Die tollkühnen Männer in ihren fliegenden Kisten

Im Tiefflug schwirrt eine groteske Luft-Armada über den Kanal: kuriose Doppel- und Dreidecker aus Holz, Leinwand und Klaviersaiten, mit kaum armlangen hölzernen Propellern und mit Fluggestellen, die eher an hochrädrige Kinderwagen erinnern. Sie karriolen um die Wette.

Die seltsamen Flugkörper sind Modelle aus den Pioniertagen der Motor-Luftfahrt, entworfen in den Jahren 1908 bis 1910. Die anachronistischen Fluggeräte dienten einem farbigen Breitwandlustspiel, das letzten Monat in London und New York uraufgeführt wurde und auf dem europäischen Festland erstmals im September in München zu sehen sein wird.

Der US-Titel des Films lautet im langwierigen Jahrhundertwenden-Stil: »Those Magnificent Men in Their Flying Machines, or: How I Flew from London to Paris in 25 Hours and 11 Minutes«. Dieses 132 Minuten währende Lustspiel im Stil der Stummfilmzeit, von der »New York Herald Tribune« als »Sehr, sehr, sehr gut« bewertet, ist mit renommierten Komikern wie Alberto Sordi (Italien), Robert Morley (England) und Jean-Pierre Cassel (Frankreich) besetzt.

Die wahren Stars des Films sind jedoch nicht die Komödianten, sondern die schrulligen Schnauferl-Flugzeuge. Sämtliche Flugapparate wurden eigens für die Aufnahmen authentisch nachgebaut, basierend auf überlieferten Beschreibungen, Fotos, Zeichnungen oder Museumsexemplaren. Die Filmgesellschaft holte sich für dieses Vorhaben Rat bei einem erfahrenen Veteranen: Sie heuerten den britischen Air Commodore Allen H. Wheeler an.

Ein Bild von mehreren historischen Flugzeugmodellen, die für den Film nachgebaut wurden.

Die Kunst des Nachbaus und Fliegens historischer Flugzeuge

Air Commodore Wheeler bemerkte: »Einen Film herzustellen, ist eine Kunst, ein Flugzeug aus dem Jahre 1910 nachzubauen, ist eine andere Kunst. Aber ein Flugzeug aus dem Jahre 1910 während eines Film-Drehs auch noch fliegen zu lassen, ist eine ganz besondere Kunst.«

Schon die Suche nach Firmen, die bereit waren, die von Wheeler ausgewählten Flugzeug-Veteranen neu zusammenzusetzen, gestaltete sich mühsam. Problematischer erwies sich jedoch der Nachbau von sechs flugtüchtigen Veteranen. Es erforderte viel Denkarbeit, um im technischen Arsenal des Düsenklipper-Zeitalters Ausrüstungsgegenstände aufzuspüren, die den Originalteilen von einst zumindest ähnelten. So wurden beispielsweise für ein Fahrwerk nach langen Überlegungen und Versuchen schließlich die Speichenräder eines bestimmten Krankenstuhl-Modells ausgewählt.

Anfang Mai 1964 war Wheelers Luftflotte startklar. Der Kommodore testete die Vorzeit-Aeroplane selbst - und er erlebte unliebsame Überraschungen, vor allem mit den beiden weiblichen Modellen »Antoinette« und »Demoiselle«.

Herausforderungen bei der Rekonstruktion

Die »Antoinette« hatte im Jahre 1910 eine bemerkenswert gute Presse gehabt und war in überschwenglichen Tönen gelobt worden; ein Pilot namens Hubert Latham war mit ihr sogar über den Ärmelkanal gekreuzt. »Als wir sie nachbauten«, berichtet Wheeler, »kamen uns Zweifel an der Tauglichkeit ihrer Tragflächen. Sie neigten dazu, während des Fluges verloren zu gehen.« Die »Antoinette«-Flügel wurden leicht verändert und verstärkt. Schließlich vermochte Testpilot Tim Clatterbuck das Monstrum für nahezu eine halbe Stunde in der Luft zu halten.

Enttäuschend endeten auch die ersten Flugversuche mit der »Demoiselle«. Rekonstrukteur Douglas Bianchi und Ratgeber Wheeler versuchten es beide, doch die luftige »Demoiselle« vollführte nur einige zappelige Hopser. Die Erklärung für das Versagen fand sich erst, als man von neuem die Archive durchstöberte: Der einstige Erbauer der »Demoiselle«, der Franko-Brasilianer Santos Dumont, war klein und zierlich gewesen und wog gerade einen Zentner. Bianchi und Wheeler hingegen bringen jeder 85 Kilogramm auf die Waage.

Eine Grafik, die die Unterschiede in Gewicht und Größe zwischen Santos Dumont und den Film-Rekonstrukteuren zeigt.

Das Wettrennen und seine Teilnehmer

Lord Rawnsley, Herausgeber einer englischen Zeitung, wird im Jahr 1910 während der Zeit der ersten Flugversuche zur Steigerung der Auflage seiner Zeitung vorgeschlagen, den Beweis für die englische Überlegenheit auch in der Luft durch einen Wettflug von London nach Paris zu erbringen. Nach einer internationalen Ausschreibung nehmen an dem Wettflug mehr oder weniger erfahrene Flieger aus diversen Ländern teil.

Die internationalen Teilnehmer:

  • Der preußische Oberst Manfred von Holstein: »Es gibt nichts, was ein deutscher Offizier nicht kann!« Er muss für seinen durch einen Konkurrenten mit einem Abführmittel außer Gefecht gesetzten Hauptmann Rumpelstoß einspringen.
  • Der Amerikaner Orville Newton: Er reist mit seinem letzten Dollar in der Tasche an und verguckt sich prompt in die Tochter des Lords.
  • Der reiche Italiener Graf Emilio Ponticelli: Er fliegt die Flugzeuge schneller zu Bruch, als sein leicht verrückter Konstrukteur Harry Popperwell mit der Herstellung ungewöhnlicher Flugzeugtypen hinterherkommt.
  • Der Franzose Pierre Dubois: Bei jedem Zwischenstopp sieht er sich einer neuen, seltsamerweise aber immer wieder gleich aussehenden weiblichen Schönheit gegenüber.
  • Der Japaner Yamamoto: Sein Flugzeug ist aus sehr verschiedenen europäischen Flugzeugtypen zusammengesetzt (eine Anspielung auf das Kopieren europäischer Erzeugnisse durch die japanische Nachkriegsindustrie).
  • Der als Ehrenrettung für die Briten startende Offizier Richard Mays: Er kann die US-amerikanischen Annäherungsversuche gegenüber der Tochter des Lords überhaupt nicht ausstehen.

Tatsächlich gewinnt der Engländer Richard Mays den Wettflug aber nur, weil der US-Amerikaner seinen Flug verzögert, um dem italienischen Grafen aus einer Notlage zu helfen.

Filmproduktion und technische Details

Der Film beginnt mit einer animierten Eingangssequenz und einem gesungenen Ohrwurm-Titel, komponiert von Ron Goodwin (bekannt auch für die Musik zu den Miss-Marple-Filmen mit Margaret Rutherford). In komischen Nebenrollen wirken der Amerikaner Red Skelton als Flugpionier in verschiedenen Zeitepochen.

Für den Film wurden funktionsfähige Nachbauten von tatsächlich einmal existierenden Ein- und Doppeldecker-Flugzeugen verwendet, die von Stunt-Piloten geflogen wurden. Das Film-Drehbuch war 1966 für einen Oscar nominiert, der Film erhielt den Britischen Filmpreis für die besten Kostüme und außerdem je eine Nominierung für Kameraarbeit und Farbgestaltung.

Der Erfolg des eigenen Films sowie der ebenfalls 1965 gedrehten US-Produktion »Das große Rennen rund um die Welt« (Alternativtitel »Die tollen Renner in ihren knatternden Kisten«) bewog Regisseur Ken Annakin dazu, einen weiteren „Renn-Film“ zu drehen, mit historischen Automodellen und Akteuren beider Filme. Im Original spielte er mit dem Titel »Those Daring Young Men in Their Jaunty Jalopies« auf den vorliegenden Film an, kam aber auch unter dem Titel »Monte Carlo or Bust« 1969 in die Kinos.

Technische Spezifikationen der Flugzeuge im Film:

Teilnehmer Flugzeugtyp Besonderheiten
Orville Newton (USA) Bristol Boxkite (The Phoenix Flyer) Ziel: Paris
Richard Mays (GB) Antoinette IV Französischer Konstrukteur Levavasseur, Vierzylinder-Motor
Graf Emilio Ponticelli (Italien) Vickers 22 Monoplane Sehr populär, ähnelte der Blériot XI

Symbolik und politische Anspielungen

Gert Fröbe steuerte einige Gags und Witze aus seinen Erfahrungen beim Militär zum Film bei. So stammt der Gag der »Heeresdienstanweisung zur Bedienung eines Flugzeugs« (Zitat: »Nummer 1: Hinsetzen!«) ebenso von ihm wie auch die Idee zur Filmmusik. Goldfinger und Die tollkühnen Männer … wurden nämlich fast gleichzeitig in nebeneinander liegenden Studios in London gedreht. Fröbe überraschte die Goldfinger-Crew eines Tages mit einem Auftritt in »voller Montur«.

Der Kleinkrieg zwischen von Holstein und Dubois spiegelt einerseits die politischen Spannungen zwischen Frankreich und dem kaiserlichen Deutschland seit dem Ende des Deutsch-Französischen Kriegs wider, die sich schließlich in zwei Weltkriegen erneut entluden. Andererseits thematisiert er auch den damals aktuellen Ost-West-Konflikt. So karikiert der Film auch den Wettlauf ins All, bei dem in den USA die konkurrierenden Teilstreitkräfte Air Force, Army und Navy angesichts des Sputnikschocks mit ihren Raketen teils ähnlich unbeholfene Startversuche unternahmen wie ein halbes Jahrhundert zuvor die ersten Flugapparate.

Auf Fröbes Mitwirkung im Film spielte das von Christian Bruhn komponierte, von Fred Weyrich getextete sowie produzierte und von Fröbe selbst eingesungene Lied »Die Veteranen mit ihren Fahnen« an, das 1980 zusammen mit »Laß doch mal Dampf ab« als Single veröffentlicht wurde. Im Text heißt es: »Und ich, wer fragt da noch, wer bist'n?«

Kritiker lobten die »turbulenten Stellen mit den klapprigen Flugapparaten« als »recht nett und flott«, bemängelten jedoch die »eigentliche Story« als »ungeschickt«.

Der Film war lange auf Deutsch nur als VHS-Video erschienen. Durch die Verwendung des 4:3-Vollbild-Formates (Fernsehformat) ist dabei ein Großteil des Filmbildes nicht zu sehen. Insbesondere im Vorspann mit dem »Aufgehen des Vorhanges« zum Todd-AO-Bild wird damit auch ein wichtiger inszenatorischer Punkt unterschlagen.

tags: #der #tollkuhne #mann #in #seinem #fliegenden