Die Rolle des Kinder- und Jugendarztes für Ihr Neugeborenes

Die ersten Lebensmonate und -jahre sind entscheidend für die Entwicklung eines Kindes. Kinder- und Jugendarzt*innen, auch Pädiater*innen genannt, begleiten diesen Prozess aufmerksam. Dr. Roland Fressle, Landesverbandsvorsitzender des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte e.V. Baden-Württemberg, erklärt, warum es ratsam ist, sich bereits während der Schwangerschaft um die Suche nach einem geeigneten Kinderarzt zu kümmern.

Der richtige Zeitpunkt für die Suche nach einem Kinder- und Jugendarzt

Die Suche nach einem Kinder- und Jugendarzt kann in vielen Städten eine Herausforderung darstellen, da ein Mangel an Pädiater*innen beklagt wird, insbesondere in ländlichen Gebieten. Für werdende Eltern bedeutet dies, dass sie sich am besten bereits in der Schwangerschaft auf die Suche nach einem passenden Arzt begeben sollten.

Ein guter Zeitpunkt für diese Suche ist das letzte Schwangerschaftsdrittel, also zwischen der 28. und der 40. Schwangerschaftswoche. Wenn Schwangere Mehrlinge erwarten oder ein Baby mit einer diagnostizierten Krankheit austragen, ist die Suche nach einem Kinder- und Jugendarzt in der Schwangerschaft auf jeden Fall ratsam.

Ein Pädiater kann auf Wunsch der Schwangeren auch auf unterstützende Angebote hinweisen, wie beispielsweise eine Haushaltshilfe nach einer komplikationsreichen Geburt.

Infografik: Zeitstrahl der Schwangerschaftswochen und empfohlene Zeitpunkte für Arztbesuche

Erste Untersuchungen eines Babys und wer sie durchführt

Babys entwickeln sich rasant. Um die zeitgerechte Entwicklung zu überprüfen, untersuchen Pädiater*innen oder Hebammen das Baby nach der Geburt engmaschig. Die ersten beiden Untersuchungen finden in der Regel automatisch in der Entbindungsklinik statt. Die U3 ist somit oft die erste Untersuchung in einer Arztpraxis. Bei einer ambulanten Entbindung oder einer Geburt im Geburtshaus findet bereits die zweite Früherkennungsuntersuchung in der Praxis statt.

Die wichtigsten U-Untersuchungen im Überblick:

  • U1: Direkt nach der Geburt - Eine Hebamme oder ein Geburtshelfer untersucht das Kind auf lebenswichtige Funktionen wie die Atmung.
  • U2: Zwischen dem dritten und zehnten Lebenstag - Kinder- und Jugendärzte führen diese Untersuchung durch. Sie untersuchen das Baby von Kopf bis Fuß, um angeborene Erkrankungen wie Stoffwechselstörungen oder Herzfehler zu entdecken. Messung und Wiegen gehören ebenfalls dazu.
  • U3: Zwischen der vierten und fünften Lebenswoche - Pädiater*innen überprüfen hier unter anderem die Hüftentwicklung. Auch das Schlaf- und Essverhalten des Kindes wird besprochen.
Schema: Ablauf der U-Untersuchungen (U1, U2, U3) mit den jeweiligen Schwerpunkten

Wo findet man Kinder- und Jugendärzte?

Das Internet ist eine wertvolle Hilfe bei der Suche nach einem Kinder- und Jugendarzt. Suchmaschinen listen schnell Praxen in der Wohnumgebung auf. Die Nähe ist ein wichtiges Kriterium, da Säuglinge und Kleinkinder häufig Infektionen haben können. Eine kurze Anfahrtszeit zur Praxis ist bei fiebernden Kindern eine große Erleichterung.

Alternativ zur allgemeinen Suchmaschine können Eltern die Suchmaske des Berufsverbands für Kinder- und Jugendärzte e.V. nutzen, um Kinderärzte in ihrer Nähe und Rehakliniken zu finden.

Auch persönliche Empfehlungen von Arbeitskollegen oder Freunden sind hilfreich, ersetzen aber nicht den persönlichen Eindruck.

Darf ein Kinder- und Jugendarzt ein Neugeborenes ablehnen?

Ein akut krankes Kind dürfen Pädiater*innen nicht ablehnen. Wenn eine Praxis jedoch nicht über die nötigen Behandlungskapazitäten verfügt, kann sie Eltern von gesunden Kindern eine Absage erteilen.

Viele Praxen bemühen sich, Neugeborene aufzunehmen. Sollte dies nicht sofort möglich sein, können Eltern nach einer Warteliste fragen. Auch mit einem Platz auf der Warteliste ist es wichtig, dass ein Pädiater die kindliche Entwicklung engmaschig kontrolliert.

Da der Kinder- und Jugendarzt eine Familie bis zum 18. Lebensjahr des Kindes begleiten kann, ist ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen Arzt, Kind und Eltern essenziell. Ein Gespräch mit dem Pädiater, beispielsweise während einer Früherkennungsuntersuchung, hilft Eltern dabei, ein Gefühl dafür zu entwickeln, ob die "Chemie" stimmt.

Kann man den Kinder- und Jugendarzt wechseln?

Wenn Eltern das Gefühl haben, dass sie mit dem Pädiater nicht auf einer Wellenlänge sind, können sie den Arzt wechseln. Es ist ratsam, sich vor einem Wechsel zu informieren, welche Kinderärzte infrage kommen und ob diese Kapazitäten frei haben.

Fairerweise können Eltern die bisherige Praxis über ihren Wechsel informieren, damit die Kapazitäten an eine andere Familie weitergegeben werden können. Einen Grund für den Wechsel müssen Eltern nicht angeben, da Versicherte in Deutschland ihren Arzt frei wählen können.

„Wenn Eltern das Gefühl haben, dass sie mit dem Pädiater nicht auf einer Wellenlänge sind, können sie den Arzt wechseln. Schließlich können sich Versicherte in Deutschland ihren Arzt frei aussuchen.“
- Dr. med. Roland Fressle, Landesverbandsvorsitzender des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte e.V. Baden-Württemberg

Welche Fragen sollte man dem Kinder- und Jugendarzt stellen?

Besonders beim ersten Kind gibt es viele Fragen. Kinder- und Jugendärzte sind hier eine wertvolle Hilfe.

Fragen im Vorfeld der Geburt:

  • Wann sind Ihre Sprechzeiten?
  • An wen kann ich mich außerhalb Ihrer Sprechzeiten wenden? Gibt es einen Vertretungsarzt?
  • Wann und unter welcher Nummer sind Sie und Ihre Mitarbeiter*innen telefonisch erreichbar?
  • Was tue ich, wenn ich Sie im Notfall nicht erreiche?
  • Welche Angelegenheiten können wir telefonisch besprechen, welche nicht? Sind telefonische Konsultationen kostenpflichtig?
  • Wie viel Zeit haben Sie in der Regel für eine Konsultation (mindestens 15 Minuten)?
  • Mit welchen Krankenhäusern und Versicherungen arbeitet die Praxis zusammen?
  • Wann soll ich zum ersten Mal mit meinem Baby in die Sprechstunde kommen (idealerweise im Laufe der ersten Woche)?
  • Wie unterstützen Sie stillende Mütter?

Fragen beim ersten Besuch:

  • Wie vereinbare ich in Zukunft die Sprechstunden?
  • An wen kann ich mich außerhalb Ihrer Sprechzeiten wenden?
  • Wann erreiche Sie und Ihre Mitarbeiter*innen am besten?
  • Wo melde ich mich im Notfall und wie komme ich im Notfall am besten ganz nah an den Eingang der Praxis?
  • Können wir Angelegenheiten, für die eine Konsultation nicht erforderlich ist, in Zukunft telefonisch besprechen?
  • Wie viel Zeit haben Sie im Durchschnitt für eine persönliche Konsultation?

Bei der Wahl des Kinderarztes sollte man auf das Bauchgefühl hören. Eine gut eingerichtete, saubere und kindgerechte Praxis mit getrennten Wartebereichen für gesunde und kranke Kinder ist von Vorteil. Auch das Verhalten des Personals und des Arztes/der Ärztin gegenüber Ihnen und Ihrem Kind ist entscheidend.

Aufgaben der Kinderärztinnen und -ärzte

Kinder- und Jugendärzte sind für die Gesundheit und Entwicklung des Kindes verantwortlich. Sie führen regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen durch, beraten zu Ernährung, Impfungen und Vorbeugung von Krankheiten.

Neugeborenen-Betreuung in der Klinik:

In vielen Kliniken ist der Kinderarzt täglich vor Ort, um die ersten Untersuchungen des Babys durchzuführen. Dies geschieht in enger Zusammenarbeit mit der Kinder- und Jugendklinik. Anpassungsstörungen können so frühzeitig erkannt und behandelt werden. Eltern erhalten nach der Untersuchung ausführliche Informationen und Beratung zur Ernährung des Neugeborenen.

Bei gesunden Neugeborenen werden folgende Untersuchungen durchgeführt:

  • Erste Vorsorge-Untersuchung im Kreißsaal (U1)
  • Ausführliche kinderärztliche Untersuchung in den ersten 12-24 Lebensstunden
  • Vorsorgeuntersuchung (U2) ab dem 3. Lebenstag

Zusätzliche präventive Maßnahmen können sein:

  • Ultraschall-Untersuchung von Hüften, Kopf und Nieren
  • Test auf Hörstörungen und generelles Pulsoximetrie-Screening zur frühen Diagnose von angeborenen Herzfehlern

In Notfällen stehen Kinderärzte und Neonatologen rund um die Uhr zur Verfügung. Bei Risikogeburten erfolgt eine frühzeitige Abstimmung mit Spezialisten der Kinderklinik.

Betreuung von Risikogeburten und Frühgeborenen:

Kinderkliniken mit Frühgeborenen-Intensivstationen sind auf die Versorgung von extrem unreif geborenen Kindern spezialisiert. Hier stehen modernste Geräte für eine optimale intensivmedizinische Betreuung zur Verfügung.

Früherkennungsuntersuchungen im Detail:

  • U1 (Neugeborenen-Erstuntersuchung): Nach der Geburt werden Gewicht, Größe und lebenswichtige Funktionen geprüft (APGAR-Test). Das Baby wird auf äußerlich erkennbare Fehlbildungen untersucht und erhält Vitamin-K-Tropfen. Ein Merkblatt zum Neugeborenen-Hörscreening wird ausgehändigt.
  • U2 (Neugeborenen-Basisuntersuchung): Zwischen dem dritten und zehnten Lebenstag wird das Neugeborene erneut untersucht. Organe, Knochen und Hüftgelenke werden geprüft. Neugeborenen-Reflexe werden getestet. Mit Einverständnis der Eltern erfolgt eine Blutuntersuchung auf Stoffwechselstörungen und Mukoviszidose sowie die Neugeborenen-Höruntersuchung. Informationen zu Vitamin D, Fluorid und Impfungen werden gegeben. Dies ist eine gute Gelegenheit, offene Fragen zu klären.
  • U3: Findet in der vierten bis fünften Lebenswoche statt. Größe, Gewicht, Bewegungs- und Reaktionsfähigkeit werden geprüft. Die Hüftgelenke, das Gehör und die Fähigkeit, Laute zu bilden, werden kontrolliert. Das Baby erhält zum dritten Mal Vitamin-K-Tropfen. Informationen zu Impfungen, Unfallverhütung und Vorbeugung des plötzlichen Kindstodes werden besprochen.
Tabelle: Übersicht der U-Untersuchungen mit Zeitpunkten und Schwerpunkten

Präventive Maßnahmen, die empfohlen werden:

  • Stoffwechsel-Screening: Blutuntersuchung ab dem 3. Lebenstag auf seltene, aber gefährliche angeborene Hormon- und Stoffwechselstörungen.
  • Prophylaktische Gabe von Vitamin K: Am 1. und 4.-7. Lebenstag (U2), eine dritte Gabe erfolgt mit ca. 4 Wochen (U3).
  • Hörscreening: Messung des Hörvermögens an beiden Ohren in den ersten 3 Lebenstagen. Gesetzlich vorgeschrieben seit 2009.
  • Neugeborenengelbsucht: Überwachung der Bilirubinwerte und ggf. Behandlung mit Phototherapie.

Ambulante Geburt und Nachsorge

Bei einer ambulanten Geburt können Mutter und Kind in der Regel etwa sechs Stunden nach der Geburt die Klinik verlassen, sofern keine Risikofaktoren vorliegen. Die prophylaktischen kinderärztlichen Untersuchungen und weiteren Maßnahmen werden dann durch den Kinderarzt oder die Hebamme durchgeführt.

Bei einem erhöhten Risiko für das Neugeborene nach der Geburt (z.B. erhöhtes Infektionsrisiko, vorzeitiger Blasensprung, Probleme unter der Geburt, Frühgeburtlichkeit) ist eine Überwachung auf der Neugeborenen-Überwachungsstation notwendig. Ein Kinderarzt ist bei allen Geburten mit erhöhtem Risiko anwesend.

Ernährung des Neugeborenen

Die Ernährung mit Muttermilch wird als optimal angesehen. Wenn Stillen nicht möglich ist, gibt es hochwertige Säuglingsnahrung. Eine zusätzliche Flüssigkeits- oder Nahrungsgabe kann unter bestimmten Umständen sinnvoll sein, beispielsweise bei Flüssigkeitsverlust, hoher Umgebungstemperatur oder bei Neugeborenen mit verminderten Reserven.

Neugeborene mit verminderten Reserven (untergewichtige, Frühgeborene) sowie übergewichtige Neugeborene und Kinder von Müttern mit Diabetes neigen zur Unterzuckerung. Hier kann eine frühzeitige Zufütterung mit kalorienhaltigeren Präparaten notwendig sein.

Vorbeugung von Rachitis, Karies und SIDS

Ab der 2. Lebenswoche sollte die Prophylaxe gegen Rachitis (Vitamin D) und Karies (Fluoride) durch D-Fluoretten / Fluor-Vigantoletten beginnen.

Wissenschaftliche Untersuchungen zum Plötzlichen Säuglingstod (SIDS) zeigen, dass einfache Maßnahmen im häuslichen Bereich das Risiko verringern können:

  • Schlafen auf dem Rücken
  • Schlafen im Zimmer der Eltern, aber im eigenen Bett
  • Keine weiche Matratze/Unterlagen
  • Verwendung eines Schlafsacks, kein Kissen
  • Vermeidung von Überwärmung (ca. 18°C Raumtemperatur)
  • Stillen, wenn möglich
  • Rauchfreie Umgebung
  • Anbieten eines Schnullers (kein Zwang)

Kinder, die die empfohlenen Impfungen erhalten, haben ein geringeres Risiko, am Plötzlichen Säuglingstod zu sterben.

Neonatologie: Spezialgebiet für Neugeborene

Die Neonatologie ist die medizinische Lehre, die sich mit Neugeborenen und deren Erkrankungen beschäftigt. Sie ist ein anerkannter Teilbereich der Pädiatrie. Schwerpunkt der neonatologischen Arbeit ist die Betreuung von Frühgeborenen.

Ausbildung und Tätigkeitsbereich von Neonatologen:

Nach dem Medizinstudium erfolgt eine mindestens 5-jährige fachärztliche Ausbildung für Kinder- und Jugendmedizin. Anschließend kann die Schwerpunktbezeichnung „Neonatologie“ erworben werden.

Neonatologen sind in Kinderkliniken, an Perinatalzentren und in Geburtskliniken tätig. Ihr Arbeitsfeld ist eng an die pädiatrische Intensivmedizin gekoppelt.

Wann braucht Ihr Kind neonatologische Betreuung?

Neonatologen betreuen Kinder, die krank geboren werden, Fehlbildungen aufweisen oder sehr früh auf die Welt kommen. Sie diagnostizieren, behandeln und beurteilen die weitere Entwicklung des Kindes.

Bei Verdacht auf Risiken während der Schwangerschaft werden Schwangere in Perinatalzentren überwiesen, die auf solche Fälle spezialisiert sind. Die Zusammenarbeit von Geburtshilfe und Neonatologie ist hier besonders eng.

Risikofaktoren können sein:

  • Drohende Fehlgeburt
  • Mehrlingsgeburten
  • Blutgruppenunverträglichkeiten
  • Chronische Erkrankungen der Mutter
  • Genetische Erkrankungen in der Familie
  • Drogenabhängigkeit der werdenden Mutter
  • Bekannte Fehlbildungen oder Mangelerscheinungen des Kindes

Betreuung von Frühgeborenen:

Als Frühgeborene gelten Kinder, die vor 37 Schwangerschaftswochen geboren werden. Durch die Weiterentwicklung der Neonatologie hat sich die Grenze der Überlebensfähigkeit auch bei extrem früh geborenen Kindern erheblich erhöht. Die intensive Unterstützung lebensnotwendiger Körperfunktionen erfolgt, bis Reifung und Wachstum einen stabilen Stand erreicht haben.

Hochrisiko-Frühgeborene werden oft bis zu zwei Jahre von ihren Neonatologen nachbetreut.

Schema: Die verschiedenen Bereiche der Neonatologie und ihre Aufgaben

Die Klinik für Neonatologie der Charité behandelt jährlich über 1.250 Fälle und verfügt über erfahrenes, hochspezialisiertes Personal sowie modernste Technik.

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