Seit Jahrzehnten erforschen Archäologen die Ursprünge der Landwirtschaft im Vorderen Orient. Diese Forschungen wiesen bislang auf eine frühe Pflanzendomestikation im westlichen und nördlichen »Fruchtbaren Halbmond« hin, eine regenreiche Region, die sich von der Küste Israels bis zum Iran erstreckt.
Die Archäologen Professor Nicholas Conard und Mohsen Zeidi aus Tübingen führten zwischen 2009 und 2010 archäologische Ausgrabungen am Tell-Fundplatz Chogha Golan durch. Sie fanden eine acht Meter tiefe Abfolge von ausschließlich akeramischen Kulturschichten des Neolithikums, die in einen Entstehungszeitraum zwischen 11.700 und 9.800 Jahren vor heute fallen. Bei Ausgrabungen wurde eine Fülle von Bauresten, Stein- und Knochengeräten und figürlichen Darstellungen von Menschen und Tieren gefunden. Vermutlich am bedeutendsten waren zudem die Funde der bislang reichsten Ablagerungen verkohlter Pflanzenreste, die jemals aus dem akeramischen Neolithikum des Vorderen Orients geborgen wurden.
Simone Riehl, Leiterin des Archäobotanischen Labors in Tübingen, wertete mehr als 30.000 Pflanzenreste aus 75 Verwandtschaftsgruppen am Chogha Golan aus, die einen Zeitraum von mehr als 2.000 Jahren umfassen. Die Ergebnisse zeigen, dass die Ursprünge der Landwirtschaft im Vorderen Orient multiplen Zentren zuzuordnen sind und nicht, wie bislang angenommen, einem einzigen Kerngebiet entspringen. Daraus schließen die Wissenschaftler, dass der östliche Teil des »Fruchtbaren Halbmondes« eine Schlüsselrolle im Prozess der Domestikation einnahm.

Der Fruchtbare Halbmond: Geografische Lage und Bedeutung
Der Fruchtbare Halbmond (englisch Fertile Crescent, arabisch الهلال الخصيب, DMG al-hilāl al-ḫaṣīb) ist die von James H. Breasted 1916 eingeführte Bezeichnung für das Winterregengebiet am nördlichen Rand der Syrischen Wüste, die sich im Norden an die Arabische Halbinsel anschließt. Es gilt als eines der Ursprungsgebiete von Ackerbau und Viehzucht, also der Landwirtschaft.
Namensgebend war die Ausdehnung des Gebiets in Form einer Mondsichel in einem weiten Bogen, der sich vom Persischen Golf im Süden des heutigen Irak, über die Kulturlandschaften Mesopotamiens über den Norden von Syrien bis in die Levante mit den heutigen Staaten Libanon, Israel, Palästina und Jordanien erstreckt. Die Region erstreckt sich bogenförmig von der Levante über Mesopotamien bis zum Persischen Golf.
Der Begriff "Fruchtbarer Halbmond" wurde von James H. Breasted 1916 geprägt. Auf seinen Karten ist das Gebiet als grün eingefärbter, hufeisenförmiger Bogen mit der Öffnung nach Süden dargestellt. Er umschreibt das Gebiet, das sich von Palästina am östlichen Mittelmeer über Assyrien am Scheitel bis nach Mesopotamien im Osten erstreckte, im Süden begrenzt von Wüsten und im Norden von den Bergketten Anatoliens.
Die Hauptflüsse des Fruchtbaren Halbmonds sind Euphrat und Tigris. Die mäßigen Regenfälle im Winter sorgten für grünes Weideland, das über Jahrtausende den Lebensraum für Viehnomaden bot und Hochkulturen entstehen ließ. Nach Breasted lässt sich die antike Geschichte des Nahen Ostens als Kampf der nomadischen Wüstenbewohner gegen die Völker aus den nördlichen Bergen um das Gebiet des Fruchtbaren Halbmonds beschreiben.

Die Entstehung der Landwirtschaft im Fruchtbaren Halbmond
Der Fruchtbare Halbmond gilt als eine der Wiegen der Landwirtschaft und frühen Zivilisationen. Hier erfolgte vor etwa 10.000 Jahren der Übergang von Jäger- und Sammlergesellschaften zu sesshaften Bauern.
Die Archäologische Forschung hat ergeben, dass Volksgruppen der Zeitstufe Präkeramisches Neolithikum B (PPNB) im 7. Jahrtausend v. Chr. im Gebiet des Fruchtbaren Halbmonds Ackerbau betrieben. Es gibt Vermutungen, dass das Klima im 7. Jahrtausend v. Chr. günstiger und niederschlagsreicher war als davor und danach, was ein Vordringen in Steppengebiete ermöglicht haben könnte.
Die Anfänge der Landwirtschaft waren wahrscheinlich auf die Rückkehr von Jägern und Sammlern zu Lagerplätzen zurückzuführen, wo unweigerlich Samen zu Boden fielen. Im nächsten Jahr wuchs dort Getreide, was zu längeren Aufenthalten und schließlich zu saisonalen Dörfern führte. Um 8500 v. Chr. gab es im Nahen Osten viele dauerhafte Dörfer, deren Bewohner hauptsächlich Bauern waren. Die landwirtschaftliche Revolution hatte begonnen.
Die neolithische Revolution fand im Fruchtbaren Halbmond nicht nur an einem Ort statt. Neuere Untersuchungen des Erbguts von Menschen, die vor 14.000 bis 3.500 Jahren in der Region lebten, zeigen deutliche Unterschiede zwischen den Genomen der Bewohner der südlichen Levante und denen des Zagros-Gebirges im heutigen Iran. Dies deutet auf eine doppelte Entstehung der Landwirtschaft hin:
- Die Bauern im Zagros-Gebirge domestizierten Ziegen und bauten Emmer an.
- Die Menschen in der Levante pflanzten andere Getreide, darunter Gerste und Weizen.
Als sich der Ackerbau schließlich aus Anatolien heraus verbreitete, war aus den beiden getrennten Traditionen eine einzige geworden. Mit diesem "neolithischen Paket" wanderten die Menschen unter anderem über den Mittelmeerraum nach Europa.
Die Ergebnisse von Ausgrabungen am Tell-Fundplatz Chogha Golan im iranischen Vorland des Zagros-Gebirges zeigen, dass diese Region ebenfalls ein Schlüsselgebiet bei der ersten Domestikation wilder Pflanzen zu Kulturpflanzen darstellt. Die lange Sedimentabfolge am Chogha Golan ermöglichte die Untersuchung der Langzeitentwicklung menschlicher Subsistenz.
Aufbruch in die Freiheit| Pflügen, ackern, kämpfen: Geschichte der Bauern (3/4) |Doku Reupload |ARTE
Früh kultivierte Pflanzen und domestizierte Tiere
Im Fruchtbaren Halbmond wurden zahlreiche Pflanzen und Tiere domestiziert, die die Grundlage für die Entwicklung von Zivilisationen bildeten.
Wichtige kultivierte Pflanzen:
- Getreide: Gerste, Weizen (Emmer, Einkorn), Hirse. Roggen und Hafer waren noch nicht bekannt.
- Hülsenfrüchte: Linsen, Erbsen, Wicken.
- Andere: Feigen, Granatäpfel, Äpfel, Pistazien, Dattelpalmen, Sesam, Flachs.
Die Gerste war in Babylonien, Assyrien und den hethitischen Ländern das Hauptgetreide für den menschlichen Gebrauch, da sie relativ salztolerant ist. Sie war ein weit verbreitetes Zahlungsmittel. Aus Weizen und Emmer wurden Bier und Genussmittel hergestellt.
Wichtige domestizierte Tiere:
- Schafe und Ziegen: Domestiziert im Zagros-Gebirge und in der Levante.
- Rinder: Domestiziert im Nahen Osten aus wilden Ochsen (Auerochsen).
- Schweine: Domestiziert im Nahen Osten.
- Esel und Wildschafe grasten in der Region.
- Pferde: Domestiziert in der westeurasischen Steppe und verbreiteten sich später im Nahen Osten.
Diese vier Arten (Rind, Schaf, Ziege, Schwein) bilden noch heute die wichtigsten Nutztiere.
Die Rolle von Bewässerung und Technologie
Die Landwirtschaft im Fruchtbaren Halbmond war durch eine Vielfalt von Nahrungsquellen, regionalen Ernteerträgen und jährlichen Niederschlags- und Bewässerungsschwankungen gekennzeichnet. Viele Ernten wurden durch Dürre oder Überschwemmungen vernichtet.
Zunächst entwickelte sich die Landwirtschaft in den regenreicheren hügeligen Gebieten. Die künstliche Bewässerung war eine wichtige Innovation, die im Laufe der Zeit erheblich verbessert wurde.
- Frühe Bewässerungssysteme: Wasser aus dem Flusssystem von Tigris und Euphrat wurde mit Hilfe von kleinen Kanälen und Shadufs auf die Felder geleitet.
- Größere Kanalnetze und Stauseen: Ab der Mitte des ersten Jahrtausends v. Chr. gab es Belege für staatlich organisierte Bewässerungssysteme. Die Urartäer waren Meister im Kanalbau.
- Aquädukte: Mit dem Aufkommen zentralisierter Machtstrukturen und verbesserter Technologie wurden Aquädukte eingeführt, um Wasser über große Entfernungen zu transportieren. Das Jerwan-Aquädukt, das älteste bekannte Aquädukt der Welt, wurde von König Sennacherib I. von Assyrien zwischen 703 und 690 v. Chr. erbaut.
Der Boden, insbesondere in den Überschwemmungsgebieten im trockenen Klima Babyloniens und Assyriens, neigte dazu, auszutrocknen, zu verhärten und zu brechen. Um den Boden ackerfähig zu halten, musste der Pflug eingesetzt werden. Um 3000 v. Chr. wurden Felder mit Hilfe von Ochsen und einer Gruppe von Arbeitern bearbeitet.
Die verwendeten Werkzeuge waren einfach, darunter Sicheln mit Feuersteinklingen und Schaufeln zum Dreschen. Hölzerne Pflüge wurden wahrscheinlich im 4. Jahrtausend v. Chr. erfunden, und Pflüge, die Samen in den Boden säten, wurden im 2. Jahrtausend v. Chr. entwickelt.
Aus einem sumerischen "Bauernalmanach", der auf 1700 v. Chr. datiert wird, wissen wir, dass die Mesopotamier bereits die Fruchtfolge kannten und Felder brach liegen ließen, um die Fruchtbarkeit des Bodens zu erhalten.

Der Einfluss des Klimawandels
Moderne Studien deuten darauf hin, dass der Klimawandel den Fruchtbaren Halbmond stark beeinträchtigt. Schon bei moderater Erwärmung gehen die Jahresniederschlagsmengen an der Mittelmeerküste, in Syrien, Israel und im Libanon zurück. Dies führt zu sinkenden Wasserständen in den Flüssen und macht die Landwirtschaft zunehmend komplizierter.
Folgt man extremen Klimaszenarien, werden die Wasserressourcen noch knapper. Dies bedeutet, dass auch das Zweistromland erhebliche Mengen an Regenwasser verlieren wird. Die Wiege des Ackerbaus droht auszutrocknen.

Das Erbe des Fruchtbaren Halbmonds
Die Landwirtschaft im Fruchtbaren Halbmond war die Grundlage für die Entstehung der ersten Städte und Hochkulturen, darunter Sumer, Babylon und Assyrien. Der landwirtschaftliche Überschuss war für die Gründung dieser Gesellschaften unerlässlich.
Die Gesellschaften Mesopotamiens hingen weitgehend von der Landwirtschaft und dem Zugang zu Wasser ab. Die Ernteerträge der Agrarwirtschaft im alten Mesopotamien waren vergleichbar mit denen der Bauern des Nahen Ostens im 19. und frühen 20. Jahrhundert.
Die Gesellschaften Mesopotamiens verdanken ihre Entstehung der Landwirtschaft und dem Überfluss an Getreide. Die Versorgung einer großen Stadtbevölkerung und die Aufteilung der Arbeit in spezialisierte Berufe war nur möglich, wenn man von der Subsistenzlandwirtschaft zu einem organisierten landwirtschaftlichen System überging, das genügend Überschüsse lieferte, um eine große nichtlandwirtschaftliche Bevölkerung zu ernähren. In diesem Sinne legte die Landwirtschaft den Grundstein für die Zivilisation.
Viele der Pflanzen, die im »Fruchtbaren Halbmond« domestiziert wurden, stellen die ökonomische Basis und Nahrungsgrundlage der heutigen Weltbevölkerung dar.