Dass sie lebt, grenzt an ein Wunder. Als Frieda vor Jahren zur Welt kam, wog sie nur 490 Gramm - nicht mehr als zwei Päckchen Butter. Ihre Überlebenschance lag gerade mal bei 24 Prozent. Frieda ist ein Extremfrühchen, geboren in der 22. Schwangerschaftswoche.

Die Geburt und der schwere Start
Frieda kam in der 22. Schwangerschaftswoche zur Welt, wog nur 490 Gramm. Sie hatte noch einen Zwillingsbruder namens Henry. Beide entwickelten sich prächtig, doch dann platzte Henrys Fruchtblase. Die Ärzte in der Uniklinik Lübeck versuchten alles, um die Geburt aufzuhalten, doch die Kinder mussten geholt werden. Henry hat es leider nicht geschafft; er starb drei Tage nach der Geburt. „Er passt im Himmel jetzt immer auf uns auf. Irgendwann werden wir uns wieder sehen!“
Friedas Kampf ums Überleben
Frieda kämpfte. Tag für Tag. Fast ein Jahr lang war sie meist in der Klinik. Sie musste oft operiert werden - unter anderem am Kopf. Sieben Tage nach der Geburt erlitt sie eine Hirnblutung. Über einen Shunt musste später überflüssiges Hirnwasser abgeleitet werden. Im Juni konnte sie das erste Mal für kurze Zeit nach Hause, da war Frieda schon ein halbes Jahr auf der Welt. Einen Tag vor Weihnachten waren die Behandlungen in Lübeck dann endlich abgeschlossen.

Langzeitfolgen und neue Therapien
Die extrem frühe Geburt und auch die Hirnblutung blieben für das tapfere Mädchen nicht folgenlos. „Frieda ist entwicklungsverzögert“, sagt die Mutter. Frieda kann heute nicht das, was viele andere Kinder in ihrem Alter können. Sie kann nicht allein laufen, nur wenige Worte sprechen und hat eine Sehschwäche. Dabei wünscht sich Frieda nichts mehr, als den Namen ihrer kleinen Schwester Martha (3) sagen zu können. Oder mit ihr um die Wette laufen zu können.
Fast täglich bekommt sie Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie. Um weitere Fortschritte machen zu können, braucht die tapfere kleine Kämpferin eine Therapie mit Delfinen auf der Karibikinsel Curaçao. Die Behandlung im Curacao Therapy Center (CDTC) verspricht, dass Frieda bis zu viermal schneller und in größerer Intensität lernen kann. Die Hälfte der Kosten konnte die Familie durch eine großzügige Spende aufbringen. Um das noch fehlende Geld aufzubringen, gibt es bei „GoFundMe“ einen Aufruf. Knapp die Hälfte der Summe ist schon zusammen gekommen.
Historische Perspektive: Frühchen-Medizin im Wandel
Mit einem mittlerweile nicht einmal mehr „rekordverdächtigen“ Geburtsgewicht von 670 Gramm hätte dieses Frühchen noch vor nicht allzu langer Zeit keine Überlebenschance gehabt. Aus medizinischer Sicht ist es eine Erfolgsgeschichte: Noch im Jahr 1960 galt es als Todesurteil, wenn Kinder bei der Geburt weniger als 1000 Gramm wogen. 95 Prozent dieser Babys starben. Heute ist es umgekehrt: Mindestens 95 Prozent überleben. Und die Grenze schiebt sich immer weiter nach vorn. Professor Christoph Bührer, Direktor der Klinik für Neonatologie an der Charité in Berlin, schätzt, dass sich die Grenze in etwa zehn Jahren um eine weitere Woche verschieben wird.
Die ethische Gratwanderung: Wann ist Leben lebenswert?
„Also irgendwann sind die Kinder so klein, dass man sich sehr überlegen muss: Ist es jetzt im besten Interesse des Kindes, dass wir versuchen, dieses Kind am Leben zu erhalten? Oder tut man dem Kind damit eigentlich nur Schaden und wäre es nicht besser, dass das Kind in Frieden stirbt, als dass wir mit unseren Instrumenten tätig werden?“ Diese Frage beschäftigt Mediziner und Ethiker gleichermaßen. Die Entscheidung, ob lebenserhaltende Maßnahmen eingeleitet werden sollen, liegt zunehmend bei den Eltern, besonders in den Grauzonen, wo die medizinischen Leitlinien keine eindeutige Antwort geben.
Fallbeispiele: Mirnas und Melinas Schicksale
Mirna kam vor 14 Jahren als Frühchen auf die Welt. Kurz nach ihrer Geburt musste sie wiederbelebt werden. „Als Mirna geboren wurde, war sie tot. Ihr Herz hat nicht geschlagen, deshalb bekam sie eine Herzmassage.“ Trotz aller Widrigkeiten überlebte Mirna, doch sie hat bleibende Schäden davongetragen. Ihre rechte Körperseite ist beeinträchtigt, sie hat Schwierigkeiten beim Gehen und ist intellektuell beeinträchtigt.
Im Klinikum Fulda wurde 2019 Melina ins Leben begleitet, die nach nur 21 Wochen und 4 Tagen Schwangerschaft zur Welt kam. Ihr Zwillingsbruder verstarb noch am Tag der Geburt. Melina hatte es schwerer als Frieda und muss noch Einiges aufholen, aber sie beginnt zu laufen und macht große Fortschritte. Sie gilt als eines der jüngsten Frühchen der Welt, das überlebt hat.

Medizinische Herausforderungen und Fortschritte
Die Lungen der extrem frühen Frühchen sind noch so unreif, dass sie nicht selbst atmen können. Die Wände der Blutgefäße sind hauchdünn und fragil, was zu Hirnblutungen führen kann. Andere Organe sind ebenfalls unreif und entzünden sich leicht. Komplikationen wie Darmprobleme oder Netzhauterkrankungen sind häufig.
Trotz dieser enormen Herausforderungen haben sich die Überlebenschancen für Frühchen in den letzten Jahrzehnten dramatisch verbessert. Fortschritte in der Intensivmedizin, neue Beatmungstechniken wie die Hochfrequenzoszillation und eine engmaschige Überwachung ermöglichen es, auch Kinder zu retten, die vor der 24. Schwangerschaftswoche geboren werden.
Langzeitperspektiven: Was erwartet extreme Frühchen?
Obwohl viele extreme Frühchen überleben, sind Langzeitfolgen nicht auszuschließen. Studien zeigen, dass sie häufiger unter gesundheitlichen Problemen wie Herz-Kreislauf- und Atemwegserkrankungen, Stoffwechselstörungen und psychischen Leiden leiden. Entwicklungsverzögerungen, Aufmerksamkeits- und Konzentrationsprobleme sind ebenfalls häufig. Doch die Medizin lernt stetig dazu, und viele Kinder entwickeln sich besser als erwartet.
Friedas heutiges Leben: Ein Beweis für Lebenswillen
Frieda, die 2010 als Europas jüngstes Frühchen zur Welt kam, ist mittlerweile eingeschult und meistert ihren Alltag. Sie hat sich weitgehend normal entwickelt, auch wenn Konzentration und Motivation manchmal eine Herausforderung darstellen. Frieda ist ein temperamentvoller Wirbelwind, der Sport liebt und sich gut in die Klassengemeinschaft integriert hat. Ihre Geschichte ist ein beeindruckendes Zeugnis für den Lebenswillen eines Kindes und die beeindruckenden Fortschritte der modernen Medizin.