Das ungewöhnliche Motiv der "Caritas Romana", der "römischen Barmherzigkeit", basiert auf einer literarischen Vorlage, die bis in die Antike zurückreicht. Diese Legende erzählt von einer Tochter, die ihren im Gefängnis vom Hungertod bedrohten Elternteil mit ihrer eigenen Muttermilch rettet.
Ursprung der Legende: Valerius Maximus und die "Factorum et dictorum memorabilium libri IX"
Der römische Schriftsteller Valerius Maximus schildert in seinen im Jahre 30 nach Christus erschienenen Anekdotensammlungen "Factorum et dictorum memorabilium libri IX" bemerkenswerte moralische und sittliche Taten. In Band 5, Kapitel 4 wird die Geschichte des Philosophen und Sehers Cimon (in einer anderen Version eine Mutter) erzählt, der in den Kerker geworfen wurde und den Hungertod sterben sollte. Seine Tochter Pero (oder in anderen Versionen Xanthippe und Mycon, Tectaphus und Eerie) durfte ihn besuchen. Sie wurde von den Wachen streng auf mitgebrachte Lebensmittel untersucht und durfte keine mitbringen.
Die junge Mutter Pero nährte ihren Vater jedoch mit der Milch ihrer Brust und bewahrte ihn so vor dem Tod. Die Wachen waren verwirrt, wie der Mann so lange vermeintlich ohne Lebensmittel überleben konnte. Schließlich erfuhren sie von dem raffinierten Trick, und sie, wie auch der Richter, wurden von dieser töchterlichen Liebe und Barmherzigkeit beeindruckt. Sie begnadigten den Verurteilten.

Die Geschichte in der Kunstgeschichte
Diese Geschichte entwickelte sich mit der Zeit weiter und wurde zu einem beliebten Sujet in der europäischen Kunst und Literatur. In der bildenden Kunst findet sich fast ausschließlich die Vater-Tochter-Variante, oft mit den Namen Cimon und Pero.
Die Rolle der Tochter Pero
Pero wurde damit zum Beispiel guter Gesinnung, da sie hier gleichzeitig mehrere von der Bibel erwähnte Werke der Barmherzigkeit vollbrachte: Hungrige speisen, Durstige tränken und Gefangene besuchen. Während diese Geschichte der Barmherzigkeit in Predigten des 17. Jahrhunderts oft mit einer Mutter-Tochter-Beziehung ersetzt wurde, finden sich in der bildenden Kunst fast ausschließlich diese Vater-Tochter-Varianten.
Erotische und voyeuristische Komponenten
Kaum zu verkennen ist dabei die erotische Komponente, die das Bildthema pikant macht. Während Peter Paul Rubens in seiner Version diesen Aspekt zugunsten der Realitätsnähe eines ausgezehrten Alten unterordnet, kann man bei vielen weiteren Werken dieses Motivs das Erotische sofort erkennen. Die Heimlichkeit, wie sie bei Dirck van Baburen ausgedrückt wird, verstärkt das Verbotene des Gezeigten. Weiterhin bot sich das Bildthema an, um viel nackte Haut zu zeigen, Körper- und Blickkontakt. Manchmal sind auch die Wachen anwesend, so dass zusätzlich ein voyeuristischer Charakter ins Spiel kommt.

Wiederaufgreifen der Legende in der Neuzeit
Der italienische Dichter Giovanni Boccaccio (1313-1375) übernahm die Geschichte in seiner Historiensammlung "De claris mulieribus" (Von den berühmtesten Frauen) im Jahr 1362 und nannte die barmherzige Tochter Romana. In kirchlichen Predigten des 17. Jahrhunderts wurde das Thema immer wieder aufgegriffen, wobei in diesem Fall fast durchgängig die Mutter-Tochter-Version gewählt wurde.
Ende des 20. Jahrhunderts wurde der Roman "Früchte des Zorns" von John Steinbeck bekannt, wo in der Schlussszene die Tochter der Familie einem verhungernden Mann die Brust gibt. Der israelische Schriftsteller Abraham B. Jehoschua griff das Sujet in der von Steinbeck abgewandelten Form wieder auf.
Darstellungen der Caritas Romana in der Kunst
Bereits aus der römischen Antike sind mehrere Darstellungen des Themas bekannt; bei den Ausgrabungen in Pompeji wurden mindestens drei entsprechende Bilder gefunden. In der europäischen Neuzeit war das Sujet sehr beliebt. Andor Pigler zählte alleine bis zum Ende des 18. Jahrhunderts über 100 Darstellungen.
Bekannte Künstler und Werke
- Peter Paul Rubens: Cimon und Pero (ca. 1610)
- Dirck van Baburen: Cimon und Pero
- Hans Sebald Beham: Cimon und Pero
- Michelangelo Merisi da Caravaggio: Die sieben Werke der Barmherzigkeit (enthält eine Darstellung)
- Christoph Maucher: Cimon und Pero
- Charles Mellin: Cimon und Pero
Was sind Vanitassymbole? - the artinspector questions
Das Gemälde im Siegerlandmuseum
Das Gemälde im Siegerlandmuseum, das die Szene von Cimon und Pero zeigt, wurde 1953 aus dem Kunsthandel erworben. Es befand sich zuvor in Blenheim Palace im Besitz der Herzöge von Marlborough, dann in einer der größten deutschen Privatsammlungen Alter Meister von Consul Eduard Friedrich Weber (1830-1907) in Hamburg. Der alte, am Boden kauernde Cimon ist angekettet, sein nur notdürftig bedeckter Körper ist noch wohlgebildet. Gierig trinkt er die ihm dargebotene Milch. Pero hat ihren Arm fürsorglich um den Nacken des Vaters gelegt, sie wendet den Kopf zur Seite. Auf dem strohbedeckten Kerkerboden schläft das Kind, durch ein vergittertes Fenster beobachten zwei Voyeure die Szene. Wahrscheinlich handelt es sich bei dem schlafenden Kind um eine spätere Ergänzung der Komposition.
Verwandte Motive und Symbolik
Das Motiv der stillenden Mutter ist in der Kunstgeschichte weit verbreitet und symbolisch aufgeladen. Im Christentum wurde die Darstellung der Maria lactans (die stillende Maria) zu einem wichtigen Topos, der mütterliche Liebe, Fürsorge und Aufopferung verkörpert.
In der traditionellen indischen Hinduismus gibt es Darstellungen wie Yashoda und Krishna, wo die Ziehmutter den Gott Krishna stillt. Die altägyptische Göttin Isis, die den Horusknaben stillt, ist ebenfalls ein frühes Beispiel für die Darstellung der nährenden Mutterfigur, die auch mit Königstheologie und göttlichen Kräften verbunden ist.
Interessanterweise gibt es auch Darstellungen, in denen Männer stillen, wie im Fall eines Vaters, der nach einem Kaiserschnitt seiner Frau sein Baby stillt, weil die Mutter zu schwach war. Diese modernen Interpretationen zeigen eine Verschiebung des Fokus von der reinen mütterlichen Rolle hin zu einer breiteren Auffassung von Fürsorge und Elternschaft.

Die Symbolik der Muttermilch
Muttermilch gilt als erste Nahrung für Säugetiere und ist stark symbolisch aufgeladen. Sie steht für Leben, Nahrung, Gesundheit und Natürlichkeit. In der Kunstgeschichte wurde die stillende Mutter oft als Symbol der aufopfernden Mutterliebe dargestellt. Zeitgenössische Künstlerinnen hinterfragen dieses Bild zunehmend und nutzen das Thema Stillen, um über Körper, Körperbild und die oft tabuisierten Seiten der Mutterschaft zu sprechen.
Die amerikanische Künstlerin Kara Walker hat in ihrer Skulptur Fons Americanus (2019) das Motiv der Milchbrunnen aufgenommen, die weibliche Figuren mit aus den Brüsten quellendem Wasser zeigen. Ihre Arbeit widmet sich der Kolonialgeschichte und dem Sklavenhandel, wobei die Milch als Symbol für Leben und Fruchtbarkeit neu kontextualisiert wird.
Die chinesische Künstlerin Cao Yu verwendete in ihren Werken Fountain (2015) und Artist Manufacturing (2016) ihre eigene Muttermilch als Material. Mit Fountain schuf sie ein ikonisches Bild für Selbstbestimmung und Schaffenskraft, während Artist Manufacturing die Muttermilch in Teig verwandelte, um die Verbindung zwischen Körper und Produkt zu thematisieren.
Die deutsche Künstlerin Clara Alisch erforscht in ihrer Arbeit Lactoland (2021) die theoretische Möglichkeit, Bonbons aus menschlicher Milch herzustellen, und regt zum Nachdenken über den Wert dieser Substanz an.