Schon lange bevor Ihr Baby den ersten Schrei nach der Geburt tut und zu sprechen beginnt, entwickelt es im Mutterleib eine bemerkenswerte Fähigkeit, Geräusche und Laute wahrzunehmen und zu verarbeiten. Studien belegen, dass menschliche Föten ab dem letzten Drittel der Schwangerschaft, etwa 12 bis 13 Wochen vor der Geburt, in der Lage sind, Töne und Geräusche aus der Umwelt zu empfangen.

Die Entwicklung des Gehörs im Mutterleib
Die Entwicklung des Gehörsinns ist ein schrittweiser Prozess. Die Hörschnecke im Mittelohr, die für die Hörwahrnehmung zuständig ist, bildet sich um die 15. Schwangerschaftswoche herum aus. Ihre volle Funktion erreicht sie etwa fünf Wochen später, doch die Verbindung mit dem Gehirn erfolgt erst im letzten Trimester, zwischen der 27. und 29. Schwangerschaftswoche.
Die ersten Laute, die Ihr Baby im Mutterleib hört, sind die Geräusche Ihres eigenen Körpers: das Pochen Ihres Herzens, Ihre Atmung, die Geräusche Ihres Verdauungstraktes und das Rauschen Ihres Blutkreislaufs. Mit fortschreitender Entwicklung des Gehörs nimmt das Baby auch Geräusche aus der Außenwelt wahr und reagiert darauf. Während laute Töne es aufschrecken können und sich durch unruhige Tritte bemerkbar machen, lassen leise, harmonische Töne das Ungeborene entspannt lauschen.
Die Stimme der Mutter: Ein beruhigendes Signal
Das Lieblingsgeräusch eines jeden Babys ist der Klang der mütterlichen Stimme. Durch die Gebärmutterwand und das Fruchtwasser dringt Ihre Stimme für Ihr Kind unverwechselbar und vermag es am besten zu beruhigen. Das Sprechen mit dem wachsenden Bauch ist nicht nur eine wunderbare Möglichkeit, eine enge Verbindung mit Ihrem Baby aufzubauen, sondern legt auch den Grundstein für seine sprachliche, soziale und emotionale Entwicklung. Bereits während der Schwangerschaft beginnt das Baby, Klänge zu verstehen und zu verarbeiten, und die Grundlage für sein Sprachgedächtnis wird gelegt.
Studien haben gezeigt, dass Babys im Mutterleib unterschiedlich auf Hörerfahrungen reagieren, je nachdem, wie oft sie bestimmte Kinderreime oder Wortmuster hörten. Ein Experiment, bei dem schwangere Frauen wiederholt einen Reim vorlasen, zeigte, dass die Babys auch nach der Geburt noch über einen gewissen Zeitraum das im Mutterleib Gehörte wiedererkennen konnten. Dies eröffnet die Möglichkeit, die allerersten Erinnerungen Ihres Kindes zu formen und seine frühe Sprachentwicklung positiv zu beeinflussen.

Sprachliche Prägung bereits im Mutterleib
Dass Babys bereits im Bauch der Mutter zwischen der eigenen Muttersprache und einer fremden Sprache unterscheiden lernen, konnte eine schwedisch-amerikanische Studie nachweisen. Die Forscher experimentierten mit den Vokalen englischer und schwedischer Sprache und maßen die Reaktionen der Babys anhand ihrer Nuckelintensität. Die Ergebnisse zeigten, dass die Babys deutlich heftiger und länger an ihren Schnullern nuckelten, wenn ihnen eine fremde Sprache vorgespielt wurde, während die Silben der Muttersprache keine erhöhte Reaktion hervorriefen. Je typischer die Vokale für eine der beiden Sprachen waren, desto stärker reagierten die Babys der jeweils anderen Sprachgruppe auf dieses „fremde“ Signal.
Eine im November 2023 veröffentlichte Studie der Universität Padua bestätigt diese Erkenntnisse und zeigt, dass die Gehirne von Babys bereits im Mutterleib durch die Muttersprache geprägt werden. Neugeborene, die zuletzt ihre Muttersprache hörten, wiesen spezifische EEG-Veränderungen auf, die auf komplexe Prozesse im Zusammenhang mit Sprachverarbeitung und Lernen hindeuten.
Sogar ein Sprachgefühl entwickeln Babys schon im Bauch. Eine Studie der Universität Würzburg aus dem Jahr 2009 fand heraus, dass Babys im Mutterleib Kommunikation aktiv aufnehmen und lernen. Die Tonalität und Melodie der umgebenden Sprache hat bereits während des letzten Schwangerschaftsdrittels Auswirkungen auf das Baby, was sich beispielsweise in den Schreimustern deutscher und französischer Neugeborener widerspiegelt.
Weitere Formen der Kommunikation und Wahrnehmung
Musik und Bewegung
Untersuchungen zeigen, dass Ungeborene Musik mögen, insbesondere sanfte Klänge wie Melodien einer Spieluhr. Bei lauten oder harten Klängen wie Trommelwirbeln oder Rockmusik reagieren die Kleinen eher gestresst. Babys erinnern sich sogar an Stücke, die sie regelmäßig im Bauch gehört haben. Das gemeinsame Hören von Musik in einer wohligen Atmosphäre kann somit auch für das Baby ein positives Erlebnis sein.
Auch Schaukeln und Wiegen, sei es beim Spazierengehen, Tanzen oder in einer Hängematte, wirken sich entwicklungsfördernd auf das Baby aus und beeinflussen die Reifung seines Gehirns positiv. Die Bewegungsreize, die das Baby im Mutterleib erfährt, sind wichtig für seine Entwicklung.
Tastsinn und visuelle Wahrnehmung
Der Tastsinn ist ein sehr früh ausgebildetes Sinnesorgan, das dem Baby viel über seine Umgebung vermittelt. Das Streicheln des Bauches durch die werdende Mutter tut dem ungeborenen Baby gut. Je größer es wird, desto deutlicher spürt es die Berührungen und genießt sie. Auch der Vater und Geschwisterkinder können durch Handauflegen das Kleine fast hautnah erleben und spüren, wie es strampelt oder sich anschmiegt.
Die Entwicklung der Augen beginnt bereits in der vierten Schwangerschaftswoche. Ab dem dritten Trimester ist das Baby in der Lage, seine Augen offen zu halten, Licht wahrzunehmen und sogar zu blinzeln. Schon ab Woche 22 kann der Reflex auf Licht durch den Strahl einer Taschenlampe auf den Bauch der Mutter getestet werden, wobei das Baby mit einem Tritt oder einer kleinen Erschütterung reagieren kann.

Pränatale Trainingszentren und wissenschaftliche Skepsis
In einigen Ländern gibt es sogenannte „pränatale Trainingszentren“, die sich neben der Gesundheit der werdenden Mutter auch mit dem pränatalen Lernen des Kindes beschäftigen. Dazu gehören das Vorlesen von Texten und Fremdsprachen sowie gezielte Stimulation. Diese Art der Förderung vor der Geburt geht jedoch vielen Eltern, Wissenschaftlern und Ärzten zu weit.
Die Forschung kann bislang nicht nachweisen, dass ungeborene Kinder durch spezielle Förderung, etwa durch klassische Musik, später musikalischer oder intelligenter werden. Zudem betonen sie, dass Föten viel Schlaf benötigen - bis zu 20 Stunden am Tag - und unerwartete, laute Geräusche und zu viele äußere Einflüsse diesen Schlaf stören können. Der Mutterleib wird als geschützter Raum für optimale Entwicklung und nicht als „erstes Klassenzimmer“ betrachtet.
Die Bedeutung der mütterlichen Gefühle
Über die Plazenta nimmt das Kind die Launen der Mutter in Form eines Hormoncocktails auf. Es spürt anhand ihres Herzschlags oder ihrer Blutzusammensetzung, ob sie glücklich oder gestresst ist. Die Gefühle und Empfindungen der Mutter haben eine große Bedeutung für die Entwicklung des Kindes und prägen sein Unbewusstes. Je nachdem, ob die Mutter in der Schwangerschaft Angst hat oder zufrieden ist, lebt das Baby in einer entsprechenden Welt und entwickelt seine Neuronen so, dass es die Welt später als Angst-Ort oder Zufriedenheits-Ort begreift.
Es ist wichtig, dass sich die Mutter hin und wieder eine Auszeit gönnt und sich ihrem Kind bewusster zuwendet. Die Geburt wird als ein Dialog zwischen dem Mutter-Organismus und dem Baby betrachtet, der bereits während der Schwangerschaft eingeübt werden kann.
Nonverbale Kommunikation und die Stärkung der Bindung
Wenn es darum geht, mit dem eigenen ungeborenen Baby zu reden, ist vor allem die nonverbale Kommunikation auf Gefühlsebene gemeint. Das Baby reagiert vom ersten Moment an auf jedes Wort und jede Geste - es spürt anhand der mittransportierten Stimmung, ob man es gut meint. Die Antworten des Babys erfolgen dabei nicht sprachlich, sondern in bildhafter, gefühlsverbundener Form, die nur die Mutter allein interpretieren kann.
Um das vorgeburtliche Band durch „Kommunikation“ zu stärken, ist es hilfreich, den Bauch sanft zu berühren, liebevolle Gedanken hineinzuschicken oder mit dem Kind zu reden. Das Legen der Hände auf den Bauch und das Summen oder Singen von Tönen kann dazu führen, dass sich das Kind bei bestimmten Klängen regelrecht in die Hand schmiegt. Eine intensive vorgeburtliche Beziehung kann dazu beitragen, dass sich das Kind geliebt und „richtig“ fühlt. Kinder, die im Mutterbauch konzentrierte Zuwendung und Dialog erfahren haben, sind oft wacher und haben ein weiterentwickeltes Gehirn.
Wehrlose Winzlinge. Wie Babys schon im Mutterleib geschädigt werden. Ausschnitt einer Doku von NZZ
Die Stimme des Partners und von Geschwisterkindern kann das Baby ebenfalls vertraut machen. Sie sollten sich dabei möglichst nahe am Babybauch positionieren, um besser gehört zu werden. Dies ermöglicht auch dem Vater, intensiver an der Schwangerschaft teilzuhaben und diese besonderen Momente als Paar gemeinsam zu genießen.
Es ist nicht schlimm, wenn man sich komisch vorkommt, wenn man mit seinem Baby spricht. Viele werdende Eltern empfinden es als natürlich und bereichernd. Das Wichtigste ist, dass die Interaktion auf einer liebevollen und entspannten Basis geschieht. Wenn Sie sich wohlfühlen, mit Ihrem Baby zu sprechen oder ihm vorzusingen, dann tun Sie es. Wenn Sie sich dabei unwohl fühlen, ist das auch in Ordnung. Ihr Baby hört Sie auch so oft genug, und die innige Verbindung zwischen Ihnen wird auch ohne ständige verbale Kommunikation gestärkt.
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