpergewichts
Diese Empfehlungen gelten ebenso für Frauen, die ein zweites IVF-Kind wünschen, um die Chancen auf eine erfolgreiche Schwangerschaft zu maximieren.