Der Schnuller: Ein Ratgeber für Eltern

Der Schnuller ist ein weit verbreitetes Hilfsmittel im Leben von Säuglingen und Kleinkindern. Seine Nutzung wird jedoch unter Fachleuten kontrovers diskutiert. Während Stillexpert:innen ihn oft kritisch sehen, insbesondere bei frühem Einsatz, halten manche Mediziner:innen ihn für unverzichtbar. Die Industrie fördert den Verkauf und suggeriert oft die Überlegenheit bestimmter Formen oder Größen. In diesem Spannungsfeld entscheiden sich junge Eltern für oder gegen den Einsatz eines Schnullers.

Das Saugbedürfnis von Säuglingen

Es ist gesichert, dass Säuglinge ein grundlegendes Saugbedürfnis haben, das über die reine Nahrungsaufnahme hinausgeht. Das sogenannte non-nutritive Saugen wirkt beruhigend auf das parasympathische Nervensystem. Darüber hinaus kann es schmerzlindernd wirken, das Einschlafen fördern, Trost spenden und die Aktivierung des Verdauungssystems erleichtern. Es ist daher nicht verwunderlich, dass Säuglinge früh beginnen, an ihren Händen, Fingern und anderen Objekten zu saugen. Bereits im Mutterleib können Föten beim Daumenlutschen beobachtet werden.

Dies wirft folgende Fragen auf:

  • Sollen Babys ein Schnuller gegeben werden, um dieses Saugbedürfnis zu befriedigen?
  • Welche Risiken sind damit verbunden?
  • Welche Vorteile könnte ein Schnuller gegenüber vom Kind selbst gewählten Objekten wie dem Daumen bieten?

Die folgenden Informationen zur Studienlage beziehen sich primär auf Babys, die ausschließlich oder überwiegend gestillt werden, bei denen der Einsatz eines Schnullers besonders kritisch abgewogen werden muss.

Ultraschallbild eines Fötus, der am Daumen lutscht

Schnuller bei gestillten und nicht gestillten Kindern

Für ein Kind, das ausschließlich mit der Flasche gefüttert oder nur selten gestillt wird, kann der Einsatz eines Schnullers sinnvoll und empfehlenswert sein. Bei gestillten Kindern ist die Datenlage zum Schnullergebrauch bis heute nicht eindeutig, und Studien differenzieren oft nicht ausreichend.

Für Frühgeborene und kranke, hospitalisierte Säuglinge kann ein Schnuller therapeutische Wirkung haben, besonders wenn Eltern nicht anwesend sein können. Non-nutritives Saugen hat einen protektiven Effekt gegen den plötzlichen Kindstod (SIDS). Für Kinder, die dieses Bedürfnis nicht direkt an der Brust befriedigen können, hat der Schnuller einen ähnlichen Effekt.

Solange die Milchbildung noch nicht voll etabliert ist, kann das häufige Saugen am Schnuller das Risiko eines zu seltenen non-nutritiven Saugens an der Brust erhöhen. Ein gelegentlicher Einsatz eines Schnullers bei einer bereits etablierten Stillbeziehung, die ohne Probleme verläuft, scheint jedoch keinen negativen Effekt auf das Stillen zu haben.

Es gibt Studien, die den Schnuller mit einem erhöhten Risiko für Otitis media (Mittelohr-Entzündung) in Zusammenhang bringen.

Es existieren Empfehlungen und Aussagen, die Daumenlutschen und Schnuller in ihren Auswirkungen und Risiken gleichsetzen, jedoch fehlen hierzu gesicherte Studien. Kieferorthopäden betonen, dass die Dauer des Saugens der entscheidende Faktor für potenzielle negative Auswirkungen ist.

Das Stillen wird als wichtige Präventionsmaßnahme gegen verschiedene Erkrankungen und Risiken wie SIDS, Otitis media und Zahnfehlstellungen betrachtet. Der Schnuller sollte nicht als erste Beruhigungsmaßnahme für ein unruhiges Baby dienen. Zuwendung, Körperkontakt und Tragen sollten vorrangig eingesetzt werden. Gestillte Kinder sollen an der Brust nicht nur ihr Nahrungs-, sondern auch ihr Saugbedürfnis befriedigen. Wenn ein Schnuller verwendet wird, sollte dies verantwortungsbewusst geschehen. Nicht-gestillte Kinder können zum Einschlafen einen Schnuller erhalten, sofern das Baby ihn annimmt.

Ab etwa 6-8 Wochen beginnen Säuglinge zu lautieren, und Erwachsene antworten intuitiv darauf. Das Führen von Händen und später Gegenständen zum Mund ab dem 3. Monat ist ein wichtiger Entwicklungsprozess, der nicht behindert werden sollte.

Empfehlungen zum Stillen und Schnullereinsatz

Gemäß den "10 Schritten zum erfolgreichen Stillen" wird stillenden Kindern keine künstlichen Sauger angeboten. Eltern werden über die Anwendung und Risiken von Flaschen, Saugern und Schnullern beraten. Besonderes Augenmerk wird auf die ersten 4-6 Wochen gelegt, um die Etablierung des ausschließlichen Stillens nicht zu gefährden. Daher wird für diesen Zeitraum vom Schnuller abgeraten.

Grafik, die den empfohlenen Zeitpunkt für die Schnullereinführung bei gestillten und nicht gestillten Babys zeigt

Studien und wissenschaftliche Erkenntnisse

Es gibt verschiedene wissenschaftliche Arbeiten, die sich mit dem Thema Schnullerkonsum auseinandersetzen:

  • Eine Studie von Franco et al. ("The influence of a pacifier on infants‘ arousals from sleep.") zeigte, dass Säuglinge, die während des Schlafens einen Schnuller benutzten, niedrigere auditive Erregungsschwellen hatten. Dies könnte für das SIDS-Risiko relevant sein. Der Unterschied bestand jedoch nur bei nicht-gestillten Kindern.
  • Ein Statement der American Academy of Pediatrics (AAP) aus dem Jahr 2011 empfiehlt Schnuller zur SIDS-Prophylaxe.
  • Die Studie von Mach C. E. et al. ("Predictors of and reasons for pacifier use in first-time mothers: an observational study") beleuchtet Möglichkeiten zur Aufklärung von Müttern über Risiken und alternative Beruhigungsmethoden.
  • Die Meta-Analyse von Gabriela dos Santos Buccini et al. ("Pacifier use and interruption of exclusive breastfeeding: Systematic review and meta-analysis") untersuchte, ob Schnullerkonsum die Dauer des ausschließlichen Stillens verkürzt. Die Autorinnen empfehlen weiterhin die WHO-Empfehlungen zum Schnullereinsatz nach etablierter Stillbeziehung und sorgfältiger Risikoabwägung.
  • Eine Studie von Schmid K. M. et al. ("The effect of Pacifier sucking on orofacial structures: a systematic literature review") befasst sich mit den Auswirkungen des Schnullers auf die orofacialen Strukturen.

Materialien und Eigenschaften von Schnullern

Schnuller bestehen in der Regel aus zwei Hauptmaterialien: Naturkautschuklatex und Silikon.

Naturkautschuklatex

Naturkautschuklatex ist ein natürliches Material, das aus dem Hevea-Baum gewonnen wird. Es ist sehr weich, elastisch und widerstandsfähig und ähnelt der weichen Brustwarze der Mutter. Dieses natürliche Material unterliegt einem Alterungsprozess, der durch UV-Licht, Luft, Speichel und Wärme beeinflusst wird.

Silikon

Silikon ist ein industriell hergestelltes, hypoallergenes, geruchs- und geschmacksneutrales Material, das für seine Reinheit bekannt ist. Es ist frei von schädlichen Stoffen wie BPA, PVC und Phthalaten. Silikonsauger sind nicht so weich wie Latex, behalten aber ihre Form, altern nicht und halten hohen Temperaturen stand.

Es gibt zwei Arten von Silikon:

  • Lebensmittelechtes Silikon: Wird für Produkte mit Lebensmittelkontakt verwendet, bei denen gute Zugfestigkeit wichtig ist.
  • Medizinisches Silikon: Wird für pharmazeutische Produkte und Implantate verwendet und ist biokompatibel.

Zusammenfassend:

  • Naturkautschuklatex ist ein natürliches Material, das einem natürlichen Alterungsprozess unterliegt.
  • Silikon ist ein industriell gefertigtes Material, das robuster ist, seine Form behält und langlebiger ist.
  • Naturkautschuklatex ist weicher und ähnelt der Brustwarze mehr.
  • Silikon ist ein allergikerfreundliches Material.

Pflegehinweise für Schnuller

  • Naturkautschuklatex: Sollte abgebrüht (nicht gekocht) werden. Übergießen Sie die Schnuller mit kochendem Wasser und lassen Sie sie ca. 5 Minuten ziehen. Keine Mikrowellen-Sterilisation.
  • Silikonschnuller: Können ebenfalls mit kochendem Wasser übergossen und ca. 5 Minuten eingeweicht werden. Silikon kann in der Mikrowelle sterilisiert werden.

Wichtig: Alle Schnuller sollten schadstoffgeprüft, sicherheitszertifiziert und BPA-frei sein.

Vergleichstabelle der Materialien Naturkautschuklatex und Silikon für Schnuller

Auswahl des richtigen Schnullers

Bei der Wahl des Schnullers gibt es kein universell richtiges oder falsches Modell, da jedes Baby individuell ist.

Formen von Schnullern

  • Kirschform & nach außen gewölbtes Schild: Älteste Form, brustwarzenähnlich, oft von Stillbabys gut akzeptiert. Sollte in kleinster Größe gewählt werden.
  • Kiefergerecht & rundes Schild: Soll Zahn- und Kieferfehlstellungen vorbeugen, aber es gibt Uneinigkeit unter Zahnärzten. Manche befürchten, dass die Zunge nach hinten gedrückt werden kann. Das Europäische Institut für Stillen und Laktation empfiehlt symmetrische Nuckelformen.
  • Symmetrisch & Schild in Schmetterlingsform: Oben und unten gleich geformt, flacherer Schaft und Mundstück üben weniger Druck auf den Gaumen aus und lassen der Zunge mehr Platz. Viele Fachleute sehen dies als beste Alternative an.

Schild-Form

Das Schnullerschild sollte genügend Belüftungslöcher haben, um gute Luftzirkulation zu gewährleisten und Hautreizungen um den Mund zu verhindern. Modelle mit nach außen gewölbtem Schild imitieren die Form der mütterlichen Brust und sorgen für weniger Hautkontakt.

Allgemeine Empfehlungen von Zahnärzten und Ärzten

  • Ein Schnuller sollte möglichst leicht sein (unter 10 g), um Kiefer und Muskulatur nicht zu stark zu belasten.
  • Ein schmaler, flacher Schaft ermöglicht einen besseren Mundschluss.
  • Das Mundstück sollte weich und flexibel sein, um die Zungenbewegung nicht einzuschränken.
  • Das Mundstück sollte wenig Platz im Mund einnehmen und so klein und flach wie möglich sein.
  • Wählen Sie immer die altersgemäß kleinste Schnullergröße.
  • Schnullerketten sollten nur kurzzeitig unterwegs benutzt werden, da sie den Nuckel beschweren.

Letztendlich entscheidet das Baby, welches Schnullermodell es am liebsten mag.

Tipps zur Schnullerpflege

Hygiene ist bei Schnullern besonders wichtig, da das Immunsystem von Babys sich erst entwickelt.

In den ersten sechs Monaten

Täglich auskochen oder sterilisieren - auch nach jedem Herunterfallen.

Ab sechs bis acht Monaten

Eine gründliche Reinigung mit heißem Wasser und milder Seife genügt in der Regel. Achten Sie darauf, dass keine Seifenreste zurückbleiben.

Methoden zur Sterilisation

  • Auskochen: Schnuller in ausreichend Wasser legen und 5-10 Minuten kochen lassen. Auf einem sauberen Handtuch trocknen und Restwasser aus dem Mundstück drücken. Verwenden Sie einen separaten Topf.
  • Sterilisator: Dampfsterilisatoren oder Vaporisatoren töten Keime zuverlässig ab und sind schonender für das Material.
  • Mikrowelle: Nur für Silikon-Schnuller geeignet. In einer Schnullerbox mit 2 EL Wasser bei max. 800 Watt für 60 Sekunden erhitzen.

Zu vermeidende Fehler bei der Reinigung

  • Nicht in den eigenen Mund stecken: Übertragung von Keimen, Bakterien, Karies oder Herpesviren.
  • Keine Spülmaschine: Temperaturen oft nicht ausreichend, Spülmittel können Material angreifen.
  • Nicht zu lange verwenden: Sobald Risse, Verfärbungen oder poröse Stellen sichtbar sind, den Schnuller sofort austauschen.
Illustration, die verschiedene Methoden der Schnullersterilisation zeigt

Die Entwöhnung vom Schnuller

Irgendwann ist es Zeit, sich vom Schnuller zu verabschieden. Je früher, desto leichter fällt die Trennung. Ärztliche Einschätzungen zum idealen Zeitpunkt variieren: Manche empfehlen die Abschaffung mit den ersten Zähnchen, andere sehen das maximale Alter bei zwei bis drei Jahren.

Historischer Kontext: Die Geschichte des Schnullers reicht weit zurück. Ägyptische Saugtöpfe (ca. 4.500 Jahre alt) dienten der Beruhigung. Im Mittelalter waren Lutschbeutel aus Stoff, gefüllt mit gesüßter Masse, verbreitet. Der moderne Gummischnuller entwickelte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Risiken des Schnullerkonsums:

  • Stillen & Saugverwirrung: In den ersten Wochen kann ein Schnuller das Stillen beeinflussen.
  • Zahn- und Kieferentwicklung: Intensiver Gebrauch kann zu Zahnfehlstellungen und Kieferbeeinträchtigungen führen, insbesondere nach dem dritten Lebensjahr. Ein "lutschoffener Biss" kann entstehen.
  • Mundmuskulatur & Atmung: Kann den Muskeltonus im Mundbereich verändern und zu unphysiologischer Mundatmung führen.
  • Sprachentwicklung: Dauerhafter Schnullergebrauch kann frühe Kommunikationsversuche hemmen und die Aussprache beeinträchtigen.
  • Mittelohrentzündungen: Ein erhöhtes Risiko bei regelmäßiger Schnullernutzung nach dem ersten Lebensjahr.
  • Erkunden der Umwelt: Einschränkung der oralen Erkundungsphase im ersten Lebensjahr.

Methoden zur Entwöhnung:

  • Reduzierung der Nutzungszeiten: Zuerst tagsüber, dann beim Mittagsschläfchen, zuletzt nachts.
  • Rituale und Geschichten: Die Schnullerfee, ein Abschiedsfest, das Verschenken an ein "Baby" oder das Aufhängen an einem Schnullerbaum können helfen.
  • Belohnungen: Ein Geschenk für "Große" als Tausch für den Schnuller.
  • Stückweises Abschneiden: Eine radikalere Methode, die den Spaß am Nuckeln verringern kann.

Wichtiger Hinweis: Das Abgewöhnen sollte nicht während belastender Lebensveränderungen wie Geburt eines Geschwisterchens, Umzug oder Verlust einer Bezugsperson erfolgen.

Bilder von verschiedenen Schnullerarten und historischen Vorläufern

Die ersten 3 Monate: Wichtige Meilensteine deines Babys

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