Ein bedeutendes Kunstwerk für die Westfälische Wilhelms-Universität
Seit einem Jahr hängt im Foyer des Schlosses zu Münster, dem Hauptgebäude der Westfälischen Wilhelms-Universität, ein großformatiges Gemälde von Alfred Hrdlicka mit dem Titel "Fort Auschwitz", das an die verdrängte Geschichte der Verfolgung und Ermordung nordamerikanischer Indianer erinnert. Mit dem Bilderzyklus "Die Wiedertäufer" erhält die Universität Münster jetzt ein weiteres bedeutsames Kunstwerk des international bekannten Wiener Malers.
Übergeben werden die 12 Zeichnungen, von denen die Universität fünf erwirbt und sieben weitere als Leihgaben des Künstlers erhält, in einer Feierstunde am Donnerstag, 20. [Monat].

Alfred Hrdlicka: Ein Künstler der Extreme
Alfred Hrdlicka, geboren 1928 in Wien, gilt als einer der wichtigsten zeitgenössischen Künstler Österreichs. In den vergangenen vier Jahrzehnten wurden seine Bilder und Skulpturen in vielen großen Museen der Welt gezeigt. Immer hat sein Werk, das von einem extremen psychischen und physischen Übermaß gekennzeichnet ist, für begeisterte Annahme oder schroffe Ablehnung gesorgt.
Hrdlicka hat die menschliche Figur, die im Zentrum seines gesamten Schaffens steht, künstlerisch in Extremzustände des Leids, der Schändungen, des Tötens und der Sexualität überführt. Bewusst definiert er sich als Antipode zur modernen abstrakten Malerei und reklamiert für seine künstlerische Tätigkeit gesellschaftliches und politisches Engagement. In diesem Zusammenhang hat sich Hrdlicka mehrfach mit dem Gedanken an Krieg und Gewalt künstlerisch auseinandergesetzt.
Seine Kunst ist nicht fürs Wohlfühlen geschaffen. Die Bilder des am vergangenen Samstag gestorbenen österreichischen Künstlers Alfred Hrdlicka sind drastisch, anklagend, aufwühlend.
Der "Wiedertäufer-Zyklus": Macht, Gewalt und Religion
In seinem Bilderzyklus "Die Wiedertäufer" setzt sich Alfred Hrdlicka mit dem teils fanatischen, teils getriebenen Verhalten einzelner Abweichler einer Großmacht gegenüber auseinander. Am Beispiel einzelner verbürgter Ereignisse zeigt der Künstler, wie Macht funktioniert: Grausamkeit, Brutalität, Herrschsucht, aber auch Sexualität, Eitelkeit und Protzerei.
Das Besondere an der Wiedertäuferbewegung liegt für den Wiener Künstler in der Tatsache, dass eine Weltmacht durch ein paar Individuen auf Leben und Tod herausgefordert wurde. Sie suchten ihre Vorstellung von einer Gottesknechtschaft zu verwirklichen.

Der Zyklus "Die Wiedertäufer" von 1993 setzt sich intensiv mit der Münsteraner Täuferherrschaft auseinander. Die Werke sind nicht weniger drastisch als andere Arbeiten Hrdlickas. Macht, Gewalt und Sex - besonders auch in ihrer Kombination - sind die dominierenden Motive. "Alfred Hrdlicka war vermutlich klar, was für eine Zumutung seine Zeichnungen für die Betrachter sind. Aber er hat damit gespielt, um die Brutalität der Wiedertäuferherrschaft in Münster darzustellen", sagt Universitätskustos Dr. Eckhard Kluth.
Ein zentrales Werk der Serie ist das Aquarell "Einsamkeit der Macht" (1993), das den Wiedertäuferkönig Jan van Leiden auf seinem Thron darstellt. Die Farben sind erdig-warm, die Palette reicht von Aschgrau über Karamellbraun bis hin zu Gelb- und Orangetönen. Jan van Leiden ist nackt dargestellt und blickt dem Betrachter direkt entgegen.
Als einziges Werk der Serie nicht im Archiv eingelagert ist Bild Nummer 14, "Die Käfige" (1997). Diese Ergänzung zum Zyklus zeigt die Wiedertäufer Jan van Leiden, Bernhard Krechting und Bernd Knipperdolling nach ihrer Hinrichtung in den drei eisernen Körben am Turm der Münsteraner Lambertikirche. Dieses großformatige Bild hängt im Büro von Katja Graßl, Personaldezernentin und stellvertretende Kanzlerin der WWU. Sie beschreibt die Darstellung als "etwas blutrünstig", aber im Vergleich zu den anderen Wiedertäufer-Bildern doch eher zurückhaltend und als ein Stück Stadtgeschichte.
Die Geschichte der "Wiedertäufer"-Bilder in Münster
Für die Universität Münster bietet der "Wiedertäufer-Zyklus" nach dem Hrdlicka-Bild "Fort Auschwitz" und dem großformatigen Gemälde "Aufruf zur Verteidigung der persönlichen Freiheit" von Rudolf Hausner, das seit 1993 ebenfalls im Schloßfoyer hängt, eine weitere Gelegenheit, herausragende Werke der modernen Malerei in ihren Räumen zu zeigen.
Von 1999 bis 2007 hingen die 14 Bilder im Schloss: im Erdgeschoss im Südflügel-Flur, vor den Büros des Rektorats. Vermittelt durch den 2012 verstorbenen Psychologieprofessor Walter Schurian, der mit Alfred Hrdlicka befreundet war, hatte die WWU die Hrdlicka-Bilder teils durch Schenkungen erhalten, teils erworben. Die Universität Münster war seinerzeit durch die Vermittlung des Kunst-Psychologen Prof. Walter Schurian, einem persönlichen Freund Hrdlickas, der hier lehrte, zustande gekommen.
Trotzdem war Hrdlicka lange im Schlaun'schen Barockschloss, dem Hauptquartier und Repräsentationsgebäude der Universität, der am häufigsten mit Werken vertretene Künstler. 1999 schenkte er der Universität seinen 13-teiligen Wiedertäufer-Zyklus. Im Schloss-Foyer hing bereits sein Bild "Fort Auschwitz" als Leihgabe. Zwei Jahre später zog mit der "Metamorphose der Endlösung" ein großformatiges Bild Hrdlickas als Leihgabe ins Foyer des Schlosses ein.
Als das Schloss-Foyer saniert und die angrenzenden Flure gestrichen wurden, seien die Bilder abgehängt und eingelagert worden. Die Renovierung ist lange abgeschlossen, aber die Wiedertäufer-Zeichnungen kehrten nicht zurück. Der Platz sei auch sehr geeignet für Wechselausstellungen, so Sprecher Robers. Zum Neujahrsempfang der Uni im Januar sollen dort andere Exponate zu sehen sein. "Die Hrdlicka-Bilder werden auf jeden Fall wieder aufgehängt", versichert Sprecher Robers. Wo, das sei allerdings noch unklar.
Später rückte die Frage nach einem angemessenen Empfang von Gästen in den Vordergrund. Denn die Kunstwerke sorgten immer wieder für Irritationen und Ablehnung, nicht nur bei Studierenden und Angehörigen der Universität, sondern auch bei jenen, die das Rektorat besuchten und dabei unvermittelt auf die "Wiedertäufer" stießen. "Die Bilder hingen so, dass man daran vorbeigehen musste", erinnert sich Martina Hofer vom International Office der WWU, zu deren Aufgaben die Begleitung von Delegationen aus aller Welt bei Empfängen gehört.
2007 wurden die Zeichnungen im Zuge von Renovierungsarbeiten abgehängt und eingelagert. Seitdem sind sie unter Verschluss: Die Werke aus dem Wiedertäufer-Zyklus von 1993 lagern mit weiteren Druckgrafiken Alfred Hrdlickas im Kunstmagazin der WWU, wo sie nicht öffentlich zugänglich sind. "Es ist aber nicht so, dass der Wiedertäufer-Zyklus nicht mehr gezeigt werden darf. Die Bilder sind nicht hinter verschlossenen Türen, um sie dauerhaft zu verstecken", unterstreicht Eckhard Kluth. "Das Schlossfoyer war allerdings der falsche Ort, um die Werke zu zeigen. Jeglicher Kommentar, der die drastischen Darstellungen vor ihrem historischen Hintergrund erklärt hätte, fehlte."
Eine Kunstausstellung wäre der richtige Rahmen, um die Bilder wieder öffentlich zu präsentieren, meint der Kustos. Da allerdings derzeit niemand an der WWU die Bilder bei sich im Institut oder in der eigenen Abteilung aufhängen möchte, lagern die "Wiedertäufer" im Kunstmagazin hinter verschlossenen Türen.
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