Die Genese der Eisenmetallurgie in Nordwestdeutschland

Einleitung zur Eisenmetallurgie in Nordwestdeutschland

Die Eisenmetallurgie und ihre Genese im Nordwesten Deutschlands, einem Raum, der sich zwischen der deutsch-niederländischen Grenze im Westen, der Weser im Osten, den nördlichen Ausläufern der Mittelgebirgszone im Süden und der Küstenregion im Norden erstreckt, gilt bis heute aufgrund der insgesamt unbefriedigenden Quellenlage als ein nicht sonderlich ergiebiges Forschungsthema.

Überregionale Studien haben diesem Raum der Quellenlage bzw. dem Publikationsstand entsprechend wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Auch in den Niederlanden gehörte die Eisenmetallurgie lange Zeit nicht zu den bevorzugten Forschungsschwerpunkten. Noch 1983 schrieb Brongers: "Derzeit beschäftigt sich niemand in den Niederlanden speziell mit Fragen der Eisenforschung aus historischer Sicht. Über Einzelfunde ist jedoch berichtet worden, vor allem durch den verstorbenen J. Moerman." Moerman veröffentlichte vier umfangreiche Teilberichte zu verschiedenen Aspekten des Schmiedehandwerks, insbesondere zu Rohstoffen (Klappersteine und Erzlager), zur Technik und zu den archäologisch faßbaren Hinterlassenschaften, wobei es sich im wesentlichen um Schlackefunde handelt.

Eine Kartierung von Schlackefundstellen zwischen Assen und Emmen in der Provinz Drente findet man bei Modderkolk 1970 Fig. 1. Weitere Informationen zu verschiedenen Fundgattungen sind einer Karte bei Brongers/Woltering 1978, 100 Abb. 56 zu entnehmen.

Neufunde haben nun aber seit einigen Jahren zu einem verstärkten Interesse geführt (Groenewoudt/van Nie 1996; Joosten/van Nie 1994; dies. 1996a und 1996b mit Zusammenstellung älterer Literatur; Joosten/van Nie/de Rijk 1997; van Nie 1995; ders. 1997; Verlinde/Erdrich 1998). Eine weitere Veröffentlichung zum niederländischen Raum durch van Nie wurde bereits von van Nie 1997, 122 und von Groenewoudt/van Nie 1996, 214 angekündigt.

Im Nordosten jenseits der Weser, im Raum südlich von Bremerhaven werden ebenfalls Aspekte der Eisenmetallurgie untersucht (P. Th. A. de Rijk 1996a u. b), und im Bereich der Mittelgebirgszone, insbesondere im Märkischen Sauerland und im Lahn-Dill-Gebiet, haben die Forschungen unseres Seminars seit 1990 zu neuen Ergebnissen geführt.

Der hier gewählte und einleitend beschriebene Raum liegt somit zwischen den drei Forschungsgebieten im Westen, Süden und Nordosten und erscheint auf Kartierungen bis heute ganz zu Unrecht weitgehend als terra incognita. So lassen die Kartierungen von Bielenin 1976, 25 Abb. 9; Pleiner/Princ 1984, 173 Abb. 18; van Nie 1997, 116 Abb. 1 und zuletzt Zimmermann 1998, 84 Abb. 9 (Abb. 1) den äußersten nordwestdeutschen Raum weitgehend oder gar gänzlich befundleer erscheinen.

Verbreitung von Rennfeueröfen mit Schlackengrube (nach Zimmermann 1998)

Quellenlage und Forschungsstand in Nordwestdeutschland

Wie in anderen Regionen Europas auch, sind es nicht die technischen Installationen wie Rennfeueröfen, Ausheizherde oder Schmiedeessen, die den Beginn der Eisenzeit im Nordwesten markieren, sondern die Artefakte. Westfalen und das westliche Niedersachsen gelten diesbezüglich als Regionen, in denen der Beginn der Eisenzeit gemäß der gängigen archäologischen Nomenklatur bereits im 7. Jahrhundert v. Chr. angesetzt wird, obwohl der empirische Nachweis derartig früher Eisenverarbeitung in Form von Öfen bisher nicht erbracht werden konnte und eiserne Artefakte der späten Bronzezeit (Periode VI nach Montelius) zudem vergleichsweise selten nachgewiesen sind (Polenz 1980, 118; Hässler 1991, 193; Horst 1971, 200).

Als Belege für die Nutzung von Eisen während der jüngeren vorrömischen Eisenzeit sind neben einzelnen Artefakten auch Stabbarren oder sogenannte "Schwurschwerter" anzuführen. Dabei handelt es sich um ein Zwischenprodukt, das zur Weiterverarbeitung in dieser Form verhandelt wurde. Sie datieren in die jüngere vorrömische Eisenzeit und sind aus Deponierungen in Münster und Ochtrup, Kr. Steinfurt bekannt. In Ochtrup fand man sie im Zusammenhang mit Schmiedewerkzeugen, in Münster ohne Begleitfunde (Wilhelmi 1967, 58 f.; ders. 1967, 156 Nr. 187; ders. 1977; Polenz 1980, 132 f.).

Verbreitung von Eisenbarrenformen (nach Wilhelmi 1967)

Als Grund für die geringe Zahl eiserner Erzeugnisse im Nordwesten ist sicher nicht der Mangel an Rohstofflagerstätten anzusehen. Insbesondere in Westniedersachsen finden sich hinreichend Raseneisenerze (Graupner 1982), die auch heute noch, wie beispielsweise im Welsetal im Ldkr. Oldenburg, in einer Stärke von bis zu 50 cm anstehen (Steffens 1974, 191). Ofenfundstellen in der Nähe bezeugen hier die Nutzung des Erzes.

Wann sich schließlich die Kunst des Eisenschmiedens und der Verhüttung von Raseneisenerz durchsetzte, von wem diese Kenntnisse übernommen wurden, ob es sich überhaupt um Technologietransfer oder um eine autochthone Entwicklung dieses Handwerkszweiges handelt, ist nach wie vor nicht endgültig geklärt. Für den nordwestdeutschen Raum wurde zusammen mit der Kenntnis der Eisenmetallurgie aus dem hallstättischen Süden in den Norden bzw. Nordwesten gebracht worden sind (Tuitjer 1987).

Halten wir zunächst an der Quellenlage fest, so stellt sich die Frage nach den ersten Spuren der Eisenerzverarbeitung/-verhüttung im Arbeitsgebiet. Für den Abbau des Eisenerzes werden sich sicherlich keine eindeutig datierbaren Hinweise erbringen lassen, da das Raseneisenerz leicht zugänglich in geringer Tiefe unter der Oberfläche zu finden und ohne großen Aufwand und ohne bergmännische Spuren zu hinterlassen abzubauen war. Auch die Aufbereitung des Eisenerzes ist archäologisch kaum faßbar, wenn so einfache Verfahren wie das Rösten des Erzes in obertägigen Feuerstellen angewendet wurden. Direkte archäologische Nachweise der Ausübung des Handwerkes sind nur in Form von Verhüttungs- und Schmiedeplätzen zu erwarten. Diese sind sowohl in der Nähe der Erzlagerstätten als auch in der Nähe der Siedlungen bzw. innerhalb des Siedlungsareals zu suchen.

Die rein archäologischen, nichtnaturwissenschaftlichen Datierungsmöglichkeiten von Schlackefundstellen oder Ofenbefunden sind gering, so daß auch die erhaltenen Befunde für Aussagen zur Genese der Eisenmetallurgie in Nordwestdeutschland nur bedingt herangezogen werden können.

Zusammenfassend läßt sich sagen, daß sich ein etabliertes Eisenhandwerk anscheinend erst ca. 300 Jahre nach Beginn der Eisenzeit in Nordwestdeutschland deutlich fassen läßt. Diese Belege lokaler Produktion sind somit deutlich jünger als das älteste eiserne Artefakt aus den Niederlanden. Dort wurde im Torfmoor von Bargeroosterfeld, Prov. Drente ein auf den Hölzern eines Bohlenweges zu einer Erzlagerstätte liegender Eisenpfriem gefunden. Auf die mögliche Bedeutung eisenzeitlicher Bohlenwege für den Transport von Raseneisenerz hat bereits Hayen (1968, 141) hingewiesen. Der Weg von Bargeroosterfeld datiert jedoch in die mittlere Bronzezeit und der genannte Pfriem sowie Eisenschlacken aus einer zeitgleichen Grube in Emmerhout gelten als früheste Hinweise auf die Ausübung des Eisenschmiedehandwerks in den Niederlanden (Brongers 1983, 101; RGA 2, 57 s. v. Bargeroosterveld). Die dort angegebenen C14-Daten lauten: Bargeroosterveld, 1195 ±55 v. Chr. (GrN-4342), 1170 ±50 v. Chr. (GrN-4149); Emmerhout, 1140 ±60 v. Chr. (GrN-5775).

Die kaiserzeitlichen Öfen von Heek-Nienborg

Mehrere Rennfeueröfen wurden in den Jahren 1990-93 im Zuge des Baus der Autobahn A31 (Lageplan siehe unten) seitens des Museums für Archäologie, Außenstelle Münster, freigelegt und en bloc geborgen. Die Ofenreste befanden sich im Areal einer jüngereisenzeitlichen und kaiserzeitlichen Siedlung. Es handelte sich um in den anstehenden Sand eingetiefte, seitlich mit Lehm ausgekleidete Schlackegruben ohne Schlackeabstich. Die Innendurchmesser variieren zwischen 35 und 70 cm, die erhaltenen Tiefen zwischen 30 und 50 cm. Die Dimension der Schlackegruben liegt somit im normalen Spektrum anderer Rennfeueröfen der Römischen Kaiserzeit.

Lageplan der Fundstelle Heek, nach TK 1:25.000, Bl. 3808 Heek

Reste der aufgehenden Konstruktion eines Schachtes oder einer Kuppel waren lediglich in Fragmenten erhalten. Größe und Form des Oberbaues ließen sich daraus jedoch nicht erschließen. Die Füllung der Schlackegruben bestand teilweise aus Schlackebrocken und kohligem Sand, teilweise aber auch aus massiven Schlackeklötzen von ca. 80 kg.

Reste der Ofenkonstruktion und Schlackengrube in Heek

Üblicherweise standen die Öfen frei und ohne weitere Konstruktionen im Areal der Siedlung. Als Besonderheit ist daher eine Konzentration von vier ineinander verschachtelten, nacheinander gebauten Öfen am Rande einer Arbeitsgrube hervorzuheben. Pfostenlöcher im Umfeld der Arbeitsgrube sprechen für eine Umzäunung oder Überdachung des Arbeitsplatzes. Randliche Zonen rot gebrannten Sandes sprechen für weitere, wohl von den Verhüttern selbst entfernte Öfen.

Arbeitsgrube mit randlicher Ofenkonzentration in Heek

Überdachte Öfen oder Werkplätze sind ethnographisch mehrfach nachgewiesen (Celis 1991) und auch von mittelalterlichen oder neuzeitlichen Hüttenplätzen bekannt und sollten daher auch im archäologischen Befund vorhergehender Zeitabschnitte nicht überraschen. Die Vermutung, man habe auf Überdachung aufgrund einer erhöhten Brandgefahr verzichtet, scheint gänzlich abwegig.

Es erscheint angesichts dieser Tatsache nunmehr weit weniger unwahrscheinlich, eine überdachte Verhüttungswerkstatt auch für unseren Befund anzunehmen, zumal sich dies gut mit der Platzkonstanz der Öfen in Einklang bringen ließe. Die Existenz einer Art Hütte, also eines geschützten Arbeitsplatzes, würde zudem am ehesten erklären, weshalb die Öfen derart dicht und ineinander verschachtelt gebaut worden sind.

Die Öfen von Heek haben mit Ausnahme einer kleinen, nicht genauer datierbaren unverzierten Wandungsscherbe keine Anhaltspunkte für deren Datierung erbracht. Es bleibt beim derzeitigen Kenntnisstand somit allein die Möglichkeit, die Öfen und die Siedlungsbefunde von Heek als zeitgleich anzusehen. Die Öfen sind demnach zunächst nur ganz allgemein in den Zeitraum 'jüngere vorrömische Eisenzeit bis jüngere Römische Kaiserzeit' zu verweisen, eine Zeitspanne von mindestens 500 Jahren.

Daß in Heek nicht nur verhüttet, sondern auch geschmiedet worden ist, bezeugt ein ganz außergewöhnlich gut erhaltener, in einem Schlackehaufen (F489) gefundener, aus Lehm gefertigter und hart gebrannter Essestein. Wenngleich die Benennung angesichts des verwendeten Materials unzutreffend ist und Esseziegelwand präziser wäre, werden wir weiterhin an der Bezeichnung Essestein im Sinne eines terminus technicus festhalten. Der annähernd halbrunde tönerne Essestein aus Heek ist bis zu 32 cm breit, 19 cm hoch und annähernd mittig in zwei gut aneinanderpassende Teile zerbrochen. Die zur Schmiedeesse gewandte Vorderseite ist im mittleren Bereich mit einer glatten, dunkelgrauen, glasartigen Schicht bedeckt, wobei es sich eher um die verglaste Oberfläche des Essesteines als um aufgeflossene Schlacke handeln dürfte. Zu den Seiten hin geht diese Schicht in eine stärker zerklüftete, blasige und rostbraune Schlacke über. Unterhalb der Luftaustrittsöffnung ist der Essestein abgeplatzt oder stark abgeschmolzen und anschließend verschlackt; die Rückseite ist glatt und ohne jegliche Schlackespuren. Die zeichnerische Rekonstruktion des wahrscheinlichen ursprünglichen Verlaufs der Vorderseite ergibt einen im Profil annähernd trapezförmigen Körper mit einer Basis von ca. 9 - 10 cm und einer oberen Wandungsstärke von 5 - 6 cm. Die Durchlochung für den Einsatz des Blasebalgmundstückes ist konisch, beträgt am hinteren Ende 4 cm und verjüngt sich zur Vorderseite auf 2,5 cm.

Tönerner Essestein mit Schlackenbelag aus Heek

Metallurgische Fundstellen in Nordwestdeutschland

Um den Stand der derzeitigen Kenntnis metallurgischer Fundstellen zusammenfassend darzustellen, wurde eine systematische Durchsicht von Fundmeldungen in verschiedenen Regionalzeitschriften und Fundchroniken vorgenommen.

Als Mindestkriterium für die Aufnahme einer Fundstelle in unseren Katalog mußte eines der Merkmale Schlacke, Schlackegrube, Ofenteile, Düsenfragment, Schmiedewerkzeug oder ähnliches nachgewiesen sein. Nicht aufgenommen wurden die wenigen Fundplätze, für die lediglich Raseneisenerzbrocken bezeugt sind, da einzelne Erzbrocken nicht zwingend als Hinweis auf lokale metallurgische Aktivitäten anzusehen sind.

Erfaßt wurden sowohl Oberflächenfunde als auch Grabungsplätze. Da Schlackeanalysen so gut wie gar nicht vorliegen und eine eigene Sichtung der Schlacken unsererseits nicht erfolgte, bleibt unklar, ob es sich jeweils um einen Verhüttungsplatz, um eine Schmiede oder auch nur um verlagerte Einzelfunde wie Schlackebrocken handelt. Für einige Fundstellen sind Ofenreste nachgewiesen, andere sind teilweise durch Grubenhäuser mit Feuerstelle und Schlacken gekennzeichnet. Letztere dürften eher als Siedlungen mit Schmiedeaktivitäten denn als Verhüttungsplätze anzusehen sein.

Die Qualität der uns verfügbaren Informationen unterliegt naturgemäß der Ausführlichkeit der Publikation und ist insgesamt ungenügend. Nur zu einigen wenigen Ofenbefunden liegen veröffentlichte Befundzeichnungen oder Fotos vor. Bei anderen Fundstellen geht die Information über eine kurze Erwähnung und knappe Befundbeschreibung nicht hinaus.

Den Datierungsansatz für jede einzelne Fundstelle haben wir ungeprüft aus der Literatur übernommen.

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