Fruchtbarkeit des Mannes: Spermienanzahl und Normwerte

Spermien enthalten das Erbgut des Vaters und entscheiden über das Geschlecht des Kindes. Hier endet in den meisten Fällen bereits das Grundwissen der meisten. Doch die Welt der Spermien ist faszinierend und komplex. Wusstet Ihr zum Beispiel, dass das durchschnittliche Paar Hoden ca. 70 Millionen Spermien am Tag produziert?

Grafische Darstellung des männlichen Fortpflanzungssystems mit Fokus auf Hoden und Nebenhoden

Die Reise und Lebensdauer von Spermien

Ein einzelnes Spermium hat eine Reifezeit von ca. 60-64 Tagen. Nach der Reifezeit sammelt es sich mit Millionen anderer Spermien im schlauchförmigen, 5-6 Meter langen Nebenhodengang und wartet dort auf seinen Einsatz. Spermien sind zäh und haben einen ausgeprägten Überlebenswillen. Einmal im Gebärmutterhals angekommen, können sie dort ca. 5 Tage überleben.

Größe und Anzahl der Spermien

Dass man Spermien mit dem bloßen Auge nicht erkennen kann, ist bekannt. Tatsächlich sind Spermien nicht größer als 0,06 Millimeter. Im durchschnittlichen Ejakulat sind ca. 39 Millionen dieser kleinen Schwimmer enthalten. Würde man die einzelnen Samenzellen eines Ejakulats hintereinander aufreihen, ergäbe dies eine Gesamtlänge von ca. 6 Kilometern.

Die Herausforderung der Befruchtung

Einmal losgeschwommen, müssen Spermien eine Strecke von ca. 15 cm überwinden. Das klingt erstmal nicht viel. Soll es direkt nach dem Eisprung zu einer Befruchtung kommen, befindet sich die Eizelle noch ganz am Anfang des Eileiters, und die Spermien müssen eine enorme Strecke zurücklegen. Unter normalen Bedingungen schaffen es nur ca. 300-500 bis zu ihrem Ziel.

Illustration, die die Strecke von Spermien zur Eizelle darstellt, mit Hervorhebung der geringen Anzahl, die es schafft

Bei der Ejakulation verlassen die Spermien mit einer Geschwindigkeit von ca. 17 km/h den männlichen Penis. Zum Vergleich: Ein Elefant kann im Schnitt auf ca. 25 km/h kommen. Einmal in der Scheide angekommen, verringert sich das Tempo allerdings drastisch. Auf dem Weg zur Eizelle legen die Spermien ca. 3-4 mm pro Minute zurück.

Nur ein einziges von durchschnittlich 39 Millionen Spermien - in seltenen Fällen auch mal zwei - schafft es unter guten Bedingungen, die Eizelle zu befruchten. Zum Vergleich: Die Gewinnchancen beim Swiss Lotto liegen bei ca. 1 zu 10 Millionen.

Das Spermiogramm: Die Untersuchung der männlichen Fruchtbarkeit

Das Spermiogramm ist eine standardisierte Untersuchung des Ejakulats, um die Zeugungsfähigkeit des Mannes anhand definierter Parameter umfassend zu bewerten. Diese Parameter zur Spermienanalyse wurden nach über 10 Jahren von der WHO (Weltgesundheitsorganisation) 2021 wieder aktualisiert.

Aktualisierte WHO-Normwerte für das Spermiogramm (2021)

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat die Vorgaben für Normwerte der wichtigsten Samenparameter verabschiedet, dank denen die Chancen auf Empfängnis von einem Baby auch mit Techniken der assistierten Reproduktion (eine Insemination, eine IVF) eingeschätzt werden können.

Parameter Normwert (2021) Früherer Wert (vor 2021)
Ejakulat Volumen ≥ 1,4 ml ≥ 1,5 ml
Spermien-Konzentration ≥ 16 Mio/ml ≥ 15 Mio/ml
Gesamt-Spermienzahl pro Ejakulat ≥ 39 Mio -
Motilität (vorwärtsbeweglich) ≥ 30 % ≥ 32 %
Motilität (gesamt beweglich) ≥ 42 % ≥ 40 %
Morphologie (normal geformt) ≥ 4 % -

Von einem unauffälligen Befund spricht man, wenn die Messergebnisse gleich groß oder größer der oben aufgeführten Werte sind. Bei Unterschreitung der Werte besteht ein auffälliger Befund und sollte kontrolliert werden.

Vorbereitung und Durchführung der Samenuntersuchung

Die Samenuntersuchung, auch Seminogramm oder Spermiogramm genannt, ist eine grundlegende diagnostische Untersuchung der männlichen Unfruchtbarkeit. Während einer Samenanalyse werden Spermien und Ausscheidungen der Prostata beurteilt. Um eine Analyse durchführen zu können, liefern Patienten eine Samenprobe ins Labor.

Vorbereitung auf die Samenuntersuchung:

  • Sexuelle Abstinenz: Der Patient sollte von drei bis fünf Tagen vor der Untersuchung sexuell abstinent sein. Eine zu kurze Abstinenzperiode kann die Spermienkonzentration mindern, während eine zu lange Pause die Spermienbeweglichkeit negativ beeinflussen kann.
  • Verzicht auf: Während der Vorbereitung auf eine Samenuntersuchung sollte auf Alkoholkonsum und Rauchen verzichtet werden.
  • Vermeidung von Überanstrengung: Körperliche Überanstrengung kann das Ergebnis ebenfalls verfälschen.
Infografik: Checkliste für die Vorbereitung auf ein Spermiogramm

Ablauf der Samenabgabe in der Kinderwunschklinik

Sobald ein Patient am Empfang seine Identität bestätigt hat, erhält er einen sterilen Becher für das Ejakulat. Anschließend wird er zu einem Spenderraum geführt, wo er sich zur Samenabgabe vorbereiten und durch Masturbation die Samenprobe zur Untersuchung gewinnen kann. Der Raum ist für den maximalen Schutz der Privatsphäre eingerichtet und mit Unterhaltungsmöglichkeiten ausgestattet. Die Tür kann abgeschlossen werden, sodass sich der Patient viel Zeit für den Test nehmen kann. Das analytische Labor befindet sich im benachbarten Raum, damit die Samenprobe sofort zur Analyse übergeben werden kann.

Ausnahmsweise kann die Probe im Hotel abgegeben und innerhalb von 30 Minuten in die Klinik geliefert werden. In dem Fall sollte sich der Patient einen sterilen Becher (ein Harnprobenbehälter) in der Apotheke besorgen. Während der Lieferung der Samenprobe ist es besonders wichtig, Körpertemperatur zu sichern, weil eine niedrigere Temperatur das Ergebnis beeinträchtigen kann.

Auswertung der Spermienanalyse

Die Kinderwunschklinik Bocian führt allgemeine Samenanalyse mit der CASA-Methode (computer-gestützte Spermaanalyse) durch, die über ein computerisiertes Videosystem eine Erkennung und objektive Messung verschiedener Spermaparameter (darunter auch Kopflage und Beweglichkeit) ermöglicht. Nach Gewinnung der Samenprobe erhält der Patient das Ergebnis bereits innerhalb von 3 Stunden. Für diese Untersuchung sollte man einen Termin früher vereinbaren, damit die Probe in einer entsprechenden Zeit analysiert werden kann.

Bestandteile der Spermiogramm-Auswertung

Bei der Auswertung eines Spermiogramms werden verschiedene Parameter berücksichtigt:

  • Äußere Erscheinung: Farbe, Geruch, Viskosität.
  • Ejakulatvolumen: Die Menge der Samenflüssigkeit.
  • pH-Wert: Der Säuregrad der Samenflüssigkeit.
  • Spermienanzahl: Die Gesamtzahl der Spermien im Ejakulat.
  • Spermienkonzentration: Anzahl der Spermien pro Milliliter Samenflüssigkeit.
  • Lebensfähigkeit (Vitalität): Der Prozentsatz der lebendigen Spermien.
  • Motilität: Die Beweglichkeit der Spermien (Fortbewegung und Geschwindigkeit).
  • Agglutination: Das Zusammenhaften von Spermien, was die Mobilität einschränkt.
  • Morphologie: Die Form der Spermien (Anteil normal geformter Spermien).
  • Samenflüssigkeit: Beurteilung der Zusammensetzung.

Samenzellen von guter & schlechter Qualität - Labor des Kinderwunschzentrum an der Wien

Interpretation der Ergebnisse und mögliche Diagnosen

Ein gutes Ergebnis (Normzoospermie)

Eine Samenanalyse mit positiver Auswertung kann bei der weiteren Diagnostik der Unfruchtbarkeit helfen, wenn Paare seit einer längeren Zeit den Kinderwunsch erfüllen möchten und ihre Bestrebungen danach scheiterten. Wenn Samenparameter gut genug sind, d.h. es gibt genug Spermien im Samen, sie sind lebensfähig, progressiv beweglich und haben eine richtige Morphologie, spricht man von Normzoospermie. Wenn Patienten das Ergebnis bekommen und dort steht: Normzoospermie, fühlen sie sich erleichtert. Jedoch um sicher zu sein, dass man mit keiner männlichen Unfruchtbarkeit zu tun hat, wird eine erweiterte Diagnostik wie eine genetische Untersuchung von DNA-Fragmentation, HBA-Test (bestimmt die Fähigkeit, Spermien an Hyaluronsäure zu binden) oder eine Analyse auf oxidativen Stress empfohlen.

Wenn Spermien nicht genug gesund sind (Oligozoospermie, Azoospermie, Teratozoospermie)

Ein schlechtes Spermiogramm bedeutet unter anderem eine reduzierte Spermienmenge im Samen. Diese Erkrankung nennt man Oligozoospermie. Sie hat unterschiedliche Schwergrade (leicht-moderat 5-16 Mio./ml Sperma, schwer <5 Mio./ml Sperma). Eine andere Dysfunktion ist Azoospermie, bei der keine Spermien im Ejakulat vorhanden sind. Defekte im Spermium können auch die Morphologie betreffen. Wenn es < 4% morphologisch normale Spermien im Samen gibt, spricht man von der Teratozoospermie, einer minderen Spermienqualität. Die häufigsten Fehlbildungen betreffen den Kopf der Samenzelle. Ist dieser nicht korrekt geformt, kann das Spermium die Eizelle nicht oder nur erschwert befruchten. Es gibt auch kombinierte Störungen.

Je tiefer die Anzahl gesunder und beweglicher Spermien, desto kleiner sind die Chancen für eine spontane Schwangerschaft. Das bedeutet aber überhaupt nicht, dass keine Therapie angeboten werden kann. Diese wird aber aufwendiger bei einer ausgeprägten Störung der Samenproduktion: von der einfachen Insemination bis zur künstlichen Befruchtung mit der ICSI-Methode.

Trends und Einflussfaktoren auf die Spermienqualität

Die Spermienqualität entscheidet mit darüber, ob ein Kinderwunsch in Erfüllung geht. Ein Blick auf die Statistik zeigt leider, dass die Spermienqualität bei Männern in den Industrienationen in den letzten Jahrzehnten stark abgenommen hat. Lag der Durchschnitt pro Milliliter Ejakulat vor 50 Jahren bei 100 Millionen Samenzellen, sind es heutzutage nur noch zwischen 20 und 64 Millionen.

Nicht nur Ernährung und Lebensweise, auch das Alter von Männern hat einen Einfluss auf die Qualität des männlichen Spermas. Ein Spermiogramm kann schnell darüber Auskunft geben, ob die Ursache für die ungewollte Kinderlosigkeit beim Mann liegt.

Die Spermatogenese (Bildung und Reifung der Spermien) findet in den Hodenkanälchen statt und dauert insgesamt etwa 60-64 Tage. Jedes Spermium ist ca. 0,06 mm groß. Das Schwanzstück (Geißel) generiert die Bewegung, so dass das Spermium 3-4 mm in der Minute zurücklegen kann.

Alarmierende globale Abnahme der Spermienkonzentration

Es ist ein Befund, der nicht zum ersten Mal für Beunruhigung sorgt: Zahlreiche Studien haben bereits über die Abnahme der Spermienqualität berichtet. Sie ist ein wichtiger Marker für die männliche Fortpflanzungsfähigkeit und entscheidet maßgeblich darüber, ob eine Befruchtung gelingt. Nun bestätigt eine neue Analyse, dass die Konzentration der Spermien weltweit immer rascher abnimmt. Zwischen 1973 und 2018 sank die durchschnittliche Spermienkonzentration demnach um mehr als 51 Prozent - von 101,2 Millionen auf 49 Millionen Spermien pro Milliliter Samenflüssigkeit. Die Daten deuteten zudem darauf hin, »dass sich dieser weltweite Rückgang im 21. Jahrhundert beschleunigt«, heißt es in der kürzlich im Fachjournal »Human Reproduction Update« veröffentlichten Studie.

Laut den Forschern um den israelischen Epidemiologen Hagai Levine sinkt die Zahl der Spermien derzeit mit einer Rate von 1,1 Prozent pro Jahr. Die Gründe dafür seien unklar. Dringend nötig seien deshalb mehr Forschung und Maßnahmen, um zu verhindern, dass sich die Fortpflanzungsfähigkeit der Männer weiter verschlechtert.

Für ihre Metaanalyse werteten die Forschenden Daten von mehr als 57.000 Männern aus 223 Studien in 53 Ländern aus. Sie bestätigte im Wesentlichen die Erkenntnisse einer Studie aus dem Jahr 2017. »Besorgniserregend ist, dass sich der Rückgang seit dem Jahr 2000 verdoppelt hat«, sagt etwa Sarah Martins da Silva, Dozentin für Reproduktionsmedizin an der Universität von Dundee in Schottland. Die genaue Ursache ist laut Martins da Silva weitgehend unbekannt. Es werde vermutet, dass Umweltverschmutzung, Plastik, Rauchen, Drogen und bestimmte Medikamente sowie Fettleibigkeit und schlechte Ernährung dazu beitragen. Gewisse Zweifel an den Daten, die der Metaanalyse zugrunde liegen, äußert hingegen Allan Pacey, Professor für Andrologie an der Universität von Sheffield in England. »Das Zählen von Spermien, selbst mit der Goldstandardtechnik der Hämozytometrie, ist wirklich schwierig.«

Grafik, die den globalen Abwärtstrend der Spermienkonzentration über die Jahre zeigt

Möglichkeiten bei eingeschränkter Fruchtbarkeit

Ein männliches Problem spielt für den unerfüllten Kinderwunsch bei mindestens jedem zweiten Paar eine Haupt- oder Nebenrolle. Meistens finden wir die Ursache bereits bei der Samenuntersuchung (Spermiogramm), die deshalb zu jeder Kinderwunschabklärung gehört.

Besteht eine mangelnde Spermienqualität, gibt es aktuell kaum Möglichkeiten, sie durch Medikamente zu verbessern. Maßnahmen wie das Ankurbeln des Stoffwechsels können die Lebensfreude, Potenz und Lust steigern. Ein weiterer guter Grund, mit dem Rauchen aufzuhören, ist die Tatsache, dass Rauchen die Spermienqualität beeinträchtigt.

Die Temperatur in den Hoden liegt 2 °C unter der Körpertemperatur. Leichter gesagt als getan: Versuchen Sie, den Druck rauszunehmen. Es ist ein Befund, der nicht zum ersten Mal für Beunruhigung sorgt.

Je nach Ausprägung der Fruchtbarkeitsstörung kommen verschiedene Verfahren der künstlichen Befruchtung infrage. Sie können helfen, den Kinderwunsch trotz eingeschränkter Fruchtbarkeit zu erfüllen. Dazu zählen unter anderen die Samenübertragung in die Gebärmutter (Insemination), die In-vitro-Fertilisation (IVF), die Intrazytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI), die Testikuläre Spermienextraktion (TESE) und die Mikrochirurgische Epididymale Spermienaspiration (MESA).

Kosten und Krankenkassenübernahme

Wird das Sperma des Mannes untersucht, um mögliche Ursachen eines unerfüllten Kinderwunsches abzuklären, übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen im Allgemeinen alle anfallenden Kosten. Ansonsten wird die Untersuchung des Samens als Individuelle Gesundheitsleistung (IGeL) privat abgerechnet und kostet inklusive Auswertung und Beratung ca. bis zu 70 Euro.

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