Chinesische Nachfrage nach deutscher Säuglingsnahrung: Ein lukratives Geschäft mit Schattenseiten

Leere Regale in deutschen Drogerien: Ein Zeichen der globalen Nachfrage

Seit Jahren sind die Regale in deutschen Drogerien auffällig leer, wenn es um Pulver für Babymilch geht. Ein wesentlicher Grund dafür ist der massive Ankauf von Erstlingsmilch "made in Germany" durch chinesische Verbraucher. Schilder wie "Pro Tag und pro Person maximal drei Packungen" und "Abgabe nur in haushaltsüblichen Mengen" zeugen von den Bemühungen der Händler, die Nachfrage zu regulieren. Trotzdem sind die Regale oft leer, und selbst die letzten verfügbaren Packungen werden von Verkäuferinnen mit Bedauern über die Knappheit eingeräumt.

Dieses Phänomen ist nicht auf einzelne Filialen beschränkt. Große Drogerieketten wie DM, Rossmann und Budnikowsky sehen sich mit einer Nachfrage konfrontiert, die sie kaum decken können. Sebastian Bayer, Mitglied der Geschäftsleitung bei DM, bestätigt, dass die Gesamtnachfrage nach Milchpulver nach wie vor nicht gedeckt werden kann und die Warenpräsenz nicht in allen Märkten gewährleistet werden kann. Diese Engpässe sind keine kurzfristigen Maßnahmen der Händler, sondern die Folge eines tiefgreifenden Problems, dessen Ursache in Asien liegt.

Eine leere Babymilch-Regal in einem deutschen Drogeriemarkt

Der gigantische Durst Chinas nach deutscher Babynahrung

Der Durst chinesischer Verbraucher nach deutscher Erstlingsmilch ist enorm. Jährlich werden laut Recherchen der "Lebensmittelzeitung" Babynahrungsprodukte im Wert von über 200 Millionen Euro von Deutschland nach China exportiert. Im Internet hat sich ein riesiger Graumarkt etabliert. Auf chinesischen E-Commerce-Plattformen wie Taobao, dem chinesischen Gegenstück zu Ebay, werden deutsche Originalprodukte oft zum doppelten Preis angeboten. Während eine Packung in Deutschland beispielsweise 14,95 Euro kostet, kann sie dort für 22 bis 28 Euro den Besitzer wechseln. Auch auf deutschen Ebay-Seiten finden sich zahlreiche Angebote für Trockenmilchprodukte, die explizit nach China geliefert werden.

Besonders kurz vor wichtigen chinesischen Feiertagen, wie dem chinesischen Neujahrsfest, steigt die Nachfrage noch weiter an. Milch gilt in Asien als Luxusgut und Statussymbol, für das Konsumenten bereit sind, hohe Summen auszugeben.

Die Wurzel des Problems: Vertrauensverlust und die Suche nach Sicherheit

Das Phänomen der leer gekauften Regale trat erstmals Anfang 2013 auf. Zuvor waren in Metropolen wie Peking und Shanghai gepanschte Milchpulver aufgetaucht, die zu schweren Erkrankungen bei Hunderttausenden von Babys führten, wobei sechs Kinder starben. Seit diesem Vorfall ist das Vertrauen der chinesischen Bevölkerung in die heimische Produktion von Babynahrung nachhaltig zerstört. Infolgedessen versuchen Mütter und Väter verzweifelt, ausländische Ware über Klein- und Zwischenhändler zu beschaffen. Deutsche Drogisten berichteten von Szenen, in denen Asiaten mit Kleinbussen vorfuhren, um große Mengen an Babynahrung zu kaufen.

Produktionssteigerungen und die Hoffnung auf Entspannung

In einer Marktwirtschaft würde man erwarten, dass auf eine hohe Nachfrage eine erhöhte Produktion oder Preissteigerungen folgen. Stefan Stohl, Unternehmenssprecher bei Milupa, dem Marktführer für Babymilch, versichert, dass die Produktion seit 2013 verdreifacht wurde. Brigitte Engel, Leiterin der Unternehmenskommunikation bei Hipp, dem zweitgrößten Anbieter, spricht von einer Verdopplung der Produktionsmenge. Eine spürbare Entspannung des Mangels wird ab dem Frühsommer erwartet, wenn Milupa die Produktion in seinem neuen Werk in Fulda hochfährt. Dort befindet sich derzeit noch der Testbetrieb, doch ab April sollen 24 Stunden am Tag, 360 Tage im Jahr, rund 280 Tonnen Babymilch täglich vom Band rollen.

Trotz der steigenden Nachfrage, die durch das Ende der Ein-Kind-Politik in China noch weiter zunehmen dürfte, ist ein direkter Export nach Fernost für Unternehmen wie Milupa kein Thema. Um sicherzustellen, dass auch deutsche Babys ausreichend versorgt werden, bietet Milupa in Kooperation mit DM einen Reservierungsservice an, bei dem Eltern ihren Bedarf vorab ordern und im Geschäft abholen können.

Die dunkle Seite des Geschäfts: Ladendiebstahl und Schmuggelringe

Neben dem legalen Export und der hohen Nachfrage gibt es auch eine kriminelle Dimension. In Berlin wurde eine Bande von drei Georgiern gefasst, die sich auf den Diebstahl von Milchpulver spezialisiert hatte. Die Masche ist ausgeklügelt: Während zwei Täter das Pulver aus den Regalen entwenden, deckt einer die Aktion ab und passt auf. Ein Mann mit Krücken spielt dabei eine zentrale Rolle, indem er das Diebesgut in einer Reisetasche transportiert. Diese Bande ist Teil eines global agierenden Netzwerks, das sich auf den Diebstahl und Handel mit Säuglingsnahrung spezialisiert hat. Die Gewinnspannen sollen dabei angeblich größer sein als bei Rauschgift.

Die Diebe, oft aus Osteuropa stammend, nutzen ausgeklügelte Methoden, um Alarmanlagen zu umgehen, beispielsweise durch den Einsatz von mit Alufolie ausgekleideten Taschen. Die gestohlene Ware wird in Berlin, oft im Preußenpark (bekannt als "Thaipark"), an Zwischenhändler verkauft. Diese Ankäuferinnen, meist Asiatinnen, sitzen auf Bänken, nehmen das Diebesgut entgegen, verstauen es in Trolleys und zahlen den Dieben eine "Provision". Von dort aus gelangt die Ware über verschiedene Routen, unter anderem über Tschechien und Rotterdam, nach China und Hongkong, wo sie zu erheblich höheren Preisen weiterverkauft wird.

Überwachungsaufnahmen von Dieben, die Milchpulver entwenden

Polizeiliche Herausforderungen und die hohe Dunkelziffer

Die Polizei steht bei der Bekämpfung dieser kriminellen Aktivitäten vor großen Herausforderungen. Ladendiebstahl, insbesondere im großen Stil, wird oft nur als untergeordnete Rolle im Vergleich zu anderen Phänomenen der Organisierten Kriminalität betrachtet. Ressourcenmangel und die Fokussierung auf andere Delikte erschweren die Ermittlungsarbeit. Schwerpunktaktionen, wie eine geplante Razzia im Preußenpark im Sommer 2018, scheiterten oft an vorzeitiger Warnung der Täter. Die Fälle werden selten zusammengeführt, was die Identifizierung von bandenmäßigen Strukturen und die Nachverfolgung erschwert.

Die Dunkelziffer von Ladendiebstählen wird auf rund 98 Prozent geschätzt, da viele Einzelhändler aus Kostengründen oder mangels Ermittlungsressourcen auf Strafanzeigen verzichten. Die tatsächliche Aufklärungsquote liegt daher weit unter den offiziellen Zahlen. Verluste durch Diebstahl im deutschen Handel belaufen sich auf Milliarden von Euro jährlich, wobei Kunden den größten Anteil ausmachen.

Der Weg zum Verkauf: Kontakte, Plattformen und die Rolle von "Daigou"

Für Privatpersonen, die erwägen, Produkte wie Milchpulver nach China zu verkaufen, ist der Weg oft steinig. Die Beschaffung von Kontakten und die Etablierung eines Absatzmarktes erfordern Eigeninitiative und Recherche. Chinesische Verbraucher vertrauen stark auf Produkte "Made in Germany", was die Nachfrage nach solchen Gütern erklärt. Neben Babynahrung sind auch Autos, Haushaltswaren, Lederwaren, Sportartikel und Kosmetika beliebt.

Der Handel mit chinesischen Kunden erfolgt zunehmend über soziale Netzwerke wie WeChat und QQ, wo sogenannte "Daigou" (persönliche Einkäufer oder Direktversand-Verkaufsagenten) agieren. Diese sammeln Informationen über Produkte und posten sie in Einkaufsgruppen. Kunden bestellen und bezahlen im Voraus, oft über Dienste wie Alipay. Große chinesische E-Commerce-Plattformen wie Tmall Global und JD.com spielen ebenfalls eine wichtige Rolle, auch wenn die Margen dort oft geringer sind als im eigenen Webshop.

Screenshot einer WeChat-Konversation mit einem chinesischen Kunden, der deutsche Produkte anfragt

Herausforderungen im chinesischen Markt: Regulierung und Vertrauen

Unternehmen, die in den chinesischen Markt eintreten, sehen sich mit regulatorischen Hürden konfrontiert. Änderungen der Import- und Zollregeln durch die chinesische Regierung können zu Verunsicherung bei Kunden führen. Die Einführung von Abgaben auf Importe und Gerüchte über Verbote von Auslandsmilch stellen zusätzliche Herausforderungen dar.

Das Vertrauen spielt eine entscheidende Rolle. Chinesische Kunden möchten sicher sein, dass die Ware tatsächlich aus Deutschland stammt und keine asiatischen Kopien sind. Dies führt dazu, dass Produkte lokaler deutscher Marken, die auch von Deutschen gekauft werden, oft beliebter sind als eigens für den chinesischen Markt entwickelte Eigenmarken. Die technischen Rahmenbedingungen, wie die Beschaffung von Domains und Servern mit ICP-Lizenz in Zentralchina, sind für Ausländer oft kompliziert und teuer.

Deutsche Händler im chinesischen Online-Handel: DM, Rossmann und Aldi

Zahlreiche deutsche Händler haben den chinesischen Markt entdeckt. Drogerieketten wie Rossmann und DM sowie Markenartikler wie Henkel und Beiersdorf sind über Portale der Alibaba-Gruppe präsent. Aldi plant ebenfalls, beliebte Produkte über Tmall Global anzubieten, und setzt dabei auf seinen australischen Vertrieb. DM, traditionell auf den europäischen Markt konzentriert, vertreibt nun erstmals Waren außerhalb Europas und wickelt die Bestellungen von Deutschland aus ab.

Für Unternehmen wie Windeln.de, das erfolgreich Babynahrung nach China exportiert, hat sich der Schritt gelohnt, auch wenn regulatorische Änderungen und der Wettbewerb auf Plattformen wie Tmall eine ständige Herausforderung darstellen. Die Balance zwischen Präsenz auf diesen Plattformen und der Profitabilität im eigenen Webshop ist ein ständiger Zwiespalt.

Wie importiert man Produkte aus China? | Kompletter Ablauf

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