Nikotin in der Muttermilch und dessen Einfluss auf den Schlaf von Säuglingen
Nikotin, das über den Zigarettenkonsum der Mutter in die Muttermilch gelangt, kann den Schlaf-Wach-Rhythmus von Säuglingen erheblich stören. Studien, wie die von Julie Mennella und Kollegen vom Monell Chemical Senses Center in Philadelphia, zeigen, dass Säuglinge, deren Mütter kurz vor dem Stillen rauchten, im Durchschnitt 37 Prozent weniger schliefen als Säuglinge von Müttern, die vor dem Stillen auf Zigaretten verzichteten.
Forscher nutzten Aktigraphen, um die Aktivität und Schlafzeit von 15 gestillten Säuglingen zu messen. Die Mütter rauchten entweder ein bis drei Zigaretten kurz vor dem Stillen oder hatten zuvor einen ganzen Tag lang auf Nikotin verzichtet. Vor dem Stillen wurde die Menge an Nikotin und Cotinin, einem Abbauprodukt des Nikotins, in der Muttermilch bestimmt. Säuglinge, die Nikotin über die Milch aufnahmen, schliefen im Beobachtungszeitraum durchschnittlich 31 Minuten weniger. Es wurde eine direkte Korrelation zwischen der Nikotinmenge in der Muttermilch und dem Ausmaß der Schlafstörung festgestellt.

Geschmack der Muttermilch und Präferenzen der Säuglinge
Interessanterweise zeigte sich, dass der Nikotingehalt in der Milch keine Auswirkung auf die Trinkmenge der Säuglinge hatte. Dies deutet darauf hin, dass sich die Babys nicht am veränderten Geschmack der nikotinbelasteten Muttermilch zu stören schienen. Frühere Untersuchungen legen nahe, dass Kinder Geschmacksrichtungen, die sie bereits über die Muttermilch kennengelernt haben, im späteren Leben bevorzugen könnten.
Diese Beobachtung wirft die Besorgnis auf, dass ein früher Kontakt mit Tabak während der Stillzeit im späteren Leben die Attraktivität von Zigaretten erhöhen könnte. Viele Mütter geben das Rauchen während der Schwangerschaft auf, um den Fötus zu schützen. Nach der Geburt nehmen einige jedoch das Rauchen wieder auf, bemühen sich aber oft, ihr Baby vor Passivrauchen zu bewahren. Die Aufnahme von Nikotin über die Muttermilch ist vielen Müttern jedoch nicht bewusst.
Wissenschaftliche Erkenntnisse und Empfehlungen von Lungenärzten
Lungenärzte des Bundesverbands der Pneumologen (BdP) warnen eindringlich vor den Folgen des Rauchens in der Stillzeit, basierend auf einer wissenschaftlichen Studie aus den USA. Diese Studie untersuchte das Schlafverhalten von fünfzehn zwei bis sieben Monate alten Kindern, deren Mütter rauchten und stillten.
Dr. Michael Barczok, Vorstandsmitglied im BdP, berichtet, dass Babys von Müttern, die direkt vor dem Stillen rauchten, durchschnittlich nur 53 Minuten schliefen, während Kinder von Müttern mit einer zwölfstündigen Rauchpause 85 Minuten schliefen - also eine halbe Stunde länger. Das Nikotin in der Muttermilch beeinträchtigte sowohl den Tiefschlaf als auch die aktiven Schlafphasen (REM-Schlaf) der Kinder. Besonders stark verkürzt war die Schlafphase, die normalerweise am längsten ausfällt.
Trotz des veränderten Geschmacks der Muttermilch tranken die betroffenen Babys nicht weniger Milch, was angesichts der nachgewiesenen Geschmacksveränderung verwundern mag.
Schlafdefizit und seine Auswirkungen auf die gesunde Entwicklung von Säuglingen
Ein Schlafdefizit kann die gesunde Entwicklung von Säuglingen erheblich beeinträchtigen. Je höher die Nikotinkonzentration in der Muttermilch war, desto stärker wurde das Schlafmuster der Kinder gestört, insbesondere die aktiven Traumphasen. Dies ist für die Entwicklung eines Säuglings bedenklich, da Schlaf zur Verarbeitung von Erlebnissen und Erfahrungen dient und das Gehirn von überflüssigen Informationen reinigt. Schlaf ist zudem essenziell für die Erholung der inneren Organe.
Wenn das natürliche Schlafverhalten von Säuglingen, das für eine gesunde Entwicklung bis zu 16 Stunden täglich umfasst, eingeschränkt wird, kann dies zu ernsthaften Entwicklungsstörungen führen. Säuglinge mit Schlafstörungen neigen zudem dazu, mehr zu schreien, zu quengeln und weniger zu spielen.
Aus diesen Gründen raten Lungenärzte Müttern dringend, sowohl während der Schwangerschaft als auch während der Stillzeit auf das Rauchen zu verzichten.
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Risiken des Rauchens während der Stillzeit im Detail
Es gibt zahlreiche Gründe, mit dem Rauchen aufzuhören, sowohl für die Mutter als auch für das Baby. Säuglinge von Rauchern haben ein erhöhtes Risiko für Koliken, Atemwegsinfektionen und den plötzlichen Kindstod (SIDS). Obwohl gestillte Säuglinge im Vergleich zu künstlich ernährten Säuglingen ein geringeres Risiko für diese Krankheiten aufweisen, selbst wenn ihre Mütter weiterhin rauchen, bleiben die Risiken bestehen.
Schadstoffe in der Muttermilch
Der Zigarettenrauch enthält eine Vielzahl schädlicher und krebserregender Stoffe. Wenn eine Mutter raucht, reichern sich nicht nur Nikotin, sondern auch andere Schadstoffe wie Dioxine, Benzpyrene, Nitrosamine und Schwermetalle in der Muttermilch an. Die Konzentration dieser Stoffe steigt mit der Anzahl der gerauchten Zigaretten. Nikotin kann in der Muttermilch eine bis zu dreifach höhere Konzentration erreichen als im Blut der Mutter.
Auswirkungen auf die Milchproduktion und Milchqualität
Rauchen kann die Milchbildung der Mutter beeinflussen. Bei einem Konsum von 10-15 Zigaretten pro Tag kann es zu einem späteren Milcheinschuss und einer geringeren Milchproduktion kommen. Je mehr Zigaretten geraucht werden, desto stärker ist dieser Effekt. Darüber hinaus verändert Nikotin den Geschmack der Muttermilch, was dazu führen kann, dass Babys schlechter trinken und es zu Milchstau kommen kann.
Gesundheitliche Folgen für das Baby
Die Aufnahme von Nikotin und anderen Schadstoffen über die Muttermilch kann zu verschiedenen gesundheitlichen Problemen beim Säugling führen:
- Erhöhte Unruhe und Reizbarkeit
- Häufigeres Weinen und weniger tiefer Schlaf
- Häufigere Bauchschmerzen und Durchfall
- Geringeres Geburtsgewicht und langsamere Gewichtszunahme
- Erhöhtes Risiko für Atemwegserkrankungen, Mittelohrentzündungen und Lungenprobleme
- Erhöhtes Risiko für den plötzlichen Kindstod (SIDS)
- Mögliche Beeinträchtigung des Herzrhythmus
- Mögliche Erhöhung des Allergierisikos
Besonders gefährlich ist das Einatmen von Zigarettenrauch (Passivrauchen), da dies die Risiken für die genannten Gesundheitsprobleme weiter erhöht. Auch Tabakerhitzer und E-Zigaretten enthalten Nikotin und können gesundheitsschädlich sein.

Empfehlungen für rauchende Mütter
Experten sind sich einig: Das Beste für Mutter und Kind ist es, während der Stillzeit nicht zu rauchen. Fällt dieser Verzicht jedoch schwer, gibt es Empfehlungen, um die Risiken zu minimieren:
- Rauchen Sie möglichst wenig: Reduzieren Sie die Anzahl der täglich gerauchten Zigaretten auf ein Minimum.
- Rauchpause vor dem Stillen: Halten Sie eine Rauchpause von mindestens 90 Minuten vor dem Stillen ein. Nach etwa 90 Minuten sinkt die Nikotinkonzentration im Blut und in der Milch um etwa die Hälfte.
- Nicht in Gegenwart des Kindes rauchen: Rauchen Sie niemals in der Nähe Ihres Babys.
- Rauchfreie Wohnung: Sorgen Sie dafür, dass in der Wohnung nicht geraucht wird.
- Hände und Kleidung wechseln: Waschen Sie sich nach dem Rauchen gründlich die Hände und wechseln Sie gegebenenfalls die Kleidung, da Schadstoffe an Kleidung haften bleiben können.
- Eigener Schlafplatz für das Baby: Raucher sollten nicht mit dem Baby im gleichen Bett schlafen, um das Risiko für plötzlichen Kindstod zu reduzieren.
- Erst stillen, dann rauchen: Rauchen Sie idealerweise direkt nach dem Stillen, damit die Nikotinkonzentration in der Milch bis zum nächsten Stillen sinkt.
Die American Academy of Pediatrics (AAP) hat Nikotin von ihrer Liste der „kontraindizierten“ Substanzen während des Stillens gestrichen. Dies bedeutet jedoch nicht, dass Rauchen unbedenklich ist. Stillen bietet nachweislich erhebliche gesundheitliche Vorteile für Mutter und Kind, die auch für rauchende Mütter gelten.
Nikotinersatzprodukte
Bei der Verwendung von Nikotinersatzprodukten wie Kaugummis oder Pflastern gelten ähnliche Vorsichtsmaßnahmen wie beim Rauchen:
- Verwenden Sie Nikotinkaugummis oder -lutschtabletten lieber direkt nach dem Stillen.
- Vermeiden Sie es, gleichzeitig Zigaretten zu rauchen, wenn Sie Nikotinersatzprodukte verwenden.
- Transdermale Nikotinpflaster können einen gleichmäßigeren Nikotinspiegel im Blut und in der Milch bewirken, der niedriger ist als beim Rauchen. Es kann erwogen werden, das Pflaster nachts zu entfernen, um den Nikotinspiegel während des nächtlichen Stillens zu senken.
Die Vorteile des Stillens trotz Rauchen
Trotz der Risiken, die mit dem Rauchen während der Stillzeit verbunden sind, betonen Experten, dass Stillen mehr Vorteile als Nichtstillen bietet. Die positiven Effekte des Stillens, wie die Stärkung des Immunsystems des Kindes, der Schutz vor Krankheiten und die Förderung der Mutter-Kind-Bindung, können die gesundheitlichen Nachteile des Rauchens teilweise aufwiegen. Daher wird rauchenden Müttern weiterhin zum Stillen geraten, sofern sie die oben genannten Vorsichtsmaßnahmen beachten.
Es ist wichtig, dass rauchende Mütter sich nicht von Schuldgefühlen überwältigen lassen. Stress und Schlafmangel können den Wunsch zu rauchen verstärken. Professionelle Unterstützung bei der Raucherentwöhnung kann dabei helfen, diese schwierige Phase zu meistern.

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