Behandlung von Eierstockkrebs in der Universitäts-Frauenklinik Tübingen

Eierstockkrebs: Eine Übersicht

Das Ovarialkarzinom, gemeinhin als Eierstockkrebs bezeichnet, ist ein bösartiger Tumor der Eierstöcke. Jährlich erkranken in Deutschland etwa 8.000 Frauen an dieser Erkrankung. Die Prognose ist oft ungünstig, da im Frühstadium selten Beschwerden auftreten und zuverlässige Früherkennungstests fehlen. Dies führt dazu, dass bei über 50% der Frauen trotz Operation und Chemotherapie ein Wiederauftreten der Erkrankung beobachtet wird.

Eierstockkrebs stellt die sechsthäufigste Tumorerkrankung von Frauen dar und macht etwa ein Viertel aller Genitaltumoren bei Frauen aus. Die Erkrankung zeigt meist einen sehr ungünstigen Verlauf, beginnend mit unspezifischen Beschwerden. Erst bei entsprechender Größe verursacht der Tumor durch Druck auf Nachbarorgane Beschwerden wie Schmerzen im Unterbauch oder Verdauungsprobleme. Auch eine Zunahme des Bauchumfangs durch Flüssigkeitsansammlung (Aszites), körperliche Schwäche und Gewichtsverlust können auftreten.

Aufgrund ihrer Lage im Bauchraum haben Eierstocktumore viel Platz, um unbemerkt zu wachsen. Sie breiten sich zunächst im kleinen Becken aus, können aber auch in Gebärmutter oder Darm eindringen. In fortgeschrittenen Stadien kann sich der Eierstockkrebs im gesamten Bauchraum ausbreiten und Metastasen im Bauchfell bilden (Peritonealkarzinose). Die Ausbreitung erfolgt auch über Lymphbahnen, was zu Metastasen in den Lymphknoten führt.

Das Risiko, an Eierstockkrebs zu erkranken, steigt mit zunehmendem Alter und betrifft vor allem Frauen zwischen dem 60. und 85. Lebensjahr. Gerade nach den Wechseljahren ist es wichtig, auffällige Befunde an den Eierstöcken abklären zu lassen. Auch wenn Eierstockkrebs bei Frauen unter 50 Jahren seltener auftritt, gibt es Unterarten, die auch jüngere Frauen betreffen können, insbesondere wenn eine erbliche Veranlagung vorliegt.

Schema der weiblichen Fortpflanzungsorgane mit Hervorhebung der Eierstöcke

Die Säulen der Eierstockkrebsbehandlung in Tübingen

Die Behandlung des Eierstockkrebses in der Universitäts-Frauenklinik Tübingen basiert auf einem interdisziplinären Ansatz und umfasst mehrere wesentliche Säulen:

1. Operation - Die erste und wichtigste Säule

Die Operation gilt als die fundamentale Säule in der Behandlung des Eierstockkrebses. Sie dient nicht nur der Diagnosesicherung und der Bestimmung der Tumorausdehnung durch Untersuchung entfernter Lymphknoten, sondern auch der maximalen Tumorreduktion bzw. -entfernung. Je kleiner der verbleibende Tumorrest ist, desto besser ist die Prognose.

Die Operation beinhaltet typischerweise:

  • Einen längsgerichteten Bauchschnitt (Längslaparotomie) vom Schambein bis zum unteren Rand des Brustbeins.
  • Die komplette Austastung des Bauchraumes mit gegebenenfalls Entfernung von Teilen des Bauchfells.
  • Entfernung der Gebärmutter (Hysterektomie), der Eileiter und Eierstöcke (Adnektomie).
  • Entfernung des großen Netzes (Omentektomie) und der Lymphknoten (Lymphonodektomie) im kleinen Becken und entlang der großen Gefäße.
  • Gegebenenfalls eine Darmteilentfernung.

Die Universitäts-Frauenklinik Tübingen führt jährlich weit über 100 solcher komplexen Operationen durch. Dies erfordert eine hohe Expertise, routinierte Behandlungsabläufe und die enge Zusammenarbeit verschiedener Fachrichtungen wie der gynäkologischen Chirurgie, der Bauchchirurgie und der Urologie, falls Teile des Darms oder der Blase entfernt werden müssen. Dieses geballte Fachwissen ist charakteristisch für ein großes Zentrum wie eine Universitätsklinik.

Im Rahmen des ERAS-Konzepts (Enhanced Recovery After Surgery) arbeiten Chirurgen, Anästhesisten, Physiotherapeuten und Pflegepersonal eng zusammen, um die Genesung der Patientinnen optimal zu unterstützen. Dies umfasst abgestimmte Maßnahmen vor, während und nach der Operation.

Schema einer Laparotomie (Bauchschnitt)

2. Chemotherapie - Die zweite Säule

Auch wenn der Tumor operativ vollständig entfernt wurde, können mikroskopisch kleine, bösartige Zellen verbleiben, die Ausgangspunkt für einen Rückfall (Rezidiv) sein können. Da Eierstockkrebs sehr chemosensibel ist, d.h. gut auf eine Chemotherapie anspricht, verringert diese das Rückfallrisiko erheblich.

Die Chemotherapie sollte in der Regel innerhalb von vier Wochen nach der Operation begonnen werden, meist ambulant. Die Substanzen wirken gezielt auf sich schnell teilende Zellen, eine typische Eigenschaft von Krebszellen. Nebenwirkungen betreffen daher vor allem Organsysteme mit schnell teilenden Zellen, wie das Knochenmark (Blutarmut, Erniedrigung der weißen Blutkörperchen und Blutplättchen), den Verdauungstrakt (Appetitlosigkeit, Übelkeit, Durchfall, Verstopfung, Schleimhautreizung), das Nervensystem (Kribbeln, Pelzigkeitsgefühl, Geschmacksstörungen) sowie Haare und Haut (Haarausfall, Hautrötung, Hauttrockenheit).

Diese Nebenwirkungen sind meist vorübergehend und können mit unterstützenden Medikamenten gelindert werden, wodurch heutige Chemotherapien sehr verträglich geworden sind. Die Standardtherapie besteht oft aus Taxol® (Eibenmedikament) und Carboplatin.

In manchen Fällen, wenn der Eierstockkrebs bereits bei der Diagnose sehr fortgeschritten ist, kann die Chemotherapie auch primär vor der Operation eingeleitet werden. Eine operative Versorgung erfolgt dann üblicherweise nach drei oder sechs Zyklen Chemotherapie, je nach Ansprechen des Tumors.

Infografik zu den häufigsten Nebenwirkungen einer Chemotherapie

3. Neue und zielgerichtete Therapien

Neben der klassischen Chemotherapie wurden in den letzten Jahren wirksame tumorspezifische Medikamente entwickelt, die eine individualisierte Tumortherapie ermöglichen:

  • Angiogenese-Inhibitoren: Diese Medikamente verhindern die Neubildung von Blutgefäßen in Tumoren, wodurch die Krebszellen nicht mehr mit Blut versorgt werden und "verhungern".
  • PARP-Inhibitoren: Diese Medikamente verhindern, dass Krebszellen ihr Erbgut reparieren können, was zu Fehlern im Erbgut der Tumorzellen führt und deren Überleben unmöglich macht. PARP-Inhibitoren sind besonders wirksam bei Frauen mit erblichem Eierstockkrebs.
  • Immuntherapie: Diese Therapie nutzt die körpereigene Abwehr zur Bekämpfung von Krebs und kommt im Rahmen von klinischen Studien zum Einsatz.
  • Antikörper-Wirkstoff-Konjugate: Diese vielversprechenden Ansätze werden ebenfalls im Rahmen von Studien an der Frauenklinik Tübingen angewandt.

Klinische Studien und Forschung

Die Universitäts-Frauenklinik Tübingen nimmt aktiv an verschiedenen nationalen und internationalen Studien teil, um die Behandlung von Eierstockkrebs weiter zu verbessern. Studienschwerpunkte liegen sowohl im Bereich des operativen Vorgehens als auch in neuen zielgerichteten Therapien. Patientinnen in klinischen Studien werden unter "besonderer Betreuung" behandelt.

Ein Beispiel ist eine Pilotstudie, die auf aktuellen Erkenntnissen aus der Tumorimmunologie beruht. Ziel ist es, Immunantworten gegen neu entdeckte Antigene des Eierstockkrebses zu untersuchen, um Hinweise für deren zukünftige Erkennung oder Behandlung zu gewinnen. Dabei werden im Blut von Patientinnen Antikörper und T-Zellen gesucht und die T-Zellen im Tumorgewebe analysiert.

Erklärvideo Abbvie Nichtinterventionelle Studie

Familiäre Belastung und genetische Beratung

Etwa ein Prozent der Eierstockkrebserkrankungen beruhen auf einer erblichen (genetischen) Tumorneigung. Eine erbliche Tumorneigung wird vermutet, wenn mehrere Familienmitglieder betroffen sind, das Erkrankungsalter jung ist, Frauen beidseitig erkranken oder eine männliche Brustkrebserkrankung in der Familie auftritt.

Die Universitäts-Frauenklinik Tübingen ist Mitglied des deutschen Konsortiums für familiären Brust- und Eierstockkrebs und als FBREK-Zentrum zertifiziert. Das Zentrum bietet umfassende genetische Beratung und molekulargenetische Untersuchungen an. Dies beinhaltet die Erhebung der eigenen Krankengeschichte und eines Stammbaums über drei Generationen, um das individuelle genetische Risiko abzuschätzen.

Bei nachgewiesener Mutation in Genen wie BRCA1 oder BRCA2 steht den Trägerinnen ein intensiviertes Früherkennungs- und Nachsorgeprogramm zur Verfügung, das von den Krankenkassen getragen wird. Dieses Programm umfasst regelmäßige ärztliche Tastuntersuchungen, Ultraschall, Mammographie und Kernspintomographie.

Die prophylaktische Entfernung von Brustdrüsen- oder Eierstockgewebe kann ebenfalls eine risikoreduzierende Maßnahme darstellen. Die Kosten für die genetische Beratung werden in der Regel von den Krankenkassen übernommen.

Das FBREK-Zentrum Tübingen beteiligt sich auch an Registern wie HerediCaRe und Studien wie HerediVar, um die Diagnostik, Vorsorge und Betreuung von Betroffenen und ihren Familien zu verbessern.

Infografik zu den Kriterien für genetische Beratung bei familiärer Krebshäufung

Nachsorge

Nach Abschluss der Therapie ist für alle Frauen mit Eierstockkrebs eine Nachsorge unerlässlich. Diese dient der Früherkennung eines möglichen Rezidivs und der Behandlung von Langzeitfolgen der Therapie. Die Nachsorgeuntersuchungen werden individuell auf die Patientin abgestimmt.

Das Zentrum für Gynäkologische Onkologie (ZGynO) Tübingen

Das Südwestdeutsche Tumorzentrum - Comprehensive Cancer Center Tübingen (CCC) ist eine Einrichtung des Universitätsklinikums Tübingen. Das Zentrum für Gynäkologische Onkologie (ZGynO) Tübingen bietet Patientinnen mit gynäkologisch-onkologischen Erkrankungen eine umfassende Betreuung. Durch die enge Zusammenarbeit von Spezialisten verschiedener Fachrichtungen werden individuelle Therapieschemata entwickelt, um eine bestmögliche Behandlung und Begleitung zu gewährleisten.

Die Planung der Operation von Eierstocktumoren erfolgt stets interdisziplinär. Das Tumorboard, eine Gruppe von Spezialisten aller Fachrichtungen, gibt auf Basis der Untersuchungsergebnisse eine Behandlungsempfehlung ab. Danach erfolgt ein erneutes Beratungsgespräch, um das weitere Vorgehen zu besprechen.

Die Universitäts-Frauenklinik Tübingen bietet zudem spezialisierte Zentren für verschiedene gynäkologische Erkrankungen, wie ein Brustzentrum, ein Dysplasie-Zentrum, ein Endometriose-Zentrum und ein Kinderwunsch-Zentrum. Ziel ist es, den Patientinnen eine bestmögliche Betreuung und Behandlung auf höchstem medizinischem und wissenschaftlichem Niveau anzubieten.

Foto des Universitätsklinikums Tübingen

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