Der Geburtsplan: Vorbereitung, Wünsche und Realitäten

In Deutschland sind fast 90 Prozent der werdenden Väter bei der Geburt dabei. Dennoch haben nur wenige Frauen einen detaillierten Geburtsplan.

Illustration einer schwangeren Frau, die mit ihrem Partner über einen Geburtsplan spricht.

Die Bedeutung eines Geburtsvorbereitungskurses

Ein Geburtsvorbereitungskurs, sei es online oder in Präsenz, ist für werdende Eltern von großer Bedeutung. Er vermittelt wichtiges Wissen über den Ablauf einer Geburt und die körperlichen Prozesse, die dabei ablaufen. Partner sollten unbedingt an diesen Kursen teilnehmen.

Oftmals bestehen noch Klischees über Geburtsvorbereitungskurse, wie der Begriff "Pappkurs" andeutet. Doch diese Kurse bieten eine Fülle von Informationen, die weit über einfache Atemübungen hinausgehen.

Was Sie in einem Geburtsvorbereitungskurs lernen

  • Anatomie und Körperprozesse: Ein tiefes Verständnis dafür, was im weiblichen Körper während der Geburt geschieht.
  • Geburtsphasen: Die verschiedenen Stadien der Geburt und wie sie sich unterscheiden können.
  • Schmerzlinderung: Informationen über alternative und konservative Methoden zur Schmerzbekämpfung.
  • Mögliche Komplikationen: Vorbereitung auf unvorhergesehene Ereignisse.
  • Die erste Zeit nach der Geburt: Was Sie und Ihr Baby nach der Entbindung erwartet.

Diese Wissensvermittlung führt oft zu wichtigen Erkenntnissen und "Aha-Momenten".

Unterschiedliche Kurskonzepte und Empfehlungen

Es gibt verschiedene Ansätze bei Geburtsvorbereitungskursen. Einige konzentrieren sich stärker auf körperliche Übungen, während andere den Wissenserwerb in den Vordergrund stellen. Es ist ratsam, sich von Freunden, die bereits einen Kurs besucht haben, Empfehlungen geben zu lassen.

Generell wird empfohlen, Kurse mit einer Hebamme zu wählen, da Hebammen die Experten für physiologische Geburten sind und somit auch die kompetentesten Ansprechpartnerinnen für die Geburtsvorbereitung darstellen.

Spezielle Kurse wie Hypnobirthing können eine wertvolle Ergänzung sein, ersetzen jedoch nicht den klassischen Geburtsvorbereitungskurs.

Kursformate und Zeitplanung

Die klassischen Geburtsvorbereitungskurse variieren in ihrer Dauer und Intensität. Hebammen bieten oft Kompaktkurse für Paare an Wochenenden oder Kurse an, die sich über mehrere Wochen erstrecken.

Für Frauen, die bereits ein oder zwei Kinder haben, gibt es spezielle Kurse mit einem Fokus auf Geschwisterkinder und die Organisation der Geburt.

Eltern von Zwillingen finden spezialisierte Online-Kurse, beispielsweise von Jana Friedrich & Inga Sarrazin, die auf die besonderen Herausforderungen und Bedürfnisse bei Mehrlingsgeburten eingehen. Diese Kurse thematisieren spezifische Aspekte wie das gleichzeitige Stillen von Zwillingen oder effektive Trage­techniken.

Präsenzkurse bieten zusätzlich die Möglichkeit, sich mit anderen werdenden Eltern auszutauschen und Erfahrungen zu teilen. Krankenhäuser und Hebammenpraxen sind häufige Anbieter solcher Kurse. Plattformen wie Kidsgo können bei der Suche nach passenden Kursen in Ihrer Stadt helfen.

Als allgemeine Empfehlung gilt, zwischen der 25. und 30. Schwangerschaftswoche mit einem Kurs zu beginnen. Bei wöchentlichen Kursen ist es ratsam, etwas früher zu starten, da diese oft sechs Wochen dauern. Wochenendkurse werden oft zwischen der 30. und 35. Schwangerschaftswoche empfohlen, da viele Frauen gegen Ende der Schwangerschaft eine längere Belastung als anstrengend empfinden. Kurse für Zwillinge können bereits ab der 20. Schwangerschaftswoche besucht werden. Online-Kurse bieten den Vorteil, dass Sie Ihr Lerntempo selbst bestimmen können. Bei Präsenzkursen ist eine frühzeitige Anmeldung wichtig.

Normal Vaginal Geburt

Der Geburtsplan: Ihre Wünsche festhalten

Manche Wünsche und Vorstellungen bezüglich der Geburt sind im Klinikalltag noch nicht selbstverständlich, auch wenn aktuelle Leitlinien etwas anderes empfehlen. Andere Wünsche lassen sich aufgrund der aktuellen Situation im Gesundheitswesen, wie z.B. dem Betreuungsschlüssel oder baulichen Gegebenheiten, nicht immer realisieren. Dennoch sind Ihre Wünsche wichtig, denn es ist Ihre Geburt.

Die Form des Geburtsplans und wie Sie ihn nutzen, ist individuell. Manche Paare erstellen eine gemeinsame Liste, um ins Gespräch über die bevorstehende Geburt zu kommen und ihre Wünsche, Bedürfnisse und Sorgen zu artikulieren. Je besser Sie die Vorstellungen des Partners kennen, desto besser.

Formen und Inhalte eines Geburtsplans

Ein Geburtsplan kann auf verschiedene Weisen umgesetzt werden:

  • Als Notiz im Smartphone, als Spickzettel für den Kreißsaal.
  • Als Brief an die Hebamme.
  • Als detaillierte Liste für das Anmeldegespräch im Krankenhaus.

Wenn Sie einen Geburtsplan als "Brief an die Hebamme" formulieren, bedenken Sie, dass die Hebamme eine unterstützende Person ist, deren oberstes Ziel es ist, Ihnen zu einer "guten Geburt" zu verhelfen.

Vermeiden Sie Geburtspläne aus veralteten Internetforen, die überholte Informationen enthalten oder auf längst ausgestorbene medizinische Praktiken verweisen. Auch maschinell übersetzte Pläne aus anderen Ländern sind oft ungeeignet, da die Bedingungen in Deutschland anders sind. Beispielsweise ist die Gabe von Augentropfen zur Schleimhautreizung (Credé-Prophylaxe) abgeschafft, und der Wunsch, bei einem Kaiserschnitt keine Gebärmutterentfernung zu wünschen, ist in der heutigen Medizin praktisch irrelevant, es sei denn in lebensbedrohlichen Notfällen.

Ihre Begleitperson kann eine wertvolle Hilfe bei der Umsetzung einzelner Wünsche gegenüber dem Klinikpersonal sein, da gebärende Frauen sich während der Geburt auf den Geburtsvorgang konzentrieren sollten und nicht in rationale Diskussionen eintreten können.

Infografik: Mögliche Bestandteile eines Geburtsplans.

Hormone und der Geburtsverlauf: Oxytocin

Die Geburt ist eine Urgewalt, bei der Loslassen eine zentrale Rolle spielt. Das Hormon Oxytocin spielt dabei eine entscheidende Rolle. Es fördert nicht nur die Bindung zum Baby, sondern verwandelt Frauen während der Geburt in "Löwinnen".

Oxytocin wird ab der zweiten Hälfte der Eröffnungsphase ausgeschüttet und sorgt für kräftige Wehen. Es wird auch als "Kuschelhormon" oder "Hormon der Liebe" bezeichnet und hebt die Schmerzgrenze, fördert Mut und versetzt Frauen in einen anderen Bewusstseinszustand, die sogenannte "Gebärtrance". In diesem Zustand können Hemmungen fallen und instinktgesteuerte Reaktionen erfolgen.

Es ist wichtig zu verstehen, dass Gebären kein aktiver Prozess ist, den man "machen" kann. Es geschieht. Die Schlüsselwörter sind "Zulassen", "Loslassen" und "Gehenlassen". Diese Kontrolle abzugeben, ist für moderne Menschen oft ungewohnt und beängstigend.

Im Kreißsaal und im Geburtsvorbereitungskurs erhalten Sie die "offizielle Erlaubnis" zum Loslassen. Es ist erlaubt zu stöhnen, zu schreien, sich an Kissen festzuhalten - der Körper weiß, was er tut. Ähnlich wie bei der Verdauung, wo man sich nicht in den Prozess einmischt, weil der Körper ihn selbst steuert.

Geduld, Zeit und Ruhe sind auch für Hebammen und Ärzte wichtig, da der Prozess des Sich-gehen-Lassens störanfällig ist.

Synthetisches Oxytocin, das als Wehentropf verabreicht wird, kann das natürliche hormonelle Gleichgewicht beeinflussen. Ein routinemäßiger oder unkritischer Einsatz, insbesondere in Verbindung mit einer PDA, kann Auswirkungen auf das Bindungsverhalten von Mutter und Kind haben.

Nach der Geburt: Wochenfluss und Heilung

Nach der Geburt kommt es zu Blutungen, dem sogenannten Wochenfluss. Dies ist normal und wichtig für die Heilung der Gebärmutter, insbesondere der Wundfläche an der ehemaligen Plazenta­haft­stelle.

In den ersten Tagen ist die Blutung stark und rot. Später wird sie schwächer und heller, verfärbt sich rosa oder bräunlich. Für diese Zeit werden große, saugfähige Binden benötigt. Bequeme, weite Unterwäsche ist ratsam.

Die Gebärmutter kontrahiert durch Nachwehen, um die Blutung zu stillen. Auch wenn die Menge an Blut anfangs irritieren mag, ist sie ein normaler Prozess.

Illustration, die den Wochenfluss und die benötigten Binden zeigt.

Das Mikrobiom: Die Bedeutung für Mutter und Kind

Das Mikrobiom, die Gemeinschaft von Mikroorganismen, die auf und in uns leben, spielt eine entscheidende Rolle für die Gesundheit von Mutter und Kind.

Das Baby baut bereits vor und während der Geburt sein Mikrobiom auf. Bei einer vaginalen Geburt kommt es mit den mütterlichen Vaginal- und Darmbakterien in Kontakt. Bei einem Kaiserschnitt fehlt dieser natürliche Transfer.

Vaginal Seeding nach Kaiserschnitt

Vaginal Seeding ist eine Methode, bei der Kaiserschnitt-Babys nach der Geburt mit Vaginalsekret der Mutter in Kontakt gebracht werden, um den natürlichen Keimtransfer zu imitieren. Studien zeigen, dass Kaiserschnitt-Kinder ohne Vaginal Seeding oft eine andere Darmflora aufweisen als vaginal geborene Babys, was langfristige Auswirkungen auf die Gesundheit haben kann (z.B. Allergien, Asthma, Autoimmunerkrankungen).

Kliniken sind in Bezug auf Vaginal Seeding unterschiedlich aufgeschlossen. Es ist unwahrscheinlich, dass diese Methode aktiv angeboten wird. Kritische Stimmen weisen auf das Risiko einer Übertragung von Krankheitserregern hin. Eine akute Herpes-Infektion wäre ein Ausschlussgrund.

Auch nach einem Kaiserschnitt ist ein gewisser Keimtransfer möglich, wird aber mit der Zeit weniger effektiv. Hautkontakt und Stillen tragen ebenfalls zur Übertragung nützlicher Keime bei. Probiotische Tropfen oder Pulver können eine Ergänzung sein, insbesondere bei familiärer Vorbelastung mit Allergien oder nach Antibiotikagabe.

Probiotika und die vaginale Gesundheit

Laktobazillen spielen eine wichtige Rolle für die vaginale Gesundheit. Sie produzieren Milchsäure und Wasserstoffperoxid, die das saure Milieu aufrechterhalten und unerwünschte Bakterien und Pilze hemmen. Eine Dysbalance der Vaginalflora kann das Risiko für Frühgeburten erhöhen.

Die orale Einnahme von Probiotika, die speziell für die Frauengesundheit entwickelt wurden, kann die Vaginalflora positiv beeinflussen. Diese gelangen in den Magen-Darm-Trakt und können über den entero-mammary-pathway auch in die Muttermilch übergehen.

Bestimmte Bakterienstämme, wie Bifidobacterium und Lactobacillus, sind essenziell für den Aufbau der Mikrobiota beim Baby. Sie unterstützen die Verdauung, stärken die Darmflora und können präventiv gegen Infektionen wirken.

Schema, das den Transfer von mütterlichen Bakterien auf das Baby während der Geburt und beim Stillen darstellt.

Ambulante Geburt: Vorteile und Voraussetzungen

Eine ambulante Geburt bedeutet, dass Sie nach einigen Stunden im Kreißsaal nach Hause gehen, anstatt auf die Wochenbettstation zu wechseln. Dies ermöglicht es der jungen Familie, die erste Zeit in ihrer vertrauten Umgebung zu verbringen, was oft die Umstellungs- und Heilungsprozesse harmonischer gestaltet.

Wichtige Voraussetzungen für eine ambulante Geburt sind:

  • Verlässliche Hebammenbetreuung: Die Hebamme muss nach der Entlassung nach Hause kommen und die Betreuung kontinuierlich fortsetzen.
  • Selbstständigkeit: Sie sollten sich zutrauen, auch über Stunden hinweg Unsicherheiten und Fragen eigenständig zu bewältigen.
  • Organisatorische Klärung: Sprechen Sie mit Ihrer Hebamme über die Möglichkeit und die organisatorischen Details einer ambulanten Geburt, insbesondere wenn es sich nicht um Ihre Beleg- oder Hausgeburtshebamme handelt.

Aufgrund des Hebammenmangels kann es schwierig sein, eine Vertretung für die Rufbereitschaft zu finden, insbesondere an Wochenenden oder in Ferienzeiten.

Wichtige Untersuchungen nach der Geburt

In Deutschland werden nach der Geburt standardmäßig verschiedene Untersuchungen durchgeführt:

  • Bluttest auf Stoffwechselerkrankungen: Dieser Test sollte zwischen 36 und 72 Stunden nach der Geburt erfolgen. Eine vorherige Aufklärung ist gesetzlich vorgeschrieben.
  • Hörscreening: Zur Früherkennung von Innenohrschwerhörigkeit.
  • U2-Untersuchung: Die zweite ärztliche Untersuchung des Babys.

Diese Untersuchungen sind wichtig und sollten nicht auf die leichte Schulter genommen werden.

Bei rhesus-negativen Müttern ist in der Regel innerhalb der ersten 72 Stunden nach der Geburt eine Anti-D-Serumgabe erforderlich, um eine Antikörperbildung zu verhindern. Dies ist eine ärztliche Maßnahme.

Übersicht der wichtigsten Nachuntersuchungen für Neugeborene.

Packliste für den Kreißsaal und die erste Zeit

Eine gut vorbereitete Tasche erleichtert den Aufenthalt im Krankenhaus und die erste Zeit zu Hause.

Für die Mutter:

  • Mutterpass, Krankenkassenkarte
  • Geburtsplan oder Notizen aus dem Geburtsvorbereitungskurs
  • Bequeme Kleidung: weiche Hose (z.B. Jogginghose, Leggings), weite Shirts, die den Po bedecken
  • Schlappen, Bademantel oder Strickjacke, warme Socken

Für die Begleitperson:

Auch die Begleitperson sollte bequem gekleidet sein, da sie oft lange Zeit in verschiedenen Positionen verharren muss.

Für das leibliche Wohl:

Während der Geburt haben Frauen meist keinen großen Appetit. Snacks wie Obst oder Joghurt sind oft ausreichend. Für die Begleitperson und für die Zeit nach der Geburt kann ein Verpflegungspaket sinnvoll sein. Pizza kann bei Bedarf auch in den Kreißsaal bestellt werden.

Für die Atmosphäre:

  • Musik (Spotify-Playlist, Bluetooth-Box)
  • Massageöl
  • Kleine persönliche Gegenstände, die eine Wohlfühl-Atmosphäre schaffen

Das Smartphone sollte während der Geburt im Flugmodus oder ausgeschaltet bleiben. Die Begleitperson sollte die Tasche beim Ankommen im Kreißsaal auspacken und die Dinge griffbereit machen.

Illustration einer gepackten Kliniktasche mit den wichtigsten Utensilien.

Geburtsplan: Ein Werkzeug der Vorbereitung

Ein Geburtsplan ist ein Ausdruck Ihrer Vorstellungen und Wünsche für die Geburt. Auch wenn eine Geburt nicht vollständig planbar ist, hilft die Auseinandersetzung mit den eigenen Bedürfnissen und die Formulierung dieser in einem Geburtsplan, sich sicherer und vorbereiteter zu fühlen.

Besprechen Sie Ihren Geburtsplan mit Ihrer Hebamme und dem Klinikpersonal, um eine gemeinsame Basis für die Geburt zu schaffen. Denken Sie daran, dass der Geburtsplan eine Wunschvorstellung ist, und seien Sie offen für Anpassungen, die sich während des Geburtsverlaufs ergeben mögen.

tags: #geburtsplan #kareen #dannhauer