Ein Nabelschnurvorfall ist eine seltene, aber potenziell lebensbedrohliche Komplikation, die gegen Ende der Schwangerschaft oder während der Geburt auftreten kann. Dabei rutschen Teile der Nabelschnur durch den Gebärmutterhals und können zwischen dem Fötus und dem Geburtskanal eingeklemmt werden. Dies kann die Blut- und Sauerstoffzirkulation zwischen Mutter und Kind erheblich beeinträchtigen oder sogar unterbrechen, was ein akutes Risiko für das Baby darstellt.
Was ist ein Nabelschnurvorfall?
Beim Nabelschnurvorfall rutscht ein Teil der Nabelschnur bei geöffneter Fruchtblase vor den vorangehenden Teil des Kindes. Wenn dann Wehen einsetzen und das Baby tiefer in den Geburtskanal rutscht, kann die Nabelschnur durch das Gewicht des Kindes und die Kontraktionen des Geburtskanals abgedrückt oder abgeklemmt werden. Dies kann die lebenswichtige Versorgung des Fötus mit Sauerstoff und Nährstoffen unterbrechen.
Man unterscheidet zwischen einem offenen Vorfall, bei dem die Fruchtblase geplatzt ist und die Nabelschnur sichtbar in die Scheide ragt oder aus ihr herauskommt, und einem verdeckten Vorfall (auch Nabelschnurvorliegen genannt), bei dem die Fruchtblase intakt bleibt, die Nabelschnur aber vor oder neben dem Kind liegt und durch den Kopf oder eine Schulter zusammengedrückt werden kann.

Häufigkeit und Risikofaktoren
Statistisch gesehen tritt ein Nabelschnurvorfall bei etwa 0,2 bis 0,5 Prozent aller Schwangerschaften auf. Obwohl dies als selten gilt, ist die Komplikation aufgrund der potenziellen Gefahren für das Kind sehr ernst zu nehmen.
Das Risiko für einen Nabelschnurvorfall ist erhöht unter folgenden Umständen:
- Ungünstige Kindslage: Insbesondere Beckenendlage, Steißlage oder Querlage des Babys. In diesen Positionen dichtet der führende Teil des Babys (Po oder Füße) den Geburtskanal nicht so gut ab wie der kindliche Kopf.
- Frühgeborene und sehr kleine/leichte Babys: Babys mit kleinem Kopf haben oft nicht genügend Masse, um den Geburtskanal effektiv abzudichten.
- Mehrlingsschwangerschaften: Hier besteht generell ein erhöhtes Risiko für verschiedene Komplikationen.
- Vorzeitiger Blasensprung vor der 37. Schwangerschaftswoche: Wenn die Fruchtblase platzt, bevor das Kind tief genug im Becken sitzt, kann die Nabelschnur leichter vorrutschen.
- Nicht tief genug ins Becken gesenktes Kind: Wenn das Baby sich vor dem Blasensprung nicht ausreichend ins Becken gesenkt hat, kann die Nabelschnur mit dem Fruchtwasser herausgespült werden.
- Iatrogene Ursachen: Ein Nabelschnurvorfall kann auch durch medizinische Eingriffe wie eine Amniotomie (künstliche Fruchtblasensprengung) bei einem noch nicht eingestellten Kind ausgelöst werden.
Ein Nabelschnurvorfall ist besonders gefährlich, wenn das Becken durch den führenden Teil des Babys nicht vollständig abgedichtet ist.
Gefahren und Folgen
Die Nabelschnur versorgt das ungeborene Kind über die Plazenta mit Sauerstoff und Nährstoffen und entsorgt Stoffwechselabbauprodukte. Wenn die Blutversorgung durch Abklemmen der Nabelschnur unterbrochen oder stark beeinträchtigt wird, kommt es zu einem akuten Sauerstoffmangel (Hypoxie). Dies kann:
- Die kindlichen Herztöne verlangsamen (variable Dezelerationen und Bradykardien im CTG).
- Zu Hirnschäden führen.
- Im schlimmsten Fall zum Tod des Fötus.
Die Dauer der Sauerstoffunterversorgung ist entscheidend für die Schwere der Folgen. Daher ist eine schnelle Erkennung und Intervention unerlässlich.

Ursachen und prädisponierende Faktoren
Der Nabelschnurvorfall tritt auf, wenn die Nabelschnur vor dem führenden Teil des Kindes in den Geburtskanal rutscht, insbesondere nach einem Blasensprung. Eine mangelhafte Abdichtung des Geburtskanals durch das Kind ist eine Hauptursache. Prädisponierende Faktoren umfassen Einstellungs-, Lage- und Haltungsanomalien des Kindes, Frühgeburten, hypotrophe (untergewichtige) Kinder, ein Hydramnion (zu viel Fruchtwasser) und ein tiefer Sitz der Plazenta.
Eine spezielle Form ist die velamentöse Nabelschnureinlage (Insertio velamentosa), bei der die Nabelschnur in die Eihäute statt direkt in die Plazenta einwächst. Die Blutgefäße sind hierbei ungeschützt, was zu Komplikationen wie Kompressionen oder Rissen während der Geburt führen kann. Umweltfaktoren, mütterliche Infektionen, genetische oder Autoimmunfaktoren können zur Entstehung beitragen. Obwohl oft symptomlos, kann sie zu abnormaler fetaler Herzfrequenz und vaginalen Blutungen führen.
Andere Nabelschnurkomplikationen, die ähnliche Risiken bergen können, sind:
- Nabelschnurumschlingung: Die Nabelschnur wickelt sich um den Hals oder Körper des Kindes. Dies geschieht häufig, ist aber meist harmlos, es sei denn, die Nabelschnur ist sehr straff oder kurz.
- Nabelschnurknoten: Ein echter Knoten entsteht, wenn das Baby sich durch eine Schlinge in der Nabelschnur dreht. Ein unechter Knoten ist ein Gefäßknäuel. Echte Knoten können die Blutzufuhr unterbrechen und zu Wachstumsstörungen führen.
Diagnose
Erste Hinweise auf einen Nabelschnurvorfall oder -vorliegen können plötzliche Veränderungen der kindlichen Herztöne sein, wie variable Dezelerationen und Bradykardien, die durch eine Kardiotokographie (CTG) festgestellt werden.
Die Verdachtsdiagnose wird durch eine vaginale Palpation gesichert, bei der die pulsierende Nabelschnur vor dem kindlichen Teil ertastet werden kann. Manchmal ist die Nabelschnur auch direkt sichtbar.
Bei der velamentösen Nabelschnureinlage ist die Diagnose mittels Ultraschall entscheidend. Eine detaillierte Ultraschalluntersuchung ist das wichtigste Instrument zur frühzeitigen Erkennung dieser Anomalie.
Verhalten und Management bei Verdacht
Bei Verdacht auf einen Nabelschnurvorfall ist schnelles und korrektes Handeln entscheidend:
- Sofort hinlegen und Becken hochlagern: Dies reduziert den Druck auf die Nabelschnur.
- Rettungswagen rufen: Veranlassen Sie einen Liegendtransport ins Krankenhaus.
- Nicht versuchen, die Nabelschnur zurückzuschieben: Dies sollte nur von medizinischem Fachpersonal durchgeführt werden.
Im Krankenhaus werden folgende Maßnahmen ergriffen:
- Hochlagerung des mütterlichen Beckens: Um den Druck auf die Nabelschnur zu minimieren.
- Manuelle Reposition: Das medizinische Personal kann versuchen, das Kind und die Nabelschnur von vaginal zurück in die Gebärmutter zu schieben, um den Blutfluss aufrechtzuerhalten.
- Notfalltokolyse: Gabe eines wehenhemmenden Mittels, um die Wehen zu verlangsamen und Zeit für weitere Maßnahmen zu gewinnen.
- Schutz der sichtbaren Nabelschnur: Wenn die Nabelschnur sichtbar ist, wird sie zum Schutz mit einem feuchtwarmen Tuch umhüllt.
- Sofortiger Notkaiserschnitt: Dies ist die häufigste und oft einzig lebensrettende Maßnahme, um das Baby schnellstmöglich zu entbinden und Sauerstoffmangel zu verhindern.
Bei einem Nabelschnurvorliegen (intakte Fruchtblase) können Beckenhoch- und Seitenlagerung der Schwangeren versucht werden, um die Nabelschnur korrekt zu positionieren. Die Herzfrequenz des Kindes wird engmaschig überwacht.
020B Erste Hilfe: Bewusstlosigkeit und stabile Seitenlage
Behandlung der velamentösen Nabelschnureinlage
Die Behandlung der velamentösen Nabelschnurinsertion konzentriert sich auf die Überwachung und Behandlung möglicher Komplikationen. Ein gesunder Lebensstil während der Schwangerschaft kann die allgemeine Gesundheit des Fötus unterstützen. Bei bekannten Risiken kann ein frühzeitiger Kaiserschnitt geplant werden, oft zwischen der 36. und 37. Schwangerschaftswoche, abhängig vom individuellen Verlauf und der Geburtsreife.
Bei vaginalen Blutungen während eines Blasensprungs wird eine Insertio velamentosa in Betracht gezogen. Der Nachweis von fetalem Hämoglobin im Blut kann zur sofortigen Einleitung der Geburt führen. Wenn selbst ein Notkaiserschnitt nicht mehr möglich ist, kann eine Vakuumextraktion (Perfusion Toulousienne) angewendet werden.
Prävention und Aufklärung
Obwohl ein Nabelschnurvorfall nicht immer verhindert werden kann, ist eine gute Aufklärung und Vorbereitung entscheidend. Frauenärzte und Hebammen besprechen Verhaltensregeln bei einem Blasensprung. Regelmäßige pränatale Untersuchungen und Ultraschalluntersuchungen helfen, Risikofaktoren und Anomalien frühzeitig zu erkennen.
Die DEGUM (Deutsche Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin) fordert die Aufnahme der Früherkennung von Nabelschnuranomalien in die standardisierte Schwangerschaftsvorsorge, um spätere Komplikationen zu vermeiden.
Bei der Diagnose einer Nabelschnuranomalie wie der Insertio velamentosa ist eine engmaschige Überwachung von Mutter und Kind unerlässlich. Die Ärzte werden darauf achten, dass es dem Baby gut geht und die größtmögliche Sicherheit während der Geburt gewährleistet ist.
tags: #nabelschnur #nicht #richtig #verschlossen