Die Art und Weise, wie wir unsere Babys wickeln, hat sich im Laufe der Geschichte stark verändert. Während unsere Großeltern keine andere Wahl hatten, als Stoffwindeln zu verwenden, erlebten unsere Eltern die Wegwerfwindel als eine Revolution und einen Fortschritt. Heute entscheiden wir uns bewusst für nachhaltigere Alternativen, nicht aus Nostalgie, sondern aus Überzeugung.

Die Ära der Stoffwindeln: Von den Anfängen bis zur Industrialisierung
Die Notwendigkeit, mit den Ausscheidungen von Säuglingen umzugehen, begleitet die Menschheit seit jeher. Die Methoden variierten stark je nach Klima, verfügbaren Materialien und kulturellen Gepflogenheiten.
Frühe Praktiken: Windelfreiheit und natürliche Materialien
Wahrscheinlich waren die meisten Kinder in der Vergangenheit, insbesondere in gemäßigten Klimazonen, ohne Windeln. Frauen entwickelten ein Gespür für die Ausscheidungen ihrer Kinder und hielten sie von sich weg, wenn diese ihr Geschäft verrichten mussten. Diese Praxis der Ausscheidungskommunikation wird auch heute noch von manchen Kulturen erfolgreich angewendet und kann neu entdeckt werden. Die Einstellung zu Ausscheidungen war oft entspannter, da es keine Spannbettlaken oder Matratzen gab, die verschmutzt werden konnten.
Materialien im Wandel der Zeit
Dennoch gab es stets Strategien, um Ausscheidungen aufzufangen. Anfänglich wurden Materialien wie Blätter bestimmter Pflanzen, Heu, Stroh, Tierhäute und Felle verwendet. Mit fortschreitendem Fortschritt kamen Textilien zum Einsatz.
Die Bedeutung von Wolle und Leinen
Die erste spinnbare Faser, die in großem Umfang zur Herstellung von Textilien genutzt wurde, war Wolle. Bereits um 5000 v. Chr. kamen Wolltextilien in China und Ägypten zum Einsatz. Auch Leinenfasern wurden früh verarbeitet und waren im Mittelalter aufgrund ihrer Reißfestigkeit sehr beliebt, was sie neben Wolle zum wichtigsten Textil in Europa machte.
Die Ankunft der Baumwolle
Erst im 19. Jahrhundert eroberte die Baumwolle den Markt und verdrängte nach und nach Leinen und Schafwolle. Da Baumwolle nicht heimisch war und nach Europa transportiert werden musste, war sie zunächst teuer.
Erste Windeltechniken und die Rolle der Wolle
Im 18. Jahrhundert entstand eine neue Windeltechnik: Wollhöschen, die mit Stroh und Heu gefüllt wurden. Diese boten eine dichte, aber luftdurchlässige Windel, mit dem Vorteil, dass Wolle nach Gebrauch lediglich gelüftet werden musste, bevor sie wieder mit einer neuen Stroh-Heu-Schicht befüllt werden konnte.
Die Entwicklung der Stoffwindel und Gummihosen
Ende des 18. Jahrhunderts wurden die ersten Stoffwindeln eingesetzt. Ein Windelpaket bestand typischerweise aus drei Tüchern: Das erste sollte die Ausscheidungen auffangen, das mittlere war oft in Öl, Fett, Bienenwachs oder Harz getaucht, um die Windel abzudichten, und das äußere Tuch war dicker und häufig aus Wolle gefertigt. Diese Tücher wurden nach Gebrauch gewaschen oder ausgekocht.
Mit fortschreitender Industrialisierung wurden Baumwolltücher günstiger und Ende des 19. Jahrhunderts vermehrt als Windel genutzt. Darüber wurde nun eine Gummihose gezogen, um die Kleidung trocken zu halten.

Die Revolution der Wegwerfwindel
Die Erfindung und Kommerzialisierung der Wegwerfwindel markierte einen Wendepunkt in der Geschichte der Babypflege.
Die Pionierarbeit von Marion Donovan
Die Amerikanerin Marion Donovan gilt als Erfinderin der Wegwerfwindel. 1946 entwickelte sie die Idee für Windelüberhosen aus Duschvorhängen und arbeitete weiter an der Entwicklung, indem sie Fallschirm-Nylon mit Druckknöpfen anstelle von Sicherheitsnadeln verwendete. 1949 verkaufte sie ihre Erfindung erstmals in New York.
Die ersten kommerziellen Wegwerfwindeln
Die erste kommerzielle Wegwerfwindel brachte ein Unternehmen namens Chux auf den Markt. Der durchschlagende Erfolg kam jedoch erst mit der Erfindung einer Einwegwindel durch Victor Mills, einen Direktor bei Procter & Gamble. 1961 kam die erste Pampers-Windel auf den Markt; in Deutschland erschien sie erst im Herbst 1973.
Arte - Wickeln, Windeln, wegwerfen - Achtung Baby - Die Windel und ihre Folgen
Aufbau und Inhaltsstoffe moderner Wegwerfwindeln
Moderne Wegwerfwindeln bestehen aus einer Außenhülle aus Polyethylen und einem Saugkörper aus Zellstoffmaterial. Dieser Saugkern ist oft mit Superabsorbern (ein Hydrogel) angereichert, die ein Vielfaches der Flüssigkeitsmenge binden können, ohne dass diese bei Druck wieder abgegeben wird. Um die Windel abzudichten, ist sie mit einer Kunststofffolie beschichtet. Zur Vorbeugung von Windelausschlag können zusätzliche Bestandteile wie Vaseline, Stearylalkohol, dünnflüssige Paraffine und Aloe-Extrakte enthalten sein.
Die Ablösung der Stoffwindel und ihre negativen Begleiterscheinungen
In Westdeutschland verschwand die Stoffwindel fast vollständig aus den Kinderzimmern. In Ostdeutschland war die neue Erfindung aus Amerika schwer erhältlich und teuer, weshalb dort bis zur Wende hauptsächlich mit Stoff gewickelt wurde. Die luftundurchlässige Kunststoffhülle von Wegwerfwindeln konnte Windelausschlag begünstigen, da Urinsäure und Ammoniak nicht entweichen konnten. Das feuchtwarme Klima in der Windel bot einen idealen Nährboden für Infektionen.
Windelausschlag: Mehr als nur Nässe
Lange Zeit wurde Urin als Hauptursache für Windelausschlag angesehen. Tatsächlich fördert Urin durch seinen Harnstoffgehalt sogar die Heilung und wirkt desinfizierend. Windelausschlag entsteht vielmehr durch ein Zusammenspiel ungünstiger Faktoren wie Nässe, Luft- und Wärmestau, dauerhafter Kontakt mit Ausscheidungen sowie möglichen Reaktionen auf Inhaltsstoffe der Windel.

Nachhaltige Alternativen und moderne Ansätze
Angesichts der Umweltauswirkungen von Wegwerfwindeln gewinnen alternative Wickelmethoden wieder an Bedeutung.
Moderne Stoffwindelsysteme
Stoffwindeln erleben eine Renaissance. Sie sind weiterentwickelt worden und umfassen heute eine breite Produktpalette, darunter auch mitwachsende Windelsysteme. Die Vorteile von Stoffwindeln liegen in ihrer Nachhaltigkeit bei richtiger Nutzung.
Arten von Stoffwindelsystemen
Im Wesentlichen gibt es drei Systeme, die sich in der Kombination von Saug- und Nässeschutzschicht unterscheiden:
- All-in-One: Saug- und Nässeschutzschicht sind vollständig vernäht.
- Pocket-Windel: Die Saugeinlage wird in eine Tasche der Überhose gesteckt.
- Hybrid-Windel/All-in-2: Die Saugeinlage kann flexibel in eine Art Wanne oder Laschen der Überhose eingelegt werden.
Für Schwimmwindeln werden spezielle Materialien verwendet, die eine Verwendung im Wasser ermöglichen, ohne dass die Windel sich vollsaugt. Gummibänder am Bauch und an den Beinen verhindern das Austreten von Stuhl.
Umweltfreundliche Nutzung von Stoffwindeln
Die Ökobilanz von Stoffwindeln ist nur dann besser als die von Einmalwindeln, wenn sie umweltfreundlich verwendet werden. Dazu gehört:
- Kauf von Stoffwindeln aus Bio-Baumwolle.
- Waschen bei maximal 60 Grad Celsius mit Vollwaschmittelpulver ohne Duftstoffe und ohne Weichspüler.
- Die Waschmaschine mit anderen Textilien auffüllen.
- Wäsche auf der Leine trocknen, nicht im Wäschetrockner.
Auch Mietsysteme, bei denen die Stoffwindeln vom Anbieter abgeholt, gereinigt und frische Windeln geliefert werden, sind eine Option, die jedoch nur sinnvoll ist, wenn keine langen Fahrten dafür anfallen.

Kosten und Umweltaspekte im Vergleich
Obwohl die Anschaffungskosten für Mehrwegwindeln höher sein können, sind sie auf die gesamte Wickelzeit gerechnet deutlich günstiger als Einwegwindeln. Für nachfolgende Kinder sind sie dann fast kostenfrei.
Wegwerfwindeln stellen ein erhebliches Müllproblem dar. In Deutschland bilden sie die gewichtigste Einzelfraktion im Restmüll. Ihre Entsorgung verursacht hohe Kosten und belastet die Umwelt. Zwar gibt es mittlerweile besser recycelbare Windeln mit einem höheren Anteil an recyceltem Kunst- und Zellstoff, doch die Einsammlung und das Recycling bleiben eine Herausforderung. Die meisten Wegwerfwindeln landen in der Müllverbrennung.
Windelfreie Erziehung (EC - Elimination Communication)
Ein weiterer Trend ist die windelfreie Erziehung, auch bekannt als Ausscheidungskommunikation (EC). Dabei machen Babys ihre Betreuungspersonen auf ihre Körperfunktionen aufmerksam, woraufhin sie abgehalten werden. Dies erfordert eine genaue Beobachtung der kindlichen Äußerungen und Verhaltensweisen, um die Anzeichen zu erkennen. Spezielle Kleidung, die sich schnell aus- oder herunterziehen lässt, sowie ein griffbereites Töpfchen können hilfreich sein. Diese Methode kann zeitintensiv sein und erfordert Übung, wird aber oft mit einem Windelsystem für die Nacht kombiniert.

Worauf Eltern achten sollten
Bei der Wahl des Wickelsystems ist es wichtig, sich gut zu informieren und auf die Bedürfnisse des Kindes sowie die eigene Praktikabilität zu achten.
Beratung und Testen
Da der Markt für Stoffwindeln groß ist, rät die Hebamme Manuela Rauer-Sell dazu, sich vor dem Kauf gut zu informieren. Sie empfiehlt, bei Online-Bestellungen zunächst ein Probeexemplar zuzuschicken zu lassen, da nicht alle Systeme den Praxistest bestehen.
Zuverlässigkeit und Passform
Stoffwindeln können anfangs etwas weniger verlässlich sein als Wegwerfwindeln, insbesondere was die Dichtheit der Bündchen der Überhosen betrifft. Bei Neugeborenen sind sie jedoch oft ebenso zuverlässig, da die ausgeschiedenen Mengen noch überschaubar sind. Die Passform und der Nässeschutz sind entscheidend für die Zufriedenheit.
Vorteile für die Hüftentwicklung
Stoffwindeln sind oft dicker und begünstigen durch das breitere Wickeln die natürliche Spreizhaltung der Beine, was positiv für die Entwicklung der Hüftgelenkpfannen der Babys ist.
Die richtige Windelgröße und Wechselintervalle
Die Windelgröße sollte dem Körpergewicht des Kindes angepasst sein. Bei Neugeborenen muss die Windel etwa alle 3 bis 4 Stunden, bei Säuglingen ca. 5-6 Mal täglich gewechselt werden. Bei Stuhlausscheidung sollte dies möglichst sofort geschehen.
Der persönliche Weg zur Windelentscheidung
Letztendlich rät Manuela Rauer-Sell Eltern, einen persönlichen Weg zu finden, der für sie praktikabel und machbar ist. Sie betont auch, dass die meisten Eltern überrascht sind, wie viele Windeln, auch Stoffvarianten, in den ersten Wochen benötigt werden und ein guter Vorrat vorhanden sein sollte.