Einleitung: Die Babyflasche als Akteur in der Familiengeschichte
Die vorliegende Untersuchung widmet sich der faszinierenden Entwicklung und der tiefgreifenden Rolle von Babyflaschen im Kontext familiärer Beziehungen und gesellschaftlicher Normen im 20. Jahrhundert. Der Fokus liegt dabei insbesondere auf der Zeit zwischen 1950 und 1980, einer Periode, die von signifikanten Veränderungen in der Säuglingsernährung und der Einbeziehung von Vätern in die Kinderpflege geprägt war. Durch die Anwendung von Elementen der Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT) nach Bruno Latour wird die Babyflasche nicht nur als Gebrauchsgegenstand, sondern als aktiver Akteur betrachtet, der Beziehungen zwischen Menschen, Dingen und Diskursen beeinflusst und neue Strukturen sowie Bedeutungen schafft.
Die Untersuchung reagiert auf ein Defizit in der bisherigen Forschung, da Eltern-Kind-Beziehungen in der Zeit nach 1945 nur unzureichend beleuchtet wurden. Ziel ist es, die technisch-materielle Entwicklung der Flaschennahrung mit dem Wandel familiärer Handlungsnormen und Praktiken zu verknüpfen und so einen dinghistorischen Beitrag zur Familien- und Geschlechtergeschichte des 20. Jahrhunderts zu leisten.

Historischer Kontext: Von der Gefahrenquelle zur vertrauenswürdigen Alternative
Die Babyflasche, wie die sechseckige englische Enghalsflasche der Firma James A. JOBLING & Co. aus den 1950er Jahren, mag heute als Relikt einer vergangenen Zeit erscheinen. Diese Flaschen hatten oft einen engen Hals, der als unhygienisch galt, aber sie rollten nicht so leicht vom Küchentisch wie andere Modelle. Die Einführung von hitzebeständigem Pyrexglas in den 1950er Jahren markierte einen wichtigen Fortschritt. Pyrex-Flaschen konnten mit kochendem Wasser gefüllt, in kaltem Wasser abgekühlt und sterilisiert werden. Bemerkenswert ist die erstmals dokumentierte Garantie für Glasprodukte im Zusammenhang mit Babyflaschen: "Pyrex Feeding Bottles may be filled with boiling water or milk, cooled in cold water and also sterilized by placing in boiling water, or proprietary sterilising products. Used in accordance with these instructions they are guaranteed for one year from date of purchase against thermal breakage."
Diese Entwicklung steht im starken Kontrast zu heutigen Vorstellungen. Früher war es undenkbar, dass ein Baby seine Milch aus einem Glasfläschchen erhielt. Die Angst vor zerbrechendem Glas und scharfen Scherben führte dazu, dass Glasflaschen aus der Nähe von Kindern verbannt wurden. An ihre Stelle traten bunte Kunststoffflaschen mit Schraubdeckeln. Die frühere Generation wurde jedoch noch aus Glasflaschen versorgt, und trotz der Risiken verlief das Leben weiter, ohne dass die Verwendung von Glasflaschen zu vermehrten Todesfällen führte.

Die Rolle des Vaters: Vom Helfer zum aktiven Ernährer
Die Einbeziehung des Vaters in die Säuglingspflege und -ernährung war lange Zeit umstritten. Die Werbekampagnen für JENAer GLAS, entworfen von Moholy-Nagy, deuteten bereits 1957 auf einen Wandel hin: »Viele Väter sind in der Überzeugung groß geworden, daß Baby- und Kinderpflege die alleinige Aufgabe der Mutter sei. Aber ein Mann kann ein warmherziger Vater und gleichzeitig ein richtiger Mann sein.«
In der frühen Bundesrepublik war die Beteiligung des Vaters an der Säuglingsernährung für manche Männer eine Herausforderung für ihre Männlichkeit. Dem zögerlichen Skeptiker stand der Vater gegenüber, der die Frau um ihre Fähigkeit zum Stillen beneidete. Anfangs waren Väter eher in einer helfenden Rolle vorgesehen. Doch gegen Ende der 1970er Jahre entwickelten Männer ein stärkeres Selbstbewusstsein und übernahmen zunehmend Verantwortung für die Ernährung ihrer Kinder. Wolfgang Denzinger beschrieb 1980 sein Vergnügen am Füttern: »›Ich glaube, am liebsten hätte ich noch gestillt‹, sagt er, ›das Füttern ist für mich keine Arbeit, sondern ein reines Vergnügen. Wenn Felix satt und zufrieden ist, dann habe ich das Gefühl, als hätte ich ihm ein Geschenk machen dürfen.‹«
Nochmal Vater mit 63: Shudi über das Leben mit einem viel älteren Papa I 37 Grad
Die Dinggeschichte der Flaschennahrung: Wandel von Ernährungspraktiken
Die Untersuchung der Flaschennahrung als dinghistorisches Phänomen beleuchtet, wie sich dieses Objekt zunehmend in die Eltern-Kind-Beziehung integrierte. Während für das 19. Jahrhundert und die Weimarer Republik bereits umfassende Studien zur Säuglingsernährung existieren, konzentriert sich dieser Aufsatz auf die Zeit nach 1945 und reagiert auf das Defizit in der Betrachtung von Eltern-Kind-Beziehungen in dieser Periode.
Die Bundesrepublik Deutschland im Vergleich zu Schweden
Der Aufsatz schildert den Wandel der Familienbeziehungen durch die Säuglingsflasche sowohl für die Bundesrepublik Deutschland als auch für Schweden. Der Fokus liegt dabei auf der westdeutschen Seite, während das schwedische Beispiel zur Überprüfung der Hypothese dient, dass Dinge in Abhängigkeit vom geschichtlichen Kontext unterschiedlich wirkmächtig sind. Schweden wird als sozialpolitischer Gegenpol zu Westdeutschland betrachtet, und Vergleiche mit Studien von Wiebke Kolbe zeigen die unterschiedlichen Verhandlungen von Familie und Geschlecht in beiden Ländern.
Veränderungen in der Säuglingsernährung von 1950 bis 1980
Die Untersuchung konzentriert sich auf die Jahre zwischen 1950 und 1980, da in dieser Zeit die Stilltätigkeit in der Bundesrepublik deutlich abnahm. Bis 1945 war die Stillquote angestiegen, beschleunigt durch die Bevölkerungspolitik und Mutterideologie des Nationalsozialismus. Seit Beginn der 1950er Jahre sank die Quote, was mit der Erfindung neuer Formen von Säuglingsnahrung zusammenfiel. Mitte der 1970er Jahre erreichte sie ihren Tiefpunkt, mit etwa 50 Prozent der Säuglinge, die mit Flaschenmilch ernährt wurden. Das Jahr 1980 markierte eine weitere Zäsur mit neuen globalen Marketing-Richtlinien für Flaschennahrungsprodukte nach Skandalen in der "Dritten Welt". Seit den 1980er Jahren nahm die Stillrate wieder zu, ein Trend, der bis heute anhält.

Die Akteur-Netzwerk-Theorie als methodischer Ansatz
Um die Verbindungen von Flaschennahrung mit Dingen, Menschen und Diskursen zu untersuchen, werden Elemente der Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT) herangezogen. Latour definiert Akteure nicht anhand von Intentionalität oder freiem Willen, sondern anhand ihrer Fähigkeit, einen Unterschied im Verlauf einer Handlung zu machen. In diesem Sinne können auch Dinge wie Flaschennahrung als Akteure betrachtet werden.
ANT plädiert dafür, das "Soziale" mit Dingen neu zu denken und Verbindungen zwischen Dingen, Menschen und Diskursen aufzuzeigen. Familien werden als Netzwerke aus Menschen, Dingen und Diskursen verstanden, und die Untersuchung zielt darauf ab, die Rolle der Säuglingsflasche in diesen Beziehungen und Handlungsketten zu analysieren.
Methodik: Fachpublikationen, Magazine und Ratgeber
Zur empirischen Untersuchung werden Fachpublikationen der Pädiatrie, populäre Elternmagazine und Erziehungsratgeber aus der Bundesrepublik und Schweden herangezogen. Ratgeber werden als historische Quellen betrachtet, die Alltagspraktiken bestätigen, sanktionieren und verbreiten, aber auch neue Handlungsoptionen aufzeigen und Bedeutungszusammenhänge wie Vorstellungen von Mutterschaft, Männlichkeit und Gesundheit konturieren.
Erste Ergebnisse: Lösende Dinge und neue Bindungen
Im ersten Teil der Untersuchung werden die Verbindungen von Säuglingsflaschen und Müttern beleuchtet, die sich nach 1945 teilweise lösten und neue Bindungen ermöglichten. Säuglinge wurden schon lange vor dem 19. Jahrhundert auch mit anderen Substanzen als Muttermilch ernährt, doch erst seit Mitte des 19. Jahrhunderts nahm die Systematisierung der Säuglingsernährung Fahrt auf.
Von der Gefahr zur Standardform: Babyflaschen im Wandel
Während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts waren weder die Säuglingsflasche noch der Vater erwünschte Akteure in der Säuglingsernährung. Seit den 1950er Jahren begann sich diese Einstellung zu ändern. Zwei entscheidende Verbindungen mussten sich lösen oder umgedeutet werden: die zwischen Tod und Flaschennahrung sowie die zwischen Ernährung und Mutterbrust.
Die hohe Säuglingssterblichkeit nach dem Zweiten Weltkrieg war eng mit der Flaschennahrung verbunden, weshalb Muttermilch als die einzig sichere Form der Ernährung galt. Die Flasche wurde visuell oft als Todesursache inszeniert. Seit Mitte der 1950er Jahre ließ sich jedoch kaum noch ein statistisch signifikanter Unterschied zwischen der Mortalität gestillter und nicht-gestillter Säuglinge feststellen. Dies wurde der verbesserten Beschaffenheit der Flaschennahrung zugeschrieben. Die Entwicklung der "humanisierten" Säuglingsmilch durch die Firma Humana im Jahr 1950 und deren Verbreitung in den 1960er Jahren führten dazu, dass Flaschennahrung zur Standardform der Säuglingsernährung wurde.
Die Einstellung der Ernährungsexperten zur Säuglingsflasche änderte sich merklich. Während die Überlegenheit der Muttermilch nie zur Debatte stand, wurde das Stillen neu als "Entscheidung" der Mutter kodiert. Die Flasche machte damit statistisch keinen Unterschied mehr für die Lebenserwartung des Säuglings und ihre Position im Netzwerk veränderte sich.
Kosten und Aufwand: Die Nachteile der Flaschennahrung
Zwei Argumente, die seit den 1870er Jahren gegen die Flaschennahrung sprachen, waren auch nach 1945 schwer zu widerlegen: Sie war umständlicher und teurer. Die Ernährung an der Brust war kostenlos. Nicht nur die künstliche Nahrung selbst war teuer, sondern Eltern mussten auch in Utensilien investieren. Die Kosten für Säuglingsmilch, Flaschen, Verschlüsse, Sauger und Reinigungsutensilien summierten sich erheblich.
Obwohl die Herstellung von Flaschennahrung aus frischer Kuhmilch günstiger war, war sie deutlich aufwendiger. Dennoch gab es noch 1980 Anleitungen in Ratgebern, auch wenn industrielle Produkte seit Anfang der 1960er Jahre dominierten und um 1980 von 95 Prozent der Familien genutzt wurden.
Die Flasche selbst und die verfügbare Produktpalette hatten sich ebenfalls verändert. Seit den 1940er Jahren hatte sich eine Standardform herausgebildet: dickwandiges Glas mit Milliliter-Gradierung und einer Öffnung für Gummisauger.
tags: #babyflaschen #1955 #jena #glas