Stillen ist weit mehr als reine Ernährung. Es stillt nicht nur Hunger und Durst, sondern lindert auch Schmerzen, spendet Trost und erleichtert das Einschlafen. Durch das Saugen an der Brust werden also auch emotionale Bedürfnisse des Babys erfüllt, und diese halten sich verständlicherweise nicht an einen festen Zeitplan.
Schreien ist eher ein spätes Hungersignal und das letzte Zeichen, mit dem Ihr Baby Sie darauf aufmerksam machen möchte, gestillt zu werden. Wenn es schreit, hat es wahrscheinlich schon eine Weile Hunger oder Durst. Möglicherweise ist es dann nicht mehr ganz einfach anzulegen und muss zuerst beruhigt werden. Warten Sie also, wenn möglich, nicht so lange, bis Ihr Baby schreit. Dadurch könnte es sich angewöhnen, dass es schreien muss, um gestillt zu werden, und wird aufhören, sein Bedürfnis auf subtile Weise zu äußern.
Das heißt aber nicht, dass Sie Ihr Kind jedes Mal stillen müssen, wenn es unzufrieden ist. Durch Tragen und Körperkontakt können Sie auch versuchen, es zu beruhigen. Wenn Sie Ihr Kind nach einiger Zeit kennen, werden Sie wissen, was es in welcher Situation braucht.
Durch Angebot und Nachfrage reguliert sich der Stillrhythmus in der Regel optimal. Sie dürfen Ihr Kind also so oft anlegen, wie Sie möchten, ohne die Uhr danach zu richten oder zu befürchten, es zu überfüttern.
Ganz allgemein gilt, dass ein Stillkind anfangs ungefähr 8 bis 12 Mahlzeiten in 24 Stunden braucht, später können es dann weniger werden. Es gibt Säuglinge, die sehr kräftig saugen, dadurch in kurzer Zeit viel Milch trinken und dann eine Weile satt sind. Andere Babys nuckeln lange und genüsslich, wieder andere melden sich bereits nach kurzer Zeit erneut. Besonders abends möchten viele Stillkinder sehr oft und andauernd an der Brust saugen. Dieses Clusterfeeding bedeutet nicht, dass Sie zu wenig Milch haben; vermutlich kann sich Ihr Kind durch das Saugen einfach besser beruhigen.

Die Stillphasen eines Neugeborenen
Die ersten Tage: Kolostrum und Anpassung
In den ersten Tagen bekommen die Neugeborenen beim Stillen die Vormilch, auch Kolostrum genannt. Dann schlafen sie nicht selten mehrere Stunden zwischen den Mahlzeiten durch. Um den dritten Tag herum ist es dann möglich, dass Sie das Baby sehr viel häufiger anlegen müssen. Sobald nach dem Milcheinschuss die reife Muttermilch produziert wird, können Sie ungefähr alle 2 bis 3 Stunden stillen.
Eingewöhnung und Etablierung des Rhythmus
Wenn sich die Milchbildung nach etwa vier Wochen eingependelt hat, kommen die meisten Babys mit 6 bis 8 Mahlzeiten - einschliesslich der Nachtmahlzeit - zurecht. Die Nachtmahlzeit ist noch eine Weile wichtig für die Entspannung der Brust und als Anregung zur Milchbildung. Der kindliche Magen ist noch zu klein, um viel Muttermilch auf einmal aufzunehmen. Ausserdem wird Muttermilch schnell verdaut, und gestillte Babys verlangen in der Regel häufiger die Brust als „Schoppenkinder“ den Schoppen.
Stillen nach Bedarf (ad libitum)
Stillen Sie Ihr Baby nach Bedarf - auch "ad libitum" genannt - bedeutet dies, dass das Stillen keine zeitlichen Grenzen kennt und sich ganz nach dem individuellen Bedürfnis Ihres Kindes richtet. Sie legen es also jedes Mal an Ihre Brust, wenn es gestillt werden möchte. Dies erkennen Sie daran, dass Ihr Baby:
- eine angespannte Körperhaltung einnimmt
- unruhig wird
- mit dem Mund sucht
- die Händchen ballt
- am Finger saugt
- sein Köpfchen hin und her dreht
- wimmert oder schmatzt
Stillen nach Bedarf hat viele Vorteile: Es verbessert die Gewichtszunahme Ihres Kindes, reduziert die Schreiphasen und trägt zu einer guten Milchproduktion bei. Stillen nach Bedarf ist nicht für jede Mutter geeignet. Manche brauchen einen gewissen Rhythmus, um sich wohlzufühlen und/oder ihren Tagesablauf zu gestalten. Die meisten Kinder lassen sich an regelmässige Stillzeiten gewöhnen.
Ausnahmen beim Stillen nach Bedarf
Für das Stillen nach Bedarf gibt es Ausnahmen: Saugschwache, schläfrige Babys sind oft kaum zum Trinken zu ermuntern und schlafen während des Stillens sehr schnell ein. Dasselbe gilt für Babys, die mit einem niedrigen Geburtsgewicht oder zu früh geboren wurden. In diesem Fall dürfen Sie nicht nach Bedarf füttern, sondern müssen Ihr Kind regelmässig zum Stillen wecken, damit es genug Milch bekommt und an Gewicht zunimmt.
Häufige und kleine Mahlzeiten sind sinnvoller als lange Pausen und grosse Portionen. Die Beobachtung der Ausscheidung (5 bis 6 nasse Windeln pro Tag und weicher Stuhlgang) bringt zusammen mit einer regelmässigen Gewichtskontrolle bei der Mütter- und Väterberatung in diesen Fällen die Gewissheit, ob ein Kind genügend Milch erhält.
Clusterfeeding: Ein häufiges Phänomen
Clusterfeeding ist ein Begriff aus dem Englischen, der wörtlich übersetzt „Mahlzeiten-Häufung“ bedeutet. Es beschreibt das Phänomen, dass ein Baby innerhalb kurzer Zeiträume, also gehäuft, immer wieder kurz die Brust verlangt. Für die Mutter bedeutet das eine Art Dauerstillen: Das Baby trinkt für kurze Zeit, lässt dann die Brust los, schläft vielleicht kurz ein und verlangt dann direkt wieder nach der Brust - oft mehrmals über Stunden hintereinander. Dies tritt häufig am späten Nachmittag oder Abend auf.

Warum kommt es zu Clusterfeeding?
Es gibt mehrere Gründe für dieses Verhalten:
- Sehr kleiner Magen bei Neugeborenen: Direkt nach der Geburt ist der Magen des Kindes winzig, ungefähr so groß wie eine Kirsche. Daher braucht es öfter kleinere Portionen.
- Natürliche Schwankungen bei den milchbildenden Hormonen: Besonders gegen Abend können die milchbildenden Hormone abnehmen, was dazu führen kann, dass das Baby häufiger gestillt werden möchte, um sich satt zu fühlen.
- Bedürfnis nach Geborgenheit und Nähe: Stillen bietet nicht nur Nahrung, sondern auch Trost und Nähe. Babys brauchen den Körperkontakt, um sich zu beruhigen, besonders wenn viel passiert oder sie durch neue Sinneseindrücke überwältigt sind.
- Vorbereitung auf längere Schlafphasen: Viele Babys "tanken" vor dem Schlafen noch einmal extra viel, damit sie anschließend länger schlafen können.
- Wachstumsschübe und Entwicklungsschübe: Häufig tritt Clusterfeeding während Wachstumsschüben auf, wenn das Gehirn und der Körper des Babys große Entwicklungssprünge machen. Um diesen Prozess zu unterstützen, benötigt Ihr Baby mehr Energie und trinkt häufiger. Auch neue motorische Fähigkeiten oder Sinneseindrücke können solche Hungerattacken auslösen.
- Bauchweh: Manchmal hilft das Saugen dem Baby auch, sich von leichtem Bauchweh abzulenken.
In den ersten zwei Lebensmonaten wachsen Babys besonders schnell, weshalb Clusterfeeding in dieser Zeit am häufigsten vorkommt, besonders rund um die 2., 3. oder 6. Lebenswoche. Jedes Baby entwickelt sich dabei ganz individuell.
Clusterfeeding bei Flaschenbabys
Ja, auch Babys, die das Fläschchen bekommen, können solche Phasen haben. Das Bedürfnis nach Nähe und Trost ist bei allen Babys gleich. Auch sie verlangen dann oft nach kleinen, häufigen Mahlzeiten in kurzen Abständen.
Wie lange dauert Clusterfeeding und wann hört es auf?
Clusterfeeding ist eine Phase, die meist einige Tage bis wenige Wochen dauert. Ein einzelner Still-Marathon kann sich über mehrere Stunden ziehen. Sobald Ihr Baby älter und beim Trinken effizienter wird, nimmt das Clusterfeeding nach und nach ab. Bei den meisten Babys wird es nach 2-3 Monaten seltener, kann aber während Wachstumsschüben oder Entwicklungsschritten für kurze Zeit zurückkehren. Spätestens ab etwa 6 Monaten nehmen die abendlichen Häufungen meist deutlich ab. Jedes Kind hat seinen eigenen Rhythmus.
Wichtige Anzeichen, dass Ihr Baby genug Milch bekommt
Da Sie nicht sehen können, wie viel Milch Ihr Baby beim Stillen trinkt, machen Sie sich vielleicht Sorgen, dass es nicht genug bekommt. Versuchen Sie, Ihrem Körper und Ihrem Baby zu vertrauen. Möglicherweise haben Sie schon bemerkt, dass Ihr Baby anfängt, langsamer zu saugen, wenn die Milch zu fließen beginnt. Einige Mütter können genau hören, wie ihr Baby die Milch schluckt, andere wiederum nicht. Ihr Baby wird Ihnen zu verstehen geben, wenn es genug getrunken hat, achten Sie also auf seine Zeichen.
Wenn Ihr Baby ausgiebig getrunken hat, wird es in der Regel direkt danach etwas „milchtrunken“ wirken. Es entspannt sich, und an seiner Körpersprache können Sie erkennen, dass es satt und zufrieden ist. Auch seine Windeln geben deutlich Auskunft darüber, ob es genügend Milch bekommt. In dieser Phase wird Ihr Säugling fünf oder mehr nasse Windeln produzieren und mindestens zweimal am Tag weichen, gelben Stuhlgang haben - in der Regel häufiger.
Ab einem Monat sollte der Stuhlgang Ihres voll gestillten Babys jeden Tag gleich aussehen (gelb, breiig in der Konsistenz, locker und wässrig), bis Sie anfangen, um den sechsten Monat herum Beikost einzuführen. Ihr Baby kann jeden Tag Stuhlgang haben oder nur alle zwei bis drei Tage oder sogar noch seltener.
Wann sollte Ihr Baby sein Geburtsgewicht wieder erreicht haben?
Die meisten Neugeborenen verlieren innerhalb der ersten paar Tage nach der Geburt an Gewicht. Das ist normal und kein Grund zur Sorge. Die meisten verlieren rund 5 bis 7 % ihres Geburtsgewichts, doch einige verlieren bis zu 10 %. Fast alle Babys haben ihr Geburtsgewicht jedoch nach 10 bis 14 Tagen wieder erreicht. In den ersten drei bis vier Monaten liegt die Gewichtszunahme durchschnittlich mindestens bei 150 g pro Woche. Doch Babys können in einigen Wochen mehr wachsen als in anderen. Deshalb wird die medizinische Fachperson, die Sie betreut, das allgemeine Wohlbefinden und das Wachstum Ihres Babys kontinuierlich überwachen.
Zeichen, dass dein Baby genug Muttermilch bekommt
Tipps für anstrengende Clusterfeeding-Phasen
Wenn Sie sich gerade völlig ausgelaugt, überfordert und vielleicht sogar ein bisschen verzweifelt fühlen, dann atmen Sie einmal tief durch: Sie sind nicht allein und Ihre Gefühle sind absolut normal. Clusterfeeding ist eine der härtesten Prüfungen im ersten Babyjahr, aber auch eine absolut normale und wichtige Zeit.
- Erkennen und Beachten der Hungerzeichen: Statt sich auf einen fixen Zeitplan zu verlassen, stillen Sie nach Bedarf. Wer früh auf Hungersignale reagiert, verhindert großes Quengeln und gibt seinem Kind genau das, was es jetzt braucht.
- Schlaf und Pausen: Nutzen Sie ruhigere Phasen tagsüber für einen kurzen Powernap - lassen Sie andere Aufgaben ruhig mal liegen. Viele Eltern bereiten das Abendessen tagsüber vor oder machen es sich nachmittags schon gemütlich, um abends für die Stillstunden gerüstet zu sein.
- Brustwarzen schützen: Häufiges Stillen kann zu wunden Brustwarzen führen. Pflegen Sie Ihre Brustwarzen z. B. mit Lanolincreme oder ein bisschen Muttermilch.
- Gemütlich machen: Eine Clusterfeeding-Phase kann sich durch den ganzen Abend ziehen. Sorgen Sie für gedimmtes Licht, damit Sie es beide ruhig und entspannt haben.
- Unterstützung holen: Niemand muss das allein schaffen. Bitten Sie Ihren Partner, Ihre Familie und Ihre Freunde um Hilfe bei der Hausarbeit, bei Mahlzeiten und mit älteren Geschwisterkindern. Wenn Sie die finanziellen Mittel haben, könnten Sie sich auch eine Haushaltshilfe zulegen.
- Trinken und Essen: Stellen Sie sich eine große Flasche Wasser oder Stilltee und gesunde Snacks in direkte Reichweite.
- Abwechselnd die Brust anbieten: Bieten Sie während einer Cluster-Phase abwechselnd beide Brüste an. Das regt die Milchbildung gleichmäßig an und schont Ihre Brustwarzen.
Wenn Sie das Gefühl haben, dass Ihr Baby nicht genug bekommt, können Sie jederzeit mit Ihrer Hebamme, Ihrem Kinderarzt bzw. Ihrer Kinderärztin oder einer Stillberaterin besprechen, wie sich die Milchproduktion anregen lässt. Wenn dein Baby Anzeichen von Dehydration, wie dunkelfarbigen Urin, keinen Stuhlgang für mehr als 24 Stunden, eine eingesunkene Fontanelle (die weiche Stelle auf seinem Kopf), Gelbsucht, Trägheit oder Schlappheit zeigt und nicht gestillt werden möchte (d. h. es möchte vier bis sechs Stunden nicht die Brust), ziehen Sie umgehend einen Arzt zurate.