Die Ukraine hat sich zu einem bedeutenden Zentrum für Leihmutterschaft entwickelt und zieht Paare aus aller Welt an, die sich ihren Kinderwunsch erfüllen möchten. Diese Praxis ist in der Ukraine legal und wird durch eine Reihe von Gesetzen und Verordnungen geregelt, was das Land zu einem attraktiven Ziel macht, insbesondere für internationale Paare, die in ihren Heimatländern auf rechtliche Hürden stoßen.
Rechtlicher Rahmen für Leihmutterschaft in der Ukraine
Die Leihmutterschaft in der Ukraine ist durch ein komplexes Geflecht von Gesetzen und Verordnungen geregelt. Das ukrainische Familienrecht, das Gesundheitsrecht und spezifische Erlasse des Gesundheitsministeriums bilden die rechtliche Grundlage.
Gesetzliche Bestimmungen
- Zivilgesetzbuch der Ukraine
- Gesetz der Ukraine "Grundlagen der Gesetzgebung der Ukraine über den Gesundheitsschutz"
- Familiengesetzbuch der Ukraine
- Erlass des Gesundheitsministeriums der Ukraine vom 09.09.2013 Nr. 771
- Verordnung des Ministerkabinetts der Ukraine Nr. 52/5
Ein zentrales Element ist der Leihmutterschaftsvertrag, der zwischen den intendierten Eltern und der Leihmutter geschlossen wird. Dieser Vertrag muss die Rechte und Pflichten beider Parteien klar definieren. Die Leihmutter darf keine genetische Verbindung zum Kind haben, und die intendierten Eltern müssen in der Regel verheiratet sein und medizinische Indikationen vorweisen können, die sie zur Inanspruchnahme von Leihmutterschaft zwingen.
Internationale Aspekte und Herausforderungen
Obwohl die Ukraine einen klaren rechtlichen Rahmen für die Leihmutterschaft innerhalb ihrer Grenzen bietet, ergeben sich bei internationalen Paaren oft komplexe juristische Situationen. Fragen der Staatsangehörigkeit des Kindes und die Anerkennung der Elternschaft durch die Heimatländer der intendierten Eltern stellen häufige Herausforderungen dar. Die Rückführung des Kindes kann kompliziert sein, insbesondere wenn die Gesetze des Heimatlandes die Leihmutterschaft nicht anerkennen.

Ethische und soziale Dimensionen der Leihmutterschaft
Die Leihmutterschaftspraxis in der Ukraine ist Gegenstand intensiver ethischer und sozialer Debatten. Diese Diskussionen beleuchten potenzielle Risiken und Auswirkungen auf alle Beteiligten.
Ethische Bedenken
- Ausbeutung von Frauen: Kritiker äußern Bedenken hinsichtlich der Ausbeutung von Leihmüttern, insbesondere wenn finanzielle Notlagen Frauen zu dieser Entscheidung drängen. Dies wirft Fragen nach Machtungleichgewichten und der Kommodifizierung des menschlichen Körpers auf.
- Rechte des Kindes: Die ethische Vertretbarkeit der Leihmutterschaft wird auch im Hinblick auf die Rechte und das Wohlergehen des Kindes diskutiert. Die Trennung von der Geburtsmutter und die Identitätsbildung sind hierbei zentrale Themen.
- Moralische Fragen: Die Praxis wirft grundlegende Fragen zur Elternschaft, zur Würde des Menschen und zur moralischen Zulässigkeit der Austragung eines Kindes für Dritte auf.
Soziale Auswirkungen
Die Leihmutterschaft hat auch tiefgreifende soziale Auswirkungen:
- Veränderung von Familienstrukturen: Neue Familienkonstellationen durch Leihmutterschaft fordern traditionelle Vorstellungen von Familie und Elternschaft heraus.
- Reproduktionstourismus: Die Ukraine ist ein Ziel für internationalen Reproduktionstourismus, was Fragen globaler Ungleichheit und lokaler Auswirkungen aufwirft.
- Stigmatisierung: Leihmütter können mit sozialer Stigmatisierung und Vorurteilen konfrontiert sein, was ihre Erfahrungen und die gesellschaftliche Akzeptanz beeinflusst.
Die Rede von "Leihmüttern" wird oft als verharmlosend kritisiert, da sie Frauen primär zum Zweck des Gebärens einsetzt und ihre biologische Mutterschaft unsichtbar macht. Die ethische Debatte betont die Notwendigkeit, die Rechte und die Würde von Frauen und Kindern zu schützen.
Ukrainische Leihmütter und deutsche Eltern | STATIONEN | Doku | BR
Der Prozess der Leihmutterschaft in der Ukraine
Der Ablauf einer Leihmutterschaft in der Ukraine ist ein mehrstufiger Prozess, der medizinische, rechtliche und vertragliche Aspekte umfasst.
Schritte des Verfahrens
- Auswahl und Screening der Leihmutter: Potenzielle Leihmütter durchlaufen ein umfassendes medizinisches und psychologisches Screening. Sie müssen bestimmte gesundheitliche Kriterien erfüllen und in der Regel bereits eigene Kinder haben.
- Rechtliche Vereinbarungen: Vor Beginn des medizinischen Prozesses wird ein detaillierter Leihmutterschaftsvertrag zwischen den intendierten Eltern und der Leihmutter geschlossen. Dieser Vertrag regelt alle wichtigen Aspekte, einschließlich finanzieller Entschädigung, medizinischer Versorgung und der Übergabe des Kindes.
- Medizinisches Verfahren: Der Prozess beinhaltet in der Regel die In-vitro-Fertilisation (IVF). Dabei werden Embryonen, die aus den genetischen Materialien der intendierten Eltern oder von Spendern stammen, im Labor erzeugt und anschließend der Leihmutter übertragen.
- Schwangerschaft und Geburt: Während der Schwangerschaft erhält die Leihmutter medizinische Betreuung. Die intendierten Eltern können je nach Vereinbarung in diesen Prozess einbezogen werden.
- Nach der Geburt: Nach der Geburt wird das Kind den intendierten Eltern übergeben. In der Ukraine werden die intendierten Eltern rechtlich als Eltern anerkannt, und die Leihmutter hat keine elterlichen Rechte. Die Namen der genetischen Eltern werden von Anfang an in die Geburtsurkunde eingetragen.
Kosten und finanzielle Aspekte
Die Kosten für eine Leihmutterschaft in der Ukraine variieren und liegen im Durchschnitt zwischen 35.000 und 58.000 Euro. Dieser Preis kann je nach Anzahl der Embryotransfers, dem Transfer von gefrorenen Embryonen oder anderen zusätzlichen Optionen beeinflusst werden. Der Vertragspreis beinhaltet in der Regel die Übernahme der Schwangerschaftskosten durch die intendierten Eltern, wie medizinische Untersuchungen, Medikamente und gegebenenfalls Unterkunft.

Vergleich mit internationalen Märkten und aktuelle Entwicklungen
Die Ukraine war bis zum Ausbruch des Krieges nach den USA der zweitgrößte Markt für Leihmutterschaft weltweit. Jährlich wurden etwa 2.500 Kinder von ukrainischen Leihmüttern ausgetragen, wovon 90 Prozent von ausländischen Paaren beauftragt wurden.
Internationale Perspektive
Die Nachfrage nach Leihmutterschaftsdiensten in der Ukraine ist nach wie vor hoch, jedoch hat der Krieg zu einer Verknappung von Leihmüttern geführt, da viele ukrainische Frauen ins Ausland gegangen sind. Vermittlungsagenturen haben sich daher vermehrt anderen Ländern zugewandt, darunter Mexiko und Teile Lateinamerikas.
Georgien hat sich ebenfalls als attraktives Ziel für Leihmutterschaft etabliert. Dort wurde die Praxis bereits 1997 legalisiert, ist vergleichsweise günstig und weist wenige gesetzliche Hürden auf. Dies macht das Land attraktiv für Kunden aus dem Westen und Indien.
Indien, wo kommerzielle Leihmutterschaft vorübergehend legalisiert war, hat diese Praxis im Jahr 2022 endgültig für Ausländer und Inländer verboten, was zu einem Zusammenbruch des dortigen Marktes führte. Das Modell der altruistischen Leihmutterschaft wird im Vergleich nur minimal genutzt.
Kritik und Alternativen
Internationale Organisationen wie IMABE kritisieren die zunehmend aggressiven Entwicklungen auf dem globalen Leihmutterschaftsmarkt und fordern ein internationales Verbot, um die Rechte von Frauen und Kindern zu schützen. Es wird darauf hingewiesen, dass die Leihmutterschaft, selbst in ihrer altruistischen Form, weitreichende negative Folgen haben kann.
Für viele westliche Paare führen Kinderwünsche nach Südafrika, Georgien, Griechenland oder eben in die Ukraine. Die Umsätze medizinischer Anbieter wachsen stetig in diesen Ländern, wo Frauen sich aus finanzieller Not auf die Ausbeutung einlassen und ihre Gesundheit gefährden.
Auswirkungen des Krieges
Der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine hat die Schattenseiten des Geschäfts, das auf Kinderhandel und kapitalistischer Ausbeutung weiblicher Reproduktionsorgane basiert, weiter beleuchtet. Schwangere Leihmütter dürfen aufgrund ihrer Verträge das Land nicht verlassen und müssen in Bunkern auf die Geburt warten. Nach der Geburt werden sie oft sich selbst überlassen.
Die Medien beleuchteten vermehrt das Leid der intendierten Eltern, die keinen Zugriff auf die von ihnen bezahlten Kinder haben. Weniger Beachtung fanden die schwangeren Frauen, die das Kriegsgebiet nicht verlassen können oder wollen, weil sie eigene Familien versorgen müssen und in Ländern, in denen kommerzielle Leihmutterschaft verboten ist, rechtlich als Mutter gelten würden. Auch die schlechte medizinische Versorgung und fehlende Begleitung der Leihmütter während und nach den Schwangerschaften wird selten thematisiert.

Rechtliche Herausforderungen für internationale Paare und die Situation in Deutschland
Internationale Paare, die Leihmutterschaft in der Ukraine in Anspruch nehmen, stehen vor erheblichen rechtlichen Hürden, insbesondere bei der Rückkehr in ihre Heimatländer.
Anerkennung der Elternschaft
Nach deutschem Recht ist grundsätzlich die Frau, die ein Kind geboren hat, rechtlich als Mutter anzusehen. Dies gilt auch, wenn das Kind durch eine Eizellspende entstanden ist. Eine deutsche Wunschmutter kann sich daher nach deutschem Recht nicht einfach auf Grundlage einer ukrainischen Geburtsurkunde als Mutter eintragen lassen, selbst wenn eine biologische Verwandtschaft besteht.
Der Bundesgerichtshof (BGH) hat entschieden, dass ausländische Gerichtsentscheidungen, die den Wunscheltern die rechtliche Elternschaft zuweisen, in Deutschland anerkannt werden können, wenn ein Wunschelternteil genetisch mit dem Kind verwandt ist und die Leihmutter nicht. Eine Geburtsurkunde allein ist keine solche gerichtliche Entscheidung.
Der deutsche Vater kann unter bestimmten Voraussetzungen seine Vaterschaft anerkennen lassen oder gerichtlich feststellen lassen. Nur wenn eine rechtswirksame Abstammung von einem deutschen Elternteil vorliegt, hat das Kind die deutsche Staatsangehörigkeit zweifelsfrei erworben und somit Anspruch auf einen deutschen Reisepass.
Situation in Deutschland
In Deutschland sind Leihmutterschaft und Eizellspende nach dem Embryonenschutzgesetz strafbar. Auch die Vermittlung von Leihmutterschaft steht unter Strafe. Die rechtliche Mutter eines Kindes ist in Deutschland stets die Frau, die es geboren hat.
Es gibt jedoch politische Bestrebungen, die Gesetzgebung in Deutschland zu überprüfen und gegebenenfalls anzupassen, insbesondere im Hinblick auf die Legalisierung von altruistischer Leihmutterschaft und Eizellspende. Eine entsprechende Kommission soll diese Regelungen prüfen.
Einreise und Staatsbürgerschaft
Für die Einreise des Kindes nach Deutschland ist die Beschaffung von entsprechenden Ausweisdokumenten durch die deutsche Botschaft in der Ukraine erforderlich. Dies kann nur erfolgen, wenn die rechtliche Abstammung von einem deutschen Elternteil geklärt ist.

Zukunftsperspektiven und internationale Forderungen
Die Debatte um die Leihmutterschaft ist global und entwickelt sich stetig weiter. Internationale Organisationen und Experten setzen sich für einheitliche Regelungen und den Schutz aller Beteiligten ein.
Internationale Forderungen
Am 3. März 2023 veröffentlichten über 100 Wissenschaftler und Experten aus 75 Ländern eine Erklärung ("Casablanca Declaration"), die Staaten auffordert, die Praxis der Leihmutterschaft weltweit abzuschaffen. Ein Vorschlag für ein entsprechendes internationales Übereinkommen wurde ebenfalls präsentiert.
Ausblick
Die ethischen, rechtlichen und sozialen Folgen der Leihmutterschaft sind komplex und umstritten. TERRE DES FEMMES fordert bereits seit 2020, dass die Leihmutterschaft in Deutschland in keiner Form legalisiert wird. Die Praxis wirft Fragen nach reproduktiver Ausbeutung, Menschenwürde und den Rechten von Frauen und Kindern auf.
Die Entwicklungen in der Ukraine, insbesondere durch den Krieg, haben die problematischen Aspekte der Leihmutterschaft weiter in den Fokus gerückt. Die Zukunft der Leihmutterschaft wird wahrscheinlich von fortlaufenden rechtlichen Anpassungen, ethischen Debatten und dem Streben nach einem besseren Schutz für alle Beteiligten geprägt sein.
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