Gustav Radbruch: Leben und Werk eines prägenden Rechtsphilosophen

Gustav Radbruch, geboren am 21. November 1878 in Lübeck und gestorben am 23. April 1967, zählt zu den einflussreichsten Rechtsphilosophen des 20. Jahrhunderts. Sein Wirken erstreckte sich über verschiedene Bereiche, darunter Strafrecht, Kriminalpolitik, Rechtsgeschichte, Biographik und Essayistik, und brachte ihm international großes Ansehen ein.

Porträt von Gustav Radbruch

Frühe Jahre und akademische Laufbahn

Gustav Lambert Radbruch war der Sohn des Lübecker Kaufmanns Heinrich Georg Bernhard Radbruch und dessen Ehefrau Emma Radbruch. Er beschrieb seine Kindheit als "etwas unkindlich", geprägt von "einer gewissen Naturferne und einem gewissen Intellektualismus". Nach dem Abitur am Katharineum zu Lübeck im Jahr 1898 begann Radbruch auf Wunsch seines Vaters ein Jurastudium, dem er sich jedoch ohne innere Neigung widmete.

Seine Studienorte waren zunächst München, wo er sich von der dortigen Bohème angezogen fühlte, gefolgt von Leipzig und schließlich Berlin. In Berlin hörte er bei dem renommierten Strafrechtsreformer Franz von Liszt. Nach dem Ersten Staatsexamen kehrte Radbruch nach Lübeck zurück, um sein Rechtsreferendariat anzutreten. Statt dieses abzuschließen, widmete er sich jedoch der Wissenschaft.

Im Jahr 1902 promovierte er an der Berliner Universität bei seinem Doktorvater Liszt mit einer strafrechtsdogmatischen Dissertation zur Kausalitätslehre magna cum laude zum Dr. jur. Seine Habilitationsschrift zum Handlungsbegriff im Strafrechtssystem verfasste er später.

Professuren und intellektuelle Kreise

1906 wurde Radbruch Lehrbeauftragter an der Handelshochschule in Mannheim. 1910 erhielt er eine außerordentliche Professur für Strafrecht, Prozessrecht und Rechtsphilosophie an der Universität Heidelberg. Dort fand er Anschluss an den intellektuellen Kreis um Max Weber, dem unter anderem Wilhelm Windelband, Heinrich Rickert und Emil Lask angehörten. Insbesondere durch den Philosophen Heinrich Levy wurde Radbruch von der Richtigkeit der philosophischen Ansätze der Südwestdeutschen Schule des Neukantianismus, insbesondere von Wilhelm Windelband und Heinrich Rickert, überzeugt.

Mit seinen Kollegen an der Juristischen Fakultät hatte er nicht immer ein leichtes Verhältnis und litt unter den aus seiner Sicht einengenden gesellschaftlichen Konventionen. Er verstieß dagegen, indem er beispielsweise Einladungen ablehnte oder Vorlesungen in einem als unpassend empfundenen "Sportanzug" abhielt.

1914 nahm Radbruch einen Ruf auf eine außerordentliche Professur an die Albertus-Universität Königsberg an. Dort lernte er seine zweite Frau Lydia Schenk kennen, die er nach der Geburt ihrer gemeinsamen Tochter Renate im November 1915 heiratete. Im Dezember 1918 wurde ihr zweites Kind Anselm geboren.

1919 wechselte Radbruch an die Universität Kiel und erlangte dort seine erste Berufung als ordentlicher Professor für Strafrecht, Strafprozessrecht und Rechtsphilosophie. 1926 kehrte er als ordentlicher Professor an die Universität Heidelberg zurück. Zu seinen Heidelberger Studenten zählten Anne-Eva Brauneck, die später die erste deutsche Professorin für Strafrecht wurde, und Georg Dahm.

Politische Karriere und die Radbruchsche Formel

Gustav Radbruch war politisch der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) zugetan. Wegen seiner beim Kapp-Putsch bewiesenen arbeiterfreundlichen Haltung wurde er bei der Reichstagswahl 1920 auf Platz 2 der SPD-Wahlliste gesetzt und war von 1920 bis 1924 Mitglied des Reichstags.

Als Rechtspolitiker wurde er im Kabinett Wirth II (1921-1922) zum Reichsminister der Justiz berufen. Dieses Amt bekleidete er erneut von August bis November 1923 in den Kabinetten Stresemann I und II. Während seiner Amtszeiten wurden bedeutende Gesetze ausgearbeitet, unter anderem zur Zulassung von Frauen zum Richteramt und das Republikschutzgesetz.

Eine zentrale Rolle in Radbruchs Denken spielte die Auseinandersetzung mit dem Unrecht des Nationalsozialismus. Im Jahr 1946 formulierte er die Radbruchsche Formel. Diese besagt, dass bestimmte, als extrem ungerecht erachtete staatliche Normen von der Justiz nicht angewendet werden dürfen. Diese Formel wurde zu einem Eckpfeiler der Nachkriegsjustiz in Deutschland.

Zeit des Nationalsozialismus und Nachkriegsjahre

Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung wurde Radbruch am 8. Mai 1933 als erster deutscher Professor aus politischen Gründen aus dem Staatsdienst entlassen. Er widmete sich während der NS-Diktatur vor allem der Rechtsgeschichte und Rechtsvergleichung. In dieser Zeit entstand seine Biographie über den liberalen Strafrechtsreformer Paul Johann Anselm von Feuerbach, die 1934 in Wien erschien und als Protestschrift gegen den Zeitgeist empfunden wurde.

Von 1935 bis 1936 hielt er sich zu Studien am University College in Oxford auf. Aus diesem Aufenthalt ging sein Werk "Der Geist des englischen Rechts" hervor, das 1946 veröffentlicht wurde.

Unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 nahm Gustav Radbruch seine Lehrtätigkeit in Heidelberg wieder auf und leitete den Wiederaufbau der Juristischen Fakultät. Er beeinflusste die Entwicklung des deutschen Rechts durch zahlreiche Aufsätze und engagierte sich politisch für einen Sozialismus christlicher Prägung.

Trotz seiner Gegnerschaft zum NS-Regime war Radbruch Mitglied des Heidelberger Juristenkreises, der sich für die Freilassung und Rehabilitierung von deutschen Verurteilten aus Kriegsverbrecher- und NS-Prozessen einsetzte. Seine grundsätzliche Ablehnung der Todesstrafe war dabei maßgeblich.

Gustav Radbruch starb 1949 im Alter von 71 Jahren an den Folgen eines Herzinfarkts. Sein Grab befindet sich auf dem Heidelberger Bergfriedhof.

Werk und Einfluss

Gustav Radbruchs Schriften umfassen die Rechtsphilosophie, Rechtsgeschichte, Strafrechtsdogmatik sowie Kriminalpolitik und Ansätze zur Kriminologie. Insbesondere seine Rechtsphilosophie wird bis heute lebhaft diskutiert.

Zu seinen wichtigsten Werken zählen:

  • Grundzüge der Rechtsphilosophie (zuerst 1914)
  • Der Handlungsbegriff in seiner Bedeutung für das Strafrechtssystem (Habilitationsschrift)
  • Biographie über Paul Johann Anselm von Feuerbach
  • Der Geist des englischen Rechts
  • Geschichte des Verbrechens - Versuch einer historischen Kriminologie (mit Heinrich Gwinner)
  • Einführung in die Rechtswissenschaft (zuletzt 1929)

Neben seinen juristischen Arbeiten verfasste Radbruch auch schöngeistige Essays, die in Bänden wie "Gestalten und Gedanken" (1945) und "Theodor Fontane oder Skepsis und Glaube" erschienen.

Robert Alexy bezeichnete Gustav Radbruch im Jahr 2016 neben Hans Kelsen als einen der beiden bedeutendsten deutschsprachigen Rechtsphilosophen des 20. Jahrhunderts.

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