Eine genaue Ertragsschätzung ist für Landwirte eine wertvolle Entscheidungshilfe, um die Ernteplanung zu optimieren. Der Landwirt Johann studiert die Wettervorhersage, um den optimalen Zeitpunkt für die Ernte seiner Weizen-, Raps- und Gerstefelder zu bestimmen. Eine zu frühe Ernte kann zu geringeren Erträgen und Einnahmen führen, während eine zu späte Ernte Qualitätsverluste, höhere Lager- und Logistikkosten nach sich ziehen kann.
Eine verlässliche und frühzeitige Ertragsschätzung ist für den Agrarsektor von entscheidender Bedeutung. Sie unterstützt Landwirte bei Entscheidungen hinsichtlich Verkauf, Einlagerung und Logistik. Auch Versicherungsunternehmen nutzen diese Daten zur Ermittlung von Versicherungsprämien.

Methoden zur Ertragsschätzung
Modellbasierte Ertragsschätzung mit Vegetationsindizes
Für einen landwirtschaftlichen Betrieb in Thüringen wurde ein Modell entwickelt, das auf historischen Ertragsdaten und einem Vegetationsindex (ESVI) basiert. Dieses Modell ermöglicht die verlässliche Schätzung von Flächenerträgen bereits über zwei Monate vor der Ernte.
Satellitengestützte Datenanalyse
Der Vegetationsindex wird aus Satellitendaten abgeleitet. Der Sentinel-1 Satellit erfüllt die Anforderungen an eine zuverlässige Datenlieferung in gleichbleibender Qualität, da er unabhängig von Bewölkung und Tageslicht arbeitet und seine Messungen auf einem Radarsignal basieren. Die Sentinel-1 Satelliten fliegen regelmäßige Bahnen über die Pole, die sich alle 12 Tage wiederholen. Bei jedem Überflug decken sie einen Streifen von 240 km mit einer Auflösung von 20x20 Metern ab.
Stabilität und Genauigkeit des Modells
Das entwickelte Modell scheint über die Jahre 2018 bis 2022 stabil zu sein. Auch wenn einzelne Flächen als Ausreißer auffallen, liegen die Durchschnittswerte über alle Flächen einer Kulturart nahe am tatsächlich gemessenen Ertrag. Die prozentuale Abweichung des modellierten Ertrags vom tatsächlichen Ertrag wird in der Tabelle dargestellt, wobei die Standardabweichung eine Aussage über die Güte der Prognose ermöglicht.
Werkzeuge zur Ertragsprognose
In ArcGIS Insights ist ein Werkzeug integriert, das es Nutzern ermöglicht, Ertragsprognosen auf Basis des ESVI selbst zu erstellen. Landwirte können damit während der Saison Auswertungen für ihre Flächen durchführen und die Ergebnisse direkt visualisieren. Die interaktive Plattform bietet vielfältige Auswertungsmöglichkeiten, die relevante Informationen nach den Bedürfnissen des Nutzers abbilden.
GIS Agricultural Analyst
Qualitätsbewertung von Winterweizen
Einfluss von Wetterbedingungen auf die Erntequalität
Die Qualitäten des Winterweizens sind in diesem Jahr erfreulicherweise besser als zunächst erwartet, insbesondere die Rohproteingehalte. Die Regenperiode Ende Juli bis Anfang August beanspruchte die Nerven vieler Landwirte, die Sorgen vor Qualitätseinbußen wie im Jahr 2023 hatten. Die Auswirkungen der Regenfälle waren jedoch weit weniger gravierend.
Fallzahl und ihre Bedeutung
Ein Rückgang der Fallzahlen wurde am ausgeprägtesten bei Beständen festgestellt, die druschreif waren, aber erst ab der zweiten Augustwoche geerntet werden konnten. Hier machten sich Sortenunterschiede in der Fallzahlsicherheit deutlich bemerkbar. Die späten Niederschläge verursachten in der Regel keine stärker lagernden Bestände, die als Auswuchs in der Ähre erkennbar gewesen wären.
Ertragliche Entwicklung und Wachstumsbedingungen
Aus ertraglicher Sicht war das Jahr 2025 im Vergleich zu den Vorjahren erfolgreich. Eine langanhaltende Trockenperiode von Februar bis Anfang Mai führte zwar zu einer Reduzierung der ährentragenden Halme, hatte aber den positiven Effekt, dass sich Blattkrankheiten kaum entwickeln konnten, wodurch auf frühzeitige Fungizidmaßnahmen verzichtet werden konnte. Die Niederschläge ab Anfang Mai führten zu einem raschen Entwicklungssprung und einer sprunghaft verbesserten Nährstoffaufnahme.
Gesamtsteigerung der Erntemengen
Die insgesamt positiveren Wachstumsbedingungen führten zu stark verbesserten Hektarerträgen. In Kombination mit einer auf Normalniveau angewachsenen Weizenanbaufläche stiegen die Erntemengen um 65,8 % auf 3.225.800 Tonnen. Dies resultierte aus um 7,2 % höheren Durchschnittserträgen von 84,8 dt/ha und einer um 35,3 % gestiegenen Anbaufläche gegenüber dem Vorjahr.
Marktentwicklung und Preisgestaltung
Da die geforderten Qualitäten von Aufnehmern und Verarbeitern oft erreicht wurden, konnte der A-Weizenbedarf größtenteils mit heimischer Ware gedeckt werden. Dies führte jedoch zu einer Reduzierung der im Herbst 2024 prognostizierten Qualitätsaufschläge. Während in den Vorjahren geringere Rohproteingehalte diskutiert wurden, berichtete die Praxis von höheren Werten, wodurch die Mindestnormen oft erfüllt wurden. Mit positiven Ertragsprognosen weltweit sanken Marktpreise und Qualitätsaufschläge. Die Einkaufspreise für A-Weizen sanken von 22,95 €/dt im September 2024 auf 18,95 €/dt im August 2025, wobei die Differenz zu B-Weizen nur noch 1 €/dt betrug.
Schlüsselfaktoren für die Weizenqualität
Rohproteingehalt (RP-Gehalt)
Der Rohproteingehalt (RP-Gehalt) ist trotz seiner Nichtberücksichtigung in der Qualitätseinstufung durch das Bundessortenamt (BSA) seit 2019 ein sehr wichtiger Qualitätsparameter bei der Vermarktung. Preisaufschläge orientieren sich oft noch am RP-Gehalt, vorausgesetzt die Erfüllung weiterer Kriterien wie Fallzahl und hl-Gewicht.
Feuchtklebergehalt und Vertragsanbau
Für die verarbeitende Branche spielen für hochwertige Backwaren neben den RP-Gehalten auch andere Parameter wie der Feuchtklebergehalt eine wesentlich wichtigere Rolle. Im Vertragsanbau werden Abnahmeverträge direkt mit dem Verarbeiter geschlossen, wobei Sorten und Qualitätskriterien vor der Aussaat vereinbart werden.
Sortenwahl und Ertragsleistung
Die Sortenwahl ist entscheidend für die Produktion von Qualitätsweizen. Die wirtschaftlichste Option für Landwirte ist die Kombination aus hoher Ertragsleistung und der Erfüllung geforderter Qualitätsnormen. Die Ertragsleistung und weitere agronomische Eigenschaften sind in den Ergebnissen der Landessortenversuche beschrieben.
Fallzahl als Qualitätsmerkmal
Die Fallzahl bereitete in diesem Jahr wieder stärkere Probleme, wenn auch nicht im Ausmaß von 2023. Die Durchschnittswerte variierten stark zwischen 195 und 349 Sekunden. Druschreife Bestände, die nicht vor der Regenperiode geerntet werden konnten, büßten bei den Fallzahlwerten ein, wobei die Fallzahlsicherheit der Sorten entsprechend stark differenzierte. Sorten mit positiver Einstufung müssen nicht die höchsten Fallzahlen erreichen, fallen aber unter kritischen Bedingungen nicht besonders stark ab.
Hektolitergewicht (hl-Gewicht)
Obwohl das hl-Gewicht die Mahl- und Backeigenschaften nur gering beeinflusst, gilt es weiterhin als wichtiges Qualitätsmerkmal. In diesem Jahr erreichten die geprüften Sorten im Mittel hl-Gewichte von 77 kg und erfüllten damit die A-Qualitätsnorm, was eine Steigerung von 2,3 kg im Vergleich zum Vorjahr bedeutet. Zwischen den Sorten sind jedoch starke Unterschiede zu beobachten.
Tausendkornmasse (TKM)
Analog zu den hl-Gewichten verbesserten sich auch die TKM-Werte im Jahr 2025 um knapp 2 g auf 48,2 g im Vergleich zu 46,4 g im Jahr 2024. Von den mehrjährig geprüften Sorten aus dem E- und A-Bereich erreichten SU Tarroca und LG Optimist die höchsten Werte.
Stickstoff-Effizienz (N-Effizienz)
Das BSA hat 2023 erstmalig das Merkmal der Stickstoff-Effizienz (N-Effizienz) in der Beschreibenden Sortenliste aufgenommen. Dieses beschreibt, wie effizient der verfügbare Stickstoff in Kornstickstoff umgewandelt wird. Der Kornstickstoffertrag ist das Produkt aus Kornertrag und RP-Gehalt.

Sedimentationswert als Indikator für Proteinqualität
Ein Maß für die Proteinqualität ist der Sedimentationswert. Er beschreibt die Quellfähigkeit des Glutens und korreliert mit dem Proteingehalt und dem Backvolumen. Die besten Sedi-Werte lieferten die E-Sorte Exsal und die A-Sorten SU Magnetron, SU Tarroca, Polarkap, Ambientus und SU Jonte.
Sortenprofile und Anbauempfehlungen
Ertragstypen bei Winterweizen
Winterweizen erzielt hohe Erträge, aber nicht alle Sorten auf dieselbe Weise. Es gibt verschiedene genetische Typen:
- Einzelährentyp: Ertrag durch Einzelpflanzenleistung mit wenigen, aber leistungsstarken Ähren. Benötigt moderate Bestandesdichten.
- Bestandesdichtetyp: Ertrag über viele Ähren pro m², basierend auf guter Bestockungsleistung und Bestandesetablierung. Breitesste Standorteignung.
- Kompensationstyp: Flexibel und anpassungsfähig, kombiniert Merkmale beider Typen. Geeignet für wechselhafte Anbaujahre.
- Korndichtetyp: Viele Körner pro Ähre als Ertragsmotor, benötigt gute Bedingungen zur Blütezeit.
Beispiele für Sorten und ihre Eigenschaften
COMPLICE überzeugt durch Frühreife, hohes Ertragspotenzial, gute Gesundheit und Stresstoleranz. Für alle Standorte geeignet.
KWS Donovan liefert gute Qualitäten (hohe RP-Gehalte) und wird für Lehmböden und Höhenlagen empfohlen, ist jedoch anfällig gegenüber Gelb- und Braunrost.
LG Optimist erreichte hohe Fallzahlen und hl-Gewichte, ist aber bei RP-Werten eher schwächer einzustufen und lageranfällig.
WPB Newton überzeugte bei Fallzahlen und weiteren Qualitätsparametern und wird generell für den Anbau empfohlen.
SU Magnetron eignet sich trotz hoher RP-Gehalte aufgrund gravierender Schwächen in den Fallzahlen nicht für einen sicheren Qualitätsanbau.
Willcox erreichte eher durchschnittliche Qualitäten, überzeugte aber durch hohe Fallzahlen und bietet sich für den Anbau an.
SU Tarroca zeigte sehr gute RP- und Sedi-Werte sowie hl-Gewichte, aber die sehr schwachen Fallzahlen machen eine Empfehlung schwierig.
LG Kermit konnte aufgrund durchschnittlicher Fallzahlen und sehr schwacher hl-Gewichte qualitativ nicht überzeugen.
Exsal lieferte mehrjährig betrachtet eher unterdurchschnittliche Erträge bei guten Qualitäten.
SU Jonte wurde agronomisch mit unterdurchschnittlichen Erträgen empfohlen, wenn auch oft nur eingeschränkt.
Herausforderungen und Zukunftsperspektiven
Um eine unter vielen Umweltbedingungen sichere Qualitätsweizenerzeugung zu gewährleisten, ist der in der Düngeverordnung festgelegte Stickstoff-Bedarfswert als standortspezifische Obergrenze oft zu knapp bemessen. Der direkte Vertragsanbau wird daher als sinnvollste Option für einen erfolgversprechenden Qualitätsweizenanbau angesehen, wobei Qualitätsvorgaben, anzubauende Sorte und Preisauf- bzw. -abschläge im Vorhinein klar vereinbart werden sollten.
Überlegungen, E-Sorten in ausgewiesenen roten Gebieten anzubauen, um negative Auswirkungen reduzierter Düngung abzumildern, spielen bei den derzeit geringen Preisaufschlägen eine untergeordnete Rolle. Berechnungen zeigen, dass der Anbau von E-Weizensorten zur Erzielung von A-Qualität erst bei Preisunterschieden von 2,50 €/ha ökonomisch interessant wäre. Nach derzeitigem Stand sind Preisaufschläge in der Größenordnung von 1,00 €/dt möglich, wobei Prognosen eine stärkere Differenzierung zwischen den Weizenqualitäten in den kommenden Monaten erwarten.

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