Mehrlingsschwangerschaften: Geburtsterminvorverlegung und Besonderheiten

Eine Mehrlingsschwangerschaft, sei es mit Zwillingen, Drillingen oder mehr Kindern, stellt eine besondere Situation dar, die sowohl für die werdenden Eltern als auch für das medizinische Personal eine Reihe von Herausforderungen mit sich bringt. Während die Diagnose einer Mehrlingsschwangerschaft heutzutage dank fortschrittlicher Ultraschalltechnologie bereits frühzeitig erfolgen kann, was eine wichtige Vorbereitung ermöglicht, birgt sie auch spezifische Risiken, insbesondere im Hinblick auf den Geburtstermin.

Besonderheiten von Zwillingsschwangerschaften

Bei einer Zwillingsschwangerschaft entwickeln sich gleichzeitig zwei Föten in der Gebärmutter. Dies kann auf zwei Arten geschehen: Entweder wird eine einzelne Eizelle von einem Spermium befruchtet, teilt sich dann und bildet zwei genetisch identische Embryonen (eineiige Zwillinge), die immer dasselbe Geschlecht haben. Oder aber zwei Eizellen werden von zwei unterschiedlichen Spermien befruchtet, was zu zweieiigen Zwillingen führt, die dasselbe oder unterschiedliche Geschlechter haben können.

Risiken und Komplikationen bei Mehrlingsschwangerschaften:

  • Frühgeburtlichkeit: Zwillingsschwangerschaften gelten generell als Risikoschwangerschaften, da das Risiko einer Frühgeburt deutlich höher ist als bei Einzelschwangerschaften. Mehr als 60 % der Zwillinge werden vor der 37. Schwangerschaftswoche geboren.
  • Gestose (Schwangerschaftsvergiftung): In etwa 20 % der Zwillingsschwangerschaften kann sich im letzten Drittel eine Gestose entwickeln, die sich durch Schwellungen, Bluthochdruck und Eiweiß im Urin äußert.
  • Geschwächter Muttermund: Der Druck der wachsenden Föten kann dazu führen, dass sich der Muttermund vorzeitig öffnet, was unter Umständen eine Fehlgeburt auslösen kann.
  • Vorzeitiger Blasensprung: Dies ist eine weitere häufige Ursache für einen verfrühten Wehenbeginn.
  • Fetofetales Transfusionssyndrom (FFTS): Dieses Syndrom betrifft monochoriale Zwillingsschwangerschaften (eine Plazenta) und führt zu einem Ungleichgewicht in der Blutversorgung zwischen den Föten.
  • Nabelschnurumschlingung: Bei einer gemeinsamen Plazenta kann sich die Nabelschnur eines Fötus um den Hals des anderen wickeln.
Schema einer Zwillingsschwangerschaft mit unterschiedlichen Plazenta- und Fruchtblasenkonstellationen

Der Geburtstermin bei Zwillingen: Vorverlegung und Empfehlungen

Aufgrund der genannten Risiken und der Tatsache, dass der Uterus primär für ein Kind ausgelegt ist, werden Mehrlingsgeburten oft früher als errechnet eingeleitet oder finden spontan früher statt. Studien und Leitlinien empfehlen daher häufig eine Geburtseinleitung oder einen geplanten Kaiserschnitt bei Zwillingsschwangerschaften zu einem früheren Zeitpunkt als bei Einlingsschwangerschaften.

Empfehlungen bezüglich des Geburtszeitpunkts:

  • Unkomplizierte dichorial-diamniotische Schwangerschaft (zwei Plazenten, zwei Fruchtblasen): Geburt wird ab der 38. Schwangerschaftswoche angestrebt.
  • Monochorial-diamniotische Schwangerschaft (eine Plazenta, zwei Fruchtblasen): Geburt wird zwischen der 36. und 37. Schwangerschaftswoche empfohlen.
  • Monochorial-monoamniotische Schwangerschaft (eine Plazenta, eine Fruchtblase): Hier wird eine Geburt zwischen der 32. und 36. Schwangerschaftswoche empfohlen, oft mit Kaiserschnitt.

Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe empfiehlt, die Geburt von Zwillingen spätestens zur vollendeten 37. Schwangerschaftswoche einzuleiten, da dies die Häufigkeit von Komplikationen deutlich reduzieren kann. Studien deuten darauf hin, dass eine aktive Geburtseinleitung in der 37. Woche die neonatalen Komplikationen um mehr als die Hälfte senken kann.

Geburtsmodus: Vaginale Geburt vs. Kaiserschnitt

Entgegen einer weit verbreiteten Annahme ist eine vaginale Geburt bei Zwillingen nicht nur möglich, sondern oft empfehlenswert. Die "Twin Birth Study" aus dem Jahr 2013, die Daten aus 106 Zentren in 25 Ländern umfasste, ergab, dass bei Zwillingen eine vaginale Geburt angestrebt werden sollte. Sie bietet Vorteile für die Entwicklung der Kinder und ermöglicht der Mutter, sich nach der Geburt schneller um ihre Neugeborenen zu kümmern.

Voraussetzungen für eine natürliche Zwillingsgeburt:

  • Vollendete 34. Schwangerschaftswoche.
  • Geschätztes Gewicht der Kinder mindestens 1.800 Gramm mit einem Gewichtsunterschied von maximal 500 Gramm.
  • Beide Kinder haben eine eigene Fruchtblase.
  • Das erstgebärende Kind liegt in Schädellage.

Auch bei einer Beckenendlage des führenden Kindes ist eine vaginale Geburt unter bestimmten Umständen und nach sorgfältiger Risikoaufklärung denkbar. Dennoch kann es in etwa 44 % der geplanten vaginalen Zwillingsgeburten zu einem ungeplanten Kaiserschnitt kommen. Bei Drillingen und höhergradigen Mehrlingen wird in der Regel ein Kaiserschnitt empfohlen.

Vergleich der Risiken und Vorteile von vaginaler Geburt und Kaiserschnitt bei Zwillingen

Vorbereitungen auf die Zwillingsgeburt

Angesichts der potenziellen Frühgeburtlichkeit ist eine frühzeitige Vorbereitung auf die Ankunft der Zwillinge unerlässlich. Dies umfasst:

  • Klinikwahl: Es ist ratsam, sich frühzeitig für eine Klinik zu entscheiden, idealerweise eine mit einer Neugeborenen-Intensivstation und einem Perinatalzentrum, da diese auf die Versorgung von Frühgeborenen spezialisiert sind.
  • Geburtsvorbereitungskurse: Insbesondere für Erstgebärende sind Kurse, die auf Mehrlingsschwangerschaften spezialisiert sind, sehr hilfreich.
  • Kontakte knüpfen: Der Austausch mit anderen Zwillingsmüttern kann wertvolle Tipps und emotionale Unterstützung bieten.
  • Klinikkoffer packen: Es wird empfohlen, den Klinikkoffer bereits ab der 34. Schwangerschaftswoche zu packen.
  • Babyausstattung: Anschaffung des Nötigsten für die ersten Wochen, da oft Geschenke zur Geburt erwartet werden können.
  • Urlaubsplanung des Partners: Absprache über die Elternzeit und die Unterstützung nach der Geburt.
  • Namenswahl: Sorgfältige Auswahl von zwei Namen, die individuell und passend sind.
  • Wohnraumanpassung: Bei Bedarf sollte eine Übersiedelung oder Anpassung des Wohnraums frühzeitig im mittleren Schwangerschaftsdrittel erfolgen.

Besonderheiten bei der Geburtseinleitung und Überwachung

Bei Verdacht auf vorzeitige Wehen oder anderen Risikofaktoren ist es ratsam, umgehend das Krankenhaus aufzusuchen oder zumindest telefonisch Rücksprache mit dem Arzt oder der Hebamme zu halten. Die Überwachung während einer Zwillingsgeburt ist intensiver und umfasst die kontinuierliche Überwachung der Herztöne beider Kinder mittels CTG. Gegebenenfalls kann eine Elektrode am Kopf des führenden Kindes angelegt oder die Position der Kinder per Ultraschall kontrolliert werden.

Die Geburt des ersten Kindes verläuft ähnlich wie bei einer Einlingsgeburt. Nach der Geburt des ersten Kindes wird das zweite Kind oft manuell positioniert, um eine Querlage zu verhindern. Die Wehentätigkeit kann durch die Verabreichung von Oxytocin unterstützt werden. Die Zeit zwischen den Geburten der Zwillinge beträgt in der Regel weniger als 30 Minuten.

Normal Vaginal Geburt

Unterstützung nach der Geburt

Eltern von Mehrlingen stehen nach der Geburt vor besonderen Herausforderungen. Neben den üblichen zwölf Wochen Mutterschutz nach der Geburt (vier Wochen länger als bei Einlingen) gibt es weitere Unterstützungsmöglichkeiten:

  • Frühe Hilfen: Kostenlose Angebote wie Familienhebammen, Willkommensbesuchsdienste und Beratungen.
  • Kuren: Mutter-Kind-Kuren oder Vater-Kind-Kuren zur Erholung und Stärkung.
  • Haushaltshilfe: Unterstützung im Alltag für die ersten sechs Wochen nach der Geburt.
  • Bundesstiftung Mutter und Kind: Hilfe in Not- und Konfliktsituationen, insbesondere für einkommensschwache Familien.

Die Elternzeitregelungen für Mehrlingsfamilien können ebenfalls angepasst werden. Es ist wichtig zu beachten, dass während der Überschneidungszeit von Mutterschaftsgeld und Elterngeld keine Doppelauszahlung erfolgt.

tags: #zwillinge #geburtstermin #nach #vorne #datieren