Die Geburtshilfe auf den deutschen Nordseeinseln schwindet zunehmend. Nur noch in Ausnahmefällen kommen Babys auf den Inseln selbst zur Welt. Dies liegt an verschiedenen Faktoren, darunter die Schließung von Geburtshilfeabteilungen, der Mangel an Ärzten und Hebammen sowie wirtschaftliche Erwägungen.
Schließung von Geburtshilfeabteilungen
Mehrere Inselkliniken mussten ihre Geburtshilfeabteilungen schließen, da die notwendigen medizinischen Fachkräfte ihre Tätigkeit aufgaben oder das wirtschaftliche Risiko zu hoch wurde. Auf Norderney beispielsweise musste das Krankenhaus vor einem Jahr seine Geburtshilfe-Abteilung schließen, da der Belegarzt seine Tätigkeit aufgab. Zuvor wurden auf Norderney jährlich etwa 60 Kinder geboren, zuletzt nur noch 30 bis 40. „Für eine Klinik ist es dann sehr schwierig, das Angebot aufrecht zu erhalten“, erklärte Norderneys Bürgermeister Frank Ulrichs.
Auf Wangerooge wurde die Klinik „Haus Meeresstern“ bereits 1970 geschlossen. Einen Frauenarzt gibt es auf der Insel nicht, und die einzige Hebamme hat das Rentenalter erreicht. Die meisten Insulanerinnen entbinden daher entweder in Sanderbusch, Wittmund oder Wilhelmshaven.
Auch auf der kleinsten ostfriesischen Insel Baltrum kam im Sommer ein Baby zur Welt, das es besonders eilig hatte. Auf Borkum hatte Barbara Kosfeld als Inselhebamme von 2007 bis 2011 Hausgeburten begleitet, verlässt die Insel nun.
Im Herbst 2015 wurde der Kreißsaal auf Föhr quasi über Nacht geschlossen. Bereits zwei Jahre zuvor hatte die Geburtsstation auf Sylt dichtgemacht. Die kleine Station in Wyk auf Föhr verfügte nicht über einen Kinderarzt und ein Operationsteam, was zur Schließung führte. Mit Föhr verlor die letzte deutsche Nordseeinsel ihren Kreißsaal. Auf Sylt stellte die Asklepios Nordseeklinik die Geburtshilfe im Januar 2014 ein. Seitdem müssen werdende Mütter zwei Wochen vor der Geburt aufs Festland fahren, da die nächste Klinik mit Geburtshilfe in Husum liegt. Auch die Geburtshilfestationen auf Föhr und in Niebüll sind geschlossen.

Mangel an medizinischem Personal
Ein wesentlicher Grund für die Schließung von Geburtshilfestationen ist der Mangel an qualifiziertem Personal. Insbesondere freiberufliche Hebammen finden auf den Inseln oft keine wirtschaftliche Grundlage mehr für ihre Tätigkeit. Die Kosten für die Berufshaftpflichtversicherung sind in den letzten Jahren stark gestiegen, was die Ausübung des Berufs erschwert und die Ansiedlung von Hebammen verhindert.
Die Vorsitzende des niedersächsischen Hebammenverbandes, Uschi Fietz, betont: „Es ist für eine Hebamme wirtschaftlich nicht mehr möglich, auf einer Insel zu sein.“ Dies führt dazu, dass schwangere Inselbewohnerinnen oft keine Hebamme mehr finden, die sie während der Schwangerschaft und im Wochenbett begleiten kann.
Wirtschaftliche Aspekte und Haftungsrisiken
Geburtsstationen sind oft ein finanzielles Minusgeschäft, insbesondere wenn die Geburtenzahlen niedrig sind. Stationen mit weniger als 500 Babys pro Jahr haben einen schweren Stand. Die Kliniken an der Küste stellen sich jedoch auf die werdenden Mütter und Väter von den Inseln ein. Im Klinikum Leer gibt es beispielsweise ein „Inselzimmer“, das wie ein Hotelzimmer eingerichtet ist.
Ein weiterer wichtiger Faktor sind die Haftungsrisiken. Landkreissprecher Hans-Martin Slopianka erklärt, dass das Haftungsrisiko bei Komplikationen während der Geburt sehr hoch ist. Wenn beispielsweise die Bauchschlagader der Mutter platzt, muss schnell geholfen werden. Zwar sei auf Föhr, wo bisher 50 bis 60 Babys pro Jahr geboren wurden, noch nie ein solcher Fall eingetreten, aber das Risiko sei zu groß und könne schnell im Bereich der Fahrlässigkeit liegen.
Der Geschäftsführer des Klinikums Nordfriesland, Christian von der Becke, meint, dass das sichere Ufer für werdende Mütter auf dem Festland liegt. Er weist darauf hin, dass 96 Prozent aller Behinderungen bei einer Geburtssituation entstehen.
Initiativen zur Wiedereröffnung der Geburtshilfe
Angesichts dieser Entwicklung gibt es Bestrebungen, die Geburtshilfe auf den Inseln wieder zu etablieren. Drei Männer haben eine Initiative für die Rückkehr der Geburtshilfe auf die Nordfriesischen Inseln gestartet. Lars Schmidt, einer der Initiatoren, ist selbst Insulaner und hat seine Kinder auf Sylt zur Welt gebracht. Die Gruppe hat ein Bürgerbegehren angemeldet, das die Wiedereröffnung der Kreißsäle auf Sylt und Föhr zum Ziel hat.
Im Rahmen des Bürgerbegehrens fordern sie vom Landkreis, an den Standorten Husum, Niebüll, Tönning und Wyk auf Föhr die Regelversorgung der Krankenhäuser und eine Notaufnahme im 24-Stunden-Betrieb zu erhalten. Sie schlagen auch vor, dass der Landkreis die Berufshaftpflicht der Geburtshelferinnen übernimmt, um deren Tätigkeit zu fördern und die Ansiedlung freier Hebammen zu ermöglichen.
Um das Bürgerbegehren erfolgreich zu gestalten, muss ein bestimmter Anteil der wahlberechtigten Bürgerinnen und Bürger seine Unterschrift in einer festgelegten Frist abgeben. Im Landkreis Nordfriesland sind dies rund 5.500 Stimmen, was mindestens vier Prozent der stimmberechtigten Bürgerinnen und Bürger entspricht.
Unterstützungsangebote für werdende und junge Eltern
Während die Geburtshilfe auf den Inseln schwindet, gibt es dennoch Unterstützungsangebote für werdende und junge Eltern. Auf Sylt beispielsweise gibt es ein Angebot, bei dem Mütter oder Väter mit ihren Babys herzlich zum Babytreff eingeladen sind. Hier können sie eine entspannte Spielzeit mit ihrem Baby verbringen und sich mit anderen Eltern austauschen.
Die AWO Sylt bietet eine verpflichtende Beratung für Schwangere in Not- und Konfliktlagen sowie eine Beratung nach einem Schwangerschaftsabbruch an. Diese Beratungen umfassen emotionale, seelische, partnerschaftliche und lebensplanerische Aspekte der Elternschaft. Auch Fragen zu gesetzlichen Ansprüchen bezüglich Mutterschutz, Elternzeit, Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie zur Lage Alleinerziehender und zur Kinderbetreuung können bearbeitet werden.
Zusätzlich gibt es Informationen zu möglichen finanziellen Unterstützungen, wie beispielsweise aus einem Stiftungsfond, oder zu Mutter-Kind-Kuren. Eine Rufbereitschaft ist zudem von Montag bis Freitag erreichbar.
Einmal im Monat lädt die AWO Sylt Schwangere und Familien mit Kindern bis 6 Jahren zu einem gemeinsamen kostenlosen Frühstück ein. Die Hebamme Cornelia von Böhlen bietet Sylter Familien Begleitung während der Schwangerschaft, im Wochenbett und im ersten Lebensjahr an.

Die Zeit nach der Geburt: Wochenbett und Nachsorge
Nach der Geburt beginnt das sogenannte Wochenbett, das in der Regel sechs bis acht Wochen dauert. In dieser Zeit erholen sich Mutter und Kind von der Geburt, und die Familie beginnt, zusammenzuwachsen. Es ist wichtig, dass sich die Mutter körperlich und seelisch erholt und auf die Bedürfnisse ihres Körpers achtet.
In den ersten 56 Tagen nach der Geburt haben Eltern Anspruch auf 10-16 Wochenbettbesuche durch eine Hebamme oder eine Pflegefachfrau. Diese besuchen die Familie zu Hause, um den Gesundheitszustand von Mutter und Kind zu überprüfen und bei Fragen und Problemen zu unterstützen.
Die Klinikaufenthaltsdauer nach einer normalen Geburt beträgt üblicherweise 2,5 Tage. Nach einem Kaiserschnitt verlängert sich der Aufenthalt auf 3-4 Tage. Es ist wichtig, bereits vor der Geburt die Zeit nach dem Austritt zu planen und sich um Unterstützung für sich selbst, die Kinderbetreuung, den Haushalt und eventuell ältere Kinder zu kümmern.
Freiberufliche Hebammen übernehmen eine umfassende medizinisch-pflegerische Betreuung während der ersten Wochen nach der Geburt. Es wird empfohlen, rechtzeitig Kontakt mit einer Hebamme aufzunehmen, um eine nahtlose Weiterbetreuung zu gewährleisten.
Die Gebärmutter bildet sich auf ihre ursprüngliche Größe zurück, was zu Nachwehen führen kann. Diese sind individuell unterschiedlich stark und klingen in der Regel nach einigen Tagen ab. Schmerzmittel können bei Bedarf eingenommen werden.
Körperliche Aktivität in Maßen ist wichtig und gut für Körper und Seele. Es wird jedoch empfohlen, das Tragen von Lasten über fünf Kilogramm und das Baden in öffentlichen Bädern zu vermeiden, bis die Wundheilung abgeschlossen ist.
Die Dammnaht kann anfänglich noch Schmerzen verursachen, klingt aber in der Regel nach einigen Tagen ab. Die Fäden der Dammnaht lösen sich von selbst auf. Bei anhaltenden Beschwerden oder Unsicherheiten ist es ratsam, sich an Freunde, andere Mütter, die Hebamme oder Pflegefachfrau zu wenden.
Die reguläre Nachkontrolle durch die behandelnde Gynäkologin/den behandelnden Gynäkologen oder die Hebamme sollte sechs Wochen nach der Geburt stattfinden. Es wird empfohlen, frühzeitig einen Termin zu vereinbaren.
Die erste Zeit mit dem Neugeborenen
Die erste Zeit zu Hause wird viel Neues bringen. Eltern werden instinktiv vieles richtig machen, aber es ist auch normal, sich manchmal unsicher zu fühlen. Jedes Kind ist anders und hat seine eigene Ausdrucksweise und Bedürfnisse.
Stillen und Ernährung: Die Milchproduktion stellt sich in den ersten Tagen ein und wird optimal eingestellt. Anfangs kann das Stillen schmerzhaft sein, aber die Beschwerden klingen in der Regel nach einigen Tagen ab. Es ist wichtig, darauf zu achten, ob das Kind genügend Nahrung erhält. Das Wechseln der Windeln nach Bedarf ist ebenfalls wichtig, es sei denn, das Kind hat einen wunden Po.
Babypflege: Neugeborene sollten möglichst trocken gehalten werden. Das Baden kann in der Regel ein- bis zweimal pro Woche erfolgen. Die Haut von Neugeborenen ist sehr empfindlich und entwickelt sich erst nach einigen Tagen vollständig aus. Ein Babybad sollte nicht zu lange dauern, und das Wasser sollte nicht zu heiß sein. Eine Hautschutzcreme kann bei Bedarf verwendet werden.
Hautpflege und Abwehrsystem: Die Hautpflege ist für das Immunsystem und Abwehrsystem des Neugeborenen sehr wichtig. Täglich sollten Vitamin-D-Tropfen verabreicht werden.
Schlafbedürfnisse: Neugeborene haben sehr unterschiedliche Schlafbedürfnisse. Es ist hilfreich, dem Kind dabei zu helfen, den Tag-Nacht-Rhythmus zu erlernen. Das Kind kann ab sofort nach draußen gehen, sollte aber vor Kälte geschützt und direkte Sonneneinstrahlung vermieden werden.
Transport: Für den Transport im Auto muss ein geeigneter Kindersitz verwendet werden.

Neonatologie und spezialisierte Betreuung
In der Abteilung für Neonatologie werden Kinder betreut, die nach der Geburt auf besondere Überwachung und Therapie angewiesen sind. Dies betrifft insbesondere Frühgeborene und kranke Termingeborene. Ein hochspezialisiertes Team aus Pflegekräften, Ärztinnen und Ärzten, Psychologinnen, Stillexpertinnen und Physiotherapeutinnen arbeitet zusammen, um den Kindern die bestmögliche Behandlung und Entwicklungschancen zu ermöglichen.
Kern der Behandlung sind auf aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhende Behandlungsstandards und der frühe und konsequente Einbezug der Eltern und der Familie. Bei Risikogeburten oder Komplikationen unter Geburt steht das Team der Neonatologie zur Versorgung aller Neugeborenen im Inselspital zur Verfügung.
Die Dauer des Klinikaufenthaltes hängt vom Gesundheitszustand und der Entwicklung des Kindes ab. Alle Kinder müssen bestimmte Kriterien erfüllen, um nach Hause gehen zu können, darunter Wärmehaushalt, Stabilität am Monitor und ausreichende Ernährung/Trinken.
Ein Aufenthalt auf der Neonatologie ist oft unverhofft und bedeutet eine zeitweise Trennung zwischen Eltern und Kind. Es ist dem Team ein großes Anliegen, den Eltern in dieser herausfordernden Situation Sicherheit zu vermitteln. Direkt nach der Geburt wird das Kind durch ein Team der Neonatologie betreut. Falls möglich, kann ein Elternteil der Erstversorgung beiwohnen. Sobald das Kind auf der Station ist, können die Eltern so bald wie möglich vorbeikommen, ihr Kind sehen und begrüßen. Die Eltern werden aktiv in die Pflege ihres Kindes einbezogen.
Von Frühgeburten und persönlichen Herausforderungen: Maik ist Kinderkrankenpfleger I 37 Grad
Herausforderungen und Ausblick
Die Entwicklung zeigt, dass die Geburtshilfe auf den deutschen Nordseeinseln ein schwindendes Phänomen ist. Die Schließung von Geburtshilfeabteilungen und der Mangel an medizinischem Personal stellen eine große Herausforderung dar. Initiativen wie das Bürgerbegehren auf Sylt und Föhr versuchen, dem entgegenzuwirken, doch die wirtschaftlichen und haftungsrechtlichen Hürden sind hoch.
Es bleibt abzuwarten, ob und wie die Geburtshilfe auf den Inseln in Zukunft aufrechterhalten werden kann. Bis dahin sind werdende Eltern auf den Inseln auf die Kliniken auf dem Festland angewiesen, und die Anreise kann insbesondere bei unerwarteten Geburten zu einer zusätzlichen Belastung werden.
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