Die Geburt Christi in Andreas Gryphius' Sonett: Eine Metapher für Licht in der Dunkelheit

Das Gedicht "Über die Geburt Jesu" von Andreas Gryphius, erstmals 1643 gedruckt, präsentiert auf den ersten Blick eine für einen Barockdichter ungewöhnlich minimalistische Sicht auf die Geburt Christi. Gryphius verzichtet bewusst auf erzählerische Ausschmückungen wie Bethlehem, Krippe und Windeln. Stattdessen konzentriert er sich auf die elementaren Gegensätze von Licht und Nacht.

Die "Nacht", von der das Gedicht spricht, ist zweifach zu verstehen: Sie bezeichnet die tatsächliche Nacht der Geburt Jesu, aber auch eine tiefere Metapher für die Dunkelheit der sündigen, unerlösten Welt. Durch die Geburt Jesu wird diese Nacht transformiert und "licht". Gryphius beschreibt damit die göttliche Fähigkeit, das scheinbar Unmögliche möglich zu machen: eine "Nacht lichter als der Tag".

Darstellung der Geburt Jesu mit Fokus auf Licht und Dunkelheit

Gryphius' Sonett: Formale und inhaltliche Analyse

Das Gedicht ist ein Sonett, verfasst im Alexandrinerversmaß, das von Martin Opitz in seinem Werk "Buch von der Deutschen Poeterey" empfohlen wurde. Das Reimschema folgt dem von Opitz vorgeschlagenen Muster "abba abba" für die Quartette und "ccd eed" für die Terzette. Die Verse mit den "a"- und "d"-Reimen sind zwölfsilbig mit männlicher Kadenz, während die Verse mit den "b"-, "c"- und "e"-Reimen dreizehnsilbig mit weiblicher Kadenz sind.

Wie bereits erwähnt, spart das Gedicht bewusst alle biblischen und traditionellen erzählerischen Elemente aus. Weder Bethlehem, noch die Windeln, die Krippe, die Hirten, Ochse, Esel oder das Jesuskind mit lockigem Haar werden erwähnt. Stattdessen wird das Sonett vom Gegensatz zwischen Licht und Nacht beherrscht, der eine heilsgeschichtliche Deutung erfährt: Christus als Licht kontrastiert mit dem Dunkel der sündigen Welt.

Diese Metapher findet sich bereits in der Bibel, beispielsweise im Johannesevangelium: "Und das Licht leuchtet in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht erfasst." (Joh 1,5 EU). Oder auch: "Denn mit dem Gericht verhält es sich so: Das Licht kam in die Welt, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht; denn ihre Taten waren böse." (Joh 3,19 EU).

Das Gedicht spielt mit der Doppeldeutigkeit der Nacht. Sie ist einerseits die physisch-zeitliche Nacht der Geburt Jesu, andererseits die heilsgeschichtliche Nacht der Sünde und Erlösung. Die Verwendung des Adjektivs "licht" und die Steigerungen durch "lichter" und "mehr denn" verdeutlichen diese Ambivalenz. Die "lichte Nacht" der Geburt Jesu wird zum "Wunder aller Wunder", das die finstere Nacht der Not und Angst entmachtet.

Die Lichtgestalt Jesu und die Überwindung der Dunkelheit

"Jesus ist das Licht, 'Das Gott / der licht / in licht wohnhafftig / ihmb erkohren'." Im 17. Jahrhundert konnte "ihm" reflexiv gebraucht werden, was bedeutet "sich erkoren".

In der zweiten Strophe wird die Nacht des Bösen durch eine rhythmisch vorwärts drängende Aufzählung charakterisiert: "ach vnd klag / Vnd fünsternüß vnd was sich auff die welt verschworen / Vnd furcht vnd hellen angst vnd schrecken". Diese bedrohliche Auflistung wird jedoch von der Anrufung "O frewdenreiche nacht" und dem dichterischen Bild "Der himmel bricht! doch felt nuh mehr kein donnerschlag" umklammert. Der Heiland kommt als Licht vom Himmel, wie ein Blitz, dem kein Donner folgt. In diesem "Blitzschein seiner Ankunft steht die Welt plötzlich im Licht der Erlösung."

Symbolische Darstellung eines Blitzes, der die Dunkelheit durchbricht

Heilsgeschichtliche und theologische Deutungen

Das erste Terzett formuliert präzise die Glaubenslehre der Wesensgleichheit von Gottvater und Gottsohn. Gottvater, der "zeitt vnd nächte schuff", ist in der Person des Sohnes in diese Nacht "angekommen". Diese mystische Identität wird sprachlich in einem einzigen Vers symbolisiert.

Gott hat das Gesetz der Zeitlichkeit und das der Sünde und des Todes unterworfene Fleisch auf sich genommen. Im Gegenzug hat er uns "unser fleisch vnd zeitt der ewikeitt vermacht", was die Verklärung im himmlischen Jerusalem bedeutet. Erich Trunz deutet das Wortspiel "Fleisch und Zeit" gegen "Zeit und Fleisch" und "annehmen" gegen "vermachen" als tiefgründig: Gott ist nicht mehr nur Gott, sondern unterworfen irdischer Bedingtheit; der Mensch ist nicht mehr nur Mensch, sondern erhoben in die Freiheit der Ewigkeit. Dies sei das eigentliche religiöse Ereignis.

Das zweite Terzett ordnet der Nacht Jammer, Sünde und Tod zu. Diese werden jedoch sogleich durch die Nacht der Geburt Jesu negiert. Der triumphierende Reim "Sünden" - "verschwinden" unterstreicht diese Überwindung. Der letzte Vers wiederholt den ersten mit einer Umstellung der Halbverse.

Erich Trunz beschreibt das Gedicht als ein feierlich-preisendes Aussprechen des heilsgeschichtlichen Geschehens, bei dem hinter bildhaften Wörtern und rhetorischen Wendungen ein dogmatisch genauer Inhalt steht. Dieser "hohe" Inhalt entspreche einer "hohen" Form, wobei die Kunstform die Ordnung der Welt symbolisiere. Wolfram Mauser ergänzt, dass der stilistische und formale Aufwand ebenso der Vermittlung der Wahrheit diene wie das durchgeführte Argument.

Jörg Baur bezeichnet das Gedicht als einen Höhepunkt der produktiven individuellen Aneignung lutherischer Christologie. Nach Mauser ist der heilsgeschichtliche Aspekt jedoch nicht die einzige Bedeutungskomponente. Das reale Ereignis der Geburt Christi wird im Sinne der Lehre vom vierfachen Wortsinn gedeutet. Zur heilsgeschichtlich-allegorischen Überhöhung tritt eine auf das Leben des einzelnen Menschen gerichtete Aussage: Die Nacht von Jesu Geburt öffne ihm den Weg zum Heil. Schließlich wird eine eschatologische Dimension sichtbar: Der Schöpfer von Zeit und Nacht hat uns die Ewigkeit vermacht. Der letzte Vers fasst das gesamte Spektrum der Deutungsmöglichkeiten zusammen und zeigt, dass sie alle in der Nacht-Licht-Metaphorik enthalten sind.

Barock - Literaturepoche einfach erklärt - Merkmale, Literatur, Geschichte, Vertreter

Gryphius im Kontext seiner Zeit

Andreas Gryphius (1616-1664) erlebte als Zeitzeuge des Dreißigjährigen Krieges die Verrohung der Menschheit. Als Sohn eines lutherischen Geistlichen hatte er allen Grund, in seinen Dichtungen die Vergänglichkeit der Welt und die Finsternis des Daseins zu besingen. Seine Sicht auf die Geburt Christi, die Jesus als Lichtgestalt darstellt, die den Höllenschrecken der Wirklichkeit überstrahlt, ist vor diesem Hintergrund zu verstehen.

Die "lichte Nacht" der Geburt Jesu ermöglicht das Wunder, dass alle Gesetze der empirischen Welt und der darauf lastenden Daseinsfinsternis außer Kraft gesetzt werden. Das Gedicht ist ein Zeugnis für die Fähigkeit des Glaubens, auch in dunkelsten Zeiten Hoffnung und Licht zu finden.

Das Gedicht wurde im Kontext der Schulzeit Gryphius' auf dem Akademischen Gymnasium Danzig und während seines Aufenthalts in Leiden, wo er seine Sonette sammelte und überarbeitete, entstanden. Die Sammlung von 50 Sonetten erschien 1643 in Leiden unter dem Titel "ANDREAE GRYPHII SONNETE. Das erste Buch.". Bis zu seinem Tod erschienen weitere, wenig veränderte Auflagen.

Der Gedanke, dass Gott alles bewirkt und der Mensch sein Heil nicht selbst erreichen kann, sondern auf Gottes Gnade und Barmherzigkeit angewiesen ist, wird im Werk ebenfalls thematisiert. Dies spiegelt eine tief persönliche Glaubenserfahrung des Dichters wider, der sich dankbar vor dem Allmächtigen Gott beugt.

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