Die erste Milch, die eine Frau nach der Geburt ihres Kindes bildet, ist das Kolostrum. Sie ist dickflüssig und gelblich und wird auch Neugeborenenmilch oder Vormilch genannt. Bereits während der Schwangerschaft wird Kolostrum gebildet und ist unmittelbar nach der Geburt verfügbar. Studien belegen, dass es wie ein „Immun-Shot“ wirkt und die Abwehrkräfte des Babys stärkt. Kolostrum ist für Babys echtes Superfood - jeder Tropfen zählt und ist wertvoll. Es stärkt den Aufbau des kindlichen Immunsystems und die Darmfunktion, senkt das Risiko einer Gelbsucht und unterstützt eine gesunde Entwicklung. Es ist durch kein anderes Lebensmittel ersetzbar.
Kolostrum sieht dicker und gelber aus als reife Milch. Seine Zusammensetzung ist ebenfalls anders, da es auf die spezifischen Bedürfnisse Ihres neugeborenen Babys zugeschnitten ist. Die Menge ist gering, was optimal an die kleine Magengröße des Neugeborenen angepasst ist. Der anfangs gerade mal kirschgroße und kaum dehnbare Magen kann nur kleinste Mengen fassen. Aufgrund der hohen Nähr- und Immunstoffkonzentration des Kolostrums reichen in den ersten drei Tagen schon zwei bis zwanzig Milliliter Kolostrum pro Stillmahlzeit aus, um das Baby optimal zu versorgen und zu sättigen. Von einer größeren Menge Milch wäre es anfangs überfordert. Zudem muss es erst lernen, Atmen, Trinken und Schlucken zu koordinieren.

Die Zusammensetzung und Wirkung von Kolostrum
Kolostrum enthält viele Nährstoffe und bioaktive Substanzen, die es zu einer einzigartigen Nahrung machen:
- Reichhaltig: Kolostrum ist reich an fettlöslichen Vitaminen und Mineralstoffen. Diese sind entscheidend für die Entwicklung von Gehirn, Sehkraft und Herz sowie für den Knochenaufbau. Es enthält auch viel Eiweiß, das für das Immunsystem wichtig ist.
- Individuell: Die Zusammensetzung des Kolostrums unterscheidet sich je nach Region und den dort auftretenden Krankheiten. „Die Zusammensetzung des Kolostrums könne sich je nach geografischer Lage und den dort auftretenden Krankheiten unterscheiden. „Es gibt ja unterschiedliche Erreger weltweit.“ Zudem „schwankt die Zusammensetzung stark und ist abhängig von Tageszeit, Außentemperatur oder Befindlichkeit der Mutter - dies gilt für alle Mütter auf dem Erdball“, betont Dr. Inga Semmler.
- Komplex: Über 200 komplexe Kohlenhydrate, sogenannte Humane Milch-Oligosaccharide (HMOs), fördern die natürliche Entwicklung der Darmflora. Sie sorgen dafür, dass sich wichtige Bifidobakterien im Darm des Babys ansiedeln.
- Schützend: Immunglobuline der Mutter gehen in die Muttermilch über und schützen das Neugeborene vor Krankheiten, die die Mutter bereits durchgemacht hat. Bis zu zwei Drittel der Zellen im Kolostrum sind weiße Blutkörperchen, die vor Infektionen schützen und Ihrem Baby helfen, Infektionen selbst zu bekämpfen. Besonders ein entscheidender Antikörper, sIgA (sekretorisches Immunglobulin A), ist reichlich enthalten. Er schützt Ihr Baby vor Krankheiten, indem er seinen Magen-Darm-Trakt auskleidet.
- Risikominimierend: Enthält das Blut zu viel Bilirubin, kann das Baby Gelbsucht bekommen. Kolostrum wirkt abführend, so dass der gelbe Blutfarbstoff Bilirubin mit dem ersten Stuhlgang ausgeschieden wird und das Risiko einer Gelbsucht sinkt.

Kolostrum und das Immunsystem
Das Kolostrum spielt eine entscheidende Rolle beim Aufbau des kindlichen Immunsystems. Die weißen Blutkörperchen im Kolostrum bilden Antikörper, die Bakterien oder Viren neutralisieren können. Diese Antikörper sind besonders wirksam gegen Bauchweh und Durchfall - wichtig für junge Babys, die noch einen unreifen Darm haben. „Moleküle, die bei der Mutter eine Immunabwehr gegen Infektionen geboten haben, werden über ihr Blut zur Brust transportiert und bilden dann das sIgA, das ins Kolostrum abgegeben wird“, erklärt Professor Hartmann. Dieses sIgA konzentriert sich in der Schleimhaut des Magen-Darm-Trakts und der Atemwege des Babys und schützt es so vor Krankheiten, die die Mutter bereits hatte.
Kolostrum ist zudem reich an anderen immunologischen Inhaltsstoffen und Wachstumsfaktoren, die die Entwicklung schützender Schleimhäute im Darm Ihres Babys fördern. Und während das passiert, ernähren und bauen die Präbiotika im Kolostrum Ihres Babys die „guten“ Bakterien auf.
Kolostrum und die Darmfunktion
Mehr als 200 komplexe Kohlenhydrate fördern die natürliche Entwicklung des Darmmikrobioms. Kolostrum enthält auch Lactoferrin, ein Eiweiß, das entzündungshemmend wirkt und den Aufbau einer natürlichen Darmflora fördert. Die Präbiotika im Kolostrum ernähren und bauen die „guten“ Bakterien im Darm Ihres Babys auf.
Kolostrum und die Vorbeugung von Gelbsucht
Kolostrum wirkt nicht nur gegen Bauchweh, sondern auch abführend, damit Ihr Neugeborenes häufigen Stuhlgang hat. So kann es seinen Darm von allem entleeren, was es im Mutterleib zu sich genommen hat. Das Ergebnis ist Mekonium, dunkler, klebriger Stuhl. Zudem senkt häufiger Stuhlgang das Risiko für Neugeborenen-Gelbsucht. Die abführenden Eigenschaften des Kolostrums helfen Ihrem Baby, das Bilirubin über seinen Stuhl auszuscheiden.
Vitamine und Mineralstoffe im Kolostrum
Die Karotenoide und das Vitamin A im Kolostrum geben ihm seine charakteristische gelbe Farbe. Vitamin A ist wichtig für das Sehvermögen Ihres Babys und hält seine Haut und das Immunsystem gesund. Babys werden normalerweise mit geringen Vitamin-A-Reserven geboren; Kolostrum gleicht dieses Defizit aus. Kolostrum ist auch reich an Mineralstoffen, wie Magnesium, das Herz und Knochen Ihres Babys unterstützt, sowie Kupfer und Zink, die zur Entwicklung seines Immunsystems beitragen. Zink fördert außerdem die Entwicklung des Gehirns, und im Kolostrum befindet sich fast viermal so viel Zink wie in reifer Milch, um das sich schnell entwickelnde Gehirn Ihres Babys zu unterstützen.

Kolostrum unabhängig vom Stillen füttern
Auch wenn eine Mutter nicht stillt, kann ihr Kind von der Neugeborenenmilch profitieren. Sie kann sie von Hand gewinnen und mit einem Löffel oder einem kleinen Becher füttern. „An die Brust müssen die Frauen ihr Baby dafür nicht legen, wenn sie das nicht möchten“, sagt Monika Jahnke. Eine Milchpumpe eignet sich für die kleinen Kolostrum-Mengen nicht. Aber: „Die Brust kann von Hand entleert werden. Wie das geht, zeigt die Hebamme in der Geburtsklinik.“ Das Baby bekommt das Kolostrum dann mit einer kleinen Spritze oder von einem Löffel. „Einzelne Tröpfchen können die Frauen auch vom Baby ablecken lassen oder ihm auf die Lippen geben.“
Mütter, die nicht stillen möchten, müssen nicht fürchten, dass sie dadurch die weitere Milchbildung anregen. Bereits ab der 16. Schwangerschaftswoche wird das Kolostrum gebildet. „Wenn eine Mutter ihr Baby zum Beispiel in den ersten 24 Stunden anlegt oder die Brust von Hand entleert und erst danach abstillt, ist das problemlos möglich“, meint Jahnke. „Jeder Tropfen der ersten Milch ist wichtig und wertvoll.“
Geburtsvorbereitung: Kolostrumgewinnung
Kolostrum für Frühgeborene
Kolostrum ist auch für Frühgeborene von besonderer Bedeutung. Mütter von Frühgeborenen haben in ihrer Milch bis zu zwei Wochen länger Kolostrumanteile als Mütter von reif geborenen Kindern. Somit können die Kleinsten von der besseren Verträglichkeit und dem zusätzlichen Immunbooster profitieren. Bei Frühgeborenen, deren Mütter Diabetes haben, ist die Gabe von handgewonnenem Kolostrum besonders wichtig, um eine Unterzuckerung nach der Geburt zu vermeiden.
Der Übergang zu reifer Muttermilch
In den Tagen nach der Geburt verändert sich die Zusammensetzung der Muttermilch und die Menge steigt an, bis man nach etwa 2 Wochen die sogenannte „reife Muttermilch“ hat. Nach zwei bis vier Tagen sollte der „Milcheinschuss“ stattfinden. Sie werden merken, dass sich Ihre Brüste fester und voller anfühlen, und statt Kolostrum produzieren sie Übergangsmilch, die weißer und cremiger ist. Diese Übergangsmilch ist dünnflüssiger als Kolostrum, liefert mehr Fett und Laktose und immer noch jede Menge Nähr- und Immunstoffe.
„Diese ersten drei Tage sind entscheidend für den Aufbau der Stillzeit“, so Professor Hartmann. „Wenn Sie in dieser Zeit alles richtig machen, bekommen Sie wahrscheinlich eine gute Milchproduktion, und Ihr Baby wird gut wachsen.“
