Manches Verhalten von Kindern, die in Erziehungsstellen aufwachsen, wirkt auf den ersten Blick unverständlich, widersprüchlich oder sogar provozierend. In solchen Momenten ist es entscheidend, nicht vordergründig nach Regeln oder Lösungen zu suchen, sondern das zugrundeliegende „Warum?“ zu ergründen. Denn für die Kinder selbst gibt es immer einen guten Grund für ihr Handeln.
Wenn werdende Mütter während der Schwangerschaft Alkohol konsumieren, besteht ein hohes Risiko, dass ihr Kind mit einer Fetale Alkohol-Spektrum-Störung (FASD) zur Welt kommt. Dies ist eine der häufigsten angeborenen Behinderungen. FASD ist eine dauerhafte neurobiologische Beeinträchtigung, die durch Alkoholkonsum in der Schwangerschaft verursacht wird und lebenslange Folgen für die betroffenen Kinder hat. Die Alkoholmoleküle passieren ungehindert die Plazentaschranke, wodurch das ungeborene Kind die gleiche Alkoholkonzentration aufweist wie die Mutter. Da die Leber des Fötus den Alkohol noch nicht abbauen kann, verbleibt er dort wesentlich länger.
Der Begriff FASD umfasst verschiedene Ausprägungen von Schädigungen, die von Wachstumsauffälligkeiten über spezifische Gesichtsmerkmale bis hin zu weitreichenden Beeinträchtigungen des Zentralen Nervensystems reichen. Die alkoholinduzierten Schädigungen des Gehirns sind irreversibel.

Formen und Diagnose von FASD
FAS (Fetales Alkoholsyndrom) ist die ausgeprägteste Form innerhalb des FASD-Spektrums und wird durch regelmäßigen mütterlichen Alkoholkonsum während der Schwangerschaft ausgelöst. Die S3-Leitlinie zur FASD, die seit 2025 in Deutschland vorliegt, dient als Grundlage für die Diagnostik. Typische diagnostische Kriterien können umfassen:
- Geburts- oder Körpergewicht unter der 10. Perzentile
- Körperlänge unter der 10. Perzentile
- Body-Mass-Index unter der 10. Perzentile
- Kurze Lidspalten
- Ein verstrichenes Philtrum (die vertikale Linie zwischen Nase und Oberlippe)
- Globale Intelligenzminderung (nicht immer vorhanden)
Wenn ein erfahrener Diagnostiker nach dieser Leitlinie die Diagnose FASD stellt, müssen entsprechende Fördermaßnahmen eingeleitet werden. Neben FAS und dem partiellen Fetalen Alkoholsyndrom (pFAS) gibt es auch die alkoholbedingten neurologischen Entwicklungsstörungen (ARND), die nur bei gesicherter Alkoholexposition in der Schwangerschaft diagnostiziert werden können.
Die Inzidenz von FAS in Deutschland wird auf etwa 0,41 % geschätzt, während FASD insgesamt etwa 1,77 % der Lebendgeburten betrifft. Schätzungsweise 2 % aller Kinder in Deutschland sind von irgendeiner Form von FASD betroffen, was FASD zur häufigsten angeborenen, nicht heilbaren Erkrankung macht.
Herausforderungen im Alltag mit FASD
Kinder mit FASD stellen ihre Familien oft vor besondere Herausforderungen. Ein Beispiel ist das Erziehungsstellenkind Luca, das an FAS leidet. Er ist trotz seines Alters klein und zierlich. Seine Impulskontrolle ist eingeschränkt; er kann schnell von „super fröhlich“ zu „bitter böse“ wechseln und zeigt Verhaltensweisen wie Schlagen, Treten und Spucken. Luca ist hyperaktiv und lässt sich auch durch ausgedehnte körperliche Aktivitäten kaum ermüden.
Besonders herausfordernd ist oft das Essverhalten: Mal muss Luca trotz seines Alters gefüttert werden, mal wirft er mit Essen um sich, was gemeinsame Mahlzeiten erschwert. Dies liegt an seinem geschädigten zentralen Nervensystem, das zu unangemessenem Verhalten und eingeschränkter Handlungsfähigkeit führt. Oft können Kinder mit FASD aus Fehlern nicht lernen.

Die junge Frau Shannon, die mit 17 Jahren in eine Pflegefamilie kam, bemerkte früh, dass sie langsamer denkt, sich leicht ablenken lässt und beim Lernen länger braucht. Ihr 19-jähriger Pflegebruder Jim liebt es, mit Landmaschinen zu arbeiten und träumt davon, Landwirt zu werden. Dass Shannon und Jim das tun können, was sie begeistert, ist keine Selbstverständlichkeit, da ihr Gehirn bereits im Mutterleib durch Alkohol geschädigt wurde.
Katrin und Mario Lepke, Shannons Adoptiv- und Jims Pflegeeltern, mussten feststellen, dass beide Kinder entwicklungsverzögert waren. Shannon war ein Schreibaby und litt unter Ernährungs- und Gedeihstörungen. Dank einer frühen Diagnose konnten die Lepkes die Kinder fördern. Auch heute noch fällt es Shannon und Jim schwer, ihren Alltag zu organisieren und sie sind auf Unterstützung angewiesen. Dennoch haben sie viel erreicht und können lesen und schreiben, entgegen den anfänglichen ärztlichen Prognosen.
Die Pflegeeltern von Fabian, der bei Geburt mehrere Promille Alkohol im Blut hatte, beschreiben ihn als sehr umtriebig, impulsiv und mit Sprüngen von einem Spiel zum nächsten. Er blieb für sein Alter klein und zeigte Lernschwierigkeiten sowie eine mangelnde Einschätzung von Gefahren. Trotz liebevoller Unterstützung durch seine Familie fiel es Fabian mit 10 Jahren schwer, alltägliche Aufgaben wie Waschen oder Anziehen selbstständig zu erledigen. Die vielen ärztlichen und psychologischen Untersuchungen blieben ratlos oder unterstellten ein dysfunktionales Familiensystem.
Unterstützung und Förderung für Familien
Für Familien, die mit FASD leben, ist eine spezialisierte Unterstützung unerlässlich. Die Fachberatung spielt eine wichtige Rolle, indem sie den Erziehungsstelleneltern hilft, über ihre Sorgen zu sprechen und pädagogische Ansätze auszutauschen. Manchmal reicht bereits ein offenes Ohr, um den Kopf frei zu bekommen und eigene Lösungen zu entwickeln.
Es ist wichtig zu verstehen, dass Kinder mit FASD keine mangelnde Konsequenz der Erwachsenen sind, wenn sie trotz wiederholter Übung nicht aus Fehlern lernen, Regeln vergessen oder impulsiv reagieren. Sie benötigen vor allem Struktur, Wiederholung, Vorhersehbarkeit und verlässliche Begleitung.
Ein stabiles familiäres Umfeld, das Liebe, Nähe und Verlässlichkeit bietet, ist für die Entwicklung von Kindern mit FASD von entscheidender Bedeutung. Kreative Ansätze im Alltag, wie das Verlegen des Abendessens ins Wohnzimmer mit gemeinsamem Fernsehen oder die Gestaltung eines Buffets, können helfen, Routinen zu durchbrechen und den Essenssituationen positive Aspekte abzugewinnen.
Trinken in der Schwangerschaft: Folgen von Alkoholkonsum für Kinder I 37 Grad
Frühzeitige Diagnose und Förderung sind essenziell. Fachleute wie Ärzte und Psychologen, die sich auf FASD spezialisiert haben, können Tests durchführen und eine genaue Diagnose stellen. Vereine wie „FASD Deutschland e.V.“ bieten umfangreiche Informationen, Hilfen und Selbsthilfegruppen für betroffene Eltern und Angehörige.
Für Menschen mit FASD sind feste Tagesstrukturen mit Routinen und Ritualen hilfreich, um den Alltag zu bewältigen. Regeln sollten klar, bildlich oder schriftlich festgehalten und als Erinnerung genutzt werden. Bei Regelbrüchen sollte auf Schimpfen und Bestrafungen verzichtet werden, da diese oft nicht zu einem Lernprozess führen.
Kinder mit FASD können Schwierigkeiten im Sprachverständnis haben, auch wenn ihre expressiven sprachlichen Fähigkeiten gut ausgeprägt sind. Klare, direkte Aufträge und positiv formulierte Ziele sind hierbei hilfreich. Aufgrund ihrer Sensibilität für Reize ist eine reizarme Umgebung, besonders in Lernsituationen, ratsam. Geplante Pausen, Rückzugsmöglichkeiten und repetitive sportliche Betätigungen können helfen, Überreizung zu vermeiden und zur Entspannung beizutragen.
Die alkoholtoxische Schädigung des Gehirns erschwert Kindern mit FASD oft die Erkennung von Gefühlen, Impulskontrolle und Selbstregulation. Alternative Ausdrucksmöglichkeiten für Gefühle, wie Malen oder Kneten, sowie „Notfall-Tools“ wie das Lutschen von Eiswürfeln oder das Kneten eines Balls können unterstützend wirken.
Beim Lernen können kleinschrittige Lernziele, die dem individuellen Leistungsniveau angepasst sind, sowie regelmäßige Pausen Lernerfolge fördern. Alternative, integrative oder inklusive Betreuungs- und Lernkonzepte, gegebenenfalls mit Unterstützung von Schulbegleitern, können die individuelle Begleitung des Kindes sicherstellen.
Telemedizinische Programme wie „SMILE FASD“ bieten psychoedukative und kognitiv-behaviorale Elemente zur Unterstützung von Kindern mit FASD und ihren Eltern.
Aufklärung und Prävention
Ein zentrales Anliegen von Experten und Betroffenen ist die Aufklärung über die Gefahren von Alkoholkonsum während der Schwangerschaft. Viele Schwangere sind sich der Risiken nicht vollständig bewusst. Die App „Fit für dein Kind?“ bietet jugendgerechte Informationen über die Entwicklung des Kindes und die Auswirkungen von Lebensstilfaktoren, einschließlich Alkohol.
Es ist von größter Bedeutung, dass werdende Eltern und die allgemeine Öffentlichkeit über die schwerwiegenden Folgen von Alkoholkonsum in der Schwangerschaft aufgeklärt werden. Bereits ein Glas Alkohol kann schädlich sein. Die einzige wirksame vorbeugende Maßnahme ist der vollständige Verzicht auf Alkohol während der gesamten Schwangerschaft.

Umgang und Akzeptanz
Menschen mit FASD werden oft missverstanden. Es ist wichtig, nicht vorschnell zu urteilen und zu erkennen, dass hinter auffälligem Verhalten eine Beeinträchtigung stecken kann. Shannon und Jim wünschen sich, dass Menschen mit FASD akzeptiert werden, wie sie sind, und dass Vorurteile abgebaut werden. Anstatt zu lästern, sollte man im Zweifel nachfragen.
Die Verhaltensauffälligkeiten bei FASD können unterschiedlich ausgeprägt sein. Manche Kinder leiden unter leichten Defiziten, andere sind schwer betroffen. Die Frustrationsschwelle ist oft verringert, das Aggressionspotenzial hingegen hoch. Viele Kinder sind hyperaktiv, haben eine hohe Risikobereitschaft und können Gefahren nicht einschätzen.
Die FASD-Diagnostik und Therapie bei Erwachsenen ist noch entwicklungsbedürftig. Äußere Anzeichen können im Erwachsenenalter weniger sichtbar sein, jedoch leiden viele Betroffene unter komorbiden Störungen wie Depressionen, Angststörungen und Impulskontrollstörungen. Die Feststellung einer Schwerbehinderung ist bei FASD in der Regel möglich.
Ressourcen und weiterführende Informationen
Für betroffene Familien gibt es zahlreiche Hilfsangebote:
- FASD Deutschland e.V.: Bietet Informationen, Hilfen und Selbsthilfegruppen.
- Verein „Querleben“: Unterstützt Familien mit Kindern mit FASD und betreibt eine vollstationäre Einrichtung.
- TESS-Ambulanz (Risikokinder mit Toxin Exposition in der Schwangerschaft) im Dr. von Haunerschen Kinderspital des LMU Klinikums München: Spezialisierte Anlaufstelle für Diagnostik und Beratung.
- Fachliteratur: Zahlreiche Ratgeber und Handbücher bieten detaillierte Informationen zum Umgang mit FASD.
- Internetseiten und Apps: Bieten jugendgerechte Aufklärung und Simulationen zur Schwangerschaft.
Die erfolgreiche Bewältigung des Alltags mit FASD erfordert Geduld, Verständnis, eine klare Struktur und die Inanspruchnahme professioneller Unterstützung. Gemeinsam kann es gelingen, den betroffenen Kindern und ihren Familien ein erfülltes Leben zu ermöglichen.
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