Während die Auswirkungen von COVID-19 auf Schwangerschaften intensiv erforscht werden, rücken die Risiken anderer Viruserkrankungen, für die bereits ein Impfschutz existiert, oft in den Hintergrund. Eine solche Erkrankung ist Influenza (Grippe), deren Risiken für werdende Mütter und ihre Kinder noch nicht ausreichend bekannt sind.
Risiken einer Influenza-Infektion während der Schwangerschaft
Eine internationale Forschergruppe unter der Leitung von Dr. Fatimah S. Dawood vom Centers for Disease Control and Prevention (CDC) in Atlanta, USA, hat eine prospektive Kohortenstudie durchgeführt, um die Wissenslücke bezüglich der Risiken von Influenza während der Schwangerschaft zu schließen. An dieser Studie nahmen 11.277 schwangere Frauen mit einem Durchschnittsalter von 26 Jahren und einem Gestationsalter von durchschnittlich 19 Wochen teil.
Die teilnehmenden Frauen wurden bis zum Ende ihrer Schwangerschaft zweimal wöchentlich kontaktiert, um Grippesymptome zu erfassen. Bei Auftreten von Symptomen wurden Nasenabstriche und Influenza-T-PCR-Tests durchgeführt. Untersucht wurde der Zusammenhang zwischen pränataler Influenza und Frühgeburten, späten Aborten (nach der 13. Schwangerschaftswoche), kleinem Gestationsalter (SGA) und Geburtsgewicht von termingerecht geborenen Kindern.
Studienergebnisse zur Influenza-Inzidenz und Risikobewertung
Von den insgesamt 11.277 Teilnehmerinnen erhielten 1.474 Frauen (13%) eine Grippeimpfung. Insgesamt erkrankten 310 Schwangere (2,7%) an der Virusgrippe, davon 270 an Influenza A und 40 an Influenza B. Die Influenza-Inzidenz lag in der Saison 2017 bei 88,7 pro 10.000 Schwangerschaftsmonate (95% Konfidenzintervall 68,6−114,8) und in der Saison 2018 bei 69,6 pro 10.000 Schwangerschaftsmonate (95% KI 53,8−90,2). Das Risiko, an Grippe zu erkranken, lag während der Grippesaison zwischen 0,7% und 0,9% pro Schwangerschaftsmonat.

Auswirkungen auf Schwangerschaftsausgänge
Von den 10.826 Frauen, für die vollständige Daten vorlagen, erlitten 11% Frühgeburten, bei 22% war das Kind zu klein für sein Gestationsalter (SGA) und 2% erlitten einen Spätabort.
Das mittlere Geburtsgewicht aller Säuglinge betrug 3012 (565) g, während es bei termingerechten Einlingsgeburten 3092 (516) g lag.
Die Studie ergab, dass pränatale Influenza nicht mit einem erhöhten Risiko für Frühgeburten (bereinigte Hazard Ratio = aHR 1,4; 95% KI 0,9−2,0; p=0,096) oder SGA-Säuglinge (bereinigtes relatives Risiko 1,0; 95% KI 0,8−1,3; p=0,97) assoziiert war.
Deutliche Erhöhung des Risikos für Spätaborte
Jedoch steigerte eine Virusgrippe während der Schwangerschaft das Risiko für einen späten Abort um das Zehnfache (aHR 10,7; 95% KI 4,3−7,0; p<0,0001). Das mittlere Geburtsgewicht von termingerecht geborenen Kindern war im Vergleich zu Babys, deren Mütter keine Influenza durchgemacht hatten, durchschnittlich um 55,3 g geringer (95% KI -109,3−1,4; p=0,0445).
Diese signifikante Reduktion des mittleren Geburtsgewichts wurde nur beobachtet, wenn die Schwangeren während des zweiten Trimesters an Influenza erkrankten.

Empfehlung zur Grippeimpfung in der Schwangerschaft
Die Epidemiologen fassen zusammen: Obwohl pränatale Influenza nicht mit einem Frühgeburtsrisiko verbunden ist, steigt die Gefahr eines Spätaborts nach der 13. Schwangerschaftswoche um das Zehnfache. Die Influenza-Impfung wird daher als wichtige Schutzmaßnahme für Mutter und Kind betrachtet.
Sicherheit und Unbedenklichkeit der Grippeimpfung
Die Influenza-Impfung wird in Deutschland seit 2010 von der Ständigen Impfkommission (STIKO) für alle Schwangeren ab dem 2. Trimenon empfohlen. Bei einem erhöhten Risiko für einen schweren Verlauf einer Influenza aufgrund einer Grunderkrankung kann bereits ab dem 1. Trimenon geimpft werden. Die Sorge vor der Verabreichung eines indizierten Totimpfstoffs während der Schwangerschaft ist laut Experten unbegründet, da zahlreiche Untersuchungen und Studien die Sicherheit und gute Verträglichkeit der Impfung für Mutter und Kind belegen.
Teratogene Auswirkungen auf das Kind wurden nie beobachtet. Selbst während der Pandemie 2009 wurden bei der Auswertung tausender Schwangerschaftsverläufe keinerlei Hinweise auf eine negative Beeinflussung der Schwangerschaft durch die Impfung gefunden, weder in der Frühschwangerschaft noch im 2. oder 3. Trimenon. Es wurden keine erhöhten Fehlgeburtsraten oder vermehrten Schwangerschaftskomplikationen beobachtet, auch keine angeborenen Schädigungen beim Kind.

Hintergrund und physiologische Aspekte
Eine Infektion mit Influenzaviren in der Schwangerschaft kann ein Risiko für Mutter und Embryo darstellen. Insbesondere im 2. und 3. Schwangerschaftsdrittel werden deutlich mehr Komplikationen beobachtet, vor allem Pneumonien, die zu Hospitalisierungen führen. Physiologische Veränderungen während der Schwangerschaft, wie eine verminderte zellvermittelte Immunität, machen Schwangere möglicherweise anfälliger für das Influenzavirus.
Eine Gefahr für das ungeborene Kind geht insbesondere von hohem Fieber aus (deutlich über 39 °C und über 24 Stunden), da es die Entwicklung des Kindes stören und das Risiko einer Fehlgeburt erhöhen kann. Die Grippeimpfung während der Schwangerschaft bietet somit einen großen Nutzen für Mutter und Kind und kann ohne Bedenken verabreicht werden. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt die Grippe-Impfung für Schwangere sogar mit der höchsten Priorität.
Empfehlungen von Fachgesellschaften
Die STIKO empfiehlt die Grippeimpfung allen gesunden Schwangeren ab dem vierten Schwangerschaftsmonat. Schwangere mit chronischen Grunderkrankungen wie Asthma, Diabetes oder Bluthochdruck sollten sich bereits im ersten Schwangerschaftsdrittel impfen lassen. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) betont, dass die Grippeimpfung für Schwangere nachweislich einen wirksamen Schutz für Mutter und Kind bietet.
Die STIKO empfiehlt die Grippeimpfung noch vor Beginn der Grippewelle, idealerweise im Oktober und November. Auch wenn die Impfung zu Beginn der Frist im ersten Trimester erfolgt, wird sie als empfehlenswert und unbedenklich eingestuft. Die Risiken einer Grippe-Infektion in der Frühschwangerschaft, wie hohes Fieber und bakterielle Folgeerkrankungen, können das Risiko einer Fehlgeburt stark erhöhen.
Die Empfehlung, erst ab dem 4. Monat zu impfen, basiert größtenteils auf der Tatsache, dass die meisten spontanen Fehlgeburten im ersten Trimenon auftreten und das RKI vermeiden möchte, dass diese fälschlicherweise der Grippeimpfung zugeschrieben werden. Gesundheitsämter und Frauenarzt-Verbände in Ländern wie den USA, Großbritannien, Australien und Neuseeland empfehlen die Grippeimpfung sogar ausdrücklich ab dem ersten Trimester.
Vorteile der Grippeimpfung für Mutter und Kind
- Senkt das Risiko von Früh-, Fehl- und Stillgeburten: Da das Immunsystem in der Schwangerschaft herunterfährt, gehören Schwangere zur Risikogruppe. Ein schwerer Verlauf kann zu vorzeitigen Wehen und somit zu Früh- oder Fehlgeburten führen.
- Gesenktes Risiko von Fehlbildungen: Anhaltendes hohes Fieber bei einem schweren Grippeverlauf kann sich negativ auf die Entwicklung des Neuralrohrs, des zentralen Nervensystems und der Organe des Babys auswirken.
- Immunschutz für das Baby (Nestschutz): Die von der Mutter gebildeten Antikörper werden über die Plazenta auf das ungeborene Kind übertragen. Ab dem Zeitpunkt der Geburt besteht für die ersten sechs Monate ein Immunschutz gegen Grippe für das Baby. Studien deuten darauf hin, dass diese Kinder auch im weiteren Leben weniger anfällig für Grippeviren sind.
#92 Grippeimpfung in der Schwangerschaft
Sicherheit von Impfstoffen und Inhaltsstoffen
Die Grippeimpfung kann Autismus nicht hervorrufen. Die umstrittene Studie, die einen Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus postulierte, wurde widerlegt. Das Quecksilber-basierte Konservierungsmittel Thiomersal, das einst als möglicher Auslöser galt, wird seitdem nicht mehr in Impfstoffen verwendet.
Die in Deutschland zugelassenen Influenza-Impfstoffe sind Totimpfstoffe, die inaktivierte (nicht vermehrungsfähige) Viren enthalten und als sicher gelten. Sie enthalten weder Quecksilber noch Aluminium. Die inaktiven Virusteilchen gelangen nicht zum Baby, da sie von der Plazenta abgewehrt werden. Die verwendeten Reinigungs- und Konservierungsstoffe sind in so geringen Mengen vorhanden, dass sie als vernachlässigbar gelten. Beispielsweise nimmt der Körper über die Nahrung täglich ein Vielfaches an Formaldehyd auf, als in einer Dosis der Grippeimpfung enthalten ist.
Mögliche Nebenwirkungen und Kontraindikationen
Mögliche Nebenwirkungen einer Grippeimpfung in der Schwangerschaft sind Rötungen an der Impfstelle, erhöhte Temperatur, Abgeschlagenheit und Gliederschmerzen. Diese Nebenwirkungen haben keinen Einfluss auf das Baby und sollten nur wenige Tage anhalten.
Auf die Grippeimpfung verzichtet werden sollte bei akuten Krankheiten wie einer Erkältung, bis zur vollständigen Genesung. Ein wichtiger Grund, nicht geimpft zu werden, ist eine Hühnereiweißallergie, da der Impfstoff zur Anzüchtung der Viren Hühnereier benötigt.
Zeitpunkt der Impfung
Der ideale Zeitpunkt für die Grippeimpfung bei Schwangeren liegt in der Regel im 2. oder 3. Trimenon. Gesunden Schwangeren wird die Impfung ab dem 4. Schwangerschaftsmonat empfohlen. Bei Schwangeren mit chronischen Vorerkrankungen kann ein früherer Zeitpunkt, bereits im ersten Trimenon, sinnvoll sein.
Die Impfung wird von der STIKO und dem Berufsverband der Frauenärzte (BVF) ausdrücklich für Schwangere empfohlen. Studien zeigen keine erhöhte Rate an Fehlgeburten, Fehlbildungen oder anderen Komplikationen durch die Impfung.
Unterschied zwischen Grippe und Erkältung
Es ist wichtig, eine echte Grippe (Influenza) nicht mit einer gewöhnlichen Erkältung zu verwechseln. Die Grippe ist eine ernsthafte Viruserkrankung mit plötzlich einsetzendem hohen Fieber, starken Kopf- und Gliederschmerzen sowie ausgeprägtem Krankheitsgefühl. Eine Erkältung verläuft meist deutlich milder und ohne hohes Fieber. Nur gegen Influenza gibt es eine Impfung, gegen normale Erkältungen nicht.
Die Grippeimpfung ist eine der wichtigsten Schutzmaßnahmen in der Schwangerschaft - sowohl für die werdende Mutter als auch für ihr Kind. Die von der Mutter gebildeten Antikörper werden über die Plazenta auf das Kind übertragen und bieten dem Baby in den ersten sechs Lebensmonaten einen sogenannten Nestschutz gegen Influenza.

Wissenschaftliche Studien, wie die der CDC, bestätigen den Nutzen eines Grippeschutzes während der Schwangerschaft. Die US-amerikanische Seuchenbehörde CDC stellt fest, dass die Influenzaimpfung von Schwangeren nach wie vor "zu wenig" in Anspruch genommen wird, möglicherweise aufgrund von mangelnder Information oder Unterschätzung der Schwere der Erkrankung.
Die Untersuchung an 11.277 Schwangeren in Indien, Peru und Thailand bestätigte, dass eine Influenzaerkrankung in der Schwangerschaft mit einem erhöhten Risiko für späte Fehlgeburten und einem geringeren Geburtsgewicht des Säuglings assoziiert ist. Es wurde jedoch kein Zusammenhang mit einem höheren Risiko für Frühgeburten oder einer geringen Geburtsgröße des Neugeborenen gefunden.
Alle in Deutschland zugelassenen Influenza-Impfstoffe sind Totimpfstoffe, die keine Gefahr für das Ungeborene darstellen. Die Ergebnisse dieser Studien decken sich mit früheren Untersuchungen aus Dänemark und den USA.
Die Impfung senkt das Risiko für Hospitalisierungen aufgrund von Grippe um etwa 67 %. Vaxigrip® Tetra ist ein Impfstoff, der explizit für Schwangere zugelassen ist und den passiven Schutz des Säuglings durch mütterliche Antikörper unterstützt.
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