Die Entdeckung der Polymerase-Kettenreaktion (PCR) durch Kary B. Mullis im Jahr 1983 revolutionierte die molekularbiologische Forschung und fand weitreichende Anwendung in zahlreichen wissenschaftlichen Disziplinen. Diese Technik ermöglicht die gezielte Vervielfältigung spezifischer DNA-Abschnitte, was für die Analyse und Untersuchung genetischen Materials unerlässlich ist.

Grundlagen der PCR
Die PCR wird angewendet, um bestimmte Desoxyribonukleinsäure-(DNA-)Abschnitte zu vervielfältigen. Diese Abschnitte werden durch zwei bekannte DNA-Sequenzen, sogenannte Primer, eingerahmt. Ursprünglich einfach erscheinend, wurde die Methode durch die Entdeckung thermostabiler DNA-Polymerasen und die Entwicklung spezieller Geräte, der Thermocycler, zu einem unverzichtbaren Werkzeug in der modernen Forschung und Diagnostik.
Das DNA-Molekül, Träger der Erbinformation jedes Lebewesens, besteht aus einzelnen Bausteinen, den Nukleotiden. Jedes Nukleotid setzt sich aus einer Base (Adenin, Thymin, Guanin oder Cytosin), einem Zucker (Desoxyribose) und einer Phosphatgruppe zusammen. Die charakteristische Doppelhelix-Struktur der DNA entsteht durch Wasserstoffbrückenbindungen zwischen den komplementären Basenpaaren Adenin-Thymin und Guanin-Cytosin.
Die Komponenten einer PCR-Reaktion
Für die Durchführung einer PCR sind mehrere essenzielle Komponenten erforderlich, die in einem Reaktionsgefäß zusammengebracht werden:
- DNA-Template: Die zu vervielfältigende DNA-Ausgangssequenz.
- Primer: Künstlich hergestellte kurze DNA-Abschnitte, die komplementär zu den Anfängen der Zielsequenz sind und diese von beiden Seiten einrahmen. Sie dienen als Startpunkte für die Polymerase.
- Nukleotide: Die vier freien DNA-Bausteine (dATP, dTTP, dCTP, dGTP), die als Substrate für die Synthese neuer DNA-Stränge dienen.
- DNA-Polymerase: Ein Enzym, das die Nukleotide verknüpft, um neue DNA-Stränge zu synthetisieren. Für die PCR werden hitzestabile Polymerasen wie die Taq-Polymerase (aus dem Bakterium Thermus aquaticus) verwendet, die auch hohen Temperaturen standhalten.
- Puffersystem: Stellt optimale Bedingungen für die Aktivität der DNA-Polymerase sicher, oft unter Zugabe von Magnesium-Ionen als Cofaktor.

Der PCR-Zyklus: Die drei Phasen
Die Polymerase-Kettenreaktion läuft in einem wiederholten dreiphasigen Zyklus ab, der in einem Thermocycler gesteuert wird. Jeder Zyklus führt zu einer theoretischen Verdopplung der Ziel-DNA.
Phase 1: Denaturierung (Schmelzen)
Der erste Schritt ist das Erhitzen der DNA-Probe auf 94-96 °C. Bei dieser hohen Temperatur werden die Wasserstoffbrückenbindungen zwischen den beiden Strängen der DNA-Doppelhelix aufgebrochen, wodurch diese in ihre Einzelstränge getrennt wird. Diesen Vorgang nennt man Denaturierung.
Phase 2: Primerhybridisierung (Annealing)
Anschließend wird die Temperatur auf 50-65 °C abgesenkt. Diese Temperatur liegt knapp unter der Schmelztemperatur der verwendeten Primer. Nun können sich die komplementären Primer an die Einzelstränge der Ziel-DNA anlagern und binden. Dieser Schritt wird als Hybridisierung oder Annealing bezeichnet.
Phase 3: Elongation (Polymerisation/Verlängerung)
Im dritten Schritt wird die Temperatur auf etwa 72 °C erhöht, die optimale Arbeitstemperatur für viele hitzestabile DNA-Polymerasen wie die Taq-Polymerase. Die Polymerase beginnt am 3'-Ende des angelagerten Primers und synthetisiert mithilfe der freien Nukleotide einen neuen komplementären DNA-Strang, der an den ursprünglichen Einzelstrang angebaut wird. Dieser Prozess wird als Elongation oder Polymerisation bezeichnet.
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Ergebnis und exponentielle Vervielfältigung
Nach Abschluss eines Zyklus liegen nun zwei Kopien des ursprünglichen DNA-Abschnitts vor. Da die Produkte eines Zyklus als Vorlage für den nächsten dienen, vermehrt sich die Ziel-DNA exponentiell. Theoretisch führt jeder Zyklus zu einer Verdopplung der DNA-Menge. Nach 20 Zyklen können aus einem einzigen DNA-Molekül über eine Million Kopien entstanden sein. Die Anzahl der DNA-Doppelstränge nach n Zyklen kann mit der Formel berechnet werden.
Anwendungsbereiche der PCR
Die Polymerase-Kettenreaktion hat sich in einer Vielzahl von Forschungsbereichen als unverzichtbar erwiesen:
- Gentechnologie: Gezielte Manipulation und Analyse von Genen.
- Forensische Medizin: Erstellung von genetischen Fingerabdrücken zur Identifizierung von Personen anhand kleinster DNA-Spuren.
- Medizinische Diagnostik: Nachweis von Krankheitserregern (z. B. Viren wie SARS-CoV-2, HIV oder Bakterien), Erkennung von Erbkrankheiten und genetischen Mutationen, sowie pränatale Diagnostik.
- Archäologie und Paläontologie: Analyse von alter DNA (aDNA) aus Fossilien und archäologischen Funden.
- Lebensmittelanalytik: Qualitätskontrolle, Nachweis von gentechnisch veränderten Organismen (GVO) und Identifizierung von Kontaminationen.

Vergleich mit der natürlichen DNA-Replikation
Obwohl die PCR auf dem Prinzip der natürlichen DNA-Replikation beruht, gibt es wesentliche Unterschiede:
- Mechanismus der Strangtrennung: In der PCR erfolgt die Trennung der Doppelhelix durch Erhitzen (Denaturierung), während in lebenden Zellen das Enzym Helicase diese Aufgabe übernimmt.
- Primer: Die PCR verwendet künstlich hergestellte DNA-Primer, während die natürliche Replikation RNA-Primer nutzt, die von der Primase synthetisiert werden.
- Polymerase-Aktivität: Die PCR setzt auf hitzestabile DNA-Polymerasen, die den thermischen Zyklen standhalten. Bei der natürlichen Replikation sind die verwendeten Polymerasen weniger hitzebeständig.
- Verlauf der Synthese: Die PCR verläuft an beiden Einzelsträngen kontinuierlich (3' nach 5' aus Sicht des Matrizenstrangs), wohingegen die natürliche DNA-Replikation am Leitstrang kontinuierlich und am Folgestrang diskontinuierlich verläuft.
- Ort der Durchführung: Die PCR ist eine in vitro-Methode, die im Labor durchgeführt wird, während die DNA-Replikation ein in vivo-Prozess innerhalb lebender Zellen ist.
Varianten der PCR
Im Laufe der Zeit wurden zahlreiche Weiterentwicklungen und Varianten der PCR entwickelt, um spezifische Anforderungen zu erfüllen:
- Quantitative Echtzeit-PCR (qPCR): Ermöglicht die Quantifizierung der amplifizierten DNA in Echtzeit durch den Einsatz von Fluoreszenzfarbstoffen.
- Reverse-Transkription-PCR (RT-PCR): Wird zur Amplifikation von RNA-Molekülen verwendet, indem die RNA zunächst in DNA umgeschrieben wird. Dies ist besonders relevant für den Nachweis von RNA-Viren.
- Multiplex-PCR: Ermöglicht die gleichzeitige Amplifikation mehrerer verschiedener DNA-Abschnitte in einer Reaktion durch die Verwendung mehrerer Primerpaare.
- Nested PCR: Eine zweistufige PCR-Methode, die die Spezifität und Ausbeute bei sehr geringen DNA-Mengen erhöht.