Einblick in die Anti-Abtreibungsbewegung: Der Impact-Kongress
Der Text schildert die Erfahrungen einer jungen Frau, die sich als Teilnehmerin verdeckt auf dem Impact-Kongress, einer Konferenz der jungen, deutschen Anti-Abtreibungsbewegung, bewegt. Dort werden Workshops zu Zahlen und Argumenten rund um das Thema Abtreibung angeboten. Die Atmosphäre des Kongresses wird als ungewohnt offen für Gespräche über Verhütung und Föten beschrieben.
Eine Teilnehmerin namens Clara, etwa 30 Jahre alt, schlägt ein Rollenspiel vor, bei dem die Ich-Erzählerin ihre "große Schwester" spielt und einer schwangeren Freundin rät, das Baby abzutreiben. Diese Idee dient dazu, den Teilnehmern zu vermitteln, wie man betroffenen Frauen einen "wertfreien Raum zur Entfaltung" bieten kann, indem man Ich-Botschaften sendet und die Aussagen der Frauen in eigenen Worten wiederholt. Die Erzählerin identifiziert sich als Feministin und betont die Bedeutung der Selbstbestimmung über den eigenen Körper seit 1995.
Auf dem Kongress fällt eine junge Klientel auf: Hipsterbärte, weiße Nike-Turnschuhe und Einhornpullis dominieren das Bild, die Hälfte der Anwesenden sind junge Männer. Viele junge Frauen wie Johanna schwärmen von den LifeTALKS, Workshops an Schulen, die vom Verein ab der 8. Klasse angeboten werden.
Die Erzählerin ist anfangs verklemmt, da sie sich nach zwei Tagen Kongress nicht daran gewöhnen kann, mit Wildfremden so offen über Abtreibung zu sprechen.
Maria und die neue Pro-Life-Bewegung
Maria, um die 30 und resolut auftretend, wird als Speerspitze der neuen, deutschen Pro-Life-Bewegung vorgestellt. Sie hat kürzlich in Augsburg den ProLife Europe e.V. mitgegründet. Dieser Verein wird von etablierten Lebensschützern wie der "Stiftung Ja zum Leben" und dem "Aktion Lebensrecht für Alle e.V." unterstützt, richtet sich aber gezielt an junge Menschen.
Für Maria beginnt das Leben mit der Empfängnis. Im Jahr 2018 gab es in Deutschland 100.986 Schwangerschaftsabbrüche, wobei die Frauen meist zwischen 18 und 30 Jahre alt waren. Während die Erzählerin dies als 100.986 ungewollte, unglückliche Kinder weniger betrachtet, sieht Maria darin 100.986 "straffreie Morde", ein "Babyzid".
Die Rhetorik der Lebensschützer
Die erste Rednerin, Elvira, eine österreichische Hebamme und Anti-Abtreibungsaktivistin, wirkt wie eine erfahrene Feministin. Sie ermutigt die Zuhörer, sich zu fragen: "Was würde der mutigste, stärkste, liebevollste Teil von ihnen entscheiden." Es wird über ihre früheren Demonstrationen mit aufblasbaren Uterussen vor Abtreibungsärzten berichtet, bei denen sie humorvoll ins Gespräch kam.
Die Vorträge werden mit tosendem Applaus bedacht, und die Fragerunden müssen oft abgebrochen werden. Die Sprüche und Plakate spielen mit feministischen Parolen, wie beispielsweise "Mein Körper gehört mir" mit einem hinzugefügten Embryo, um Argumente der Gegenseite umzudrehen.
Die Erzählerin befürchtet, dass die "Lebensschützer" die bessere Geschichte erzählen, da sie Leben retten, Familien gründen und Frauen helfen. Sie gesteht, dass das Narrativ der Abtreibungsbefürworter weniger überzeugend sei.
Die US-Feministin Erica Millar beschreibt in ihrem Buch "Happy Abortions" das "Dilemma", dass die Proklamation des Schwangerschaftsabbruchs als Ausdruck von Selbstbestimmtheit darüber hinwegtäuschen kann, dass manche Frauen sich das Elternwerden schlicht nicht leisten können.
Die deutsche Gesetzgebung zu Abtreibungen wird als eine der kompliziertesten in Europa beschrieben, mit verpflichtenden Beratungen, die als "schizophren" empfunden werden. Die Erzählerin denkt kurz darüber nach, ob ein Gespräch mit den Lebensschützern möglich wäre, anstatt sie als "wirre, reaktionäre Antifeministen" abzustempeln, besonders wenn die Gesetze ihnen teilweise Recht geben.
Fundamentale Positionen und Kritik
Der Text kritisiert jedoch den Fundamentalismus der Bewegung, der Frauen in gewalttätigen Beziehungen, Vergewaltigte, Alleinerziehende, Arme und Minderjährige dazu drängt, ihre Kinder unbedingt zu bekommen. Abtreibende Frauen werden als egozentrisch dargestellt, die ihre Selbstverwirklichung über das existentielle Bedürfnis des Babys nach Leben stellen.
In der Fragerunde wird nach Vergewaltigungen gefragt. Die Antwort lautet, dass dies zwar "unfassbares Unrecht" sei, aber die Selbstbestimmung der Frau mit der Empfängnis ende. Dies steht im Widerspruch zu Studien, die zeigen, dass Frauen in Ländern mit Abtreibungsverboten illegale und gefährliche Wege finden.
Die Demonstration und Gegenproteste
Der nächste Programmpunkt ist eine große Demonstration. Die Erzählerin läuft neben Nils, einem Mitgründer des neuen Vereins, dessen Bruder das Downsyndrom hat. Nils' Bruder repräsentiert für die Bewegung die Argumentation, dass das Recht auf Abtreibung bedeute, dass Eltern sich gegen Menschen wie ihn entscheiden.
Auf dem Weg zur Demonstration laufen Gegendemonstrantinnen vorbei, die wütend über die Eingriffe in ihre Körper sind. Die Erzählerin wendet sich einer älteren Frau zu, die sich als AfD-Abgeordnete herausstellt. Die AfD-Parteilspitze hatte sich zuvor mit dem "Marsch für das Leben" solidarisiert.
Während die Teilnehmer des Impact-Kongresses auf die Bühne dürfen, entzieht sich die Erzählerin dem Geschehen. Auf der anderen Seite der Spree demonstrieren Abtreibungsbefürworterinnen, die später die Bühne stürmen werden. Die Veranstalter des "Marsch für das Leben" werten den Tag als Erfolg mit einer Rekordteilnehmerzahl von 8.000 Abtreibungsgegnern.

Historischer Kontext: Die "Wir haben abgetrieben!"-Aktion
Der Artikel beleuchtet die historische Aktion "Wir haben abgetrieben!" aus dem Jahr 1971 im Magazin "Stern". 374 Frauen, darunter prominente Schauspielerinnen wie Senta Berger und Romy Schneider, bekannten sich öffentlich zu einem Schwangerschaftsabbruch und forderten das Recht auf einen legalen Abbruch.
Diese Aktion, inspiriert von einer ähnlichen Initiative in Frankreich, war ein mutiges Wagnis angesichts eines 100 Jahre alten Gesetzes, das Strafen von bis zu fünf Jahren Haft und Geldstrafen vorsah. Die Frauen riskierten Jobverlust, Scheidung und familiären Ausschluss.
Der "Stern"-Bericht löste einen Skandal aus und thematisierte ein absolutes Tabu. Die Aktion rief Abtreibungsgegner auf den Plan, vor allem Konservative und die katholische Kirche. Dennoch solidarisierte sich eine breite Masse von Frauen, darunter Studentinnen, Berufstätige, Hausfrauen und Mütter, im Widerstand gegen die Bevormundung durch Ärzte, Richter und Politiker.
Im Juli 1971 forderten Delegierte aus Aktionsgruppen verschiedener deutscher Großstädte in der "Aktion 218" die Streichung des Paragrafen 218 aus dem Strafgesetzbuch. Sie forderten die Übernahme der Kosten für Abtreibungen und die Pille durch die Krankenkassen.
Die Debatte führte zu einer Liberalisierung durch die sozial-liberale Koalition mit der Einführung der Fristenlösung. Diese wurde jedoch im Januar 1975 vom Bundesverfassungsgericht auf Antrag der Union kassiert. Ein Kompromiss von 1976 sah vor, dass Abtreibungen weiterhin gesetzeswidrig blieben, Ausnahmen jedoch bei medizinischer, eugenischer, sozialer oder ethischer Indikation galten.

Aktuelle Gesetzgebung und Debatten in Deutschland
Auch heute noch sind Schwangerschaftsabbrüche in Deutschland nicht legal, sondern werden nur dann nicht geahndet, wenn strenge gesetzliche Vorgaben eingehalten werden: eine Beratung, eine dreitägige Bedenkzeit und der Abbruch in den ersten zwölf Schwangerschaftswochen. In den meisten Fällen müssen Frauen die Kosten selbst tragen; nur in Härtefällen oder bei medizinischer/kriminologischer Indikation übernimmt die Krankenkasse die Kosten.
50 Jahre nach der ersten Aktion widmete sich der "Stern" 2021 erneut diesem Thema. Die Debatte um Emanzipation und Gleichberechtigung setzt sich im 21. Jahrhundert fort, und Aktionen wie #MeToo und #actout zeigen Parallelen zur damaligen Offenheit und dem Ruf nach gesellschaftlicher Debatte.
Die Debatte um Frauke Brosius-Gersdorf und die Meinungsfreiheit
Der Artikel thematisiert die Kontroverse um die Kandidatur von Frauke Brosius-Gersdorf für das Bundesverfassungsgericht. Ihre Haltung zu Abtreibungen wurde zum zentralen Thema, wobei rechte Netzwerke gezielt Lügen über die Juristin verbreiteten. Es wurde behauptet, sie sei für "straffreie Abtreibung bis zum 9. Monat", obwohl sie lediglich den Begriff der Menschenwürde in seiner rechtlichen Konsequenz untersucht hatte.
Brosius-Gersdorf vertritt eine differenzierte Haltung: Sie argumentierte, dass die Menschenwürdegarantie "gute Gründe" habe, erst ab Geburt zu gelten. Dies wurde aus dem Kontext gerissen und falsch interpretiert. Sie stellte klar, dass ihr Ziel die Aufzeigung eines verfassungsrechtlichen Dilemmas war: Wenn dem ungeborenen Leben ab Nidation die Menschenwürde wie dem Menschen nach Geburt zuerkannt würde, wäre ein Schwangerschaftsabbruch unter keinen Umständen zulässig. Dennoch betonte sie, dass das ungeborene Leben ab Nidation ein Grundrecht auf Leben habe.
Brosius-Gersdorf war Mitglied einer Expertenkommission, die 2023/2024 von der Ampel-Regierung eingesetzt wurde, um eine Entkriminalisierung von Abtreibungen zu prüfen. Die Kommission entwickelte ein Modell, das die Komplexität der Situation abbildet und zu dem Schluss kam, dass in der Frühphase der Schwangerschaft der Lebensschutz des Embryos gegenüber der Menschenwürde der Schwangeren zurücktreten müsse. Abtreibungen innerhalb der ersten zwölf Wochen sollten demnach erlaubt und legalisiert werden. In der Spätphase der Schwangerschaft müsse dem Lebensrecht des Embryos ein höheres Gewicht beigemessen werden.
Diese Position wird auch vom Deutschen Ärztetag 2025 mehrheitlich unterstützt, der sich für eine Neuregelung des Schwangerschaftsabbruchs außerhalb des Strafgesetzbuches im ersten Trimenon aussprach.
Die Debatte um Abtreibungen wird als Kulturkampf-Thema weltweit betrachtet, das von konservativen und fundamentalistischen Kräften zur Mobilisierung genutzt wird. Für die Neue Rechte biete das Thema eine ideale Projektionsfläche, da die Kontrolle weiblicher Körper als "Keimzelle der Nation" betrachtet wird.
Zahlreiche Juristen zeigten sich entsetzt über den Umgang mit Brosius-Gersdorf. In einem offenen Brief stellten sich 285 Wissenschaftler, überwiegend Rechtswissenschaftler, hinter sie und warnten vor einer Beschädigung der Justiz und der demokratischen Ordnung.

Die "Hart aber fair"-Sendung und die Gender-Debatte
Der Artikel thematisiert auch die ARD-Talkshow "Hart aber fair" und die damit verbundene Kritik. Eine Ausgabe zum Thema Gender, die unter dem Titel "Nieder mit den Ampelmännchen" ausgestrahlt wurde, wurde von Frauenverbänden und Gleichstellungsbeauftragten als unseriös empfunden und aus der Mediathek gelöscht.
Kritisiert wurde unter anderem die Anmoderation von Frank Plasberg, der sich über die Anzahl der Professuren für Genderforschung lustig machte und die Umbenennung von Studentenwerken in Studierendenwerke als "Wortungetüm" bezeichnete. Gäste wie Wolfgang Kubicki und Birgit Kelle vertraten Positionen, die von anderen Teilnehmern wie Anton Hofreiter und Anne Wizorek als biologistisch und als "typisches Machogehabe" kritisiert wurden.
Eine weitere kontroverse Sendung behandelte die Rolle von Frauen im Krieg. Sahra Wagenknecht stellte die Aussage einer ukrainischen Vergewaltigungsopfer in Frage, woraufhin Moderator Louis Klamroth heftig widersprach und auf UN-Zahlen verwies, die angeblich keine Belege für Vergewaltigungen durch ukrainische Soldaten zeigten. Später musste der WDR einen Fehler eingestehen: Ein Bericht der UN-Menschenrechtskommissarin berichtete auch über sexualisierte Gewalt auf ukrainisch kontrolliertem Gebiet, wenn auch mit einem Großteil der Verbrechen, die den Russen angelastet wurden.
Die Löschung der Gender-Sendung aus der Mediathek wurde von vielen als Verletzung der Meinungsfreiheit kritisiert. Wolfgang Kubicki forderte, die Sendung wieder zugänglich zu machen.
Hart aber fair 05.10.2020 Streit um die Sprache: Was darf man noch sagen und was besser nicht?
Kritik an internationaler Abtreibungspolitik
Die Publizistin Birgit Kelle kritisiert in einem Kommentar, dass Abtreibungen in Europa zur Normalität geworden seien und die Europäische Union plane, Gelder für internationale Organisationen bereitzustellen, die Abtreibungen anbieten, nachdem der US-Präsident Donald Trump diese Gelder gestrichen hatte.
Kelle bemängelt, dass der Grundsatz "Du sollst nicht töten" auf Partys vertreten werde, während gleichzeitig das Schreddern von Hühnerküken verhindert werden solle. Sie hinterfragt, warum die vollständige Legalisierung und Durchführung von Abtreibungen weltweit als Menschenrecht gelte.
Fall des Klinikums Lippstadt
Der Artikel erwähnt kurz den Fall des Klinikums Lippstadt, wo ein Urteil für Klarheit sorgte und die Rechte des Klinikums gestärkt wurden. Das Erzbistum betont seine Beratungsangebote für Frauen in Notlagen. Parallel dazu fand eine Demonstration für das Recht auf Schwangerschaftsabbrüche statt, bei der das Ende des kirchlichen Arbeitsrechts gefordert wurde.

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