Künstliche Befruchtung bei Puten: Methoden und Herausforderungen

Die künstliche Samenübertragung beim Geflügel, einschließlich Puten, hat sich seit ihren Anfängen vor etwa 100 Jahren zu einem etablierten Verfahren entwickelt. Die Notwendigkeit, eine effiziente Methode zur Fortpflanzung zu etablieren, führte zur Erforschung der Spermagewinnung. Dabei wurde festgestellt, dass Hähne und Puter durch gezielte Massagen des Rückens und der Kloakenregion sexuell stimuliert und zur Ejakulation gebracht werden können. Das gewonnene Sperma wird anschließend durch Ausmelken aus den Samenkanälen in einem Glas aufgefangen.

Bei der künstlichen Besamung der Pute wird der natürliche Tretakt nachgeahmt. Durch gleichmäßigen Druck auf Rücken und Bauch wird die Vaginalmündung freigelegt, um das Sperma zu applizieren. Dieses Verfahren ist in der Elterntierhaltung zur Routine geworden und erfordert sachkundiges, gut trainiertes Personal sowie Elterntierhähne, die hochwertiges Sperma produzieren.

Schema der künstlichen Besamung bei Puten

Optimale Bedingungen für die Spermagewinnung

Für eine erfolgreiche Spermagewinnung und die Produktion von qualitativ hochwertigem Sperma sind mehrere Faktoren entscheidend:

Lichtprogramm

Während der Nutzungsphase der Hähne zur Spermagewinnung sollte der Lichttag mindestens 14 Stunden dauern. Diese Lichtdauer, oder auch mehr, wirkt sich stimulierend auf die Samenproduktion aus. Bei Hähnen, die in Offenställen mit Tageslichteinfluss gehalten werden, ist bei kürzer werdendem natürlichen Lichttag eine zusätzliche künstliche Beleuchtung zur Aufrechterhaltung einer konstanten Tageslichtlänge unerlässlich. Eine Verkürzung des Lichttages oder eine Senkung der Lichtintensität führen unweigerlich zu einer Verschlechterung der Samenqualität und -menge.

Ernährung

Die Fütterung muss auf eine physiologische Bedarfsdeckung ausgerichtet sein. Fütterungsregime und Futterzusammensetzung sind so zu gestalten, dass eine Verfettung der Tiere vermieden wird. Änderungen in der Ration sollten schrittweise und in enger Abstimmung mit einem spezialisierten Tierernährer erfolgen. Ein optimales Körpergewicht ist eine wichtige Voraussetzung für hohe Samenqualität.

Wasserqualität

Wasser ist ein Grundnahrungsmittel, und Wasser schlechter Qualität kann einen negativen Einfluss auf die Samenqualität haben. Eine gute Wasserqualität vermeidet den Eintrag schädlicher Bakterien, die Darmentzündungen und Durchfall verursachen und somit indirekt die Samenproduktion beeinträchtigen können.

Handhabung und Tierschutz bei der Samengewinnung

Stimulation und Samengewinnung erfordern Ruhe und einen professionellen Umgang mit den Tieren. Besondere Aufmerksamkeit sollte der Tierauswahl und -vorbereitung sowie der Freigabe nach der Samengewinnung gelten, um Verletzungen zu vermeiden.

Es gibt verschiedene Herangehensweisen, um Hähne zur Ejakulation zu bewegen. Neben Techniken, die von einer einzelnen Person ausgeführt werden können, ist die weiter verbreitete Technik, bei der zwei Personen benötigt werden: eine Person, die das Tier fixiert, und ein Melker. Die fixierende Person hält die Beine des Hahnes und bedient die Auffangvorrichtung für das Sperma. Der Melker ist für die Stimulation durch Massage der Kloakenregion verantwortlich. Der Melker muss besonders während der Aspiration des Samens vorsichtig sein und sollte nicht mehr als zwei Mal stimulieren, da mehrmalige Stimulation die Verletzungsgefahr erhöht und nur zu einer geringfügig höheren Samenausbeute führt. Sachkundiges, auf das Tier abgestimmtes Arbeiten des Teams sichert maximale Qualität und Menge des Samens, der für befruchtete und entwicklungsfähige Eier benötigt wird.

Mitarbeiter bei der Spermagewinnung von Puten

Qualität des Spermas

Qualitativ gutes Sperma hat eine milchig-eingedickte Konsistenz und eine perlweiße Farbe. Zur Vermeidung von Verletzungen ist es wichtig, das Sperma unterhalb des Phallus anzusaugen und den Ansaugdruck gut zu dosieren, um Schäden an den Spermien und damit Qualitätseinbußen zu vermeiden. Zur Vermeidung von unerwünschten Kontaminationen, wie z. B. durch Harnsäure oder Kotpartikel, sollten Managementhinweise beachtet werden:

  • Ca. 4-6 Stunden vor Samengewinnung keine Fütterung.
  • Ausreichende Lichtstärke zur raschen optischen Einschätzung der Spermaqualität.
  • Ansaugpunkt zur Samengewinnung stets unterhalb des Phallus halten, um Verletzungen zu vermeiden.

Die Frequenz der Spermagewinnung sollte ein bis zwei Mal pro Woche erfolgen. Längere Pausen können zu einer Verringerung der Spermaproduktion und Qualität der Spermien führen.

Herausforderungen in der modernen Putenhaltung und Zucht

Die Zucht von Puten ist seit Jahrzehnten auf Effizienz und schnelles Wachstum ausgerichtet, was zu erheblichen gesundheitlichen und ethischen Problemen führt. Die Selektion auf schnelles Wachstum hat schwerwiegende Folgen für das Skelett und die inneren Organe der Tiere, die mit dem schnellen Muskelwachstum nicht Schritt halten können. Schwergewichtige Puten leiden unter Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems, des Bewegungsapparates sowie an Entzündungen an Brust und Füßen.

Puten werden üblicherweise in Bodenhaltung gehalten, wobei die Besatzdichte mit fortschreitender Mast zunimmt. Ihre Haltungsumgebung ist oft karg und bietet keine Abwechslung, was die Tiere daran hindert, ihre Grundbedürfnisse wie Scharren, Rennen und Aufbaumen auszuleben.

Puten in einer Mastanlage

Die Putenfleischproduktion: Von der Zucht bis zur Mast

Die Putenfleischproduktion ist in mehrere Schritte unterteilt. Am Anfang stehen Zuchtbetriebe, die reinrassige Putenlinien halten und daraus Elterntiere züchten. Diese Elterntiere werden in Vermehrungsbetrieben gehalten, wo sie Eier mit den zukünftigen Mastputen legen. Die Eier werden in Brutapparaten ausgebrütet, und die geschlüpften Küken werden zu den Mastbetrieben transportiert.

Aktuelle Zahlen und Daten zur Putenhaltung in Deutschland

Seit 2020 ist ein Rückgang in der deutschen Putenfleischerzeugung zu verzeichnen, dennoch leben weiterhin rund zwölf Millionen Puten in deutschen Mastanlagen. Laut dem Statistischen Bundesamt hielten im Jahr 2021 rund 1.900 Betriebe in Deutschland insgesamt 11,6 Millionen Puten. Etwa 88 Prozent der Tiere werden in Mastbetrieben mit 10.000 und mehr Tieren gehalten. Da in den Betrieben mehrere Mastdurchgänge pro Jahr durchgeführt werden, unterscheidet sich die Zahl der erfassten von der Zahl der geschlachteten Puten erheblich. Im Jahr 2023 wurden in Deutschland 31,1 Millionen Puten geschlachtet. Deutschland ist nach Polen der zweitgrößte Putenfleischproduzent innerhalb der EU.

Elterntiere und ihre Haltung

Die Einführung der Kreuzungszucht in den 1960er Jahren ermöglichte die gezielte Weitergabe spezifischer Eigenschaften über Generationen hinweg. Hahnenlinien sind maßgeblich an der Vererbung von Körpergewicht, Tageszunahmen, Futterverwertung und Brustfleischanteil beteiligt, während Hennenlinien Reproduktionsparameter wie die Anzahl gelegter Eier sowie Befruchtungs- und Schlupfraten beeinflussen. In Deutschland werden am häufigsten Puten der Zuchtlinie British United Turkey, „B.U.T. 6”, gehalten.

Die Putenelterntiere werden meist 56 bis 60 Wochen gehalten, wobei die Aufzuchtphase 27 bis 30 Wochen dauert. Während dieser Zeit findet eine regelmäßige Selektion statt; Puten mit geringerem Wachstum oder Skelettdeformationen werden aussortiert.

Um die Fortpflanzungszyklen der Putenhennen zu stimulieren, setzt die Putenindustrie Lichtprogramme ein. Etwa zwei Wochen nach Beginn der Lichtstimulation beginnt die erste Besamung der weiblichen Tiere. Um hohe Befruchtungsraten zu erzielen, findet in der ersten Woche eine dreimalige Besamung der Putenhennen statt, anschließend einmal wöchentlich. Die künstliche Besamung der Putenhennen hat sich als Standardverfahren für die kommerzielle Erzeugung von Putenbruteiern durchgesetzt, teils wegen ökonomischer Gründe und teils wegen des großen Gewichtsunterschieds zwischen männlichen und weiblichen Tieren, der natürliche Paarungen erschwert.

Die Samengewinnung, das sogenannte Melken der Hähne, findet ebenfalls einmal wöchentlich statt. Die Tiere werden eingefangen, fixiert und die Samenleiter manuell entleert. Um Verschmutzungen durch Urate und Fäkalien zu vermeiden, entziehen einige Tierhalter den Vögeln bis zu sechs Stunden vor dem Eingriff das Futter.

Durch gezielte Zucht sind erhebliche Unterschiede zwischen Wildputen und domestizierten Puten entstanden. Während Wildtruthähne erst im zweiten Lebensjahr geschlechtlich aktiv werden, entnehmen Züchter domestizierten Putenhähnen bereits im Alter von 38 bis 40 Wochen Samen. Das Einfangen, die Manipulationen an der Kloake, das Kopfüberhalten sowie die quantitative Futterrestriktion sind Zwangsmaßnahmen, die bei den Puten zu Stress und Leiden führen können. Abwehrbewegungen während der Fixation können außerdem zu Verletzungen führen.

Schnabelkürzen als Eingriff

Das deutsche Tierschutzgesetz verbietet das Kürzen der Schnäbel ohne medizinischen Grund, dennoch erteilen Behörden Ausnahmegenehmigungen, damit sich die Tiere in intensiven Haltungssystemen nicht gegenseitig verletzen. Diese Maßnahme soll die Puten an die Haltungssysteme anpassen. Elterntiere sowie Puten in der konventionellen Mast sind von der Amputation betroffen.

Mit zunehmendem Körpergewicht und steigendem Platzmangel können Puten ihren natürlichen Grundbedürfnissen nicht nachkommen. Aufbaumen, Scharren, Picken und Rennen sind auf fester und verschmutzter Einstreu, ohne erhöhte Ebenen und bei hoher Besatzdichte kaum möglich. Die fehlenden Beschäftigungsmöglichkeiten und die reizarme Umgebung gelten als Ursache für Feder- und Beschädigungspicken.

Um unerwünschtes Verhalten zu unterbinden, wird das Kürzen der Schnäbel routinemäßig durchgeführt, meist direkt nach dem Schlüpfen in der Brüterei. In Deutschland wird Infrarotlicht angewendet, dessen Hitzeeinwirkung den Schnabel schädigt, sodass die Schnabelspitze nach einigen Tagen abfällt. An dem Amputationsstumpf treten Veränderungen auf, die Verbrennungen zweiten und dritten Grades gleichkommen, wodurch langandauernde und erhebliche Schmerzen entstehen. Der Infrarot-Eingriff zerstört auch das hochsensible Schnabelspitzenorgan, das für Nahrungsaufnahme, Gefiederpflege und Tastbewegungen unerlässlich ist. Durch den Eingriff soll der vollständige Schluss der Schnabelspitze verhindert werden, um Verletzungen untereinander zu vermeiden, die Ursachen der Verhaltensstörungen werden dadurch jedoch nicht beseitigt.

Antibiotikaeinsatz in der Putenhaltung

In dicht belegten Putenställen breiten sich Infektionen schnell aus. Um Tierverluste zu verhindern, setzen Betriebe Antibiotika ein. Kranke Tiere werden oft nicht separiert, stattdessen wird der gesamte Bestand über das Trinkwasser behandelt, wodurch auch gesunde Tiere Medikamente erhalten. Bei Puten betrug die absolute Menge verabreichten Antibiotika im Jahr 2022 insgesamt 65 Tonnen. Durch ihren gesteigerten Einsatz entwickeln immer mehr Bakterien Resistenzmechanismen, was das Vorkommen antibiotikaresistenter Bakterien in Putenfleisch bestätigt und die Auswahl an wirksamen Antibiotika in der Humanmedizin einschränkt.

Rechtliche Haltungsvorgaben und Tierschutz

Zum Schutz von Puten gibt es in Deutschland derzeit keine spezifischen gesetzlichen Regelungen, weder für Elterntiere noch für Mastputen. Das deutsche Tierschutzgesetz und die Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung bieten lediglich einen allgemeinen Rechtsrahmen.

Die deutsche Putenbranche veröffentlichte 2013 die „Bundeseinheitlichen Eckwerte für eine freiwillige Vereinbarung zur Haltung von Mastputen“, eine freiwillige Selbstverpflichtung der Putenhalter. Diese Eckwerte basieren auf einer Vereinbarung aus dem Jahr 1999. Nur Niedersachsen übernahm die freiwillige Vereinbarung per Erlass, jedoch sind die Eckwerte auch dort dem Tierschutzgesetz und der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung untergeordnet.

Die „Bundeseinheitlichen Eckwerte” beinhalten vor allem allgemeine Formulierungen und berücksichtigen die wirtschaftlichen Interessen der Tierhalter. Die vereinbarten Besatzdichten sind oft zu hoch. Gesundheitskontrollen und die „Pflege der Tiere” sollen das tierliche Wohlergehen steigern, berücksichtigen jedoch nicht die negativen Auswirkungen von Überzüchtung, schnellem Wachstum, hoher Besatzdichte und karger Haltungsumgebung auf das Wohlbefinden.

Auf europäischer Ebene fehlen ebenfalls verbindliche Rechtsvorgaben zum Schutz von Puten. Die Richtlinie 98/58/EG zum Schutz landwirtschaftlicher Nutztiere bietet allgemeine Hinweise. Im Jahr 2001 hat der Ständige Ausschuss des Europäischen Übereinkommens zum Schutz von Tieren in landwirtschaftlichen Tierhaltungen eine Empfehlung in Bezug auf Puten angenommen, die jedoch ebenfalls sehr allgemein gehalten ist.

Puten - Die vergessenen Vögel

Aktuelle politische Entwicklung

Derzeit wird in Deutschland ein Referentenentwurf für eine Änderung der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung erarbeitet, der verbindliche Regelungen für die Putenmast schaffen soll. Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) hat Eckpunkte für Mindestanforderungen vorgelegt, die die Basis für den Entwurf bilden. Diese Eckpunkte weichen von den freiwilligen Eckwerten der Putenbranche ab. Die geplanten Vorschriften gelten jedoch erst ab einem Putenbestand von 50 oder mehr Tieren, für „Zuchttiere” wird es weiterhin keine spezifischen Regelungen geben, und Begrifflichkeiten sind nicht immer klar definiert, was Spielraum für Interpretationen lässt.

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