Muttermund: Öffnung und Schließung im Geburtsprozess

Die Prozesse der Muttermundsöffnung und -schließung sind zentrale Aspekte der Geburtshilfe und des weiblichen Zyklus. Während der Schwangerschaft spielt der Muttermund eine entscheidende Rolle als Schutzbarriere für das ungeborene Kind. Gegen Ende der Schwangerschaft verändert er sich, um die Geburt zu ermöglichen. Dieser Artikel beleuchtet die physiologischen Abläufe rund um den Muttermund, von seiner Funktion während der Schwangerschaft bis hin zu den Dynamiken während der Wehen und der Geburt.

Die Funktion des Muttermunds während der Schwangerschaft

Der Muttermund (Zervix) bildet die Verbindung zwischen der Gebärmutter und der Vagina. Während einer normalen Schwangerschaft bleibt der Zervixkanal mit dem inneren und äußeren Muttermund fest verschlossen. Diese Barriere ist von entscheidender Bedeutung, da sie verhindert, dass Keime in die Fruchthöhle aufsteigen und das Baby gefährden können. Unterstützt wird diese Schutzfunktion durch den Schleimpfropf, der sich bereits vor der Einnistung bildet und zusammen mit hormonellen Einflüssen den Gebärmutterhals sicher verschließt. Der Gebärmutterhals selbst misst bei einer schwangeren Frau üblicherweise zwischen 2,5 und 5 Zentimetern und seine Länge ist entscheidend für den stabilen Verschluss während der gesamten Schwangerschaftsdauer.

Ein vorzeitig geöffneter Muttermund stellt ein ernstzunehmendes Risiko dar, da die Schutzbarriere nicht mehr intakt ist und sich leichter Keime ansiedeln können. Dies erhöht die Gefahr einer Fehlgeburt oder Frühgeburt, insbesondere wenn sich der Muttermund vor der 37. Schwangerschaftswoche öffnet.

Der Prozess der Muttermundsöffnung

Normalerweise beginnt sich der Muttermund erst gegen Ende der Schwangerschaft, etwa ab der 36. Schwangerschaftswoche, zu öffnen. Dies ist ein natürlicher Vorgang, der mit hormonellen Veränderungen einhergeht. Zunächst wird der Gebärmutterhals kürzer, anschließend öffnet sich der innere und dann der äußere Muttermund. Während dieses Prozesses löst sich auch der Schleimpfropf, was oft von einer leichten Schmierblutung begleitet wird.

Im Gegensatz zu einer schrittweisen Öffnung, wie sie oft im Eröffnungsmodell der Geburtshilfe dargestellt wird, öffnet sich der Muttermund nicht in einem perfekten Kreis. Er öffnet sich von hinten nach vorne, ähnlich einer Ellipse. Während der frühen Wehentätigkeit ist die Öffnung am hinteren Ende der Vagina verborgen und öffnet sich nach vorne. Im Verlauf der Eröffnungswehen hat nahezu jede Frau eine vordere Muttermundslippe, da dies der letzte Teil des Muttermundes ist, der sich über den Kopf des Babys schiebt. Ob diese Lippe bemerkt wird, hängt davon ab, wann eine vaginale Untersuchung durchgeführt wird. Eine hintere Muttermundslippe ist überaus selten, da dieser Teil des Muttermundes zuerst verschwindet.

Die Öffnung des Muttermundes wird durch die Muskelfasern im Fundus (oberes Gebärmutterende) verursacht, die sich mit den Wehen zusammenziehen und verkürzen, wodurch der Muttermund aufgezogen wird. Hierfür ist kein Druck eines Körperteils des Babys notwendig, obwohl der Kopf die Form des Muttermundes beeinflussen kann. Ein gut flektiertes Baby in vorderer Hinterhauptslage führt zu einer ordentlicheren, runderen Öffnung, während ein Baby in hinterer Hinterhauptslage oder ein deflektiertes Baby eine weniger regelmäßige Form verursacht.

Schema der Muttermundsöffnung: Darstellung der elliptischen Öffnung von hinten nach vorne.

Der Pressdrang und seine Auslösung

Der Pressdrang, ein spontanes und unaufhaltsames Gefühl zu pressen, wird ausgelöst, wenn der erscheinende Körperteil des Babys sich in die Vagina senkt und Druck auf das Rektum und den Beckenboden ausübt. Dieser Reflex, manchmal als 'Ferguson Reflex' bezeichnet, hängt nicht von der Gebärmutterhalstätigkeit ab, sondern von der Position und Bewegung des kindlichen Kopfes. Wenn der Kopf des Babys die richtige Stelle trifft, bevor der Muttermund vollständig geöffnet ist, wird die Frau spontan mit dem Pressen beginnen.

Ein anderes, aber übliches Szenario ist ein voll eröffneter Muttermund, ohne dass das Baby tief genug ist, um den Pressdrang auszulösen. Wenn Frauen ermutigt werden, ihrem Körper zu folgen und zu pressen, wenn ihr Körper es braucht, arbeiten sie mit der Geburtsphysiologie. Das Anleiten zum Pressen kann Risiken bergen und Probleme verursachen.

Es gibt kaum Studien über das Pressen vor einer vollständigen Eröffnung. Untersuchungen deuten darauf hin, dass die Häufigkeit eines 'frühen Pressdranges' zwischen 20% und 40% liegt. Interessanterweise stellten Borrelli et al. (2013) fest, dass je früher die Hebamme eine vaginale Untersuchung in Reaktion auf den Pressdrang einer Frau durchführte, umso eher der Muttermund noch nicht verstrichen war. 'Frühes Pressen' trat bei Erstgebärenden deutlich häufiger auf, möglicherweise aufgrund längerer Austreibungsphasen, die zu häufigeren vaginalen Untersuchungen führen.

Schaden durch frühes Pressen?

Es gibt keinen Beweis dafür, dass mitschieben bei unvollständig geöffnetem Muttermund Schaden verursacht. Studien von Borrelli et al. (2013) und eine Review von Tsao (2015) konnten keine erhöhten Risiken für Gebärmutterhalsverletzungen, Risse dritten Grades oder nachgeburtliche Hämorrhagien feststellen. Eine Zervixschwellung oder andere negative mütterliche oder kindliche Outcomes schienen nicht erhöht zu sein. Geschwollene, ödematöse Muttermundhälse wurden meist bei Frauen mit Periduralanästhesien beobachtet, die sich nicht bewegen konnten, und traten auch ohne jegliches Mitschieben auf.

Angelegtes, starkes Pressen kann den Muttermund verletzen, aber es ist unklar, wie eine Frau sich selbst verletzen kann, indem sie ihrem natürlichen Drang nachgibt. Der Ferguson Reflex ist oft unkontrollierbar, sobald er einsetzt.

Der Geburtsverlauf und die Rolle des Muttermunds

Die Geburt verläuft typischerweise in mehreren Phasen, in denen der Muttermund eine zentrale Rolle spielt. Die Eröffnungsphase beginnt mit den ersten muttermundwirksamen Wehen, die den Muttermund öffnen. Dies geschieht durch die Verkürzung des Gebärmutterhalses und die Dilatation des Muttermundes auf etwa 10 Zentimeter. Diese Phase kann bei Erstgebärenden 8 bis 12 Stunden dauern und bei Frauen, die bereits Kinder geboren haben, deutlich kürzer sein.

Die Austreibungsphase beginnt mit der vollständigen Öffnung des Muttermundes. Der Kopf des Kindes senkt sich tiefer in den Geburtskanal, was den Pressdrang auslöst. Jetzt kann und soll die Mutter durch aktives Pressen die Geburt unterstützen. Diese Phase dauert bei Erstgebärenden etwa 1 bis 2 Stunden und bei Mehrfachgebärenden kürzer.

Die Nachgeburtsphase folgt nach der Geburt des Kindes und beinhaltet die Ablösung und Austreibung der Plazenta.

Grafik, die die drei Phasen der Geburt mit Fokus auf die Muttermundsöffnung und den Geburtsfortschritt des Babys darstellt.

Muttermundschwäche (Zervixinsuffizienz)

Ein besonderes Thema im Zusammenhang mit dem Muttermund ist die Muttermundschwäche, auch Zervixinsuffizienz genannt. Diese Komplikation tritt bei etwa einer von 100 Schwangeren auf und ist für etwa ein Viertel aller Frühgeburten verantwortlich. Dabei handelt es sich um eine Schwäche des Gebärmutterhalses, der dem Druck der wachsenden Gebärmutter nicht standhält. Der Gebärmutterhals verkürzt sich vorzeitig und öffnet sich, oft ohne spürbare Wehen, meist zwischen dem 4. und 6. Schwangerschaftsmonat.

Ursachen für Zervixinsuffizienz

Die Ursachen für eine Zervixinsuffizienz können vielfältig sein und oft mehrere Faktoren zusammenspielen:

  • Muttermundschwäche (Zervixinsuffizienz): Eine Schwäche des Gebärmutterhalses, die dem Druck der wachsenden Gebärmutter nicht standhält.
  • Infektionen im Vaginalbereich: Bakterielle Infektionen können aufsteigende Entzündungen verursachen, die zur Ausschüttung von Prostaglandinen führen, welche den Muttermund weicher machen und dessen Öffnung fördern.
  • Frühere Operationen am Gebärmutterhals: Eingriffe wie eine Konisation können das Risiko einer Zervixinsuffizienz erhöhen.
  • Mehrlingsschwangerschaften: Die starke Dehnung der Gebärmutter erhöht den Druck auf den Muttermund.
  • Weitere Risikofaktoren: Vorausgegangene Fehl- oder Frühgeburten, angeborene Bindegewebsstörungen oder Fehlbildungen der Gebärmutter, Rauchen, starkes Übergewicht, höheres Alter der Mutter, schwere körperliche Arbeit.

Erkennung und Behandlung von Zervixinsuffizienz

Die Erkennung einer Zervixinsuffizienz kann eine Herausforderung sein, da eindeutige Symptome oft fehlen. Mögliche Anzeichen können ein menstruationsähnliches Ziehen, Druckgefühl im Unterbauch, Rückenschmerzen, Bauchkrämpfe, Schmierblutungen oder Veränderungen des Ausflusses sein. Der Verlust des Schleimpfropfs, Zeichnungsblutung und Fruchtwasserabgang können ebenfalls auf Veränderungen hinweisen.

Die zuverlässigste Diagnosemethode ist die transvaginale Ultraschalluntersuchung, mit der die Zervixlänge genau gemessen werden kann. Eine verkürzte Zervixlänge steht in direktem Zusammenhang mit dem Frühgeburtsrisiko.

Die Behandlung zielt darauf ab, die Schwangerschaft zu verlängern und eine Frühgeburt zu vermeiden. Maßnahmen umfassen:

  • Körperliche Schonung: Moderate Schonung statt strikter Bettruhe.
  • Cerclage und Pessar: Chirurgische Maßnahmen, bei denen der Gebärmutterhals mechanisch unterstützt wird.
  • Einsatz von Progesteron: Vaginales Progesteron kann das Frühgeburtsrisiko senken.

Ein Krankenhausaufenthalt ist bei regelmäßigen Wehen, Blasensprung, stark verkürztem Gebärmutterhals oder Fruchtwasserabgang notwendig.

Der Muttermund außerhalb von Schwangerschaft und Geburt

Der Muttermund spielt auch außerhalb von Schwangerschaft und Geburt eine Rolle, insbesondere im Zusammenhang mit der natürlichen Familienplanung (NFP). Durch regelmäßiges Ertasten des Muttermundes können Frauen Informationen über ihren Fruchtbarkeitsstatus gewinnen, da sich seine Position, sein Öffnungsgrad und seine Festigkeit je nach Zyklusphase ändern. Nach der Menstruation steht der Muttermund tief, ist hart und geschlossen. Je näher der Eisprung rückt, desto höher und weicher wird er. Nach dem Eisprung schließt und verhärtet er sich wieder.

Die Beobachtung des Muttermundes kann wertvolle Hinweise liefern, wird aber meist in Kombination mit anderen Methoden wie der Basaltemperaturmessung zur Bestimmung der fruchtbaren Tage genutzt.

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