Ein Bilderbuch ist im Grunde ein Buch mit vielen Bildern und wenig Text. Doch was macht ein gutes Bilderbuch aus? Experten sind sich einig: Es muss vor allem das Kind erreichen und berühren, sei es durch das Thema oder die Ästhetik. Ein gutes Bilderbuch sollte die kindliche Perspektive einnehmen und eine Verbindung zum Kind aufbauen, unabhängig von dessen Alter.
Bilderbücher sind klassischerweise Kinderbücher für die Jüngsten, die noch nicht lesen können. Sie zeichnen sich durch wenige oder gar keine Texte und umso aussagekräftigere Bilder aus. Marcus Weber, Bilderbuch-Verleger, und Prof. Jens Thiele, emeritierter Leiter der Forschungsstelle Kinder- und Jugendliteratur, betonen, dass gute Bilderbücher ihre kleinen Betrachter berühren, Identifikationsfiguren anbieten und eine abgeschlossene Geschichte mit einem Happy End erzählen sollten.
Dr. Pauline Liesen vom Bilderbuchmuseum in Troisdorf ergänzt, dass ein gutes Bilderbuch zudem Text und Bild miteinander verbindet. Der Text sollte Raum für Fantasie, Kreativität und Gedankenspiele lassen, während die Bilder den Text widerspiegeln, aufnehmen und eigene Facetten eröffnen, sodass sich Bild und Text gegenseitig ergänzen und stärken.

Die Vielfalt der modernen Bilderbuchlandschaft
Entgegen der Annahme einer übersichtlichen und einheitlichen Bilderbuchlandschaft findet man in Buchhandlungen eine bemerkenswerte Vielfalt an Formaten, Zielgruppen, Geschichten und Gestaltungsarten. Neben humorvollen Tierbüchern stehen fantastische Zeichnungen, verrückte Buchstabenspiele und großartige Gemälde. Auch unheimliche Geschichten und computeranimierte Szenen sind neben verstörenden Bilderbüchern und schrillen Illustrationen zu finden.
Viele dieser Bilderbücher sind nicht mehr ausschließlich oder nur am Rande für Kinder gedacht, insbesondere nicht für die ganz Kleinen. Seit den Siebziger- und Achtzigerjahren hat sich das Bilderbuch von einer rein farbigen, fröhlichen und naiven Darstellung hin zu widerborstigeren und psychologisch komplexeren Themen entwickelt. Maurice Sendaks "Wo die wilden Kerle wohnen" markiert hierbei einen Wendepunkt.
Heute ist das Bilderbuch so vielseitig, experimentierfreudig, faszinierend und herausfordernd wie nie zuvor. Diese Entwicklung wird auf die Postmoderne zurückgeführt, die zu einer Entgrenzung aller Gattungen und visuellen Künste geführt hat. Das Bilderbuch hat sich dadurch dem Comic, dem Film und dem Theater geöffnet, was zu neuen Adressatengruppen und damit verbundenen Herausforderungen für ein Medium führte, das sich ursprünglich an eine jüngere Kindergruppe richtete.
Neue Perspektiven und ästhetische Formen
Jens Thiele, Bilderbuch-Spezialist und selbst Bilderbuch-Macher, präsentiert mit seinem Buch "Jo im roten Kleid" ein Beispiel für ein neues Verständnis des Bilderbuchs. Das Buch, das als Dialog zwischen einem großen und einem kleinen Jungen konzipiert ist, thematisiert die Identitätssuche eines jungen Mannes und die mögliche Homosexualität, die subtil durch das Bild des roten Kleides und das Stehen für verschiedene Formen des Außenseitertums dargestellt wird.
Thiele wählte für "Jo im roten Kleid" die Collage als ästhetische Form, da ihre Schnitte, Brüche und nicht kompatiblen Teile den inneren Konflikt und die Identitätssuche des Helden widerspiegeln. Die äußere Darstellung sollte die Zerrissenheit und Unfertigkeit der Person visualisieren.

Es ist fraglich, ob Sechsjährige die tiefgründige Dramatik von "Jo im roten Kleid" vollständig verstehen können, obwohl das Buch für Kinder ab 6 Jahren empfohlen wird. Dies unterstreicht einen zentralen Aspekt des neuen Bilderbuchs: Es richtet sich nicht nur an kleine Kinder, sondern auch an ältere Kinder, Jugendliche und oft auch an Erwachsene.
Viele Bilderbücher erfordern ein gewisses Hintergrundwissen, was das Verständnis des Konzepts oder Inhalts erschweren kann. Stella Dreis' "Grimms Märchenreise", erschienen zum Grimm-Jubiläum, ist ein Beispiel für ein solches Werk. Es entfaltet ein komplexes Geflecht aus Motiven von sieben Grimm'schen Märchen auf zauberhafte Weise, verzichtet jedoch auf einen roten Faden oder Text, was den Betrachter in ein kunstvolles Labyrinth entlässt.
Dreis stellt die traditionelle Märchenillustration auf den Kopf: Ihre Bilder erzählen die Geschichten selbst, anstatt die Handlung zu wiederholen oder zu ergänzen. Der Text wird hierbei zum Beiwerk.
Die Berechtigung des "neuen Bilderbuchs"
Marcus Weber, Verleger des Moritz-Verlages, betont, dass das "neue Bilderbuch" ein großes Feld neuer Möglichkeiten erobert hat, komplexe Themen aufgreift und mit ungewöhnlichen Gestaltungsmitteln experimentiert. Dies führt jedoch dazu, dass es nicht immer als "kindgerecht" im traditionellen Sinne betrachtet werden kann.
Er hinterfragt jedoch die Definition von "kindgerecht" und verweist auf ältere Bilderbücher wie den "Struwwelpeter", die ebenfalls nicht immer als nett, niedlich oder positiv gelöst empfunden werden können. Die Frage, warum diese Aspekte nicht ins 20. und 21. Jahrhundert transportiert werden dürfen, bleibt offen.
In den letzten Jahrzehnten hat sich das Bilderbuch fast allen Tabu-Themen zugewandt, darunter Angst, Schrecken, häusliche Gewalt, Scheidung, Tod, Trauer, Krieg und sogar der Holocaust. Roberto Innocentis "Rosa Weiss" (1986) löste eine Debatte über die Darstellung der Shoah in Bilderbüchern aus.

Diese Diskussionen zeigten, dass es möglich ist, Kindern von der Vergangenheit zu erzählen, auch von Leid, das anderen Kindern zugefügt wurde. Bei solch schwierigen Themen ist jedoch eine symbolische Form im Bild und Text notwendig, damit das Kind die innere Botschaft versteht, ohne von Fakten und Realismus überfordert zu werden.
Selbst Themen wie Missbrauch oder Selbstmord können angedeutet werden, wobei die Art der Darstellung entscheidend ist. Auch der Krieg, dem Kinder heute in den Medien häufiger begegnen, wird thematisiert, wie in "Ein roter Schuh" von Karin Gruß und Tobias Kreitschi, das den Krieg im Gazastreifen stellvertretend für alle Kriege behandelt.
Künstlerischer Anspruch und neue Selbstbewusstsein
Das Bilderbuch hat sich seit den Siebziger-/Achtzigerjahren weitgehend vom pädagogischen Impetus befreit. Stattdessen hat sich ein hoher künstlerischer Anspruch etabliert. Illustratoren integrieren Elemente aus Comic und Graphic Novel, nutzen filmische und fotografische Mittel und entwickeln Szenen komplett am Computer.
Illustratoren haben sich zu Bilderbuchkünstlern entwickelt, die oft Bild und Text als Gesamtkunstwerk gestalten. Interessanterweise wagen sich überwiegend männliche Künstler auf dieses neue Terrain. Chen, ein chinesischer Künstler, der in Paris lebt, wird als Meister seines Fachs bezeichnet, da er es versteht, tief berührende und emotionale Geschichten zu erzählen, die zur Identifikation einladen, auch wenn sie aus einer fremden Kultur stammen.
Beispiele für herausragende Werke sind "Der Tigerprinz", das trotz düsterer Anfänge eine positive Wendung nimmt, oder humorvolle Geschichten wie "Kein Bock auf Knuddeln!", die Kindern helfen, ihre eigene Stimme zu finden und Grenzen zu setzen. Bücher wie die "Conni"-Reihe thematisieren ebenfalls das Setzen von Grenzen und die Selbstbestimmung über den eigenen Körper.
Bücher wie "Jetzt mal ehrlich?! Meine Gefühle, mein Körper, meine Regeln!" von Carsten Müller und Steffi Bohle bieten altersgerechte Aufklärung über sexualisierte Gewalt, stärken die Selbstbestimmung und fördern vertrauensvolle Gespräche zwischen Kindern und Erwachsenen. Sie sind als Begleitung für Kinder und die Erwachsenen in ihrem Umfeld konzipiert.
Weitere Bücher wie "Mich kriegt nichts kaputt!" thematisieren die Überwindung von Angst und Sorgen, während "Ein Zuhause für alle - wie ein Nashorn die Savanne rettet" die Bedeutung von Achtsamkeit gegenüber kleineren Lebewesen hervorhebt. Geschichten wie "Toto - Ein Mal, das mich leuchten lässt" oder "Geschichten für Jungen und Mädchen, die stark machen" fördern Selbstbewusstsein, Mitgefühl und das Annehmen des Andersseins.
Interaktive Bücher und Mitmachbücher, wie die von Peter Wohlleben oder die "Mula und Yoga-Freunde"-Reihe, laden Kinder aktiv zum Entdecken und Lernen ein. Sie fördern Feinmotorik, Kreativität und das Verständnis für Natur, Gefühle und Yoga. Bücher wie "Papa ist der Größte" oder "Irgendwie Anders" vermitteln wichtige Werte wie Freundschaft, Toleranz und das Überwinden von Unsicherheiten.
Der Animations-Check | Reportage für Kinder | Checker Tobi
Die Vielfalt an Themen und Formaten im modernen Kinderbuch spiegelt die Komplexität der heutigen Welt wider. Von der Auseinandersetzung mit schwierigen sozialen und politischen Themen bis hin zur Förderung von Selbstbestimmung und emotionaler Intelligenz bieten diese Bücher wertvolle Anregungen für Kinder und Erwachsene gleichermaßen.
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