Die Stadt Duisburg wird von mehreren tragischen Fällen ungeklärter Kindstötungen erschüttert, die die Öffentlichkeit und die Ermittlungsbehörden seit Jahren beschäftigen. Drei kleine Mädchen, die niemals das Licht der Welt erblicken durften, sind kurz nach ihrer Geburt ums Leben gekommen. Ihre Identität und die Umstände ihres Todes bleiben bis heute im Dunkeln. Die Eltern sind unbekannt, und trotz intensiver Bemühungen der Polizei konnten die Fälle nicht aufgeklärt werden.
Zwei Cold Cases aus dem Jahr 2000 und 2002
Anfang der vergangenen Woche ging die Duisburger Polizei erneut an die Öffentlichkeit, um auf zwei lange zurückliegende Fälle von Kindstötungen aufmerksam zu machen. Am 22. Oktober 2002 wurde in einer Böschung am Baerler Busch die Leiche eines weiblichen Säuglings in einem Müllsack gefunden. Bis heute ist das Kind unbekannt. Bereits im Januar 2000 wurde ein totes neugeborenes Mädchen am Ufer des Weikensees in Hamminkeln-Ringenberg entdeckt. In beiden Fällen hatte die Polizei um Hinweise aus der Bevölkerung gebeten, in der Hoffnung, dass sich auch nach so langer Zeit noch Zeugen melden.
Die Resonanz auf diese erneute Öffentlichkeitsarbeit war jedoch ernüchternd. Laut der Duisburger Polizeisprecherin Caroline Schlachzig ist seit der Veröffentlichung "kein einziger Hinweis" eingegangen. Dies sei "ein bisschen enttäuschend", zumal ein kleines Team im Präsidium bereitstehe, um neuen Spuren sofort nachzugehen. Die Hoffnung, dass sich doch noch Zeugen melden, haben die Ermittler jedoch noch nicht aufgegeben.

Der Fall "Baby Mia": Ein Fall, der die Stadt bewegt
Die beiden genannten Cold Cases rufen Erinnerungen an einen Fall wach, der die Polizei in Duisburg und die Menschen weit über die Stadtgrenzen hinaus seit drei Jahren bewegt: "Baby Mia". Die Ermittler haben einen beispiellosen Aufwand betrieben, um den gewaltsamen Tod des Kindes zu klären, das am 17. November 2018 in einem aus Duisburg stammenden Altkleidersammelbehälter im polnischen Kielce entdeckt wurde. Den Namen "Mia" erhielt das Mädchen später von der Polizei, und im Januar 2019 wurde sie auf dem Friedhof Trompet bestattet.
"Es gibt selten Fälle, wo wir so viel gemacht haben", äußert sich Polizeisprecherin Schlachzig über die intensiven Ermittlungen. Trotzdem ist auch dieser Fall noch nicht aufgeklärt. Die Ermittlungen dauern an, doch die damals eingerichtete Ermittlungskommission wurde inzwischen aufgelöst, da es an konkreten Ansätzen fehlte. Aktuell läuft jedoch noch eine DNA-Abfrage auf europäischer Ebene.
Die Fälle im Überblick
Das Mädchen am Baerler Busch
Laut Obduktion starb das Mädchen kurz nach der Entbindung. Die Polizei geht davon aus, dass der Säugling vermutlich Anfang Oktober 2002 an den späteren Fundort an der Verbandsstraße in Höhe der Orsoyer Allee gebracht wurde. Zeugen könnten dies bemerkt haben, da sich in der Nähe ein beliebter Parkplatz für Besucher des Baerler Buschs befindet.
Der Säugling vom Weikensee
Der in Hamminkeln gefundene Säugling wurde laut Polizei wohl schon zwei Monate vor seiner Entdeckung am Weikensee abgelegt, also im November 1999. Das Kind war in ein rot-weiß gestreiftes Handtuch gewickelt und befand sich in einer Plastiktüte mit der Aufschrift der Modefirma "Coast".
"Baby Mia"
Nach Erkenntnissen der Polizei muss "Mia" zwischen dem 31. Oktober und dem 8. November 2018 in einem Altkleidercontainer der Wirtschaftsbetriebe im Westen der Stadt abgelegt worden sein. "Jeder auch für Sie noch so abwegig erscheinende Hinweis ist für uns wichtig, um diese Tragödie aufzuklären", betonte die Polizei schon im Fall "Baby Mia" von Anfang an. Daher werden Zeugen weiterhin aufgerufen, sich zu melden. Gesucht werden nicht nur Hinweise zu den Fundorten, sondern auch zu Frauen, die zu den betreffenden Zeitpunkten schwanger waren, ohne dass später ein Kind sichtbar war.

Polizei kann Neonatizide in der Regel aufklären
Säuglingstötungen kommen laut Polizeisprecherin Schlachzig "leider immer mal wieder" vor. Die drei offenen Fälle seien jedoch derzeit die einzigen ungeklärten, die den Ermittlern im Zuständigkeitsbereich des Duisburger Präsidiums noch immer Rätsel aufgeben. Grundsätzlich könne die Polizei diese sogenannten Neonatizide in der Regel aufklären.
Im Fall "Baby Mia" hatten die Ermittler sogar Glück im Unglück: Sie entdeckten bei einer damals 35-jährigen Frau ein weiteres totes Baby. Die Frau wurde später wegen fahrlässiger Tötung zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Bei der Festnahme im Dezember war die Polizei noch davon ausgegangen, dass die 36-Jährige ihr Kind erstickt hatte. Ein toxikologisches Gutachten deutete jedoch eine andere Todesursache an: Der Drogenkonsum der Mutter könnte ursächlich gewesen sein, da in der Baby-Leiche eine hohe Konzentration von Amphetaminen gefunden wurde.
Die Mutter gestand im Gericht, dass sie nicht nur während der gesamten Schwangerschaft, sondern auch kurz vor den Wehen Drogen zu sich genommen habe. Ihr Kind habe sie zuhause in der Badewanne zur Welt gebracht. Nach der Geburt habe sich das Kind laut Aussage der Mutter nicht mehr gerührt und kein Lebenszeichen von sich gegeben.
Ihr Todes-Rätsel ist noch immer nicht gelöst | Baby „Mia“
Festnahme im Fall "Baby Mia" und eine zweite schockierende Entdeckung
Im Fall des toten Babys Mia, das in Polen in einem Altkleidercontainer aus Duisburg gefunden wurde, wurde eine 35-jährige Frau festgenommen. Den entscheidenden Hinweis auf die Verdächtige lieferten Zeugen, wie Polizeisprecher Ramon van der Maat mitteilte. Bereits am Freitag waren die Ermittler auf die Spur der Tatverdächtigen aus dem Stadtteil Duisburg-Rumeln gekommen. In der Nacht zum Samstag durchsuchten die Kripobeamten die Wohnung der 35-Jährigen und fanden umfangreiches Beweismaterial, darunter blutige Bettlaken und die Leiche eines Neugeborenen.
Die Frau gestand die Geburt dieses Kindes, bestritt jedoch nach Angaben der Polizei, die Mutter des toten Säuglings zu sein, der in Polen gefunden wurde. Die Ermittler warteten dringend auf DNA-Ergebnisse aus Polen, um diese abgleichen zu können. Gegen die 35-Jährige wurde Haftbefehl wegen Totschlags erlassen. Das städtische Jugendamt hatte die Frau betreut.
Die Sprecherin des Duisburger Oberbürgermeisters zeigte sich "zutiefst erschüttert". Der Jugend- und Familiendezernent kündigte umgehend die Aufarbeitung des Falls an und bat um Verständnis, dass zunächst keine weiteren inhaltlichen Fragen beantwortet werden könnten, um den Ermittlungsergebnissen nicht vorzugreifen.
In Duisburg hatte die Polizei mit Plakaten nach der Mutter des Kindes gesucht und mit Spürhunden mögliche Standorte von Altkleidercontainern abgesucht. Einer der Hunde schlug bei einem Container im Duisburger Westen an, der genauer untersucht wurde. Ob dieser Container in Rumeln stand, ist nicht bestätigt. Aus der Bevölkerung gingen kurz nach der Öffentlichkeitsfahndung mehrere Hinweise bei den Ermittlern ein.
Die endgültigen Ergebnisse der Obduktion des Säuglings aus Polen stehen noch aus. Laut Staatsanwaltschaft in Polen sollen die gesamten Resultate in mehreren Wochen vorliegen. Bei den gemeinsamen Ermittlungen wurde unter anderem die Route des Fahrzeugs geprüft, mit dem die Altkleider nach Polen transportiert wurden.
Zweite Babyleiche in Wohnung der Verdächtigen gefunden
Rund zwei Wochen nach dem Fund einer Babyleiche aus Duisburg in Polen hat die Polizei eine 35 Jahre alte Tatverdächtige festgenommen - und in ihrer Wohnung eine zweite Babyleiche entdeckt. Das tote kleine Mädchen war in Laken und Plastiktüten versteckt. Da es sich ebenfalls um ein Neugeborenes handelt, geht die Polizei davon aus, dass es sich um Mias Zwillingsschwester handeln könnte. Eine DNA-Untersuchung soll hierüber Klarheit bringen.
Die Mutter, die mit ihrer 16-jährigen Tochter in der Wohnung lebt und einen festen Partner hat, hatte zugegeben, dass die zweite gefundene Leiche ihre Tochter ist. Sie äußerte sich jedoch nicht dazu, wie das Baby starb, und bestreitet, etwas mit dem in Polen gefundenen Baby zu tun zu haben. Dennoch schickte ein Untersuchungsrichter die Frau wegen Totschlags in Untersuchungshaft.
Die 35-Jährige lebt in schwierigen Familienverhältnissen. Sie hat zwei weitere Kinder, die das Jugendamt bei Pflegefamilien untergebracht hat. Die Eltern der Verdächtigen wohnen direkt über ihr.

Betreuung durch das Jugendamt und verweigerte Schwangerschaft
Die Stadt teilte mit, dass die Familie seit 2014 von einer ambulanten Familienhilfe betreut wird, die mehrere Stunden in der Woche eingesetzt war. Mitte September entstand bei der Familienhilfe der Eindruck, dass die Frau schwanger sein könnte. Sie stritt eine Schwangerschaft jedoch vehement ab. Die Frau habe auch gegenüber Verwandten eine Schwangerschaft immer dementiert. Im Zusammenhang mit früheren Schwangerschaften habe die Frau laut Stadt "kein kindesschädliches Verhalten" gezeigt.
Jugend- und Familiendezernent Thomas Krützberg äußerte sich tief betroffen: "Wenn ein Kind stirbt, bringt uns das immer an die Grenzen des Aushaltbaren. Kommt ein Kind unter so tragischen Umständen ums Leben, wie es in diesem Fall passiert ist, werden diese überschritten." Er bat die Öffentlichkeit darum, nicht außer Acht zu lassen, dass die Mutter sich in einer extremen, ihr ausweglos erscheinenden Ausnahmesituation befunden haben muss. Er kündigte an, den Fall zum Anlass zu nehmen, die Abläufe und Mechanismen bezüglich des Kinderschutzes zu schärfen.
